Nerven-Sinnes-System in der Anthroposophie: Eine Erklärung

Die Anthroposophie, begründet von Rudolf Steiner, ist eine Weltanschauung, die den Menschen als ein Wesen betrachtet, das nicht nur physisch, sondern auch seelisch und geistig existiert. Sie geht davon aus, dass es neben der sinnlich erfahrbaren Welt auch eine übersinnliche Ebene gibt, die unser Leben beeinflusst und durchdringt. Diese Erkenntnisse beinhalten auch nicht-materieller Kräfte und Prozesse und ermöglichen so eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen, des Tier-, Pflanzen- und Mineralreichs, ja der ganzen Erde und des Kosmos. Die Anthroposophie hat dazu Methoden der Schulung, Wahrnehmung und Erforschung entwickelt die eine Umsetzung der geistigen Erkenntnisse in anwendbare Systeme ermöglichen. In Kunst und Architektur, sowie in der Pädagogik, der Landwirtschaft und der Heilkunde sind anthroposophisch-basierte Initiativen und Unternehmen seit vielen Jahrzehnten fester Bestandteil.

Die funktionelle Dreigliederung des menschlichen Organismus

Der Gedanke der funktionellen Dreigliederung des menschlichen Organismus beruht auf dreißig Jahren Forschung Rudolf Steiners über den Leib-Seele-Zusammenhang, die er erstmals 1917 im Anhang seines Buches „Von Seelenrätseln“ publizierte. Er kam zu der Einsicht, dass die menschlichen Seelenfähigkeiten des Denkens, Fühlens und Wollens nicht vom Nervensystem erzeugt werden - im Gegenteil: Das Nervensystem wird durch sie aufgebaut und durch regelmäßige Nutzung erhalten. Die funktionelle Gliederung nach drei Funktionsaspekten bildet sich räumlich im polaren Aufbau des Körpers mit einer rhythmisch gestalteten Mitte ab. Die Prozesse in diesen drei Systemen stellen die leiblichen Grundlagen dar für das Wahrnehmen und Denken (das Oben), für Bewegung, Tun und Wollen (das Unten) und für das Fühlen (die Mitte). Das sind die drei menschlichen Seelenfähigkeiten.

Rudolf Steiner war sich bewusst, dass seine Entdeckung der seelischen Dreigliederung in Verbindung mit der körperlich-physiologischen und deren naturwissenschaftliche Begründung einer umfangreichen Publikation bedurft hätten, die er während des Ersten Weltkrieges jedoch nicht leisten konnte. Er schreibt: „Ihre Begründung kann durchaus mit den heute vorhandenen wissenschaftlichen Mitteln gegeben werden. Was macht diese Sichtweise des menschlichen Organismus auch für den gesundheitswissenschaftlichen Ansatz so wertvoll? Sie macht den polaren Bau des menschlichen Organismus funktionell und morphologisch transparent. Sie führt nicht nur zu einer neuen Sicht auf die Entstehung von Krankheit, sondern auch zu einem Konzept für die Entstehung und Erhaltung von Gesundheit (Salutogenese, Hygiogenese) (vgl. Gesundheit: Salutogenese - die Lehre von der Gesundheit ).

Morphologisch betrachtet sind die Rundheit der Schädelform und die radiale Form der Gliedmaßen echte Polaritäten. Entsprechend polar stehen auch die bewussten, im Kopf zentrierten Denk- und Sinnestätigkeiten den unterhalb des Zwerchfells lokalisierten unbewussten metabolischen Auf- und Abbauvorgängen gegenüber. Dazwischen entfalten sich die rhythmischen Transport- und Verteilungssysteme, wie sie von den Atmungsorganen und dem Herzen als Mittelpunkt des Kreislaufsystems ausgehen. Stoffwechselsystem (STGS): die überwiegend im Abdomen lokalisierte „untere Organisation". Dieser Dreigliederung entspricht bereits die Polarität von Ektoderm und Entoderm und den sich aus dem Zusammenspiel beider ergebenden sekundären mesodermalen Strukturen in der Embryonalentwicklung. Sie findet sich aber auch in der Formation des Skelettes wieder: Wirbelsäule und Brustkorb haben einen rhythmisch gegliederten Aufbau (Wirbel, Rippen), im Gegensatz zur radialen Form der Extremitäten und der sphärischen des Kopfes. Diese Beispiele sollen verdeutlichen, dass sich die funktionelle Gliederung nach drei Funktionsaspekten räumlich im polaren Aufbau des Körpers mit einer rhythmisch gestalteten Mitte abbilden. Selbstverständlich gehört auch der Nervenzell-Stoffwechsel den Stoffwechselfunktionen an. Umgekehrt ist das vegetative Nervensystem, das wahrnehmend und regulierend auf das gesamte Stoffwechselgeschehen einwirkt, Bestandteil des Nervensinnessystems. Entsprechend ist das rhythmische System mit seinen Funktionsleistungen auch im Nervensinnes-System und beim Stoffwechsel wirksam: Die kurzwelligen Rhythmen der elektrochemischen Hirnpotentiale im Sekundenbereich und die langwelligen Eigenrhythmen der Stoffwechselorgane (z.B. Magen / Darmmotilität) im Stundenbereich sind Teil der rhythmischen Gesamtordnung im dreigliedrigen Organismus.

Das Nerven-Sinnes-System

Nur das wachbewusste Denken und die Sinnesbeobachtung stützen sich auf die Funktion des Nerven-Sinnes-Systems. Dazu gehören auch die Vorstellungen, die wir uns von unseren Gefühls- und Willenserlebnissen machen. Wahrnehmen, wie auch Vorstellen, Erinnern und Begreifen sieht er im Zusammenhang mit den im Kopf konzentrierten Sinnesorganen, aber auch mit dem Nervensystem und dem Gehirn; sie bilden die physiologischen Grundlagen des bewussten Seelenlebens. Dazu zählte er allerdings nicht die Fähigkeit des Fühlens und des Wollens. Bei den aufmerksamen, schnellen Nagetieren z.B. überwiegen die Nerven-Sinnesprozesse, während bei den Wiederkäuern die überwiegende Stoffwechseltätigkeit durch die Ausbildung eines sehr differenzierten Verdauungssystems und damit eine eindrückliche Verdauungsleistung zum Vorschein kommt.

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Das Rhythmische System

Das Gefühlsleben hingegen zeigte sich ihm in unmittelbarer funktioneller Resonanz mit der rhythmischen Funktionsordnung von Herz-Kreislaufsystem und Atmung. „Man muss nur die Physiologie des Atmungsrhythmus im rechten Lichte sehen, so wird man umfänglich zur Anerkennung des Satzes kommen: die Seele erlebt fühlend, indem sie sich dabei ähnlich auf den Atmungsrhythmus stützt wie im Vorstellen auf die Nervenvorgänge.

Das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System

Und bezüglich des Wollens findet man, dass dieses sich in ähnlicher Art stützt auf Stoffwechselvorgänge. Wieder muss da in Betracht gezogen werden, was alles an Verzweigungen und Ausläufern der Stoffwechselvorgänge im ganzen Organismus in Betracht kommt. Die Wesensglieder und Funktionen der Dreigliederung stehen in einem beweglichen Gleichgewicht und sind spezifisch für den individuellen Menschen, für jede Tier-Art, jedes Tier, jedes Organ-System, jedes Organ, jedes Gewebe.

Anthroposophische Medizin: Eine Erweiterung der Schulmedizin

Die anthroposophische Medizin, entwickelt von Rudolf Steiner und Ita Wegman, ist eine Komplementärmedizin, die schulmedizinische Konzepte ergänzt. Sie betrachtet den Menschen als ein viergliedriges Wesen, bestehend aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Krankheit wird als eine Störung der Harmonie zwischen diesen Wesensgliedern verstanden. Die Therapie zielt darauf ab, diese Harmonie wiederherzustellen, indem die natürlichen Heilungskräfte gestärkt werden.

Therapieansätze in der Anthroposophischen Medizin

Neben medikamentösen Therapien kommen auch Verfahren wie Heileurythmie, rhythmische Massage, Biographiearbeit oder Kunsttherapie zum Einsatz. Anthroposophische Medizinerinnen sind ausgebildete Ärztinnen, die eine entsprechende Weiterbildung absolviert haben, die anthroposophische Heilkunst selbst steht aber auch anderen zur Verfügung. Anthroposophische Medizinerinnen bauen bei der Behandlung eines Menschen auf die Schulmedizin auf. Sie nutzen moderne Diagnoseverfahren und Therapien. Darüber hinaus berücksichtigen sie psychische und biografische Faktoren wie die Persönlichkeit des/der Patientin und Besonderheiten seines/ihres Lebens.

Anthroposophische Arzneimittel spiegeln in ihrer Zusammensetzung diese Aufteilung wider. Nichtmedikamentöse und physikalische Maßnahmen wie Heileurythmie, rhythmische Massage, künstlerische und Gesprächstherapien ergänzen das ganzheitliche Behandlungskonzept. Die drei Ebenen physischer, ätherischer und astralischer Leib steuern und beeinflussen sich gegenseitig. Die vierte Ebene als Zentrum der Persönlichkeit organisiert die Vermittlung. Neben der Dreiteilung Körper, Seele, Geist ist der Mensch in drei Körperregionen geordnet: das Nerven-Sinnes-System und das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System, zwischen beiden vermittelt das Rhythmische System.

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Krankheit ist kein Schaden, den es zu beheben gilt wie bei einem Motor. Sie ist Ausdruck eines Ungleichgewichtes und zugleich Chance für das Individuum, sich weiterzuentwickeln und Erkenntnisse zu gewinnen. Eine Krankheit ist ein Ausdruck der Seele und des Geistes. Anthroposophische Medizinerinnen behandeln ihre Patientinnen auf Grundlage eines ganzheitlichen Konzeptes. gesunder Lebenswandel, z.B. Behandlungen sind stets individuell und biographiebezogen. Leidet ein Patient an Bluthochdruck, kann es sein, dass eine andere Person mit demselben Krankheitsbild eine völlig andere Behandlung benötigt. Dies liegt daran, dass die Symptome unterschiedliche Ursachen oder Dysbalancen haben können. Gemeinsam bei allen Behandlungen ist, dass nicht nur das Symptom „erhöhter Blutdruck“ behandelt wird. Anthroposophische Medizin betrachtet, ebenso wie Homöopathie, den Menschen ganzheitlich und individuell. Ebenfalls geht es Therapeut*innen beider Richtungen darum, die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Wirkstoffe anthroposophischer Medikamente werden häufig in homöopathischer Form potenziert, allerdings nur bis maximal D30. Anthroposophie wählt Wirkstoffe nicht nach dem homöopathischen Prinzip der Ähnlichkeit aus, sondern orientiert sich an ihrer Entstehungsgeschichte und dem Stoffwechsel der Substanz. Dabei spielen die Gestalt und das Wesen der Pflanzen eine zentrale Rolle.

Die Rolle der Pflege in der Anthroposophie

Pflege bedeutet für uns vor allem, dem Menschen im Schutze der hüllegebenden Pflege wieder zu Selbständigkeit und Autonomie zu verhelfen - kurzum: zu einem menschenwürdigen Dasein. Das schließt den Respekt vor der Individualität ebenso ein wie die Zugewandtheit und Fürsorge für eine pflegebedürftige Persönlichkeit. Menschliche Zuwendung und fachliche Kompetenz zeichnen unsere Pflegenden aus: Alle Pflegenden im Paracelsus-Krankenhaus beherrschen selbstvertändlich die gängigen pflegerischen Tätigkeiten wie Wundversorgung, Infusionstherapie und Notfall-Maßnahmen. Pflege bedeutet für uns jedoch mehr, als den Patienten „satt, sauber und warm“ zu halten.

Das Waschen zum Beispiel ist eine zentrale pflegerische Aufgabe. In der anthroposophischen Pflege verstehen wir das aber nicht nur als hygienische Notwendigkeit, sondern als eine besondere Form der pflegerischen Zuwendung. Als ein Ritual, das den Tag ebenso wie Essen, Aufstehen und Schlafen rhythmisch gliedert und die Lebenskräfte anregt. Beim Waschen beachten wir auch vermeintliche Kleinigkeiten wie: Soll das Wasser eher lauwarm oder körpertemperiert sein? Welcher Zusatz ist sinnvoll: anregender Rosmarin oder beruhigender Lavendel? Auch der Druck und die Art, wie der Waschhandschuh über die Haut gleitet, erfordert Beachtung: kreisendes Massieren auf größeren Flächen an Rücken, Brust und Bauch vertieft die Atmung und fördert die Entspannung.

Eine solche Waschung ist nicht nur eine willkommene Erfrischung für Schwerkranke oder eine heilsame Abkühlung bei hohem Fieber. Sie fördert eine positive Selbstwahrnehmung, regt die Sinne an und vermittelt ein wohliges, rundum heiles Körpergefühl. Wir verstehen Pflege deshalb mehr als Pflegetherapie, wobei wir auf den großen Schatz der anthroposophischen äußeren Anwendungen zurückgreifen. Dazu gehören vor allem Wickel und Auflagen sowie die Rhythmischen Einreibungen nach Dr. Ita Wegman und Dr. Margarethe Hauschka. Diese Anwendungen wirken meist so tiefgreifend, dass der Effekt unmittelbar spürbar ist. Ein Wickel stärkt die Funktion eines bestimmten Organs, wirkt ausgleichend und harmonisierend, anregend oder beruhigend - je nachdem, wie und wo er eingesetzt und welche Substanzen verwendet werden.

Beispiele für Anwendungen in der anthroposophischen Pflege

  • Schafgarben-Leberwickel: Unterstützt und stärkt die Lebertätigkeit. Für einen solchen Leberwickel werden getrockentes Schafgarbenkraut und -blüten mit kochendem Wasser aufgebrüht.
  • Ingwer-Nierenwickel: Entfaltet eine tiefgehende Wärme, besonders in der Nierenregion.
  • Bauchauflage mit Lavendelöl: Wirkt beruhigend auf die Darmtätigkeit und den gesamten Organismus.
  • Bienenwachs-Auflage: Wirkt wärmend, meist am Rücken aufgelegt.
  • Rhythmische Einreibung nach Wegman/Hauschka: Eine Berührungskunst, die verbindet und löst, schwingt und innehält, ein- und ausatmet. Sie unterstützt das Gesundwerden und die Heilungsprozesse auf allen Ebenen: leiblich ebenso wie seelisch und geistig.

Die Bedeutung des Tieres in der Anthroposophie

Die Anthroposophie betrachtet Tiere nicht nur als biologische Wesen, sondern auch in ihrer spirituellen Bedeutung. Fragen wie: "Was ist ein Tier?", "Wie ist der Zusammenhang zur geistigen Welt, mit der Entwicklung der Erde?", "Hat das Tier eine Seele?" werden aus anthroposophischer Sichtweise betrachtet.

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Nach anthroposophischer Sichtweise ist das « Ich » für jeden einzelnen Menschen individuell. Es ist der Teil des Menschen, der sich von einem Leben zum nächsten immer wieder auf der Erde inkarniert und sich durch die dabei gemachten Erfahrungen weiterentwickelt. Über die anthroposophische Sichtweise vom „Ich“ der Tiere gibt es viele Diskussionen, denn das Tier-Ich ist demnach nicht vollständig im Erdenleib eines Tieres inkarniert sondern existiert in der geistigen Welt. Es ist auch nicht ein persönliches Ich, sondern entspricht eher Ursprung und Führung einer Tierart und wird deswegen auch Gruppen-Ich genannt. Mit ihm hängt der Instinkt der Tiere zusammen. Es prägt die andern Wesensglieder jedes Einzeltiers, daher sind sich Tiere einer Art untereinander ähnlicher als Menschen untereinander.

Anthroposophische Tiermedizin

Die anthroposophische Tiermedizin gibt es seit über 100 Jahren und stellt einen ganzheitlichen Therapieansatz dar. Sie basiert im Wesentlichen auf der Diagnose des gestörten Gleichgewichts der Funktionen und / oder der Wesensglieder. Es ist zu berücksichtigen, dass die Tiere, insbesondere die Haus- und Heimtiere, die die Mehrzahl unserer Patienten ausmachen, in einem engen sozialen Kontakt mit ihrer Umgebung und ihren Menschen stehen und auch diese Einflüsse bewältigen müssen. Nutztiere sind ebenso der durch den Menschen vorgegebenen Haltungsumwelt ausgesetzt. Die Qualität der Mensch-Tier-Beziehung kann bei Nutztieren und bei Heimtieren in ganz verschiedene Extreme abweichen. Interessanterweise gibt es bei Wildtieren, falls sie in einer intakten Umwelt ohne Störung leben, kaum Krankheiten. Krankheiten treten erst dort auf, wo die Umweltbedingungen sich verändern. Eine Beeinflussung durch uns Menschen und unserer raumgreifenden, natürliche Zusammenhänge missachtenden Kolonialisierung dieser Erde trägt dafür sicher die Hauptverantwortung. Die Behandlung eines kranken Patienten in der Praxis sollte deshalb immer bei der/dem Tierbesitzer/in beginnen, die in der Regel auch unser Ansprechpartner sind. Aufklärung über arttypisches Verhalten und daraus abgeleitete Erfordernisse für Haltung, Fütterung und Betreuung auf materieller und seelischer Ebene kann viel bewirken, auch für die Prophylaxe. Ebenso wichtig wie die Stoff sind ihre Kombinationen und Herstellungsprozesse. Sie sind die Voraussetzung für eine optimale Wirkung im kranken Organismus. Viele Substanzen werden dazu potenziert. Homöopathisch hergestellte Arzneien spielen in der anthroposophischen Medizin eine wichtige Rolle, auch wenn sie unter anderen Gesichtspunkten, als in der klassischen Homöopathie eingesetzt werden. Es werden in der Tiermedizin mit guten bis sehr guten Erfolgen sowohl für Tiere neu konzipierte als auch ausgewählte Heilmittel aus der anthroposophischen Humanmedizin eingesetzt. Es besteht aber immer noch ein immenser Forschungsbedarf. Die Fachgruppe anthroposophische Tiermedizin in der GGTM bemüht sich in regelmäßigen Arbeitstagungen darum. Seit dem Anfang ihrer Entwicklungsgeschichte sind Tiere eine Grundlage für das materielle, seelische und geistige Dasein und die allgemeine und persönliche Weiterentwicklung aller Menschen, ganz besonders auch für uns Tierärzte/innen.

Stress und die Dreigliederung

1917 entwickelte Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, das Konzept der Dreigliederung des menschlichen Organismus. Das vegetative Nervensystem schwingt zwischen Aktivierung und Hemmung, zwischen Eustress und Dysstress hin und her. Jede Anspannung, jede Angst schlägt sich dort nieder und kann durch körperliche Symptome wie Atembeschwerden, Schwitzen, Durchfall oder eine verspannte Körperhaltung sichtbar werden. Eine positive Aktivierung wirkt vor allem aus dem Seelischen und damit aus dem Rhythmischen System. „Der wirklich außerordentliche Beitrag der Anthroposophischen Medizin ist der Begriff des Rhythmischen Systems. Steiner war in dieser Hinsicht seiner Zeit weit voraus!“, meint Schopper. „Dieses System, repräsentiert durch Herz und Lunge, generiert Rhythmus und vermittelt ihn an die übrigen Bereiche. Das Rhythmische System ist der Urquell von Ausgeglichenheit und Gesundheit.“

Sowohl im Arbeitsleben als auch privat sind ein ausgewogener Rhythmus und heilsame Wiederholungen wichtig − als Voraussetzung für Ausgeglichenheit und Gesundheit. „Ein Bauer kannte früher viel oder wenig Arbeit, aber keinen Stress. Er hat aber auch immer im sogenannten Tagwerk-Rhythmus gearbeitet“, betont Schopper. Ergänzend zur Psychotherapie gibt es in Sonneneck ein ganzheitliches Therapieangebot, das Körper, Seele und Geist anspricht. Bei psychosomatischen Erkrankungen schlagen sich Stress und Anspannung, Trauer oder Überforderung in körperlichen Symptomen nieder. Eine Methode, diese Blockaden zu lösen, liegt in körperbasierten Anwendungen - deshalb setzt die Anthroposophische Medizin auf eine Rhythmisierung des Leibes und des vegetativen Nervensystems. Eine ganze Palette körperbetonter Therapien und Anwendungen wirkt gesundend auf das Rhythmische System der Patienten.

Rudolf Steiners Erkenntnisweg zur Dreigliederung

Es war im Jahre 1882, in der Zeit von Steiners Studien in Wien. Er betreibt physiologisch-anatomische und psychologische Forschung. Insbesondere geht er der Frage nach, welches Gestaltungsprinzip den einzelnen Leibesgliedern zu Grunde liegt und wie die verschiedenen Bildungen des Leibes - Kopf, Rumpf und Gliedmaßen - miteinander zusammenhängen. Ausgehend von der Pflanzenwelt entdeckt er die zwei Prinzipien des Lebendigen, die nur übersinnlich wahrnehmbare Grundgestalt (Urbild) und deren Metamorphose; beides wendet er auf die leibliche Bildung des Menschen an.

Noch fasst er diesen Gedanken des Metamorphose-Verhältnisses vom Schädel und den übrigen Knochen des Leibes eher ahnend. In der Form der Gliedmaßen scheinen ihm hingegen diese Gestaltungskräfte am stärksten verborgen, denn in diesem Bereich ist die Auseinandersetzung mit der Schwerkraft und anderen Kräften der Außenwelt und Natur am intensivsten. Steiner wird deutlich, dass bezüglich der Willenstätigkeit des Menschen zwischen der Vorstellung einer Handlung und der Aktivität, mit der die Handlung vollzogen wird, unterschieden werden muss. Denn nur Letzteres ist wirklicher Wille. In der Metamorphose der drei Seelenkräfte - Denken, Fühlen, Wollen - sieht Steiner den unvergänglichen mensch­lichen Geist wirken.

Steiner bleibt also bei der leiblich-physischen Seite der Dreigliederung nicht stehen, sondern erweitert sie um die seelisch-geistige Dimension des Menschen. Das Besondere an dieser Anschauung ist, dass der geistige Kern des Menschen, das Ich, unterschiedlich in den verschiedenen Seelenfähigkeiten des Denkens, Fühlens und Wollens wirkt. Steiners Einsichten wurden zweifellos durch seine naturwissenschaftlichen Studien angeregt, doch handelt es sich bei diesen Einsichten nicht um naturwissenschaftliche, sondern um Erkenntnisse »aus reiner Geisteswissenschaft heraus«. Die Art, wie genau Steiner weiter mit diesen Anschauungen arbeitete, wie er sie für sich überprüft und verifiziert hat, lässt sich nicht leicht rekonstruieren. Er selbst macht dazu nur wenige Andeutungen. Neben dem Studium von naturwissenschaftlicher, aber auch esoterisch-okkulter Literatur vertieft er sich meditativ ins Erleben seelischer Vorgänge und erlangt Einblicke in die übersinnliche Wirklichkeit des Menschen. Um diese geistigen Wahrnehmungen klar zu fassen, sucht er nach sprachlichen Ausdrucks- und Darstellungsformen. Auf jeden Fall betreibt er ausgedehnte physiologische Studien zum Beispiel der Neurologie.

Das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie

Im Jahre 1889 lernt Steiner durch Vermittlung seines Wiener Freundes und Lehrers Friedrich Eckstein das »Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie« von J.W. von Goethe kennen. Hier entdeckt er einen anderen Goethe: nicht den Naturforscher, sondern den Esoteriker. Über Jahre werden die inneren Anregungen, die Steiner aus der Beschäftigung mit dem Märchen erfahren hat, zu einem »wichtigen Meditationsstoff«. Er erkennt in den poetischen Bildern des Märchens, der Schlange und den Irrlichtern, dem Riesen, der schönen Lilie und dem Jüngling, den vier Königen und anderen Gestalten »den großen Zusammenhang des Leiblichen und des Geistigen, des Irdischen und des Übersinnlichen …« - eine spirituelle Menschenkunde.

Im Herbst 1909 unternimmt Steiner den Versuch, seine Erkenntnisse über den Menschen zu formulieren: Er hält Vorträge über »Anthroposophie«, in den folgenden Jahren dann auch über Psychosophie, Pneumatosophie und okkulte Physiologie. Parallel skizziert er die ersten Kapitel eines neuen Buchs mit dem Titel »Anthroposophie«. Die Sinneslehre bildet hier den Ausgangspunkt, doch viele andere Themen, die in den Darstellungen über den dreigliedrigen Menschen nach 1917 ausgeführt werden, klingen hier schon an.

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