Die Nervenstimulation im Bein ist ein vielversprechendes Feld in der Rehabilitation und Schmerztherapie. Sie umfasst verschiedene Techniken, die darauf abzielen, die Funktion von Nerven und Muskeln wiederherzustellen oder Schmerzen zu lindern. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte der Nervenstimulation im Bein, von der funktionellen Elektrostimulation bei Fußheberschwäche bis hin zur transkutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS) bei Schmerzen.
Funktionelle Elektrostimulation (FES) bei Fußheberschwäche
Die Fußheberschwäche, auch Fallfuß genannt, ist eine häufige Folge neurologischer Erkrankungen wie Schlaganfall,Multipler Sklerose (MS) oder inkompletter Querschnittslähmung. Betroffene können ihren Fuß nicht mehr gezielt heben oder abrollen, was zu einem unsicheren Gangbild und erhöhter Sturzgefahr führt.
Ursachen und Auswirkungen
Die Ursache der Fußheberschwäche liegt oft in einer Schädigung des Nervus peroneus, der für die Anhebung des Fußes verantwortlich ist. Bei einer Störung des zentralen Nervensystems wird dieser Nerv nicht mehr richtig angesteuert. Infolge der Lähmung des Nervus peroneus kann es zu Schmerzen oder einem unangenehmen Kribbeln in den Unterschenkeln und im Fußbereich kommen. Um sich fortzubewegen, kompensieren Betroffene die Schwäche oft durch einen sogenannten Steppergang oder eine Zirkumduktion, bei der das Bein kreisend seitlich über die Hüfte gedreht wird.
Die funktionelle Elektrostimulation als Therapieansatz
Die funktionelle Elektrostimulation (FES) bietet eine Möglichkeit, die beeinträchtigte Funktion des Nervus peroneus zu kompensieren. Dabei werden elektrische Impulse genutzt, um die Fußmuskulatur zu aktivieren und den Fuß im richtigen Moment zu bewegen. Sensoren erkennen die Bewegungsabsicht und leiten das entsprechende Signal an den Peroneus-Nerv weiter.
Wie funktioniert FES?
Die FES-Geräte bestehen in der Regel aus einer Manschette, die unterhalb des Knies angebracht wird und Elektroden enthält. Diese Elektroden senden elektrische Impulse an den Nervus peroneus, der für die Hebung des Fußgelenks verantwortlich ist. Die Intensität der Impulse wird individuell an die Bedürfnisse des Patienten angepasst.
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Vorteile der FES
- Verbesserung des Gangbildes: Durch die Stimulation der Fußmuskulatur können Patienten mit Fußheberschwäche wieder ein natürlicheres Gangbild entwickeln.
- Reduzierung der Sturzgefahr: Die FES hilft, die Fußspitze anzuheben und so das Stolpern über Unebenheiten zu vermeiden.
- Erhöhung der Lebensqualität: Die verbesserte Mobilität ermöglicht es den Betroffenen, aktiver am Leben teilzunehmen und längere Strecken ohne große Anstrengung zurückzulegen.
- Individuelle Anpassung: Moderne FES-Geräte können an die spezifischen Bedürfnisse des Patienten angepasst werden, um ein kraftsparendes Gangbild zu ermöglichen.
- Muskeltraining: Die elektrischen Impulse regen die Muskeln zur Kontraktion an, was einem weiteren Muskelabbau entgegenwirkt.
Für wen ist FES geeignet?
Die FES eignet sich besonders für Patienten, deren Fußheberschwäche auf einer zentralen Läsion beruht, also einer Verletzung des zentralen Nervensystems, wie sie beispielsweise nach einem Schlaganfall auftritt. Bei peripheren Ursachen der Fußheberschwäche ist die FES hingegen weniger geeignet.
Das LG 300 Go System
Ein Beispiel für ein FES-Gerät ist der Muskelschrittmacher LG 300 Go. Dieses System wird individuell auf die Gangparameter des Patienten eingestellt und trägt dazu bei, dass die Fußspitze nicht mehr über den Boden schleift und die Sturzgefahr minimiert wird.
Wichtige Hinweise zur FES-Behandlung
- Individuelle Anpassung: Die FES-Geräte müssen individuell an den Patienten angepasst werden. Dies erfordert eine gewisse Anpassungszeit und Geduld.
- Kribbelndes Gefühl: Die Elektroden können ein kribbelndes Gefühl auf der Haut verursachen.
- Nicht für jeden geeignet: Die FES ist nicht für jeden Patienten mit Fußheberschwäche die optimale Lösung. Kontraindikationen sind unter anderem Epilepsie, Herzschrittmacher oder akute Thrombose.
- Begleitende Therapie: Die FES sollte idealerweise durch Physiotherapie und Ergotherapie ergänzt werden, um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen.
Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS)
Die Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS) ist eine nicht-invasive Methode zur Schmerzbehandlung. Dabei werden elektrische Impulse über Elektroden auf der Haut appliziert, um die Nerven zu stimulieren und Schmerzen zu lindern.
Wirkungsweise der TENS
Die TENS basiert auf der sogenannten Gate-Control-Theorie. Die elektrischen Impulse stimulieren Nervenfasern, die Berührungsreize weiterleiten und im Rückenmark mit den Schmerzfasern verschaltet sind. Das Signal der Berührungsnerven kann so die Weiterleitung der Schmerzen an das Gehirn hemmen. Zudem wird vermutet, dass die TENS die Freisetzung von körpereigenen schmerzlindernden Substanzen, wie beispielsweise Endorphinen, fördert.
Anwendungsbereiche der TENS
Die TENS wird zur Behandlung verschiedener Schmerzzustände eingesetzt, darunter:
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- Polyneuropathien: Schmerzen aufgrund von Nervenschädigungen, beispielsweise bei Diabetes.
- Arthroseschmerzen: Schmerzen in den Gelenken aufgrund von Verschleiß.
- Rückenschmerzen: Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule.
- HWS-Syndrom: Schmerzen im Nacken- und Schulterbereich.
- Chronische Schmerzen: Schmerzen, die länger als drei Monate andauern.
Vorteile der TENS
- Nicht-invasiv: Die TENS ist eine nicht-invasive Methode, bei der keine Medikamente eingenommen werden müssen.
- Kaum Nebenwirkungen: Die TENS hat in der Regel nur wenige Nebenwirkungen. In seltenen Fällen kann es zu Hautreizungen an der Klebestelle der Elektroden kommen.
- Selbstbehandlung: Die TENS kann nach einer Einweisung durch den Arzt zu Hause selbstständig durchgeführt werden.
- Schmerzlinderung: Die TENS kann bei vielen Patienten zu einer deutlichen Schmerzlinderung führen.
- Reduzierung des Schmerzmittelbedarfs: In einigen Fällen kann die TENS dazu beitragen, den Bedarf an Schmerzmitteln zu reduzieren oder sogar ganz zu ersetzen.
Durchführung der TENS-Behandlung
Die TENS-Behandlung wird in der Regel in folgenden Schritten durchgeführt:
- Arztkonsultation: Der Arzt klärt ab, ob die TENS für den Patienten geeignet ist und weist ihn in die Anwendung des Geräts ein.
- Elektrodenplatzierung: Der Arzt erklärt dem Patienten, wo die Elektroden auf die Haut aufgeklebt werden müssen.
- Geräteeinstellung: Der Arzt stellt die Parameter des TENS-Geräts (Frequenz, Impulsbreite, Stromstärke) individuell auf den Patienten ein.
- Selbstbehandlung: Der Patient führt die TENS-Behandlung zu Hause selbstständig durch. In der Regel beginnen die Patienten mit 20- bis 30-minütigen Anwendungen 3 bis 4 Mal am Tag.
Wichtige Hinweise zur TENS-Behandlung
- Arztkonsultation: Die TENS sollte nur nach Rücksprache mit einem Arzt angewendet werden.
- Individuelle Einstellung: Die Parameter des TENS-Geräts müssen individuell auf den Patienten eingestellt werden.
- Hautreizungen: Bei sensibler Haut können antiallergene Elektroden verwendet werden, um Hautreizungen zu vermeiden.
- Überstimulationssyndrom: In seltenen Fällen kann es zu einem Überstimulationssyndrom kommen, bei dem sich die Schmerzen aufgrund einer falsch eingestellten Intensität verstärken. In diesem Fall sollte der Arzt konsultiert werden.
- Keine Dauerlösung: Die TENS-Behandlung sollte nicht als Dauerlösung betrachtet werden, sondern vielmehr als begleitende Therapie, die dazu beitragen kann, Schmerzen zu lindern und den Schmerzmittelbedarf zu reduzieren.
Kontraindikationen für die TENS
- Herzschrittmacher
- Epilepsie
- Schwangerschaft (in Deutschland)
Wissenschaftliche Evidenz zur TENS
Die wissenschaftliche Evidenz zur Wirksamkeit der TENS ist nicht eindeutig. Es gibt Studien, die eine Schmerzlinderung durch TENS belegen, aber auch Studien, die keinen signifikanten Effekt zeigen. Eine Meta-Analyse von 2022 kam zu dem Schluss, dass TENS Schmerzen vermutlich besser lindert als ein Placebo. Allerdings wurde die Qualität der zugrunde liegenden Studien bemängelt.
Trotz der nicht eindeutigen wissenschaftlichen Evidenz wird die TENS von vielen Ärzten und Patienten als eine wirksame Methode zur Schmerzbehandlung angesehen. Ein Teil der Wirkung könnte auf dem Placeboeffekt beruhen, was jedoch nicht unbedingt negativ zu bewerten ist, solange sich die Patienten dadurch besser fühlen.
Periphere Nervenfeldstimulation (PNFS)
Die periphere Nervenfeldstimulation (PNFS) ist ein weiteres Verfahren zur Schmerzbehandlung, das insbesondere bei älteren Patienten eingesetzt wird. Dabei werden Elektroden ca. 1 cm unter die Haut (subkutan) platziert, um die peripheren Nerven zu stimulieren. Der Generator, der die elektrischen Impulse erzeugt, wird am Gesäß implantiert.
Vorteile der PNFS
- Weniger invasiv: Die PNFS ist weniger invasiv als andere Verfahren zur Nervenstimulation.
- Kürzere OP-Dauer: Die Operationsdauer ist kürzer als bei anderen Verfahren.
- Geringeres Verletzungsrisiko: Es besteht keine Gefahr, die Nerven zu verletzen.
Indikationen für die PNFS
Die PNFS eignet sich vor allem zur Behandlung von Schmerzen in einem umschriebenen Areal mit einem Durchmesser von ca. 10 cm.
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Stim-Router System
Das Stim-Router System ist ein weiteres Verfahren zur Neuromodulation von peripheren Nerven. Dabei wird eine kleine Elektrode minimal-invasiv unter lokaler Anästhesie implantiert. Der Generator verbleibt außerhalb des Körpers und wird nur bei Gebrauch einige Stunden am Tag auf die Hautoberfläche gebracht.
Mögliche Indikationen für das Stim-Router System
- Schulterschmerzen nach operativen Eingriffen oder nach Schlaganfall
- Post-operative Knieschmerzen
- Fokale Rückenschmerzen
- "Phantomschmerzen"
- Genitalschmerzen
- Schmerzen der Extremitäten (Hand, Arm, Bein)
- Karpaltunnelsyndrom
- Post-operative Leistenschmerzen
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