Die Meralgia Paraesthetica (MP), auch bekannt als Bernhardt-Roth-Syndrom, Leistentunnelsyndrom oder Inguinaltunnelsyndrom, ist ein Nervenkompressionssyndrom, das durch eine Kompression oder Läsion des Nervus cutaneus femoris lateralis (NCFL) verursacht wird. Dies führt zu Schmerzen und Gefühlsstörungen im ventrolateralen Oberschenkel.
Historischer Hintergrund
Eine berühmte Persönlichkeit, die an MP litt, war Sigmund Freud. Er beschrieb seine Beschwerden 1895 im Neurologischen Zentralblatt und hielt es für eine „harmlose, aber nicht uninteressante Affection“. Einige seiner Patienten mit dem gleichen Krankheitsbild klagten jedoch über unerträgliche Schmerzen.
Epidemiologie
In einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2011 wurde die Inzidenz mit 32,6/100 000 Patientenjahre angegeben. Dabei wurden Zusammenhänge mit höherem Alter, Body-Mass-Index (BMI) und Diabetes mellitus gefunden. Bereits zwischen 1990 und 1999 wurde ein Anstieg der Inzidenz beobachtet. Aufgrund der alternden Gesellschaft und der Zunahme des metabolischen Syndroms wird auch weiterhin mit einer ansteigenden Inzidenz der MP gerechnet. Die Erkrankung kann in jedem Lebensalter auftreten, wobei die Inzidenz zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr am höchsten ist. In einer Fallserie von 140 Patientinnen und Patienten betrug die Koinzidenz zu anderen Nervenkompressionssyndromen 13,6 %.
Risikofaktoren
Verschiedene Faktoren können die Entstehung einer Meralgia paraesthetica begünstigen:
- Adipositas: Eine Fall-Kontroll-Studie konnte einen signifikanten Zusammenhang zwischen Übergewicht und einer MP mit Verdopplung des Risikos ab BMI > 30 kg/m² nachweisen. Allerdings kann auch eine starke Gewichtsabnahme mit Verlust des schützenden Fettpolsters zu Beschwerden führen.
- Enge Kleidung: Das Tragen zu enger Kleidungsstücke im Bereich der Taille, wie z. B. enge Jeans („Jeans-Krankheit“), kann den Nerv komprimieren.
- Schwangerschaft: Wie beim Karpaltunnelsyndrom ist eine Assoziation mit Schwangerschaft beschrieben.
- Iatrogene Läsionen: Chirurgische Eingriffe im Becken- oder Leistenbereich oder bei Knochenentnahme aus dem Beckenkamm können zu einer iatrogenen Läsion führen.
- Lagerungsschäden: Die MP kann als perioperativer Lagerungsschaden (zum Beispiel bei Steinschnittlagerung, Beach-chair-Position oder Bauchlagerung) sowie nach einer intensivmedizinisch indizierten Bauchlagerung auftreten.
- Diabetes mellitus: Diabetes mellitus führt zu einer erhöhten Anfälligkeit für Nervenschädigungen.
Ursachen
Der Nervus cutaneus femoris lateralis (NCFL) ist ein sensibler Nerv, der die Haut an der Außenseite des Oberschenkels versorgt. Er entspringt im unteren Bereich des Rückenmarks und zieht durch das Becken und unterhalb des Leistenkanals zum äußeren Oberschenkel. Die häufigste Ursache der Nervenschädigung ist eine Einklemmung (Kompression) im Bereich des Leistenbandes. Eine wichtige Rolle spielt dabei oft eine ungünstige Anatomie. Seltene Ursachen sind Knochenwucherungen und weitere krankhafte Veränderungen. Nur selten handelt es sich um andere Auslöser, etwa einen wachsenden Tumor oder eine Verletzung. Manchmal liegt eine Nervenschädigung durch Diabetes vor; Nervenschäden durch Diabetes betreffen jedoch meist mehrere Nerven zugleich.
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Die Ursache der Meralgia parästhetica liegt in der Kompression des NCFL an einer Stelle seines Verlaufs. Zum einen durchbricht der Nerv einen großen Muskel, den Musculus psoas major. Durch eine ungünstige anatomische Stellung oder eine Veränderung des Muskels kann es so zur Einklemmung des Nerven kommen. Eine weitere häufige Lokalisation eines Engpasses ist der Leistentunnel. Dieser wird durch ein starkes Band verstärkt, das vom oberen Beckenkamm bis zum Schambein verläuft. Beim Austritt aus dem Becken zieht der NCFL unterhalb des Leistenbandes hindurch und knickt dann um fast 90 Grad ab, um den seitlichen Oberschenkel zu erreichen.
Alles, was den Druck von außen auf den Nerven erhöht, kann das Leistentunnelsyndrom wahrscheinlicher machen. Das ist beispielsweise bei zu enger Kleidung, bei starkem Übergewicht oder einer Schwangerschaft der Fall. Durch die Kompression des Nerven kann es zu zahlreichen Symptomen im Bereich des Versorgungsgebietes kommen, welches wie beschrieben der äußere Oberschenkel ist.
Symptome
Die typischen Symptome der Meralgia paraesthetica umfassen:
- Brennende Schmerzen an der Oberschenkelaußenseite (Schmerzen im seitlichen Oberschenkel).
- Kribbeln oder Taubheitsgefühl im äußeren Oberschenkelbereich.
- Missempfindungen (Paraesthesien).
- Erhöhte Empfindlichkeit in der äußeren Oberschenkelregion.
- Brennende oder blitzartige Schmerzen, teilweise wie Messerstiche im Oberschenkel seitlich sind typisch für nervenbedingte Beschwerden.
Die Symptome nehmen typischerweise ab, wenn die Hüfte gebeugt und der Nerv entspannt wird. Sie treten vor allem dann auf, wenn der Druck auf den Nerv steigt - etwa beim Tragen enger Hosen („Jeanskrankheit“) und in der Schwangerschaft. Die Symptome werden bei vielen Patient*innen stärker, wenn sie das Hüftgelenk strecken, also das Bein nach hinten führen. Provozieren lassen sich die Beschwerden häufig auch durch langes Stehen bzw. Gehen sowie durch ein langes Liegen mit gestrecktem Bein.
Diagnose
Um bei Schmerzen im seitlichen Oberschenkel die richtige Diagnose zu stellen, führt der behandelnde Arzt zunächst ein Arzt-Patient-Gespräch sowie eine körperliche Untersuchung durch. Im Gespräch befragt der Arzt den Betroffenen nach Beschwerden, nach einem möglicherweise mit den Symptomen zusammenhängenden (Sport)Unfall und Vorerkrankungen. Es folgt eine körperliche Untersuchung der Beine und Hüftgelenke. Der Arzt untersucht den seitlichen Oberschenkel nach Entzündungszeichen, Blutergüssen etc. und prüft die Beweglichkeit und Kraft in beiden Beinen.
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Folgende Untersuchungsmethoden können eingesetzt werden:
- Ultraschalluntersuchung: Eine Ultraschalluntersuchung kann schnell und einfach durchgeführt werden und ist nebenwirkungsfrei. Der Untersucher setzt den Schallkopf im Bereich des seitlichen Oberschenkels und gegebenenfalls Hüfte oder Leiste an. Dabei können bei einer Bursitis trochanterica meistens Entzündungszeichen und bei einer größeren Muskelverletzung Einblutungen ins Gewebe nachgewiesen werden.
- Röntgenbild: Ein Röntgenbild ist indiziert, wenn der Verdacht auf eine Hüftgelenksarthrose besteht oder nach einem Unfall Knochenbrüche ausgeschlossen werden sollen. Bei einer Arthrose kann anhand des Röntgenbildes eine Einteilung in das aktuelle Arthrose-Stadium erfolgen, bei Vorliegen einer Fraktur dienen die Röntgenbilder der (operativen) Therapieplanung. Auch bei seltenen Erkrankungen der Hüfte, die Schmerzen im Oberschenkel hervorrufen, wie bei einer Epiphyseolysis capitis femoris oder einer Coxitis (mit Bursitis), können krankhafte Veränderungen im Röntgenbild dargestellt werden.
- MRT (Magnetresonanztomographie): Ein MRT kann bei seitlichen Oberschenkelschmerzen hilfreich sein, wenn die zuvor durchgeführten bildgebenden Verfahren zu keinem eindeutigen Ergebnis geführt haben. Das MRT ist der Goldstandard der Untersuchung von Weichteilgewebe. Sowohl Frakturen als auch Entzündungen und Gewebenekrosen können mit dem MRT diagnostiziert werden.
- Spritzen eines Medikaments zur örtlichen Betäubung: Spritzen eines Medikaments zur örtlichen Betäubung an der Durchtrittsstelle des Nervs (Eine Schmerzlinderung spricht für eine Meralgia paraesthetica.)
- Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (Neurografie)
- Spezielle Hirnstrommessung (evozierte Potenziale)
Differentialdiagnose
Schmerzen im Bereich des Oberschenkels und vor allem des seitlichen Oberschenkels (außen) sind häufig und können sehr vielfältige Ursachen haben. Es ist wichtig, andere mögliche Ursachen für die Schmerzen auszuschließen, wie z. B.:
- Hüftarthrose
- Trochanter-Schmerzsyndrom (einschließlich Bursitis trochanterica)
- Lumboischialgie durch einen Bandscheibenvorfall oder eine Nervenwurzelkompression in der Lendenwirbelsäule (LWS)
- Iliotibiales Bandsyndrom
- Muskelverletzungen (z.B. Muskelfaserriss)
- Myofasziale Triggerpunkte
Behandlung
Nicht immer ist eine Behandlung notwendig. Bei einem Viertel der Betroffenen bessern sich die Beschwerden spontan. Die Behandlung der Meralgia paraesthetica zielt darauf ab, die Kompression des Nervs zu reduzieren und die Symptome zu lindern.
Konservative Behandlung
- Vermeidung von Risikofaktoren: Vermeiden Sie das Tragen enger Hosen, vermeiden Sie Streckbewegungen im Hüftgelenk, gegebenenfalls kann eine Gewichtsreduktion hilfreich sein.
- Schmerzmittel: Für die akute Schmerztherapie können Schmerzmittel wie nicht-steroidale Antirheumatika eingesetzt werden. Dazu zählen Mittel wie Ibuprofen oder Diclofenac. Bei besonderem Bedarf können auch andere, stärkere Schmerzmittel eingesetzt werden.
- Physiotherapie: Eine Physiotherapie kann die Beschwerden lindern. Spezifische Dehn- und Entspannungsübungen können helfen, die Beschwerden der Meralgia paraesthetica zu lindern. Übungen, die darauf abzielen, den Druck auf den betroffenen Nerv zu reduzieren, wie sanfte Hüft- und Beinbewegungen, können effektiv sein.
- Infiltration: Außerdem kann ein Medikament zur örtlichen Betäubung in das Gewebe gespritzt werden (Infiltration). Auch Kortison kommt hier manchmal in Betracht.
- Hydrodissektion: Ein weiteres Verfahren zur Schmerztherapie der Meralgia parästhetica ist die sog. Hydrodissektion. Bei der Hydrodissektion wird das den Nerven umgebende Gewebe mit Zuckerlösung gespült. Dem Nerven wird so mehr Platz geschaffen und die Kompression auf ihn verringert.
- Osteopathie: Durch die vielfältigen Ursachen bei Schmerzen im seitlichen Oberschenkel empfiehlt sich die Behandlung der Osteopathie. Gerade bei Bandscheibenvorfällen, Muskelverhärtungen, Fehlstellungen oder Unklarheit der eigentlichen Ursache ist eine Behandlung durch Spezialisten empfehlenswert. Sie führt nicht nur eine ausführliche Anamnese durch, um die Ursache der Schmerzen festzustellen, sie übt außerdem sanfte Techniken allein mit ihren Händen aus, um so Verspannungen zu lösen und Schmerzen zu lindern. Osteopathen verfolgen dabei einen ganzheitlichen Ansatz und versuchen, durch manuelle Techniken die Selbstheilungsprozesse des Körpers zu unterstützen.
- Laufanalyse: Fehlstellungen von Fuß, Bein und Hüfte, eine Beinlängendifferenz und eine Asymmetrie im Gangbild sind Risikofaktoren für Sportverletzungen, Sehnen- und Schleimbeutelentzündungen. Diese Risikofaktoren können anhand einer Laufbandanalyse frühzeitig erkannt und Folgeschäden vorgebeugt werden. Mittels Videokameras und einer Druckmessplatte im Laufband wird das Zusammenspiel aller beteiligten Gelenke analysiert. Bei Schmerzen im seitlichen Oberschenkel tritt häufig eine seitlich abfallende Hüfte oder ein überkreuzter Fußaufsatz (overcrossing) auf. Beides führt zu einer zu hohen Spannung auf der Oberschenkelaußenseite unter Last. Ursächlich dafür ist eine Abschwächung der Hüfte und Rumpfmuskulatur.
- EMG (Elektromyographie): Das EMG, Elektromyographie, ist eine Untersuchungsmethode, die der Messung der elektrischen Aktivität eines Muskels dient. Entzündete / schmerzhafte Muskel sind in der Regel aktiver als gesunde Muskeln. Mit dem rechts-links Vergleich hat man immer einen Normwert bei der Testung. Daher werden auch immer beide Seiten getestet. Es gilt dann über eine gezielte Therapie auf Basis der erhobenen Daten die betroffene Muskulatur wieder physiologisch zu aktivieren, damit keine Überlastung auf den Muskel entsteht. Das Oberflächen-EMG ist die genauste diagnostische Methode um muskuläre Ursachen bei Schmerzen im seitlichen Oberschenkel aufzudecken.
- Dehnungsübungen: Dehnungsübungen sind wichtig, um bei Sportlern die Muskulatur, Sehnen und Bänder zu strecken. So bleiben diese langfristig geschmeidig und beweglich. Ziel sind die Vorbeugung muskulärer Verkürzungen und die Vermeidung von Sportverletzungen. Gleichzeitig helfen Dehnübungen bei vorhandenen Verspannungen, um diese zu lösen.
Operative Behandlung
Operiert wird nur selten, wenn die Beschwerden sehr stark sind bzw. nicht auf andere Behandlungsversuche ansprechen.
- Dekompression: Eine Möglichkeit besteht in der operativen Beseitigung aller einengenden Strukturen (Dekompression) und Freilegung des Nervs (Neurolyse).
- Neurektomie: Eine zweite Möglichkeit ist es, den Nerv zu durchtrennen (Neurektomie) und gezielt Nervengewebe abzutragen. Diese Methode gilt als letzter Ausweg: Sie ist sehr wirksam gegen Schmerzen; sie führt jedoch auch zu einem dauerhaften Verlust des Empfindungsvermögens im betroffenen Hautbereich.
Prognose
In 25 % der Fälle klingen die Schmerzen von selbst ab. Die konservative Behandlung ist meistens erfolgreich. Eine Neurektomie führt am ehesten zu dauerhafter Schmerzfreiheit. In manchen Fällen bleiben die Schmerzen dauerhaft bestehen. Eine Neurektomie kann als Komplikation Schmerzen auslösen. Die Symptome können nach nur wenigen Wochen verschwinden oder sich auch über Monate hinwegziehen. Gerade, wenn die Erkrankung lange unbehandelt bleibt, besteht die Gefahr einer Chronifizierung und einem lebenslangen Fortbestehen der Beschwerden.
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Prävention
Zur Prävention der Meralgia parästhetica eignen sich viele der Maßnahmen, die auch zu deren Behandlung eingesetzt werden. Gewichtsreduktion, passende Kleidung und angemessene sportliche Bewegung sind essenzielle Bestandteile der Vorbeugung. Um eine gesunde Körperhaltung zu fördern können außerdem ergonomische Sitz- und Stehpositionen in den Alltag integriert werden.
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