Ein Leben mit Schmerzen kann sehr belastend sein. Insbesondere bei chronischen Schmerzen stoßen Medikamente häufig an ihre Grenzen. Die fachkundige Reizstromtherapie, auch TENS genannt, ist eine vielversprechende Alternative, die eine lang anhaltende Schmerzlinderung ohne Nebenwirkungen ermöglicht. Elektrostimulation hat sich als schonende, nicht-medikamentöse Therapieform bei neurologischen Beschwerden in den letzten Jahren bewährt.
Was ist TENS?
Die Abkürzung TENS steht für transkutane elektrische Nervenstimulation. Es handelt sich um eine schonende Variante der Elektrotherapie, bei der Stromimpulse über Elektroden unter die Haut gesendet werden. Das Verfahren wird oft zur Behandlung von Schmerzen eingesetzt, so auch bei Polyneuropathien, zum Beispiel bei Menschen mit Diabetes.
Wie wirkt TENS gegen Schmerzen?
Die Wirkung der elektrischen Signale wird teils mit der sogenannten Gate-Control-Theorie erklärt: Die Impulse stimulieren Nervenfasern, die eigentlich Berührungsreize weiterleiten und im Rückenmark mit den Schmerzfasern verschaltet sind. „Das Signal der Berührungsnerven kann so die Weiterleitung der Schmerzen an das Gehirn hemmen“, erläutert Schmerzmedizinerin und Neurochirurgin Dr. Kristin Kieselbach, die das Interdisziplinäre Schmerzzentrum des Universitätsklinikums Freiburg leitet. Mediziner glauben, dass TENS auf zwei Wegen wirkt. Zum einen können Nerven jeweils nur einen Reiz zum Gehirn übertragen - entweder das Kribbeln oder den Schmerz. Werden sie durch den Strom erregt, wird der Schmerzreiz damit blockiert. Zum anderen werden durch den Stromimpuls körpereigene Schmerzmittel ausgeschüttet, die Endorphine. Auch das lindert das Schmerzempfinden.
TENS stellt ein einfaches, risikofreies und effektives Verfahren zur Schmerzlinderung dar. Ziel bei einer Schmerzbehandlung mit Strom ist es, eine Beeinflussung der zum Gehirn führenden, für die Schmerzübermittlung zuständigen Nervenbahnen zu erzielen. Eine Minimierung oder sogar vollständige Unterbrechung der Schmerzleitung ist die Folge, sodass die quälenden Symptome verschwinden. Gleichzeitig regt die Elektrotherapie die Ausschüttung von Glückshormonen, der sogenannten Endorphine, welche als körpereigenes Schmerzmittel eine langfristige Schmerzlinderung versprechen. Vereinfacht gesagt maskiert eine TENS-Therapie den Schmerz. Zwar arbeitet die Elektrotherapie nicht kausal, kann also die Ursache für den Schmerz nicht beseitigen. Sie nimmt sich aber symptomatisch dem Schmerz an, sodass Du ein entscheidendes Stück Lebensqualität zurückerhältst.
Anwendung von TENS
Die TENS kann entweder vom Physiotherapeuten oder vom Patienten selbst zur Schmerz-, Muskel- und Wundbehandlung genutzt werden. Die TENS-Geräte werden mit einer Batterie betrieben und können direkt am Körper getragen werden. Sobald Sie der Therapeut in die TENS-Behandlung eingewiesen hat, können Sie diese auch gut zu Hause anwenden. Dabei zeigt er Ihnen, wo genau sie die Elektroden aufkleben müssen oder markiert die Stellen mit einem wasserfesten Stift. Rasieren Sie gegebenenfalls vor dem Anlegen der Elektroden die entsprechende Stelle, und reinigen Sie die Haut mit milder, unparfümierter Seife. Nach jeder Behandlung sollten Sie die Hautstellen, auf der Sie die Elektroden angebracht haben, auf Reizungen untersuchen. Cremen Sie die Aufklebestellen nach der Behandlung mit einer Hautpflegelotion ein, so schützen Sie sie vor dem Austrocknen. Sollten Sie nach ein bis zwei Wochen keinen deutlichen Effekt der TENS bemerkt haben, ist es ratsam, eine Reizpause von zehn bis 15 Tagen einzulegen. Gegebenenfalls ist auch ein Wechsel auf eine andere elektrotherapeutische Therapie, zum Beispiel die Ultraschalltherapie oder die Hochfrequenztherapie, sinnvoll.
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TENS-Therapie zur Schmerzbehandlung
Das Prinzip der Schmerztherapie durch eine TENS-Behandlung beruht auf dem Einfluss elektrischer Impulse auf die schmerzleitenden Nervenfasern. Der durch ein Stimulationsgerät erzeugte Reizstrom blockiert die Erregungsleitung der Nervenfasern, sodass sie den Schmerz nicht weiterleiten können. Eine Therapiesitzung dauert etwa 15 bis 30 Minuten. Nach Ansicht von Experten eignet sich TENS als Begleittherapie, um Beschwerden unmittelbar und für kurze Zeit zu lindern.
TENS-Therapie zur Muskelbehandlung
Die Reizstromtherapie hat bei Erkrankungen der Muskulatur folgende Ziele:
- Wiederherstellung des Gefühls beim Anspannen der Muskeln
- Zunahme der Muskelkraft
- Förderung des Muskels zur Bekämpfung eines Muskeluntergangs (Atrophie)
Je nachdem, welche Arten von Muskelfasern mittels TENS gereizt werden sollen, stellt der Physiotherapeut unterschiedliche Frequenzen der Reizstromimpulse ein. Pro Sitzung werden die Muskelfasern auf diese Weise bis zu zwanzigmal angespannt. Ermüdet die Muskulatur, bricht der Physiotherapeut die Sitzung ab. Für ein gutes Behandlungsergebnis sollte die TENS täglich, mindestens aber dreimal pro Woche durchgeführt werden.
TENS-Therapie zur Wundbehandlung
Offene Druckstellen, etwa bedingt durch die Zuckerkrankheit oder Operationswunden, können mit Reizstrom behandelt werden, um den Heilungsprozess zu beschleunigen. Dabei dürfen die Elektroden allerdings nicht direkt auf der Wunde befestigt werden. Bei eingeschaltetem Reizstrom sollte der Patient ein leicht stechendes, kribbelndes Gefühl verspüren.
Elektrodenplatzierung und Geräteeinstellungen
Essenziell für den Erfolg der Schmerztherapie ist neben der Wahl der richtigen Stromfrequenz und Stromstärke, sowie der Dauer der Reizstromtherapie, auch die richtige Positionierung der Elektroden auf der Haut. Kleben Sie die Pads genau nach Anleitung auf. Ein kleiner Versatz kann die Wirkung erheblich verändern. Reinigen und trocknen Sie die Haut vor dem Anlegen. Vermeiden Sie aufgekratzte Haut, entzündete Areale oder frische Narben. Starten Sie mit sehr niedriger Stromstärke und erhöhen Sie die Intensität nur allmählich, bis ein deutliches, aber keinesfalls schmerzhaftes Kribbeln wahrgenommen wird.
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Die Dauer einer Sitzung beträgt in der Regel zwischen 30 und 45 Minuten, wobei diese zweimal täglich durchgeführt werden. Da bei dauerhafter Anwendung Gewöhnungseffekte auftreten, ist es empfehlenswert diese Zeiten nicht wesentlich zu überschreiten. Die schmerzlindernde Wirkung von TENS hält weit über die Sitzung hinaus an, und verspricht so dauerhafte Erleichterung.
Um das TENS-System auf das Beschwerdebild abzustimmen, lassen sich verschiedene Parameter variieren, darunter die Frequenz, die Intensität und auch die Potenzierung des Stroms. Die im Handel erhältlichen Geräte bieten Voreinstellungen für unterschiedliche Therapien. Ob diese tatsächlich etwas gegen die Beschwerden ausrichten, muss jeder selbst ausprobieren oder sich medizinischen Rat holen, zum Beispiel bei Physiotherapeuten. TENS-Geräte können besser wirken als die vermeintlich besten Schmerzmedikamente, oder auch erheblich schlechter. Letztlich hilft nur probieren, ob es gut anschlägt oder nicht. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Wenn es nicht gleich perfekt wirkt, sollte man aber die Hoffnung nicht gleich aufgeben, raten Experten. Die Haut muss vor der Anwendung möglichst unbehaart, trocken und sauber sein. Die Elektroden tragen meist eine Gelschicht, die mehrfach angewandt werden kann.
Indikationen für TENS
TENS wird zur Therapie akuter und chronischer Schmerzen jeder Art angewandt. Die Transkutane Elektrische Nervenstimulation kann den Schmerzmittelbedarf bei Arthroseschmerzen (z. B. im Knie) deutlich senken oder sogar ganz ersetzen. Das TENS-Verfahren eignet sich zur Therapie von akuten und chronischen Schmerzen verschiedenster Ursache. Die besten Erfolge sind bei akuten und subakuten Schmerzen zu erwarten. Bei chronischen Schmerzen ist die Wirksamkeit anfangs oft gut, lässt jedoch nicht selten nach einigen Wochen nach.
Weitere Einsatzbereiche: Die Elektrotherapie unterstützt zudem bei sensomotorischen Neuropathien (z. B. bei Diabetes), Muskelschwund oder als Ergänzung in der Parkinson-Therapie. Elektrostimulation kann MS-assoziierte Spastik lockern und die Muskelfunktionen verbessern. Studien zeigen, dass neuromuskuläre Stimulation (NMES) bei MS-Patienten die übermäßige Rückenmarksaktivität reduziert, was zu gesteigerter Beweglichkeit führt. Bei angeborenen Bewegungsstörungen hilft die Kombination aus passiver Stimulation und aktiver Therapie. EMS- oder FES-Systeme entspannen spastische Muskeln und fördern die Koordination. Klinische Berichte zeigen nach regelmäßiger Anwendung verbesserte motorische Fähigkeiten und verringertes Muskelspastizität. Patienten berichten nach einigen Wochen Anwendung von deutlich weniger Bewegungsschmerz und weniger Fatigue. So konnten in einer Studie mit 301 Fibromyalgie-Patienten tägliche, mehrminütige TENS-Sitzungen die Schmerzintensität und Erschöpfung signifikant reduzieren. Auch hier kann E-Stimulation gezielt Entspannung bringen. Bei kompletten oder inkompletten Rückenmarksverletzungen kann Elektrostimulation dazu beitragen, Muskelabbau zu verhindern und verbliebene Nervenbahnen zu trainieren.
Kontraindikationen und Risiken
In bestimmten Fällen beziehungsweise Körperregionen sollte die TENS nicht angewendet werden:
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- bei Menschen mit Herzschrittmacher, implantiertem Defibrillator (ICD) oder einem anderen eingepflanzten elektrischen Gerät (der Reizstrom könnte die Funktion der Geräte beeinflussen)
- bei Thrombosen in Arterien oder Venen (Blutgerinnsel könnten sich ablösen)
- im Bereich der vorderen Halsregion, des Sinusnervs, in der Herzregion oder am Brustkorb (Herzfunktion und -rhythmus könnten beeinflusst werden)
- in der Bauchregion von Schwangeren
- auf Wunden, Geschwüren oder entzündeten Hautstellen
- bei Fieber und/oder Infektionen
- bei Menschen mit Epilepsie
Von einer TENS-Behandlung abraten würde Christina Haubrich Menschen mit einem Herzschrittmacher oder einer Epilepsie. „In Deutschland ist sie auch für Schwangere nicht empfohlen“, so die Neurologin. „Im englischsprachigen Raum wird TENS allerdings teilweise eingesetzt, um Geburtsschmerzen zu lindern.“
Obwohl die TENS-Therapie generell sicher ist und keine nennenswerten Nebenwirkungen zu erwarten sind, ist es in bestimmten Fällen ratsam, auf diese transkutane Elektrotherapie zu verzichten. Träger dieser Hilfsgeräte sollten daher auf den Einsatz von TENS verzichten, um eine negative Wechselwirkung zu vermeiden. Ebenfalls sollten Menschen mit metallischen Implantaten TENS Anwendungen nicht in dem Bereich dieser Implantate anwenden. Ein anderer Ausschlussgrund von der Behandlung wäre eine Erkrankung an Epilepsie. In der Schwangerschaft kann TENS zur Minderung der Geburtsschmerzen beitragen, sollte aber generell nur nach Rücksprache mit einem Arzt Anwendung finden. Grundsätzlich ist zu beachten, die Elektroden nicht direkt auf verletzter Haut, direkt über dem Auge oder den Hauptschlagadern anzubringen. Da die Durchblutung der behandelten Körperstelle angeregt wird, ist ein Nebeneffekt der TENS Anwendung. Daher kann es bei entzündlichen Ursachen für den Schmerz empfehlenswert sein, auf den Einsatz von TENS zu verzichten.
Die Schmerztherapie durch TENS ist nicht ganz frei von unerwünschten Nebenwirkungen und muss - ebenso wie die medikamentöse Schmerztherapie - genau erwogen werden. Eine dauerhafte TENS-Behandlung darf eine kausale Klärung von Schmerzursachen nicht ersetzen. Langfristig kann die TENS-Behandlung zu Verspannung und Verhärtung von Geweben und Muskulatur führen. TENS sollte nur unter ärztlicher Aufsicht angewendet werden. Als Wellness-Gerät für den Freizeitbereich ist ein TENS-Reizstromgerät nicht zu empfehlen. In wenigen Fällen kann es zum sogenannten Überstimulationssyndrom kommen. Dabei verstärkt das TENS-Gerät aufgrund einer schlecht eingestellten Intensität die Schmerzen. Wenn Sie derartige Symptome beobachten, wenden Sie sich an Ihren Arzt, um die Stimulationsparameter anzupassen.
Ist die Wirksamkeit von TENS bewiesen?
Wissenschaftlich nachgewiesen ist die Wirkung der TENS-Behandlung bisher nicht. Es gibt vorwiegend kleinere Untersuchungen, die eine Schmerzlinderung feststellen, aber nur bedingt aussagekräftig sind. Regelmäßig gab es zudem Versuche, über sogenannte Meta-Analysen viele kleinere Studien gemeinsam zu betrachten - mit gemischten Ergebnissen. Immerhin: Eine besonders große Meta-Analyse von 2022 mit insgesamt 381 randomisierten, kontrollierten Studien legt eine Wirksamkeit nahe. Die Forscherinnen und Forscher kamen zu dem Schluss: TENS lindert Schmerzen vermutlich besser als ein Placebo. Auch im Vergleich zu anderen medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapien ergab das Verfahren einen Nutzen. Allerdings bemängelten Fachleute die Qualität der zugrunde liegenden Studien. Kristin Kieselbach kann sich durchaus vorstellen, dass ein Teil der TENS-Wirkung auf dem Placeboeffekt beruht - also dass die Schmerzen sich nur deshalb bessern, weil die Betroffenen genau darauf hoffen. „Aber was wäre daran schlimm? Solange sich die Patienten besser fühlen, nehme ich doch gerne auch den Placeboeffekt mit.“
Dass TENS wirkt, wird immer wieder berichtet, aber wirklich bewiesen ist es nicht. Es gibt Studien, die zeigen, dass TENS wirksam ist, aber genauso viele Studien, die das nicht zeigen.
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