Nervenkrankheiten können jeden treffen, unabhängig von Ruhm oder Reichtum. Prominente Persönlichkeiten, die offen mit ihren Diagnosen umgehen, tragen dazu bei, das Bewusstsein für diese oft missverstandenen Leiden zu schärfen und Tabus zu brechen. Dieser Artikel beleuchtet einige prominente Nervenkrankheiten, darunter Polyneuropathie, Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und andere neurologische Erkrankungen, von denen bekannte Persönlichkeiten betroffen sind oder waren.
Jürgen Drews und die Polyneuropathie
Schlagerlegende Jürgen Drews beendete seine erfolgreiche Karriere aufgrund einer unheilbaren Nervenkrankheit, der peripheren Polyneuropathie. Drews verkündete bereits 2021, dass er an dieser Krankheit leidet, die es ihm nicht immer einfach macht. Seine Tochter Joelina erklärte in einem Interview, dass ihr Vater an manchen Tagen sehr erschöpft und schwach sei, über Schwindel klage und nichts Großes unternehmen wolle.
Trotz der Diagnose scheint der 78-Jährige voller Tatendrang zu sein. Gemeinsam mit seiner Tochter hat er den Song „Mein größtes Geschenk“ herausgebracht. Er betonte, dass es ihm nicht so schlecht gehe, wie in den Medien behauptet. Er fühle sich seinem Alter entsprechend wohl.
Joelina betonte, dass ihr Vater im Kopf und körperlich jung geblieben sei. Insbesondere bei Besuch gehe es ihm gut. Er blühe total auf, wenn Joelina und ihr Freund ihn besuchen und Zeit mit ihm verbringen. Er genieße den Austausch mit der jüngeren Generation. Es gäbe viele gute Tage, an denen er im Garten sei, Sport mache oder Zeit mit seinen Liebsten verbringe. Während früher die Musik sein Leben bestimmt habe, genieße er nun die Zeit zu Hause, am liebsten in seinem Garten. Er begleite seine Mutter zum Reiterhof und schaue Dokumentationen, um sich weiterzubilden.
Drews lässt sich trotz Bühnenabschied nicht von seiner Krankheit entmutigen. Er sagte in einem Interview, dass die Krankheit im Alltag keine große Rolle für ihn spiele. Er habe bisher keine Schmerzen, nur sein Gang sei nicht mehr so flüssig und schnell wie früher. Auch seine Pirouetten auf der Bühne konnte er zuletzt nicht mehr drehen. Dass er langsamer und weniger beweglich sei, sei aber auch eine Begleiterscheinung des Älterwerdens.
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Joelina schildert, dass ihr Vater nur unter einer leichten Form der Polyneuropathie leide. Doch die Krankheit dürfe man nicht unterschätzen. Ein Symptom können Gangschwierigkeiten sein. Bei ihm sei es zum Beispiel oft so, dass er nach einer halben Stunde ein klein wenig nach vorne gebeugt laufe.
Was ist Polyneuropathie?
„Neuropathie“ bedeutet Nervenleiden und „poly“ heißt viele. Bei einer Polyneuropathie erkranken also viele Nerven. Bei der Krankheit sind periphere Nerven betroffen. Darunter versteht man alle Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks. Dazu zählen motorische Nerven, die die Muskeln steuern, und Empfindungsnerven, die beispielsweise Schmerzreize erfassen. Daneben gibt es noch Nerven, die etwa die Funktion der inneren Organe beeinflussen. Sie werden als "autonomes" oder "vegetatives" Nervensystem bezeichnet.
Bei einer Polyneuropathie sind die Nervenfasern geschädigt oder zerstört. Dadurch entstehen bei den Betroffenen Beschwerden. Rund fünf Millionen Deutsche leiden an dieser Krankheit.
Symptome der Polyneuropathie
Bei der Polyneuropathie kommt es zur Schädigung peripherer Nerven, beispielsweise in den Beinen und Armen. Dadurch kann die Reizleitung beeinträchtigt werden. Je nach Ausprägung kann es zu folgenden Symptomen kommen:
- Missempfindungen
- Kribbeln
- Brennen
- Stechende Schmerzen
- Taubheitsgefühle
In fortgeschrittenen Stadien oder schlimmen Fällen treten Muskelkrämpfe, Muskelzucken, Muskellähmungen und Muskelschwund auf. In diesen Phasen sind Patienten auf Hilfen wie Rollator oder Rollstuhl angewiesen. Gerade wenn die Arm- und Beinmuskulatur betroffen sind, passiert dies schnell.
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Schädigung der autonomen Nerven
Sind die autonomen beziehungsweise vegetativen Nerven geschädigt, also Nerven, die Organe wie Herz, Lunge, Magen und Darm sowie Blase steuern, kann es außerdem zu weiteren Komplikationen kommen, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen.
So kann eine Schädigung der Darmnerven zu Durchfall und Verstopfung führen, die Schädigung der Blasennerven zu Entleerungsstörungen und Inkontinenz.
Lebensgefährlich wird es, wenn das Herz und die Lunge in Mitleidenschaft gezogen sind. Denn eine fortgeschrittene Schädigung der Nerven am Herzen kann zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen und eine Schädigung der Lungennerven in fortgeschrittenen Fällen sogar zu einem Atemstillstand.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Krankheit kann viele Ursachen haben. Es konnten mittlerweile 200 Risikofaktoren gefunden werden, die den Ausbruch dieser Krankheit begünstigen. Am häufigsten stecken aber Diabetes Typ 1 oder Typ 2 und Alkoholmissbrauch dahinter.
Polyneuropathie kann aber auch in Folge anderer chronischer und akuter Erkrankungen auftreten. Auch Giftstoffe (Arsen und Blei) können die Krankheit auslösen. Sie tritt auch häufig als typische Nebenwirkung einer Krebsbehandlung auf, da Krebsmedikamente nicht nur Krebszellen zerstören, sondern auch Nervenzellen schädigen können.
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Weitere Ursachen sind:
- Vitamin-B12-Mangel
- Nierenerkrankungen
- Lebererkrankungen
- Unter- und Überfunktion der Schilddrüse
- Gicht
Auch genetische Faktoren können bei der Entstehung von Polyneuropathie eine Rolle spielen. In 20 Prozent der Fälle bleiben die Ursachen allerdings ungeklärt.
Behandlungsmöglichkeiten
Eine Polyneuropathie lässt sich nicht rückgängig machen, zumal sie häufig auch erst spät entdeckt wird. Aber das Fortschreiten der Krankheit kann vermieden und auch die Beschwerden können gelindert werden.
Als erstes muss die Ursache geklärt werden. Steckt beispielsweise Diabetes dahinter, muss der Blutzucker des Patienten gut eingestellt werden. Liegt beispielsweise ein B-12-Mangel der Erkrankung zu Grunde, sollte dieser durch eine gezielte Ernährung und die Gabe eines Vitaminpräparats ausgeglichen werden. Bei Alkoholmissbrauch muss ein Entzug erfolgen.
Je nach Fortschritt der Krankheit kann Physiotherapie beispielsweise dabei helfen, geschwächte Muskeln zu aktivieren und einer Einschränkung der Mobilität zu verhindern.
Wer unter Schmerzen leidet, hat verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, von Acetylsalicsäure und Paracetamol bis hin zu krampflösenden Mitteln wie Gabapentin und Pregabalin. Auch Antidepressiva kommen im Rahmen der Schmerzbehandlung zum Einsatz. Auch eine Reizstromtherapie kann in Einzelfällen dabei helfen, Schmerzen zu lindern.
Ralph Siegel und die periphere Polyneuropathie
Wie Jürgen Drews leidet auch Komponist und Musikproduzent Ralph Siegel an einer chronischen Nervenerkrankung, wie bekannt wurde. Er erhielt die Diagnose vor etwa einem dreiviertel Jahr.
Periphere Polyneuropathie beeinträchtigt vor allem Füße und Hände. Die Weiterleitung von Reizen über die Nervenfasern ist teilweise oder ganz gestört. Betroffene spüren dann oft weniger an beiden Füßen, manchmal auch an den Händen. Sie bemerken zunächst ein Kribbeln, das sich wie laufende Ameisen anfühlt, oder es tritt ein Taubheitsgefühl ein. Die Wahrnehmung von Berührungen und Schmerzen nimmt ab. Heißes und Kaltes kann manchmal nicht mehr gespürt werden, die Sensibilität ist gestört.
Im weiteren Verlauf können auch brennende, stechende Schmerzen und Schmerzattacken hinzukommen. Auch eine gesteigerte Schmerzempfindlichkeit ist möglich, die schon durch kleinste Berührungen ausgelöst werden kann.
In der Folge fühlen Betroffene oft nicht mehr die Lage ihrer Gelenke, gehen wackelig und stehen unsicher. Das Sturzrisiko erhöht sich deutlich. Weil sie weniger benutzt werden, bauen sich Muskeln ab und werden schwach.
Die Ursachen für eine fehlerhafte Weiterleitung der beschriebenen Reize sind sehr vielfältig, bisher kennt man gut 200 Auslöser. In bis zu 40 Prozent der Fälle ist allerdings Diabetes der Grund. Am zweithäufigsten kommt es bei übermäßigem Alkoholkonsum zu dauerhaften Nervenschäden. Auch Medikamente, die in der Chemotherapie eingesetzt werden, sowie Umweltgifte wie Arsen, Blei und Quecksilber können die Leitfähigkeit der Nerven deutlich stören.
Neben diesen chronischen Formen gibt es noch eine akute Form der Erkrankung. Diese wird unter anderem durch Gifte von Bakterien wie bei der Diphterie oder durch Chemikalien wie Trikresylphosphat, das als Flammschutzmittel und als Weichmacher für PVC benutzt wird, ausgelöst.
Vor allem ältere Menschen erkranken an peripherer Polyneuropathie. Ihr Durchschnittsalter liegt bei rund 65 Jahren. Insgesamt sind fünf bis acht Prozent aller Erwachsenen davon betroffen, davon zwei Drittel Männer.
Damit die Beschwerden bestmöglich behandelt werden können, sollten Betroffene auf jeden Fall bei ersten Störungen zum Arzt gehen. Entscheidend ist herauszufinden, was das Missempfinden auslöst und woher gegebenenfalls die Schmerzen kommen. Bei mindestens 70 Prozent der Patienten kann die Entstehung und Entwicklung der Krankheit aufgeklärt werden. Ist die Ursache tatsächlich Diabetes, empfehlen Ärzte, den Lebensstil zu verändern und die Diabetes-Medikamente besser einzustellen. Auch medizinische Schuhe und Fußpflege können helfen, die Beschwerden zu lindern. Wer durch extremen Alkoholkonsum Schäden an den Nervenfasern hat, der hat gute Chancen, dass sich diese durch den Verzicht auf Alkohol zurückbilden. Alkoholiker leiden oft an einem Mangel an gesunder Ernährung und nehmen deshalb zu wenig Vitamin B zu sich. Wenn sie regelmäßig Vitamin B12 einnehmen, können sie den Störungen entgegenwirken.
Gegen die bei der peripheren Polyneuropathie ausgelösten Schmerzen gibt es verschiedene Medikamente. Manchen Patienten reicht ein lokales Schmerzpflaster, manche benötigen allerdings Schmerzmittel mit Opiaten - das richtet sich sehr stark nach der Ursache der Nervenstörung. Da viele Schmerzmedikamente auch starke Nebenwirkungen haben, hat die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) dazu eine Leitlinie herausgegeben, die weitere Auskünfte gibt.
Darüber hinaus gibt es noch zusätzliche Therapiemöglichkeiten wie Akupunktur, Wechselbäder, in gewissem Rahmen Sport, Physiotherapie sowie Magnesium gegen Muskelkrämpfe in den Beinen. Auch mit psychotherapeutischer Hilfe und in Selbsthilfegruppen können Betroffene lernen, mit der Krankheit und ihren Symptomen zu leben und umzugehen.
Wenn Ärzte Patienten mit peripherer Poyneuropathie behandeln, versuchen sie zunächst, die Ursachen zu beheben. Ein auslösendes Medikament wird dann eingestellt oder ein Mangel in der Ernährung ausgeglichen. Lässt sich die Ursache jedoch nicht identifizieren, versucht man zumindest, das Fortschreiten der Schäden zu verhindern, die Symptome zu verringern und die Belastung durch Schmerzen so gering wie möglich zu halten.
Stephen Hawking und ALS
Der berühmte Astrophysiker Stephen Hawking erlangte nicht nur durch seine wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern auch durch seine Erkrankung an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) weltweite Bekanntheit. Im Alter von 21 Jahren erhielt er die Diagnose ALS, einer seltenen Nervenkrankheit, bei der nach und nach jene Nervenzellen absterben, die für die Steuerung der Muskeln verantwortlich sind.
Dies führt zu einer fortschreitenden Muskellähmung. Zunächst kommt es zu Einschränkungen bei der Bewegung, dann können die Patienten nicht mehr gehen, schließlich haben sie Schwierigkeiten beim Schlucken, Sprechen und Atmen. Zuletzt konnte Hawking nur noch über seine Augen mit der Außenwelt kommunizieren.
Nach der Diagnose ALS stirbt jeder zweite Patient innerhalb der ersten drei Jahre. Stephen Hawking lebte mit der unheilbaren Krankheit länger als ein halbes Jahrhundert. Allerdings litt er unter einer Variante, der sogenannten chronisch-juvenilen ALS, die einen sehr langsamen Verlauf hat. Eine Rolle hat bei Hawkings langem Leben mit der Krankheit wohl auch gespielt, dass dem berühmten Wissenschaftler eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung zuteil wurde.
Weil die Krankheit den Intellekt und das Bewusstsein nicht beeinträchtigt, konnte Hawking trotzdem eine Karriere als theoretischer Physiker vollbringen.
Seit 1985 konnte Hawking nur noch mithilfe eines Sprachcomputers kommunizieren. Viele Jahre steuerte er über die Bewegung eines Wangenmuskels den Cursor auf dem Computerbildschirm. Dann war er auch dazu nicht mehr in der Lage. Zuletzt war es nur noch über die Bewegung der Augen möglich.
Weil die Amyotrophe Lateralsklerose bis heute nicht heilbar ist, liegt der Schwerpunkt der Therapie auf einer Linderung der Symptome sowie der psychologischen Betreuung. Durch den Verlust des Schluckvermögens und die Beeinträchtigung der Atemmuskulatur ist bei ALS-Patienten die Wahrscheinlichkeit für eine Lungenentzündung groß. Tatsächlich sterben viele von ALS Betroffene an den Folgen einer Lungenentzündung.
Auch Hawking litt 1985 unter einer Lungenentzündung. Bei einem Besuch des europäischen Forschungszentrums Cern in Genf kam es damals zum medizinischen Notfall - akute Atemnot. Ein Luftröhrenschnitt rettete ihm das Leben, doch seitdem hatte er keine Stimme mehr und war auf den Sprachcomputer angewiesen. Seit 1968 saß er im Rollstuhl, und seit 1974 war Hawking komplett pflegebedürftig.
ALS ist eine weltweit vorkommende, aber seltene Erkrankung. Jährlich erkranken von 100.000 Menschen ein bis drei neu. Die Zahl der erkrankten Personen je 100.000 Menschen liegt bei drei bis acht. Meist tritt die Erkrankung erst zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr auf, wobei das mittlere Erkrankungsalter bei 57 Jahren liegt.
Die Ursachen von ALS liegen noch im Dunkeln. Die meisten Fälle treten sporadisch, also ohne familiäre Häufung auf. Dennoch scheint es einige Genmutationen zu geben, die eine Erkrankung fördern können.
ALS ist auch unter der Bezeichnung Lou-Gehrig-Syndrom bekannt. Sie leitet sich von dem New-York-Yankees-Baseballspieler Lou Gehrig ab, der noch als aktiver Sportler im Alter von 36 Jahren an ALS erkrankte.
Hawking war nicht der einzige Prominente mit ALS. Auch der amerikanische Dramatiker und Schauspieler Sam Shepard litt an dieser Krankheit und thematisierte seinen körperlichen Verfall im Buch „Spy of the First Person“, das posthum erschien. Der Maler Jörg Immendorff wurde ebenfalls Opfer von ALS.
Weitere Prominente und ihre Nervenkrankheiten
Neben Drews, Siegel und Hawking gibt es weitere prominente Persönlichkeiten, die offen über ihre Nervenkrankheiten sprechen:
- Bruce Willis: Frontotemporale Demenz, eine seltene und schnell fortschreitende Form der Gehirnerkrankung.
- Wendy Williams: Frontotemporale Demenz.
- Michael J. Fox: Parkinson-Krankheit.
- Christina Applegate: Multiple Sklerose (MS).
- Selma Blair: Multiple Sklerose (MS).
Die "Ice Bucket Challenge" und ALS
Die "Ice Bucket Challenge" wurde im Sommer zu einem viralen Phänomen, um Spenden zur Bekämpfung des Nervenleidens Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) zu sammeln. Dabei übergossen sich Prominente und Privatpersonen vor laufender Kamera mit eiskaltem Wasser und nominierten andere, es ihnen gleichzutun oder eine Spende zu leisten.
Die Aktion erzeugte große Aufmerksamkeit für die Krankheit und sammelte Millionen von Dollar an Spenden. Die ALS Association teilte mit, dass sie seit dem 29. Juli 41,8 Millionen Dollar (rund 31,5 Millionen Euro) Spenden erhalten habe. Im gleichen Zeitraum des Jahres seien es 2,1 Millionen Dollar gewesen.
Trotz des Erfolgs gab es auch Kritik an der Aktion, da der eigentliche Zweck, auf die Krankheit aufmerksam zu machen, manchmal in den Hintergrund geriet.