In unserer schnelllebigen Zeit, in der ständige Erreichbarkeit, Reizüberflutung und hohe Ansprüche an uns selbst den Alltag bestimmen, ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen unter überreizten Nerven leiden. Die Gedanken kreisen unaufhörlich, Alltagssituationen werden zu unüberwindbaren Herausforderungen und an erholsamen Schlaf ist kaum noch zu denken. Dieser Artikel beleuchtet die Symptome eines überreizten Nervensystems, die möglichen Ursachen und verschiedene Behandlungsansätze, um Körper und Geist wieder in Einklang zu bringen.
Was bedeutet ein überreiztes Nervensystem?
Ein überreiztes Nervensystem, oft auch als vegetative Dystonie oder somatoforme Störung bezeichnet, ist ein Zustand, in dem das vegetative Nervensystem aus dem Gleichgewicht geraten ist. Dieses System, das lebenswichtige Körperfunktionen wie Herzfrequenz, Atmung, Verdauung und Stoffwechsel steuert, arbeitet autonom, also ohne bewusste Steuerung. Gerät das Wechselspiel zwischen dem aktivierenden Sympathikus und dem entspannenden Parasympathikus aus dem Gleichgewicht, kann dies zu einer Vielzahl von unspezifischen Symptomen führen.
Symptome eines überreizten Nervensystems
Die Symptome eines überreizten Nervensystems sind vielfältig und oft schwer einzuordnen, da sie sich in verschiedenen Bereichen des Körpers manifestieren können. Einige der häufigsten Symptome sind:
- Innere Unruhe und Nervosität: Ein ständiges Gefühl der Anspannung, Getriebenheit und Ruhelosigkeit.
- Schlafstörungen: Schwierigkeiten beim Ein- und Durchschlafen, unruhiger Schlaf oder das Gefühl, morgens nicht erholt aufzuwachen. Durch Schlafmangel erhöht sich die Reizbarkeit, die Belastungsfähigkeit und die Stressresistenz werden gemindert.
- Herz-Kreislauf-Beschwerden: Herzrasen, Herzklopfen, erhöhter oder erniedrigter Blutdruck, Schwindel.
- Verdauungsbeschwerden: Verstopfung, Durchfall, Reizdarmbeschwerden.
- Atembeschwerden: Kurzatmigkeit, Beklemmungsgefühl in der Brust.
- Muskelverspannungen: Chronische Verspannungen im Nacken-, Schulter- und Rückenbereich.
- Kopfschmerzen und Migräne: Häufige oder chronische Kopfschmerzen, Migräneattacken.
- Erhöhte Reizbarkeit: Gereiztheit, Aggressivität oder schnelle Überforderung durch äußere Reize wie Lärm oder Licht.
- Konzentrationsschwierigkeiten: Probleme, sich zu konzentrieren, Gedächtnisstörungen.
- Erschöpfung und Müdigkeit: Ständige Müdigkeit, Energiemangel, Burnout-Symptome.
- Vermehrtes Schwitzen: Übermäßiges Schwitzen, auch ohne körperliche Anstrengung.
- Kribbeln in den Gliedmaßen: Taubheitsgefühl oder Kribbeln in Händen und Füßen.
- Gefühl der Überforderung: Alltagssituationen erscheinen als unüberwindbare Hindernisse.
Ursachen für ein überreiztes Nervensystem
Die Ursachen für ein überreiztes Nervensystem sind oft vielfältig und komplex. Es können sowohl körperliche als auch psychische Faktoren eine Rolle spielen. Nicht selten ist es eine Kombination aus beiden.
Psychische Ursachen:
- Stress: Chronischer Stress, Überlastung, ständige Erreichbarkeit.
- Ängste und Sorgen: Ständige Sorgen, Zukunftsängste, Panikattacken.
- Traumatische Erlebnisse: Unverarbeitete traumatische Erlebnisse, Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).
- Hohe Ansprüche an sich selbst: Perfektionismus, Versagensängste.
- Reizüberflutung: Übermäßige Exposition gegenüber visuellen, auditiven und sensorischen Reizen.
- Emotionale Belastungen: Trauer, Verlust, Beziehungsprobleme.
- Psychische Erkrankungen: Depressionen, Angststörungen, Burnout.
Körperliche Ursachen:
- Schilddrüsenüberfunktion: Eine Überfunktion der Schilddrüse kann zu Nervosität, Unruhe und Herzrasen führen.
- Diabetes mellitus (Typ 2): Stoffwechselstörungen können das Nervensystem beeinträchtigen.
- Neurologische Erkrankungen: Parkinson, Multiple Sklerose, Erkrankungen des peripheren Nervensystems.
- Vitaminmangel: Insbesondere ein Mangel an Vitamin B12 kann die Funktion des Nervensystems beeinträchtigen.
- Hormonelle Veränderungen: Wechseljahre, Schwangerschaft.
- Chronische Schmerzen: Chronische Schmerzen können zu einer Daueranspannung des Nervensystems führen.
- Medikamente: Bestimmte Medikamente können als Nebenwirkung Nervosität und Unruhe verursachen.
Behandlungsmöglichkeiten bei einem überreizten Nervensystem
Die Behandlung eines überreizten Nervensystems erfordert eine individuelle Herangehensweise, die sich an der eigentlichen Ursache und der Lebenssituation des Patienten orientiert. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die einzeln oder in Kombination angewendet werden können.
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1. Lebensstiländerungen:
- Stressmanagement: Erlernen von Stressbewältigungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Yoga oder Meditation.
- Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität, insbesondere an der frischen Luft, hilft, Stress abzubauen und das Nervensystem zu beruhigen. Ein flotter Spaziergang in der Mittagspause oder eine lockere Runde Laufen nach Feierabend helfen dabei Ängste zu „verstoffwechseln“.
- Ausgewogene Ernährung: Eine vollwertige und vielseitige Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und gesunden Fetten unterstützt die Gesundheit des Nervensystems. Einige Nahrungsmittel enthalten stimmungsaufhellende Inhaltsstoffe. So liefern Bananen auch einen hohen Anteil des B-Vitamins Pyridoxin (B6). Dieses ist an vielen Prozessen im Nervensystem beteiligt. Außerdem enthalten sie Kalium und Tryptophan.
- Ausreichend Schlaf: Ein gesunder Schlaf ist unerlässlich für die Stressbewältigung und Regeneration des Nervensystems. Möglichst 7,5 Stunden pro Nacht empfiehlt die moderne Schlafforschung. Dazu sollte die Schlafumgebung eine Temperatur von etwa 18 Grad haben und sich gut abdunkeln lassen.
- Ruhepausen: Regelmäßige Ruhepausen im Alltag helfen, Stress abzubauen und das Nervensystem zu entlasten. Die psychologische Forschung zeigt, dass sich viele kurze Entspannungsphasen beispielsweise günstiger auf die Erholung von körperlicher Arbeit auswirken als wenige lange Pausen.
- Achtsamkeit: Achtsamkeitsübungen helfen, den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen und Stressoren besser zu erkennen.
2. Psychotherapie:
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Die KVT hilft, negative Denkmuster und Verhaltensweisen zu erkennen und zu verändern.
- Gesprächstherapie: Die Gesprächstherapie bietet einen geschützten Raum, um über Probleme und Belastungen zu sprechen und neue Lösungsansätze zu entwickeln.
- EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing): EMDR ist eine spezielle Traumatherapie, die bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse helfen kann.
- Achtsamkeitsbasierte Therapie: Achtsamkeitsbasierte Therapie hilft, Stressoren besser zu erkennen und zu akzeptieren.
3. Medikamentöse Behandlung:
- Antidepressiva: Bei Depressionen oder Angststörungen können Antidepressiva helfen, die Stimmung zu stabilisieren und die Symptome zu lindern.
- Angstlösende Medikamente: Bei akuten Angstzuständen können angstlösende Medikamente kurzfristig helfen, die Symptome zu reduzieren.
- Beruhigungsmittel: Beruhigungsmittel können bei Schlafstörungen oder starker Unruhe eingesetzt werden, sollten aber nur kurzfristig eingenommen werden.
4. Alternative und komplementäre Therapien:
- Pflanzliche Mittel: Baldrian, Hopfen, Lavendel, Kamille oder Melisse können bei leichteren Unruhezuständen und Schlafstörungen helfen.
- Homöopathie: Homöopathische Mittel können bei der Behandlung von Nervosität und Unruhe unterstützend wirken.
- Akupunktur: Akupunktur kann helfen, das Nervensystem zu beruhigen und Stress abzubauen.
- Yoga und Tai-Chi: Yoga und Tai-Chi verbinden körperliche Übungen mit Atemtechniken und Meditation und können so zur Entspannung beitragen.
- Entspannungsmethoden: Entspannungsmethoden wie Yoga, Meditation oder andere Achtsamkeitsübungen können dabei helfen, das Stresslevel zu senken und das Nervensystem wieder zu beruhigen.
5. Vagusnerv-Stimulation:
Der Vagusnerv spielt eine zentrale Rolle bei der Entspannung und Beruhigung des Nervensystems. Durch gezielte Übungen kann der Vagusnerv stimuliert werden:
- Atemübungen: Langsame, tiefe Atemzüge aktivieren den Parasympathikus und senken die Herzfrequenz. Eine einfache Übung ist die 4-7-8-Atemtechnik: 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden den Atem anhalten und 8 Sekunden ausatmen.
- Kältereize: Kaltes Wasser ins Gesicht spritzen oder eine kalte Dusche können den Vagusnerv aktivieren.
- Singen und Summen: Singen und Summen stimulieren den Vagusnerv durch die Vibrationen im Halsbereich.
- Meditation: Regelmäßige Meditation kann die Aktivität des Vagusnervs erhöhen und die Stressresistenz verbessern.
Tipps für den Alltag
- Tagebuch führen: Um den Auslösern auf den Grund zu gehen. Kennt man die Gründe für seine Sorgen, kann man gezielt Gegenstrategien entwickeln.
- Gedankenstopp: Wenn Sie sich beim sorgenvollen Grübeln ertappen, beobachten Sie, welcher Gedanke Sie konkret belastet. Stellen Sie sich dann ein rotes Stoppschild vor und sagen Sie sich laut oder in Gedanken „Stopp“. Wenden Sie sich dann sofort etwas anderem (z.B. dem Atem, einem beruhigenden Gedanken) zu.
- Gefühle fokussieren: Konzentrieren Sie sich auf ein momentan vorherrschendes Gefühl (z.B. Angst). Fühlen Sie, wie es sich im Körper anfühlt, wo es zu spüren ist. Nehmen Sie das Gefühl wahr, ohne es zu beurteilen. Richten Sie Ihren Fokus aber auf die Beobachtung (da ist Angst), um sich nicht im Gefühl zu verlieren.
- Eigene Ressourcen kennen: Quälende Ängste und Sorgen, zehren auf Dauer an den Kräften. Um dennoch leistungsfähig zu bleiben, sollten die Batterien regelmäßig auflageladen werden. Dafür sollte man die eigenen Kraftquellen kennen.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Betroffene sollten mit einem Arzt sprechen, wenn sie sich dauerhaft unruhig und gereizt fühlen. Denn hinter diesen Symptomen verbergen sich manchmal auch behandlungsbedürftige, körperliche Ursachen (z.B. Schilddrüsenüberfunktion, starker Bluthochdruck, Unterzuckerung bei Typ-1-Diabetes). Aber auch bestimmte psychische Erkrankungen wie z.B. Angststörungen oder Depressionen gehen mit Nervosität und innerer Unruhe einher.
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