Das Nervensystem ist die zentrale Steuerzentrale unseres Körpers und für die Kontrolle, Koordination und Regulierung lebenswichtiger Funktionen zuständig. Nervenkrankheiten sind Störungen des Nervensystems und können verschiedene Ursachen haben. Sie betreffen entweder das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) oder das periphere Nervensystem (Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark). Im Folgenden werden verschiedene Ursachen von Nervenproblemen, ihre Symptome und mögliche Behandlungsansätze erläutert.
Vielfältige Ursachen von Nervenproblemen
Nervenprobleme können vielfältige Ursachen haben, die von erblichen Veranlagungen über Autoimmunreaktionen bis hin zu äußeren Einflüssen reichen. Mediziner untergliedern diese grundsätzlich in mehrere Bereiche. Experten gehen davon aus, dass es über 300 verschiedene Ursachen gibt, die zu einer Polyneuropathie führen können. In manchen Fällen bleibt der genaue Grund dafür jedoch unklar.
Erblich bedingte Nervenkrankheiten
Eine erblich bedingte Nervenkrankheit kann entweder seit Geburt bestehen oder sich aufgrund der erblichen Veranlagung im Laufe des Lebens entwickeln.
Degenerative Nervenkrankheiten
Degenerative Nervenkrankheiten sind fortschreitende Erkrankungen, bei denen Nervenzellen nach und nach absterben oder ihre Funktion verlieren. Wie sie entstehen, ist nicht vollends geklärt. Krankheiten wie diese beeinträchtigen die Sprache, Bewegung oder auch das Gedächtnis. Zu den häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen gehören Alzheimer, Parkinson und Chorea Huntington. Die Ursachen für diese Erkrankungen können sowohl genetisch als auch sporadisch sein und sind nicht immer bekannt. Allerdings wurden einige zelluläre Mechanismen identifiziert, die bei den meisten Erkrankungen zur Zellschädigung beitragen. Dazu gehören Störungen der Proteinhomöostase (Amyloid- und Tau-Ablagerungen bei Alzheimer, Synuclein bei Parkinson und Huntingtin bei Chorea Huntington), erhöhter oxidativer Stress, Störungen der Mitochondrien oder des intrazellulären Transports und Entzündungsreaktionen.
Entzündliche Nervenkrankheiten
Autoimmunreaktionen, Infektionen oder sonstige Prozesse können entzündliche Nervenkrankheiten auslösen. Bei entzündlichen Polyneuropathien greifen Zellen des Immunsystems fälschlicherweise die Myelinscheide der peripheren Nervenzellen an und zerstören sie.
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Ein Beispiel für eine entzündliche Nervenerkrankung ist die chronisch-inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP). CIDP ist eine langsam verlaufende und andauernde Nervenerkrankung, bei der es durch entzündliche Reaktionen zum Abbau der Ummantelung der Nervenfasern kommt. Folge ist eine Störung der Signalweiterleitung in den Nerven. Der „Angreifer“ der Nerven ist das körpereigene Immunsystem, das bei einer Autoimmunerkrankung nicht mehr zuverlässig zwischen „eigen“ und „fremd“ unterscheiden kann. Es zerstört daher fälschlicherweise auch körpereigene Zellen. Bei CIDP betrifft das die Nervenfaserummantelungen und teilweise auch die Nervenfasern selbst. Daher ist es wichtig, nach der Diagnose so bald wie möglich mit einer Therapie zu beginnen, um diese Prozesse zu unterbrechen und damit weitere Schäden bzw. Folgeschäden zu verhindern.
Neuromuskuläre Erkrankungen
Neuromuskuläre Erkrankungen betreffen das Zusammenspiel zwischen Nervensystem und Muskulatur.
Gefäßbedingte Nervenkrankheiten
Gefäßbedingte Nervenkrankheiten bzw. neurovaskuläre Erkrankungen entstehen durch Durchblutungsstörungen im Gehirn oder Rückenmark. Sie führen wiederum zu einer unzureichenden Sauerstoff- und Nährstoffversorgung. Ein Schlaganfall entsteht infolge einer plötzlichen Durchblutungsstörung im Gehirn. Da Nervenzellen im Gehirn kaum regenerationsfähig sind, können bei einem Schlaganfall bleibende Schäden entstehen. Eine Hirnblutung tritt auf, wenn ein Blutgefäß im Gehirn platzt. Dann tritt Blut in das umliegende Gewebe aus.
Traumatische Schädigungen
Ein Schädel-Hirn-Trauma entsteht durch eine äußere Gewalteinwirkung auf den Kopf. Abhängig von der Schwere der Einwirkung können Symptome von Kopfschmerzen und Schwindel bis hin zu Bewusstlosigkeit und neurologischen irreversiblen Schäden reichen.
Eine Verletzung des Gehirns durch traumatische Krafteinwirkung wird Schädel-Hirn Trauma (SHT) genannt. Bei der leichtesten Form des SHT spricht man von einer Gehirnerschütterung, die meist harmlos verläuft. Hirnblutungen und andere Komplikationen können ein SHT lebensbedrohlich werden lassen. Ursache für eine traumatische Verletzung des Gehirns sind meist Unfälle, aber auch bestimmte Kontaktsportarten, wie Eishockey oder American Football, können ein SHT bedingen.
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Polyneuropathien
Polyneuropathie bezeichnet eine Schädigung mehrerer peripherer Nerven. Die geschädigten Nervenfasern leiten Reize nur noch fehlerhaft oder gar nicht weiter, was zu Empfindungsstörungen und unkontrollierter Muskelaktivität führt. Polyneuropathien sind Erkrankungen des „peripheren Nervensystems“, zu dem alle außerhalb des Zentralnervensystems liegenden Anteile der motorischen, sensiblen und autonomen Nerven mit den sie versorgenden Blut- und Lymphgefäßen gehören.
Weitere Ursachen
Weitere Ursachen für Nervenprobleme können sein:
- Diabetes mellitus: Vor allem Menschen mit Diabetes mellitus (Typ 1 und Typ 2) entwickeln häufig Nervenschädigungen. In diesem Fall sprechen Mediziner von einer sogenannten diabetischen Neuropathie. Experten gehen davon aus, dass sie mit dem dabei vorhandenen überhöhten Blutzuckerspiegel zusammenhängt.
- Alkoholmissbrauch: Regelmäßiger Konsum großer Mengen Alkohol kann die Nerven schädigen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Ethanol im Alkohol die Nervenzellen direkt angreift und somit schädigt.
- Externe Verletzungen: Operationen, Unfälle und körperliche Angriffe können bleibende Nervenschäden hinterlassen.
- Nervenentzündungen (Neuritis): Ausgelöst beispielsweise durch Viren, Bakterien oder Giftstoffe.
- Engstellen an Gelenken: Klemmen den Nerv regelrecht ab.
- Tumore: Können Druck auf die Nerven ausüben und ihre Funktionalität einschränken.
- Amputationen: Viele Betroffene empfinden nach erfolgter Amputation sogenannte Phantomschmerzen, die das entfernte Areal betreffen.
- Autoimmunerkrankungen: Bei diesen Krankheiten richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Organismus und kann Entzündungsreaktionen auslösen, die zu Nervenschädigungen führen. Zu den häufigen Erkrankungen dieser Art zählen beispielsweise Multiple Sklerose und Neurosarkoidose.
- Chemotherapie: Die Chemotherapie kann neben den Krebszellen auch Nervenzellen angreifen und zu Empfindungsstörungen, Taubheitsgefühlen, Gleichgewichtsstörungen oder Muskelschwäche führen.
- Infektionen: Infektionen mit Herpes-, Grippe- oder Hepatitis-Viren können nervliche Schäden verursachen. Auch die Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers (Eppstein-Barr-Virus) bergen diesbezüglich ein gewisses Risiko.
- Durchblutungsstörungen: Durchblutungsstörungen, wie beispielsweise die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), können zu einer Unterversorgung der Nerven führen und Nervenschmerzen verursachen.
- Stoffwechselstörungen: Stoffwechselstörungen können die Nerven schädigen und Nervenschmerzen hervorrufen.
- Gifte: Bestimmte Gifte können Nervenschäden verursachen.
- Vitaminmangel: Ein Mangel an Vitamin B kann die Nerven empfindlich schädigen und auf diese Weise Nervenschmerzen mit Kribbeln und Taubheitsgefühlen hervorrufen. Vitamin B12 ist zum Beispiel für den Schutz und die Regeneration der Nervenzellen wichtig und zudem auch am Aufbau der Myelinscheide beteiligt.
Typische Symptome von Nervenproblemen
So vielfältig die Arten von Nervenkrankheiten sind, so vielfältig sind auch die Symptome, die auf Nervenkrankheiten hinweisen. Sie betreffen häufig die Motorik, die Sinneswahrnehmung oder die kognitive Leistungsfähigkeit. Wichtig sei hierbei, dass es sich selten um eine Nervenkrankheit handelt, nur weil du ein Symptom allein verspürst.
- Motorische Störungen: Entstehen, wenn der Körper Nervensignale nicht mehr richtig an die Muskeln weiterleitet.
- Sinnesstörungen: Treten auf, wenn das Nervensystem sensorische Reize nicht mehr richtig verarbeitet. Typische Symptome einer Polyneuropathie sind sensible Reizerscheinungen wie Kribbeln, Ameisenlaufen, Stechen, Elektrisieren und sensible Ausfallerscheinungen wie Pelzigkeitsgefühl, Taubheitsgefühl, Gefühl des Eingeschnürtseins, Schwellungsgefühle sowie das Gefühl, wie auf Watte zu gehen.
- Kognitive Störungen: Betreffen das Denkvermögen, die Sprache, das Gedächtnis oder die Aufmerksamkeit.
- Schmerzen: Nervenschmerzen können in Form von einschießenden Schmerzattacken, brennenden Schmerzen und Empfindungsstörungen auftreten.
- Weitere Symptome: Je nach Ursache und Art der Nervenerkrankung können weitere Symptome auftreten, wie beispielsweise Lähmungen, Sprachstörungen, Sehstörungen, Schwindel, Gangunsicherheiten oder Funktionsstörungen von Organen.
Diagnose von Nervenproblemen
Bei Verdacht auf Nervenerkrankungen sollten Betroffene frühzeitig einen Arzt aufsuchen. Um eine genaue Diagnose zu stellen, führen Ärzte verschiedene Untersuchungen durch.
- Anamnese: Im ersten Schritt helfen Fragen, um die Symptomatik und den Krankheitsverlauf zu verstehen. In der Krankengeschichte wird nach typischen Symptomen, dem Erkrankungsverlauf, nach Vorerkrankungen und Begleiterkrankungen sowie nach der Familienanamnese gefragt.
- Körperliche Untersuchung: Im zweiten Schritt untersucht der Arzt den Körper. In einer neurologischen Untersuchung werden Muskelkraft, Sensibilität und Muskeleigenreflexe geprüft. Am häufigsten beginnen die Symptome und Ausfälle an den unteren Extremitäten, meist an den Füßen oder Fußspitzen. An den Extremitäten können sich Sensibilitätsstörungen socken-, strumpf- oder handschuhförmig ausbreiten.
- Weiterführende Untersuchungen und Tests: In weiterführenden Untersuchungen und Tests diagnostizieren Mediziner und Ärzte anschließend, um welche Nervenkrankheit es sich explizit handelt. Bei der neurophysiologischen Untersuchung mit Elektroneurographie (ENG) werden mit Stromimpulsen periphere Nerven stimuliert und Antworten von Muskeln oder sensiblen Fasern abgeleitet. Damit lässt sich die Art der Nervenschädigung feststellen. Die Elektromyographie (EMG) untersucht Muskeln mit Nadeln und stellt so das Ausmaß der Schädigung fest.
Therapie von Nervenproblemen
Die Therapie von Nervenkrankheiten ist individuell und richtet sich nach der jeweiligen Diagnose, der Ursache und dem Krankheitsverlauf. Je nach Art der Erkrankung kann eine Kombination verschiedener Behandlungsansätze erforderlich sein, um die Symptome zu kontrollieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
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- Behandlung der Grunderkrankung: Entscheidend ist stets die Behandlung der Grunderkrankung, z. B. bei Diabetes mellitus eine Verbesserung der Blutzuckereinstellung, das strikte Vermeiden von Alkohol oder die Behandlung einer Tumorerkrankung.
- Medikamentöse Therapie: Bei autoimmunvermittelten, entzündlichen Polyneuropathien gibt es verschiedene gegen die Entzündung wirkende Medikamente (Immunglobuline, Kortikoide, Immunsuppressiva). Reizerscheinungen und Muskelkrämpfe lassen sich mit verschiedenen Medikamenten dämpfen. Gegen die Parkinson-Krankheit und gegen Multiple Sklerose gibt es mehr Therapieformen. Und auch die Epilepsie stellt nicht mehr denselben Kontrollverlust dar wie einst.
- Physiotherapie und Ergotherapie: Physiotherapie und Ergotherapie können dazu beitragen, dass andere Hirnareale die Funktionen zumindest teilweise übernehmen.
- Hilfsmittel: Zur Verbesserung der Alltagsaktivitäten wird in Abhängigkeit vom Schweregrad die Versorgung mit Hilfsmitteln empfohlen.
- Operation: In manchen Fällen ist ein operativer Eingriff erforderlich, z.B. bei einem Karpaltunnelsyndrom oder einem Kubitaltunnelsyndrom.
- Weitere Maßnahmen: Zur Linderung von Nervenschmerzen können verschiedene Maßnahmen eingesetzt werden, wie beispielsweise Schmerzmittel, Antidepressiva oder Antikonvulsiva.
Bedeutung einer frühzeitigen Behandlung
Nervenkrankheiten können schwerwiegende Auswirkungen auf die Lebensqualität haben, insbesondere wenn sie nicht frühzeitig erkannt und behandelt werden. Viele neurologischen Erkrankungen schreiten unbehandelt fort und führen zu irreversiblen Schäden an Nerven und Gehirnstrukturen. Kurzum: Je früher du handelst, desto besser sind die Chancen, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und deine Lebensqualität zu erhalten. Bleiben neurologische Symptome unbehandelt, kann es zu dauerhaften Einschränkungen kommen - im schlimmsten Fall sogar zur Berufsunfähigkeit.
Leben mit Nervenproblemen
Für alle Betroffene egal welcher neurologischen Krankheit ist es sowohl für Psyche als auch für die körperliche Situation wichtig, all das selbstständig zu tun, was selbstständig geht. Angehörigen mag es häufig schwerfallen, zuzusehen und Tätigkeiten nicht abzunehmen, die anstrengend oder mühselig erscheinen. Damit tun Sie jedoch niemandem einen Gefallen, sich selbst nicht, und dem bzw. der Betroffenen nicht. Dies bedeutet nicht, dass Sie jemandem, der Hilfe braucht, nicht die Treppe hinaufhelfen. Aber wenn beispielsweise normales Besteck aufgrund einer Polyneuropathie nicht mehr benutzt werden kann, suchen Sie lieber gemeinsam Lösungsstrategien. Besorgen Sie zum Beispiel dickeres Besteck, das der oder die Betroffene benutzen kann, anstatt das Fleisch vorzuschneiden.
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