Nerven in den Lippen: Anatomie, Funktion und klinische Aspekte

Die Lippen sind ein markanter Teil des Gesichts und spielen eine entscheidende Rolle bei einer Vielzahl von Funktionen, von der Nahrungsaufnahme und Sprachbildung bis hin zur Mimik und sinnlichen Wahrnehmung. Ihre komplexe Anatomie, die reichhaltige Nervenversorgung und die vielfältigen klinischen Aspekte machen sie zu einem faszinierenden Studienobjekt.

Anatomie der Lippen

Die Lippen bilden den äußersten Teil der Mundhöhle und somit die Mundöffnung. Sie bestehen aus einer Oberlippe (Labium superius) und einer Unterlippe (Labium inferius), die an den Mundwinkeln (Angulus oris) ineinander übergehen. Die Mundspalte (Rima oris) bildet den Eingang zur Mundhöhle.

Äußere Struktur:

  • Amorbogen: Die Oberlippe weist in der Mitte eine geschwungene Einbuchtung auf, die als Amorbogen oder Lippenherz bezeichnet wird.
  • Philtrum: Zwischen Amorbogen und Nase befindet sich eine vertikale Rinne, das Philtrum.
  • Lippenbändchen: An der Innenseite von Ober- und Unterlippe befindet sich eine kleine Schleimhautfalte, die als Lippenbändchen (Frenulum labii superioris bzw. inferioris) bezeichnet wird.

Histologischer Aufbau:

Die Lippen lassen sich histologisch in drei Abschnitte unterteilen, die fließend ineinander übergehen:

  • Pars cutanea (Lippenaußenseite): Die Außenseite ist mit Haut überzogen, die ein mehrschichtiges, verhorntes Plattenepithel darstellt. In dieser Schicht befinden sich Haarfollikel, Talgdrüsen und Schweißdrüsen. Die Haut bildet eine schützende Barriere zur Außenwelt.
  • Pars intermedia (Lippenrot): Dieses ist die Übergangszone zwischen Außen- und Innenseite der Lippen und von einem verhornenden, nicht pigmentierten, dünnen Plattenepithel überzogen, in welches Bindegewebspapillen hineinreichen. Durch die vielen arteriellen Kapillaren, die durch die dünne obere Schicht hindurchscheinen, entsteht die kräftig rote Farbe der Lippen.
  • Pars mucosa (Lippeninnenseite): Die Innenseite der Lippen, die Mundschleimhaut, ist von einem unverhornten Plattenepithel überzogen. Hier befinden sich zahlreiche Gefäße und Nervenfasern sowie viele kleine Speicheldrüsen, die einen zähflüssigen (mukösen) Speichel produzieren, um die Lippen feucht zu halten.

Unter der Schleimhaut liegt der Musculus orbicularis oris (Mundringmuskel), eingebettet in das Bindegewebe. Dieser Muskel bildet die muskulöse Grundlage der Lippen und ist fest mit der Haut verbunden. Er gibt den Lippen ihre Form und ermöglicht das Schließen und Spitzen der Lippen.

Blutversorgung:

Die arterielle Blutversorgung der Lippen erfolgt durch die Arteria labialis superior und die Arteria labialis inferior, beides Äste der Arteria facialis, die von der Arteria carotis externa abzweigt.

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Nervenversorgung:

Die Nervenversorgung der Lippen ist komplex und umfasst sowohl motorische als auch sensible Nerven:

  • Motorische Innervation: Die motorische Innervation der Lippen erfolgt durch den Nervus facialis. Dieser Nerv versorgt den Musculus orbicularis oris und andere mimische Muskeln, die für die Lippenbewegungen verantwortlich sind.
  • Sensible Innervation: Die sensible Innervation der Lippen erfolgt durch den Nervus trigeminus, insbesondere durch seine Äste Nervus maxillaris (für die Oberlippe) und Nervus mandibularis (für die Unterlippe). Diese Nerven sind für die Wahrnehmung von Berührung, Temperatur, Schmerz und Druck in den Lippen verantwortlich.

Funktion der Lippen

Die Lippen erfüllen vielfältige Funktionen:

  • Nahrungsaufnahme: Die Lippen stellen den Ein- und Ausgang der Mundhöhle dar und ermöglichen das Greifen und Festhalten von Nahrung. Bereits im Säuglingsalter verhelfen sie beim Saugen zu einem dichten Verschluss um die weibliche Brustwarze.
  • Sprachbildung: Die Lippen sind wichtig für die Artikulation verschiedener Laute, insbesondere der sogenannten Labiale (z.B. "b", "p", "m"). Sie tragen zur Bildung von Lauten und der Lautstärke bei.
  • Mimik: Die Bewegung der Lippen ermöglicht es, Einfluss auf die mimische Muskulatur zu nehmen und dient der Vermittlung von Emotionen. Die Lippenmuskulatur unterstützt zahlreiche Gesichtsausdrücke wie das Lächeln bei Freude, das Herabhängen der Mundwinkel bei Trauer oder auch das Schmollen bei Verärgerung.
  • Tastorgan: Durch die sehr gute sensible Innervation der Lippen mittels freier Nervenendigungen sind diese sehr berührungsempfindlich. Sie unterstützen schon im Kleinkindalter das Erkunden neuer unbekannter Gegenstände, indem sie häufig von den Kindern in den Mund genommen werden.
  • Sexualität: Volle, runde Lippen werden häufig als Symbol der Sinnlichkeit angesehen und gehören in vielen Kulturen zum Schönheitsideal der Frau. Die Bedeutung für die Sexualität wird besonders beim Küssen deutlich.

Klinische Aspekte der Lippen

Die Lippen können von verschiedenen Erkrankungen und Veränderungen betroffen sein, die ihre Funktion und ihr Aussehen beeinträchtigen können.

Häufige Veränderungen und Erkrankungen:

  • Zyanose (Blaufärbung): Eine Blaufärbung der Lippen (Zyanose) tritt auf, wenn das Blut zu wenig Sauerstoff enthält. Das Blut wird dunkelrot bis blau und scheint daher durch die dünne Haut in diesem Bereich hindurch.
  • Lippenherpes (Herpes labialis): Lippenherpes ist eine Viruserkrankung, die mit der Bildung von schmerzhaften Bläschen einhergeht. Nach der Erstinfektion verbleibt das Virus in den Nervenganglien und kann bei Stress oder Schwächung des Immunsystems reaktiviert werden.
  • Sprödigkeit und Risse: Bei Kälte und Frost neigen die Lippen dazu, spröde und rissig zu werden.
  • Lippen-Kiefer-Gaumenspalte: Die Lippen-Kiefer-Gaumenspalte ist eine angeborene Fehlbildung, bei der die Oberlippe und/oder der Gaumen nicht vollständig verschlossen sind. Dies kann zu Problemen bei der Nahrungsaufnahme, der Sprachentwicklung und der Atmung führen.
  • Lippenkarzinom: Ein Lippenkarzinom ist ein bösartiger Tumor, der meistens an der Unterlippe auftritt. Risikofaktoren sind übermäßiger Tabak- und Alkoholkonsum sowie starke Sonneneinstrahlung.
  • Fazialisparese: Eine Lähmung des Gesichtsnervs (Fazialisparese) kann auch die Lippenfunktion beeinträchtigen. Symptome können ein herabhängender Mundwinkel, Schwierigkeiten beim Sprechen und Essen sowie ein Verlust des Geschmacksempfindens sein.

Weitere klinische Aspekte:

  • Alkoholembryopathie: Eine Alkoholembryopathie kann sich bei Embryonen bedingt durch den Alkoholismus einer schwangeren Frau entwickeln.
  • Habsburger Unterlippe: Als Habsburger Unterlippe wird eine stark ausgeprägte Unterlippe bezeichnet, die durch eine Überentwicklung des Unterkiefers zustande kommt.
  • Lippenkorrekturen: In der plastischen Chirurgie können Lippenkorrekturen durchgeführt werden, um die Form und Größe der Lippen zu verändern. Beispielsweise kann Fett aus einem anderen Gewebe des Körpers entnommen und mittels Fetttransfer die Lippen aufgespritzt werden.
  • Lippenbändchen-Korrektur: Ein zu stark ausgeprägtes Lippenbändchen kann Probleme im Mund hervorrufen. So entsteht daraus zum Beispiel oft eine Zahnlücke, die mit Sprachfehlern, wie Lispeln, einhergehen kann. In diesem Fall wird in der Regel schon im Kindesalter eine operative Durchtrennung des Lippenbändchens durchgeführt.

Der Musculus orbicularis oris im Detail

Der Musculus orbicularis oris, umgangssprachlich auch als "Mundringmuskel" oder "kissing muscle" bezeichnet, ist ein mimischer Muskel des Gesichts und spielt eine bedeutende Rolle für die Funktion des Mundes. Er ermöglicht das Schließen des Mundes, das Vorstrecken der Lippen und ist wichtig für die Artikulation von Lauten, die Kommunikation und das Küssen.

Aufbau:

Der Musculus orbicularis oris hat seinen Ursprung an der Maxilla (Oberkiefer) und der Mandibula (Unterkiefer). Er besteht aus einer Pars labialis und einer Pars marginalis. Die Pars labialis verläuft ringförmig um den Mund herum, während die Fasern der Pars marginalis die Basis des Lippenrots bilden und in ihr sich die Mundwinkel befinden.

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Funktion:

Bei Kontraktion bewegt der M. orbicularis oris die Lippen und schließt sowie spreizt sie durch seinen konzentrischen Verlauf. Er ist ein bedeutender mimischer Muskel für das Küssen (kissing muscle) und die Kommunikation. Bei der verbalen Kommunikation spielt er eine zentrale Rolle beim Artikulieren und Formen von Lippenlauten wie dem “B” oder “P”.

Klinische Relevanz:

Eine Schädigung des Nervus facialis kann zu Lähmungen des Musculus orbicularis oris führen, was sich in einer Beeinträchtigung der Lippenbewegungen äußert.

Fazialisparese und ihre Auswirkungen auf den Mundbereich

Eine Lähmung des Gesichtsnervs (Fazialisparese) kann verschiedene Symptome im Mundbereich hervorrufen:

  • Muskelschwäche: Eine Muskelschwäche in der Mundregion kann sich durch einen herabhängenden Mundwinkel und das Verbleiben von Speiseresten in der Wangentasche der betroffenen Seite zeigen.
  • Orale Inkontinenz: Es kann eine orale Inkontinenz auftreten, d.h. die Unfähigkeit, insbesondere Flüssigkeiten im Mund zu behalten.
  • Geschmackstörungen: Es kann zu Geschmackstörungen in den vorderen zwei Dritteln der Zunge kommen, da diese nicht wie das hintere Zungendrittel durch den neunten Hirnnerv (N. glossopharyngeus), sondern durch einen Ast des N. facialis (Chorda tympani) nerval versorgt werden.
  • Mundtrockenheit (Xerostomie): Eine Fazialisparese kann sich auch in Mundtrockenheit (Xerostomie) niederschlagen.
  • Atrophie des Mundringmuskels: An eine Fazialisparese kann sich auch die Rückbildung (Atrophie) des Mundringmuskels (M. orbicualris oris) anschließen.
  • Kieferklemme (Trismus): Ein weiteres orales Symptom der Fazialisparese kann die Kieferklemme (Trismus) darstellen.

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