Nerve: Ein rasanter Teenie-Thriller mit bissiger Gesellschaftskritik

Nerve ist ein US-amerikanischer Thriller aus dem Jahr 2016, inszeniert von Ariel Schulman und Henry Joost. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Jugendroman von Jeanne Ryan und entführt den Zuschauer in die Welt eines gefährlichen Online-Spiels, in dem Mutproben lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Mit Emma Roberts und Dave Franco in den Hauptrollen ist Nerve ein temporeicher, visuell ansprechender Film, der sowohl als unterhaltsames Jugenddrama als auch als spannungsgeladener Actionfilm funktioniert.

Handlung: Zwischen Nervenkitzel und digitaler Entmenschlichung

In New York ist "Nerve" das Spiel der Stunde. Man kann entweder "Watcher" sein und gegen Gebühr zusehen, oder "Player" und gegen Bezahlung Aufgaben erledigen, die von den Watchern vorgegeben werden. Vee (Emma Roberts), eine eher schüchterne High-School-Absolventin, meldet sich aus Frust und dem Wunsch, aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen, als Player an.

Ihre erste Herausforderung führt sie mit Ian (Dave Franco) zusammen. Gemeinsam erleben sie eine aufregende Nacht voller Abenteuer, in der die Aufgaben immer riskanter und gefährlicher werden. Für jede bestandene "Dare" erhält Vee Geld und mehr Zuschauer. Doch mit steigender Popularität wächst auch die Gefahr, denn die Herausforderungen werden immer extremer und Vee gerät in einen Strudel aus Adrenalin und digitaler Abhängigkeit.

Die immer anspruchsvoller und auch gefährlicher werdenden Challenges, aber auch der mysteriöse Mitspieler Ian, bringen Vee zwar immer wieder an ihre Grenzen, doch der Adrenalinkick und das vermeintlich leicht verdiente Geld sorgen dafür, dass sie dennoch immer weiter spielt.

Kritik: Mehr als nur ein Jugendfilm

Nerve ist mehr als nur ein rasant erzählter Teenie-Thriller. Der Film wirft einen bissigen Blick auf die digitale Gesellschaft und die Auswirkungen von Anonymität und Voyeurismus im Internet. Er zeigt, wie schnell harmlose Unterhaltung in gefährliche und entmenschlichende Situationen umschlagen kann.

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Der Film etabliert ein Open-Source-Game ohne festen Server und Betreiber, bei dem im Grunde jeder Watcher oder Player zugleich auch das Spiel betreibt. Aber der Schwarm kann keine Einzelentscheidungen treffen - und irgendwo muss das eingenommene Geld auch zusammenlaufen. Das ist ein komplexer Teil dieses Spiels, auf den die Geschichte nicht weiter eingeht.

Nerve ist ein intelligenter und spannender Thriller, der durch seine rasante Inszenierung, seine ungewöhnliche Optik und den treibenden Soundtrack perfekt die schnelllebige und digitalisierte heutige Zeit einfängt und dabei ein "Was-wäre-wenn?"-Szenario erschafft, welches beängstigend realistisch und glaubwürdig ist.

Die visuelle Aufmachung liefert eine stetige Einbindung diverser digitaler Eindrücke und erinnert in den Actionszenen an Youtube-Videos, was das ganze Geschehen nicht nur modern wirken lässt, sondern auch als Kritik am digitalen Zeitalter gesehen werden kann. Ebenso ist das Spiel "Nerve" selbst so glaubhaft und erschreckend aktuell, dass es nicht nur den Zuschauer, sondern wie in den Extras zu hören auch die Regisseure selbst, wundert, warum es dies nicht tatsächlich schon gibt.

Dave Franco hatte im Vorfeld einen nicht ganz abwegigen Vergleich zwischen "Nerve" und dem Phänomen Pokemon Go gezogen, der sich wohl auf die rasante Verbreitung und die Flucht in digitale Welten unter dem Vorwand einer gesellschaftlichen Gemeinschaft bezog.

Neben der hervorragenden Optik sind es in Nerve jedoch auch die Darsteller, die auf ganzer Linie überzeugen können. Egal ob Emma Roberts als zunächst schüchterne und später immer extrovertiertere, mutige Heldin im Adrenalinrausch, Dave Franco als Internetstar mit mysteriöser Vergangenheit oder der beängstigende Machine Gun Kelly als rücksichtsloser Gegenspieler, hier leisten alle tolle Arbeit, die man ihnen zu jederzeit abkauft.

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Visuelle Gestaltung und technische Umsetzung

Das Bild der Blu-ray zeigt sich sehr scharf und detailreich, ist jedoch stark von den verwendeten Stilmitteln beeinflusst. So ist die Farbgebung und auch die visuelle Darbietung in weiten Teilen sehr unnatürlich und auch Unschärfen, Fokussierungsfehler sowie Bildrauschen gehören mit zur stilisierten Optik, auch wenn sich diese in Grenzen halten und nicht negativ wirken, sondern dem Film einen ganz eigenen, hervorragenden Look verleihen.

Die Tonspur überzeugt durch eine dynamische, kräftige Abmischung und liefert durchwegs Arbeit für die gesamte Surroundanlage, wobei sowohl die Effekte als auch die Stimmen stets klar und differenziert ortbar sind. Auch die Bassbox darf sich immer wieder mit einschalten und vor allem beim stimmigen und eindringlichen Soundtrack zeigen, was in ihr steckt.

Themen und Motive: Eskalierende Social-Media-Dynamiken und die Anonymität des Internets

Nerve verpackt seine Kritik an der digitalen Gesellschaft in eine seichte Parabel auf die Gefahren eskalierender Social-Media-Dynamiken und hat so Anwandlungen von einem Techno-Thriller. Die Kritik bleibt aber oberflächlich, wie der gesamte Film selten Mut hat, unter die Haut zu gehen.

Der Film thematisiert die Anonymität des Internets und die daraus resultierende Verantwortungslosigkeit. Die "Watcher" können in der Anonymität der Masse ihre Sensationslust und ihren Voyeurismus ausleben, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Dies führt zu einer Eskalation der Herausforderungen und zu einer zunehmenden Entmenschlichung der Spieler.

Nerve ist ein via Internet weltumspannendes Spiel ohne einen verantwortlichen Betreiber oder feste Serverstandorte, in etwa wie ein peer-to-peer-Netzwerk. Die Teilnehmer wählen zu Beginn, ob sie Watcher oder Player sein möchten - eine folgenschwere Entscheidung. Während die Watcher Vorschläge für Herausforderungen entwickeln und über Wohl und Wehe der Player abstimmen, sind die Player die Stars des Spiels. Beginnend mit einfachsten Aufgaben können die Player schnell eine Menge Geld verdienen, denn je schwieriger respektive gefährlicher eine Aufgabe, desto mehr Geld wird von der Community bei deren Bewältigung auf das Konto des Players gutgeschrieben.

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Die Aufgaben bei Nerve reichen dabei von „Küsse einen Fremden“ bis hin zu wirklich lebensgefährlichen Straftaten. Brenzlig wird es für den Player, wenn er sehr beliebt ist und gefährliche Aufgaben mehrmals ablehnt beziehungsweise ganz aus dem Spiel aussteigen möchte. Die Drahtzieher der Community schrecken nicht vor Entführungen und Drohungen zurück und wissen ihre Macht zu demonstrieren. Wenn man nicht weiter mitspielt, droht der Verlust der Identität, ein leeres Bankkonto, Rufmord und Schlimmeres, und zwar für den Spieler selbst und alle die er liebt - eine Flucht ist in einer technologisch nahezu vollständig erschlossenen Welt so gut wie unmöglich.

Das schwierige Thema, für das der Film gleichsam ein erdachtes soziales Experiment darstellen könnte, ist der Umgang mit Macht, insbesondere wenn diese Macht vollkommen anonym ausgeübt werden kann. Während die Player ihre gesamte Person öffentlich machen, richtet eine anonyme Menge aus Watchern über die „Gladiatoren“, und oft möchte die Meute Blut sehen. Wenn jeder für seine eigenen Entscheidungen die Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen tragen müsste, sähe das Spiel vermutlich gänzlich anders aus.

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