Schmerzen, Taubheit und Kribbeln in den Beinen sind selten auf Venenprobleme zurückzuführen. Viel häufiger sind orthopädische Ursachen oder Nervenstörungen die Übeltäter. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Nerven, Fuß und Rücken, wobei besonderes Augenmerk auf die sogenannten Dermatome gelegt wird.
Nervenbahnen: Das Informationsnetzwerk des Körpers
Unser Gehirn empfängt Informationen aus dem gesamten Körper über ein komplexes Netzwerk von Nervenbahnen. Diese Fasern ziehen von der Haut, den Muskeln und den Knochen über das Rückenmark zum Gehirn. Das Rückenmark, ein geschützter Nervenstrang innerhalb der Wirbelsäule, spielt dabei eine zentrale Rolle. Zwischen den einzelnen Wirbeln treten Nervenenden aus, die zu spezifischen Hautarealen, den sogenannten Dermatomen, gehören. Diese Nervenenden übermitteln nicht nur sensorische Informationen, sondern auch Befehle vom Gehirn an die Muskeln, die für unsere Bewegungen verantwortlich sind.
Dermatome: Landkarten der Nervenversorgung
Dermatome sind Hautareale, die von einem bestimmten Spinalnerv versorgt werden. Jeder Spinalnerv zweigt vom Rückenmark zur linken und rechten Körperseite ab. Insgesamt gibt es 31 Spinalnerven, von denen sich ein Netz aus Nervenästen und -zweigen bis in die Finger- und Fußspitzen erstreckt. Diese Dermatome ermöglichen es uns, Sinneseindrücke wie Berührung, Schmerz, Hitze oder Kälte wahrzunehmen und an das Gehirn weiterzuleiten.
Die Dermatome sind nach den Abschnitten der Wirbelsäule benannt, aus denen die zugehörigen Spinalnerven austreten:
- C steht für die Halswirbelsäule (cervikal).
- Th steht für die Brustwirbelsäule (thorakal).
- L steht für die Lendenwirbelsäule (lumbal).
- S steht für das Kreuzbein (sakral).
So umfasst beispielsweise das Dermatom C6 die Schulter, die Außenseite des Arms und den Daumen und wird vom Spinalnerv versorgt, der am 6. Halswirbel austritt.
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Ursachen von Beschwerden in den Dermatomen
Wenn es in einem der „Dermatome“ zu Kribbeln oder ausstrahlenden Schmerzen kommt, liegt die Vermutung nahe, dass der zuständige Nerv im Rückenmark, am Austritt aus der Wirbelsäule oder im Verlauf eingeengt ist. Dies kann verschiedene Ursachen haben:
- Bandscheibenvorfall: Ein Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule kann auf die Wurzel eines Spinalnervs drücken und Schmerzen, Muskelschwäche und Taubheitsgefühle im zugehörigen Dermatom verursachen.
- Beckenschiefstand: Ein Beckenschiefstand kann ebenfalls zu einer Einengung der Nerven führen.
- Schädigungen im Bereich der Wirbelsäule: Verletzungen oder degenerative Veränderungen der Wirbelsäule können die Nerven beeinträchtigen.
- Diabetes: Eine Blutzuckererhöhung bei Diabetes kann die Nervenenden schädigen.
- Medikamente: Einige Medikamente können Nervenschäden verursachen.
Typische Beschwerdebilder und ihre Zuordnung zu den Dermatomen am Bein
Die Lokalisation der Beschwerden in einem bestimmten Dermatom kann wichtige Hinweise auf die betroffene Nervenwurzel geben:
- L4: Schmerzen vom Gesäß über die Vorderseite des Oberschenkels bis zum Knie, möglicherweise bis zur Innenseite des Unterschenkels oder ins Fußgewölbe; Gefühlsstörungen im Kniebereich.
- L5: Schmerzen von der äußeren Rückseite des Oberschenkels ins Schienbein oder in die Oberseite des Fußes; Gefühlsstörungen an der Außenseite des Unterschenkels oder an der Oberseite des Fußes; Schwäche beim Anheben des Fußes (Fußheberschwäche).
- S1: Schmerzen in die Rückseite des Beins ausstrahlend; Gefühlsstörungen an der Wade oder der Außenseite des Fußes; Schwäche in der Fuß- und Zehenbewegung, insbesondere beim Gehen auf den Zehenspitzen.
- Schmerzen an der Beininnenseite von der Leiste bis zum Innenknöchel: Oft durch einen Beckenschiefstand oder ein Lendenwirbelsäulenproblem bedingt.
Differentialdiagnose: Abgrenzung von anderen Ursachen
Es ist wichtig zu beachten, dass Beinschmerzen und Missempfindungen viele Ursachen haben können. Nur selten sind sie durch Venenerkrankungen bedingt. Es ist daher entscheidend, andere mögliche Ursachen auszuschließen:
- Venenprobleme: Schmerzen, die durch Venen verursacht werden, treten typischerweise bei verhärteten, tastbaren Venensträngen auf, die bräunlich-rötlich verfärbt sind.
- Arterielle Durchblutungsstörungen: Kalte Füße mit weißlich-violetter Verfärbung können auf eine arterielle Durchblutungsstörung hindeuten.
- Lipohypertrophie: Beidseitige Schmerzen bei Berührung der Fettschicht können auf eine Lipohypertrophie hindeuten.
- Knieprobleme: Knieschmerzen, die bewegungsabhängig auftreten, sind eher auf Kniekrankheiten zurückzuführen.
Diagnostik
Um die Ursache von Beschwerden in den Dermatomen zu ermitteln, stehen verschiedene Diagnoseverfahren zur Verfügung:
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Der Arzt erfragt die genauen Beschwerden und führt eine gründliche körperliche Untersuchung durch.
- Neurologische Untersuchung: Hierbei werden Reflexe, Sensibilität und Muskelkraft geprüft.
- Elektrodiagnostische Tests: Diese Tests können den geschädigten Bereich der Nervenwurzel identifizieren.
- Bildgebende Verfahren: MRT (Magnetresonanztomographie) oder CT (Computertomographie) können Bandscheibenvorfälle, Verengungen des Spinalkanals oder andere strukturelle Veränderungen darstellen.
- Spinalpunktion: Eine Spinalpunktion kann in manchen Fällen zur Diagnose von Nervenerkrankungen erforderlich sein.
- Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können helfen, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes oder Entzündungen als Ursache auszuschließen.
Therapie
Die Behandlung von Beschwerden in den Dermatomen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache:
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- Konservative Therapie:
- Schmerzmittel: Schmerzmittel können helfen, die Schmerzen zu lindern.
- Entzündungshemmende Medikamente: Entzündungshemmende Medikamente können bei Nervenreizungen helfen.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskulatur zu stärken und die Beweglichkeit zu verbessern.
- Orthopädische Hilfsmittel: Orthopädische Schuhe und Einlagen können den Fuß entlasten und Fehlstellungen korrigieren.
- Wärme- oder Kälteanwendungen: Wärme- oder Kälteanwendungen können je nach Bedarf schmerzlindernd wirken.
- Interventionelle Therapie:
- Periradikuläre Therapie (PRT): Bei der PRT wird ein schmerzstillendes und entzündungshemmendes Medikament direkt an die betroffene Nervenwurzel gespritzt.
- Epidurale Injektionen: Epidurale Injektionen können bei chronischen Rückenschmerzen und Beinschmerzen eingesetzt werden.
- Operative Therapie:
- Bandscheibenoperation: Bei einem Bandscheibenvorfall kann eine Operation erforderlich sein, um den Druck auf die Nervenwurzel zu beseitigen.
- Dekompression des Spinalkanals: Bei einer Spinalkanalstenose kann eine Operation erforderlich sein, um den Spinalkanal zu erweitern und die Nerven zu entlasten.
Was Sie selbst tun können
Neben den ärztlichen Behandlungen können Sie selbst einiges tun, um Beschwerden in den Dermatomen zu lindern und vorzubeugen:
- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung hält die Muskulatur stark und die Gelenke beweglich.
- Ergonomischer Arbeitsplatz: Achten Sie auf einen ergonomischen Arbeitsplatz, um Fehlhaltungen zu vermeiden.
- Gesunde Ernährung: Eine gesunde Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten versorgt den Körper mit allen wichtigen Nährstoffen.
- Stressmanagement: Stress kann sich negativ auf die Nerven auswirken. Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation können helfen, Stress abzubauen.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Vermeiden Sie Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht und übermäßigen Alkoholkonsum.
- Fußpflege: Achten Sie auf eine gute Fußpflege, um Verletzungen und Infektionen zu vermeiden.
- Regelmäßige Kontrolluntersuchungen: Gehen Sie regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen, um Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Übung zur Entlastung bei Beckenschiefstand
Eine einfache Übung, die Sie selbst durchführen können, um einen Beckenschiefstand zu korrigieren, ist folgende:
- Legen Sie sich entspannt auf den Rücken, auf eine weiche und möglichst warme Unterlage.
- Strecken Sie die Arme neben dem Körper aus.
- Stellen Sie ein Bein auf, sodass der Fuß neben dem Knie des anderen Beines zu stehen kommt.
- Lassen Sie das angewinkelte Bein ganz locker nach außen „plumpsen“ in Richtung des Pfeils. Üblicherweise liegt das Bein dann seitlich auf der Unterlage. Bei einer Blockade im kleinen Becken klappt das z.B. an einer Seite nicht oder es schmerzt.
- Wiederholen Sie diese Übung jeden Morgen im Bett zehnmal auf jeder Seite.
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