Die Neurologie ist ein faszinierendes und komplexes Feld der Medizin, das sich mit der Diagnose und Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems befasst. Dieses Nervensystem umfasst das Gehirn, das Rückenmark und die peripheren Nerven. Aufgrund der Komplexität des Fachgebiets haben Medizinstudenten oft Schwierigkeiten, sich das für ihren zukünftigen Beruf notwendige Wissen anzueignen. Dieser Artikel bietet eine umfassende Einführung in die Neurologie, die sowohl für Medizinstudenten als auch für junge Assistenzärzte geeignet ist.
Historischer Hintergrund der Neurologie in Deutschland
Die Entwicklung der Neurologie in Deutschland war von einem Streit zwischen der Inneren Medizin und der Psychiatrie um die Zugehörigkeit der Neurologie geprägt. Die Innere Medizin als die Mutter der Neurologie entließ ihr Kind, das sich zu eigener Selbstständigkeit entwickelt hat, nur ungern aus ihrer Obhut. Aber auch die Psychiatrie, die sich ebenfalls um die Entwicklung der Neurologie große Verdienste erworben hat, machte entsprechende Ansprüche auf die Neurologie geltend.
Ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der Neurologie war die Herausgabe des ersten "Lehrbuchs der Nerven-Krankheiten des Menschen" (1840) durch Heinrich-Moritz Romberg (1795-1873), Leiter der Medizinischen Poliklinik der Charité. Damit wurde eine Neugestaltung der Medizin begründet, in der der Neurologie neben der Inneren Medizin und Psychiatrie ein eigener Platz zugewiesen wurde.
Wilhelm Griesinger (1817-1868) leitete zwischen 1865 und 1868 als erster Direktor die kombinierte neurologische und psychiatrische Abteilung und formulierte das Dogma: "Geisteskrankheiten sind Hirnkrankheiten". Carl Westphal (1833-1890) war als erster ordentlicher Professor für Neurologie/Psychiatrie (1874) für die Einführung der Nervenheilkunde zum Lehrfach verantwortlich.
Die Zugehörigkeit der Neurologie zur Psychiatrie oder Inneren Medizin bzw. deren Eigenständigkeit war in den folgenden Jahrzehnten ein heftig und kontrovers diskutiertes Thema der deutschen Universitätspolitik. Carl Wernicke (1848-1905) und Hermann Oppenheim (1858-1919) sind die wohl bekanntesten Mitarbeiter Westphals und Vertreter einer neuen Generation von auch neuropathologisch arbeitenden Neurologen, die sich in besonderer Weise der Korrelation morphologischer Veränderungen im Nervensystem mit klinischen Symptomen widmeten.
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Die Charité in Berlin: Ein Zentrum der neurologischen Forschung
Die Charité in Berlin spielte eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Neurologie. Bereits 1702 gab es in Preußen ein Reglement für "irre und tolle Leute". Berlins erste eigene "Irrenanstalt" ging aus der Hinterlassenschaft eines Geisteskranken hervor, der 1718 ohne Erben verstarb. 1798 brannte die Irrenanstalt in der Krausenstraße völlig aus und ein Teil der Kranken musste in die Charité.
Im Flügel der "Alten Charité" (erbaut von 1785-1800) entstand die größte Abteilung für "Irre und Wahnwitzige" im deutschen Raum. In dieser Zeit wurde Ernst Horn (1774-1848) von der Charité Verwaltung 1808 als erster Professor für Psychiatrie in Deutschland berufen.
Nachdem Romberg die Umrisse einer unabhängigen Neurologie skizziert hatte, versuchte Griesinger, die Neurologie in die Psychiatrie einzuführen. Friedrich Jolly erreichte den Bau einer eigenen Psychiatrischen- und Nervenklinik, die nach den Plänen von Griesinger aus einem neurologischen und einem psychiatrischen Teil bestehen sollte. Das Gebäude zeichnete sich schon damals durch seine großzügige Architektur aus und ist auf dem Campus als "Alte Nervenklinik" bekannt.
Im Exodus ab 1933 mussten eine Reihe bedeutender jüdischer Wissenschaftler, Neurologen und Psychiater wie z.B. Paul Schuster, Franz Kramer, Erwin Straus, Arthur Kronfeld, Kurt Goldstein, Robert Hirschfeld, Max Bielschowski die Berliner Universität verlassen und emigrierten zumeist in die USA, nach England und Kanada.
Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg
Mit Karl Leonhard wurde dann 1957 ein Psychiater und Neurologe berufen, der besonders durch die differenzierteste Klassifikation der endogenen Psychosen nach nosologischen Kriterien für internationales Renommé sorgte. Nach Leonhard übernahm Karl Seidel von 1970 - 1978 die Leitung Nervenklinik. Es entstand so die ersten Abteilung für Computertomographie innerhalb der Neurologie in der DDR.
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Ab 1989 wurden dann selbstständige Lehrstühle für Neurologie, Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie eingerichtet. Die Neurologische Klinik der Charité wurde seit 1993 von Karl Max Einhäupl geleitet.
Grundlagen der neurologischen Untersuchung
Eine sorgfältige neurologische Untersuchung ist entscheidend für die Diagnose neurologischer Erkrankungen. Sie umfasst die Beurteilung verschiedener Funktionen des Nervensystems, darunter:
- Mentale Funktionen: Bewusstsein, Orientierung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache und exekutive Funktionen.
- Hirnnerven: Riechen, Sehen, Augenbewegungen, Gesichtsempfindung und -motorik, Hören, Schlucken, Sprechen und Zungenbewegung.
- Motorisches System: Muskelkraft, Muskeltonus, Reflexe, Koordination und Gang.
- Sensorisches System: Berührung, Schmerz, Temperatur, Vibration und Propriozeption.
- Reflexe: Muskeleigenreflexe (z.B. Bizepssehnenreflex, Patellarsehnenreflex, Achillessehnenreflex) und Fremdreflexe (z.B. Babinski-Reflex).
- Koordination: Finger-Nase-Versuch, Knie-Hacke-Versuch, Diadochokinese.
- Gang: Beobachtung des Gangbildes auf Auffälligkeiten.
Spezielle Untersuchungstechniken
Neben der allgemeinen neurologischen Untersuchung gibt es spezielle Untersuchungstechniken, die bei bestimmten Fragestellungen eingesetzt werden können:
- Meningismus-Zeichen: Brudzinski-Zeichen, Kernig-Zeichen (Hinweis auf Meningitis).
- Lhermitte-Zeichen: Elektrisierendes Gefühl beim Vorbeugen des Kopfes (Hinweis auf Multiple Sklerose oder andere Rückenmarkserkrankungen).
- Romberg-Test: Überprüfung des Gleichgewichts bei geschlossenen Augen (Hinweis auf Störungen der Propriozeption).
Wichtige neurologische Krankheitsbilder
Die Neurologie umfasst ein breites Spektrum an Krankheitsbildern, die das zentrale und periphere Nervensystem betreffen können. Zu den häufigsten und wichtigsten gehören:
- Schlaganfall: Plötzliche Durchblutungsstörung des Gehirns, die zu neurologischen Ausfällen führt.
- Multiple Sklerose (MS): Chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu vielfältigen neurologischen Symptomen führen kann.
- Epilepsie: Anfallsleiden, das durch wiederholte unprovozierte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist.
- Morbus Parkinson: Neurodegenerative Erkrankung, die vor allem die Motorik beeinträchtigt.
- Demenz: Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, die mit einem Verlust kognitiver Fähigkeiten einhergehen.
- Migräne: Häufige Kopfschmerzerkrankung, die von Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit begleitet sein kann.
- Neuropathien: Erkrankungen der peripheren Nerven, die zu Sensibilitätsstörungen, Schmerzen und Muskelschwäche führen können.
- Hirntumore: Gutartige oder bösartige Neubildungen im Gehirn, die zu vielfältigen neurologischen Symptomen führen können.
- Entzündliche Erkrankungen des Nervensystems: Meningitis, Enzephalitis, Myelitis.
Diagnostische Verfahren in der Neurologie
Zur Diagnose neurologischer Erkrankungen stehen verschiedene diagnostische Verfahren zur Verfügung:
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- Bildgebende Verfahren:
- Computertomographie (CT): Darstellung von Gehirn und Rückenmark in Schichtaufnahmen.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Hochauflösende Darstellung von Gehirn, Rückenmark und Nerven.
- Angiographie: Darstellung der Blutgefäße im Gehirn.
- Elektrophysiologische Untersuchungen:
- Elektroenzephalographie (EEG): Messung der Hirnströme zur Diagnose von Epilepsie und anderen Hirnerkrankungen.
- Elektroneurographie (ENG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit zur Diagnose von peripheren Nervenerkrankungen.
- Elektromyographie (EMG): Messung der Muskelaktivität zur Diagnose von Muskelerkrankungen.
- Liquordiagnostik: Untersuchung des Nervenwassers (Liquor cerebrospinalis) zur Diagnose von entzündlichen Erkrankungen, Infektionen und anderen neurologischen Erkrankungen.
- Neuropsychologische Testung: Untersuchung kognitiver Funktionen zur Diagnose von Demenz und anderen kognitiven Störungen.
- Genetische Untersuchungen: Identifizierung genetischer Ursachen neurologischer Erkrankungen.
Therapie neurologischer Erkrankungen
Die Therapie neurologischer Erkrankungen ist vielfältig und richtet sich nach der jeweiligen Diagnose. Sie kann umfassen:
- Medikamentöse Therapie: Einsatz von Medikamenten zur Behandlung von Symptomen und zur Beeinflussung des Krankheitsverlaufs.
- Physiotherapie: Verbesserung der motorischen Funktionen und der Koordination.
- Ergotherapie: Verbesserung der Alltagskompetenzen und der Selbstständigkeit.
- Logopädie: Verbesserung der Sprach- und Schluckfunktionen.
- Psychotherapie: Behandlung psychischer Begleiterscheinungen neurologischer Erkrankungen.
- Chirurgische Therapie: Entfernung von Hirntumoren, Behandlung von Gefäßerkrankungen und anderen chirurgischen Eingriffen.
- Rehabilitation: Wiederherstellung von Funktionen und Fähigkeiten nach neurologischen Erkrankungen.
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Hermann Oppenheim: Ein Pionier der modernen Neurologie
Hermann Oppenheim (1858-1919) war ein Wegbereiter einer modernen Neurologie und Pionier für die Entwicklung der Neurochirurgie. Seine jüdische Abstammung, herausragende analytische Fähigkeiten und epochale Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet ergeben vor dem Hintergrund des durch antisemitische Tendenzen geprägten Deutschen Kaiserreichs eine spannende Biografie.
Oppenheim schuf mit seinem Lehrbuch der Nervenkrankheiten ein Standardwerk der modernen Neurologie. Seine Leistungen und Verdienste für die Neurologie sind unbestritten. Seine jüdische Konfession verhinderte vermutlich die von ihm angestrebte akademische Laufbahn und führte - zusammen mit den wissenschaftlichen Anfeindungen - dazu, dass er seine letzten Jahre verbittert und privat zurückgezogen verbrachte.
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