Hyperaktives Delir bei Demenz: Ursachen, Symptome und Behandlung

Ein Delir ist eine ernsthafte medizinische Störung, die sich durch plötzliche kognitive Veränderungen äußert. Es handelt sich um eine akute, meist reversible Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit, der Kognition und des Bewusstseinsniveaus, die verschiedene Ursachen haben kann. Besonders häufig tritt ein Delir bei älteren Menschen auf, kann aber Menschen aller Altersgruppen betreffen. Rund 70 Prozent der Betroffenen sind älter als 65 Jahre. Laut Statista traten im Jahr 2022 insgesamt über 41.000 Fälle bei vollstationären Patienten im Krankenhaus auf. Als Delir wird eine akute, vorübergehende, meist reversible fluktuierende Störung der Aufmerksamkeit, der Kognition und des Bewusstseinsniveaus bezeichnet. Die Ursachen umfassen fast jede Krankheit oder Arzneimittelwirkung. Die Diagnose wird klinisch gestellt, Labortests und üblicherweise Bildgebungsverfahren dienen der Ursachenklärung.

Was ist ein Delir? Definition und Abgrenzung

Ein Delir, auch als Delirium oder Durchgangssyndrom bekannt, ist eine akute, plötzlich auftretende Funktionsstörung des Gehirns. Dabei treten Bewusstseinsstörungen in unterschiedlichen Ausprägungen sowie psychische Symptome auf. Im medizinischen Sprachgebrauch wurde das Delir lange Zeit als „Durchgangssyndrom“ bezeichnet. Dadurch wurde der Anschein erweckt, die zerebrale Organdysfunktion sei zeitlich begrenzt und heile folgenlos aus. Ein Delir ist jedoch mit einer Erhöhung der Letalität von 3,9 auf 22,9 %, einer bis zu zehn Tage längeren Aufenthaltsdauer im Krankenhaus und einem schlechteren Behandlungsergebnis verbunden. Aber nicht nur das Auftreten eines Delirs, sondern auch die Delirdauer ist für den Patienten prognostisch bedeutsam.

Delir vs. Demenz

Ein Delirium kann mitunter schwierig von einer Demenz unterschieden werden, da beide ähnliche Symptome aufweisen. Das Delir ist jedoch zumeist ein vorübergehender (Krankheits-)Zustand und wird überwiegend durch akute Faktoren wie Krankheiten oder Medikamente ausgelöst. Hauptsächlich sind die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein betroffen. Eine Demenz schreitet langsam und dauerhaft fort. Typisch für ein Delir sind ein plötzlicher Beginn und ein schwankender Verlauf. Ein Delir kann nach Stunden, Tagen oder Wochen wieder vollständig abklingen. Aber es kann auch erhebliche gesundheitliche Folgen haben, zum Beispiel: eine Infektion, ein Sturz, ein Druckgeschwür, oder anhaltende geistige Beeinträchtigungen. Aufgrund eines Delirs können ein längerer Krankenhausaufenthalt erforderlich sein und der Pflegebedarf steigen. Zudem ist ein Delir psychisch sehr belastend.

Formen des Delirs

Ein Durchgangssyndrom kann sich in verschiedenen Formen äußern, die sich hinsichtlich der Aktivität der Betroffenen und der Symptomatik unterscheiden.

  • Das hyperaktive Delir ist gekennzeichnet durch erhöhte Bewegungsaktivität und Rastlosigkeit, wobei Betroffene ungeduldig und manchmal aggressiv sein können. Typisch ist ein plötzliches hyperaktives Verhalten, das sich über Stunden bis wenige Tage entwickelt. Es kann zu Halluzinationen, Gedächtnisstörungen und einer zerstreuten, sprunghaften Gesprächsführung kommen.
  • Im Gegensatz dazu ist das hypoaktive Delir durch eine Verlangsamung der Bewegungen und eine allgemeine Antriebslosigkeit charakterisiert, die bis zur völligen Teilnahmslosigkeit führen kann. Bei einem hypoaktiven Delir sind die Reaktionen eher verzögert und die Sprache verlangsamt. Betroffene wirken benommen, antriebsarm oder teilnahmslos.
  • Möglich ist auch eine Mischform von hyperaktivem und hypoaktivem Delir. „Die Mischform tritt bei circa 65 Prozent der Patientinnen und Patienten mit Delir auf,“ sagt Yvonne Schmilinsky.

Zusätzlich zu dieser Aufteilung kann die katatone Variante als Extremform des hypoaktiven und die exzitatorische Variante als Extremform des hyperaktiven Delirs definiert werden.

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Ursachen und Risikofaktoren

Ein Delir kann durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden, einschließlich Infektionen, Dehydration, Medikamentennebenwirkungen, Entzugssyndrome, metabolische Störungen und neurologische Erkrankungen. Auslöser für ein Delir sind unter anderem Operationen, intensivmedizinische Behandlungen, Infektionen, Schmerzen und Flüssigkeitsmangel. Auch plötzliche Veränderungen können ein Delir auslösen, zum Beispiel der Verlust der Mobilität - auch im Zusammenhang mit freiheitsentziehenden Maßnahmen (FEM), etwa in Form von Fixierungen. Gleiches gilt für eine fremde Umgebung und einen Ortswechsel, Reizüberflutung und die Störung des Tag-Nacht-Rhythmus.

Begünstigende Faktoren

Begünstigende Faktoren sind: Vorerkrankungen (z. B. Demenz, Schlaganfall, Parkinson), fortgeschrittenes Alter, sensorische Störungen (z. B.

Weitere Risikofaktoren:

  • hohes Alter
  • schwere Erkrankung
  • Demenz
  • Gebrechlichkeit
  • gleichzeitige Einnahme mehrerer Arzneimittel (Polypharmazie)
  • neue oder abgesetzte Medikamente
  • Alkoholmissbrauch
  • Niereninsuffizienz
  • Chirurgische Eingriffe
  • Infektionen
  • Flüssigkeitsmangel
  • Sehstörungen
  • Schwerhörigkeit
  • akuter Schmerz

Ältere Menschen, insbesondere ab 80 Jahren, haben ein erhöhtes Risiko, ein Delir zu entwickeln, denn im höheren Lebensalter kommen meist mehrere vorbestehende Faktoren zusammen. Dazu gehören unter anderem Demenz, Gebrechlichkeit, Beeinträchtigungen von Hören oder Sehen, Schlafstörungen, chronische Schmerzen, Mehrfacherkrankung, Multimedikation, stark eingeschränkte Beweglichkeit und Mangelernährung. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, vor allem mit bereits bestehenden kognitiven Einschränkungen wie Demenz. Weitere Risikofaktoren sind schwere körperliche Erkrankungen, Krebserkrankungen, Organversagen oder Blutvergiftung (Sepsis).

Alkoholentzugsdelir

Eine Sonderform des Deliriums stellt das Alkoholentzugsdelir dar. Diese Form kann auftreten, wenn eine Alkoholabhängigkeit besteht und der Konsum von Alkohol abrupt beendet wird.

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Unterschieden wird beim Alkoholentzugsdelir das unvollständige Delir (Prädelir) bei Alkoholabhängigkeit vom vollständigen Delir, auch Delirium tremens genannt, bei plötzlichem Alkoholentzug.

Das Prädelir kann mit temporären Halluzinationen oder Symptomen wie Zittern am Morgen und Schwitzen einhergehen. Zudem sind epileptische Anfälle möglich.

Das Delirium tremens bei Alkoholentzug umfasst Symptome wie Konzentrations- und Bewusstseinsschwierigkeiten, emotionale Schwankungen, Übererregbarkeit und Halluzinationen (beispielsweise das Sehen weißer Mäuse).

Symptome eines Delirs

Die Symptome eines Delirs können vielfältig sein und sich schnell entwickeln. Manche Betroffene sind sehr irritiert, unruhig und aggressiv (hyperaktives Delir), andere so verängstigt und in sich gekehrt, dass sie nicht mehr aufstehen wollen (hypoaktives Delir).

Charakteristisch sind gleichzeitig bestehende Störungen des Bewusstseins und der Aufmerksamkeit, der Wahrnehmung, des Denkens, des Gedächtnisses, der Psychomotorik, der Emotionalität und des Schlaf-Wach-Rhythmus. Die Symptome müssen nicht gemeinsam auftreten. Sie können sich abwechseln und über den Tag stark schwanken, teilweise mit Verstärkung zum Abend hin. Menschen mit Delir sind plötzlich zum Beispiel: verwirrt, desorientiert, unkonzentriert, vergesslich, teilnahmslos, benommen, unruhig, gereizt, aggressiv, verstört, niedergeschlagen oder ängstlich. Zudem können der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört sein und weitere Schlafprobleme sowie Alpträume auftreten. Manche haben Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Sie sehen, hören, spüren oder riechen etwas, das nicht da ist und können sich dadurch bedroht fühlen.

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Es gibt viele Anzeichen, die ein Delir ankündigen. „Die offensichtlichsten Anzeichen sind Desorientiertheit und ein verkehrter Tag-Nacht-Rhythmus“, sagt Yvonne Schmilinsky, Pflegekraft, Demenzexpertin/Delirmanagement, im Helios Klinikum Krefeld.

Was sind Anzeichen eines Deliriums?

  • übereifrig, unruhig, aggressiv
  • apathisch, schläfrig
  • ablehnend oder sehr anhänglich
  • schlaflos
  • räumlich und zeitlich desorientiert
  • wahrnehmungsgestört: Betroffene sehen Dinge, die nicht da sind (häufig furchteinflößende Tiere, Schatten oder Ungeziefer); Geräusche werden eine völlig andere Bedeutung zugeschrieben
  • Tag-Nacht-Rhythmus ist verschoben

Diagnose

Die Diagnose Delir wird ärztlich anhand klinischer psychopathologischer Symptome gestellt. Durch Anamnese und körperliche Untersuchung werden Risikofaktoren und mögliche Auslöser ermittelt. Je nach Ausprägung werden weitere Untersuchungen durchgeführt, etwa EKG oder Labor.

Eine zeitnahe Diagnostik des Delirs ist nicht einfach, weil das klinische Erscheinungsbild und die Symptome sehr variabel sind. Im aktuellen Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders (DSM-5) ist das Leitsymptom des Delirs eine Bewusstseins- und Aufmerksamkeitsstörung, die von einer Denkstörung begleitet sein kann. Diese Störung beginnt akut und verläuft fluktuierend. Für die Diagnose eines Delirs ist es entscheidend, dass diese Störung nicht durch andere neurokognitive Ursachen (zum Beispiel Demenz) hervorgerufen wird und nicht durch die pathophysiologischen Auswirkungen einer körperlichen Erkrankung erklärbar ist. Das Delir ist hinsichtlich Inzidenz und klinischem Bild sehr variabel. Daher scheint es sich durch ein Zusammenspiel von erhöhter Vulnerabilität (Prädisposition) und gleichzeitiger Exposition gegenüber delirogenen Faktoren zu entwickeln.

Screening-Verfahren

Für den Behandlungserfolg sind eine frühzeitige Diagnostik und Therapie wesentlich. Daher sollten sowohl bei gefährdeten Personen als auch in Risikosituationen spezifische Screening- und Assessmentinstrumente zum Einsatz kommen.

Zu den validierten Screeningverfahren des Delirs auf der Intensivstation zählen die Confusion Assessment Method for the ICU (CAM-ICU) und die Intensive Care Delirium Screening Checklist (ICDSC). Alle aufgeführten Testverfahren sind in deutscher Sprache erhältlich und kostenfrei nutzbar.

Der zuverlässigste Score, um ein Delir beim Intensivpatienten zu entdecken, ist der CAM-ICU. Er hat eine Sensitivität von 0,79 und eine Spezifität von 0,97. Wegen seiner hohen Sensitivität von 0,99 und einer Spezifität von 0,64 ist bei Intensivpatienten der ICDSC eine mögliche Alternative zum CAM-ICU. Der ICDSC ist innerhalb weniger Minuten durchführbar, für beatmete Intensivpatienten geeignet und ermöglicht es, ein subsyndromales Delir zu erkennen.

Für die Normalstation ist neben der Nursing Delirium Screening Scale (Nu-DESC) der 3D-CAM ein validiertes Messinstrument, das über eine Sensitivität von 0,95 und eine Spezifität von 0,94 verfügt. Ein neueres Testverfahren ist der CAM-S, bei dem im Vergleich zum 3D-CAM und CAM-ICU zusätzlich der Schweregrad des Delirs ermittelt werden kann.

Behandlung

Die Behandlung und Pflege von Patienten mit Delir im Akutkrankenhaus erfordert eine sorgfältige und multidisziplinäre Herangehensweise. Ein entscheidender Aspekt ist die Früherkennung und Diagnose, wobei Patienten regelmäßig auf Anzeichen eines Delirs überwacht werden sollten, insbesondere wenn sie Risikofaktoren wie hohes Alter, bestehende Demenz oder schwere Erkrankungen aufweisen.

Manifestiert sich ein Delir, sollte zunächst nach möglichen Ursachen gesucht werden. Vor allem Infektionen, Substanzentzug, Elektrolytstörungen, Blutzuckerentgleisungen, Schmerzen und Hypoxie sind häufige Gründe.

Nicht-pharmakologische Maßnahmen

Nicht-pharmakologische Maßnahmen spielen eine zentrale Rolle und beinhalten die Bereitstellung von Orientierungshilfen wie Uhren, Kalendern und persönlichen Gegenständen, die Sicherstellung einer ruhigen und gut beleuchteten Umgebung sowie klare und einfache Kommunikation zur regelmäßigen Reorientierung des Patienten. Dazu gehört neben der Frühmobilisation, einer Förderung der kognitiven Aktivität und der Reorientierung auch eine Verbesserung des Schlafes. Diese Maßnahmen sind nicht nur in der Prävention, sondern auch in der Therapie eines Delirs äußerst wichtig.

  • das Sehen und Hören optimieren
  • gut sichtbare Uhren und Kalender aufstellen
  • Angehörige einbinden
  • Zimmerwechsel vermeiden
  • für eine hohe Konstanz der betreuenden Pflegepersonen sorgen.

Reorientierung

Ein Krankenhausaufenthalt ist für die meisten Patienten ein deutlicher Einschnitt in den normalen Lebensrhythmus. Sie befinden sich in einer für sie fremden Umgebung, wodurch die Orientierung deutlich gestört wird. Daher sollten reorientierende Maßnahmen rasch nach einer Klinikaufnahme beginnen.

Frühzeitig die Angehörigen in den Behandlungsverlauf einzubinden, sorgt für ein etwas vertrauteres Umfeld. In den Kliniken und insbesondere auch auf Intensivstationen etablieren sich daher zunehmend großzügigere Besuchszeiten. Lediglich in den späten Abendstunden und in der Nacht sollten die Besuchszeiten eingeschränkt sein, um eine adäquate Nachtruhe zu gewährleisten.

Frühzeitige Physio- und Ergotherapie

Während eines Krankenhausaufenthaltes ist die Mobilität reduziert. Dadurch verlieren Patienten häufig sehr schnell an Muskelmasse und folglich an Muskelkraft. Die dadurch bedingte Bewegungseinschränkung ist mit einer längeren Krankenhausverweildauer und einem gehäuften Auftreten neuropsychiatrischer Dysfunktionen verbunden.

Adäquater Schlaf-Wach-Rhythmus

Im Krankenhaus kommt es vermehrt zu Schlafunterbrechungen durch pflegerische und ärztliche Maßnahmen, unangebrachte Beleuchtung und eine nicht angepasste Gesprächslautstärke. Ein hoher Geräuschpegel verursacht besonders auf der Intensivstation Stress und Schlaflosigkeit und kann dadurch ein Delir auslösen. Daher muss im Krankenhaus mit dieser Problematik bewusst umgegangen und ein Hauptaugenmerk auf eine angemessene Nachtruhe gelegt werden. Bei orientierten und nichtdeliranten Patienten minimieren Augenmasken und Ohrstöpsel die Geräusch- und Lichtexposition deutlich und verbessern so die Schlafqualität.

Vermeidung einer Polypharmazie

Viele, insbesondere alte Patienten, nehmen zur Behandlung bestehender Erkrankungen mehrere Medikamente ein. Während eines Krankenhausaufenthaltes steigert sich oft die Anzahl der eingesetzten Medikamente. Eine Interaktion mit dem cholin-, dopamin- oder serotoninergen System kann ein Delir auslösen. Das ist bereits durch eine hochpotente Substanz (zum Beispiel Lorazepam) möglich. Aber auch die Kombination von mehreren geringgradig delirinduzierenden Medikamenten kann bei Polypharmazie das Delirrisiko erhöhen. Um ein Delir zu vermeiden, ist es daher unabdingbar, kontinuierlich die Medikation zu überprüfen und nicht dringend benötigte Medikamente abzusetzen.

Medikamentöse Therapie

Pharmakologische Interventionen sollten nur erwogen werden, wenn nicht-pharmakologische Maßnahmen nicht ausreichen und der Patient oder andere gefährdet sind. Die medikamentöse Therapie beim Delir dient vorrangig der Linderung der Symptome. Folgende Wirkstoffgruppen können zum Einsatz kommen:

  • Antipsychotika (z. B. Haloperidol): Diese Arzneimittel werden vorwiegend bei Unruhe- und Erregungszuständen sowie Wahnvorstellungen eingesetzt.
  • α2-Agonisten (z. B. Clonidin) und Betablocker (z. B. Bisoprolol): Bei vegetativer Entgleisung, also einer Überreaktion des Körpers, die Symptome wie beispielsweise Herzrasen und starkes Schwitzen verursacht, können diese Medikamente verwendet werden.
  • Benzodiazepine (z. B. Lorazepam, Diazepam, Midazolam): Sie werden speziell beim Delir im Rahmen eines Alkohol- oder Benzodiazepinentzugs eingesetzt.

Unterstützung durch ein multidisziplinäres Team

Die Unterstützung durch ein multidisziplinäres Team ist ebenfalls entscheidend. Dies beinhaltet eine enge Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Pflegepersonal, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten sowie gegebenenfalls Psychologen und Sozialarbeitern, um einen individuellen Pflegeplan zu erstellen und regelmäßig anzupassen.

Eine wichtige Rolle in der Delir-Therapie spielen die Angehörigen. Mit ihrer Anwesenheit, mit ruhigen Gesprächen, Vorlesen und einfachen Spielen tragen sie ein Stück vertraute Sicherheit ins Krankenzimmer.

Prävention

Um das Risiko eines Delirs zu verringern, ist es wichtig, Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen und den allgemeinen Gesundheitszustand beispielsweise vor einer Operation zu verbessern. Durch aktive Vorsorge sowie einer konsequenten und frühzeitigen Behandlung erster Symptome kann ein Delirium vermieden beziehungsweise abgeschwächt werden. Daher ist die Identifikation möglicher Risikopatient:innen von großer Bedeutung. Gelingen kann das durch eine sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte im Vorfeld der stationären Aufnahme. Auch detailliert geplante Operationen mit möglichst geringer Narkosebelastung beugen der Gefahr wirksam vor.

Mehrere Faktoren können das Auftreten und die Schwere eines Delirs beeinflussen und sollten daher in der Delirprophylaxe berücksichtigt werden. In einer kontrollierten, nichtrandomisierten Studie konnten Inouye et al. bereits 1999 erste Hinweise dafür liefern, dass eine nichtmedikamentöse, multidimensionale Delirprävention die Delirrate signifikant zu senken vermag.

Diese multidimensionale Präventionsstrategie umfasst:

  • Frühmobilisation
  • Reorientierung
  • optimierte Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr
  • Schlafverbesserung
  • adäquate Schmerztherapie
  • Vermeidung einer Polypharmazie.

Laut einer Metaanalyse kann durch dieses Vorgehen die Delirinzidenz um 44 % gesenkt werden (Odds-Ratio [OR]: 0,56; 95-%-Konfidenzintervall [KI]: [0,42; 0,76]). Die multidimensionale Präventionsstrategie ist ebenfalls bei postoperativen Patienten effektiv und reduziert die Delirrate von 20,8 % [11,3; 32,1] auf 4,9 % [0,0; 11,5]. Um dieses Therapiebündel zu realisieren, ist eine adäquate Schmerztherapie („Analgesia first“) unerlässlich. Im eCASH-Konzept ist die Schmerzfreiheit ein essenzieller Therapieanteil, da es dadurch erst möglich wird, die unterschiedlichen präventiven Maßnahmen zu initiieren. Dabei sollten tagsüber stimulierende und nachts schlaffördernde Maßnahmen durchgeführt werden. In der Intensivmedizin ist zusätzlich die Vermeidung einer zu tiefen Sedierung (RASS < −1) ein entscheidender Faktor, um ein Delir zu verhindern.

Alltagstipps zur Vorbeugung

  • Eine angemessene Flüssigkeitszufuhr verhindert Dehydratation und damit verbundene Elektrolytstörungen. Ältere Menschen sollten täglich etwa 1,5 bis 2 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen, sofern keine medizinischen Gründe dagegen sprechen.
  • Etwa alle sechs Monate sollten Sie Ihre Medikamentenliste in Ihrer Hausarztpraxis oder Apotheke überprüfen lassen.
  • Kognitive Stimulation kann das Gehirn aktiv und gesund halten. Wenn Sie lesen, rätseln, neue Fähigkeiten lernen oder ein Gedächtnistraining absolvieren, trainieren Sie Ihre geistige Leistungsfähigkeit.
  • Eine Ernährung, die reich an Vitaminen und Mineralien ist, unterstützt Ihre allgemeine Gesundheit und kann das Risiko eines Delirs reduzieren. Besonders wichtig sind Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien und B-Vitamine.
  • Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert die Durchblutung und kann so einem Delir vorbeugen. Empfohlen werden mindestens 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche, verteilt auf mehrere Tage.
  • Ein gesunder Schlaf-Wach-Rhythmus wirkt einem Delir entgegen. Zu einer guten Schlafhygiene gehören feste Schlafenszeiten und eine ruhige, dunkle Schlafumgebung.
  • Regelmäßiger sozialer Kontakt ist auch gut für die kognitive Gesundheit. Treffen Sie sich mit Familie und Freunden, nehmen Sie an Gruppenaktivitäten teil oder engagieren Sie sich ehrenamtlich.
  • Gehen Sie regelmäßig zu medizinischen Check-ups, damit Erkrankungen frühzeitig erkannt und behandelt werden können.

Prognose

Die Prognose eines Delirs hängt von den zugrundeliegenden Ursachen und dem allgemeinen Gesundheitszustand der Betroffenen ab. Ein Delirium kann bei rechtzeitiger Behandlung der Ursache oft vollständig reversibel sein. Allerdings kann es bei älteren Patient*innen oder solchen mit bestehenden schweren Vorerkrankungen zu längeren Genesungszeiten, erhöhten Risiken für weitere Komplikationen und in einigen Fällen zu dauerhaften kognitiven Beeinträchtigungen führen.

Bleibt ein Delir unbehandelt, kann das Risiko für schwerwiegende Komplikationen, bis hin zum Tod, deutlich steigen. Es ist daher entscheidend, frühzeitig eine adäquate Behandlung einzuleiten.

In einer Kohortenstudie war drei Monate nach einem Delir in 19 % der Fälle eine vollständige Wiederherstellung der kognitiven Funktion und in 52 % eine eingeschränkte kognitive Leistungsfähigkeit zu beobachten. In einer Untersuchung bei Intensivpatienten konnte gezeigt werden, dass die 1-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit mit jedem Delirtag um circa 10 % sinkt. Zudem beeinflussen sowohl die Manifestation als auch die Dauer eines Delirs die kognitive Leistungsfähigkeit. Ein Delir führt zu einer erhöhten poststationären Pflegebedürftigkeit und bei circa 25 % der Patienten stellen sich nach einem Delir kognitive Funktionsstörungen ein, die mit einer milden Alzheimer-Demenz vergleichbar sind.

Was passiert, wenn ein Delir nicht behandelt wird?

Wenn keine Maßnahmen gegen ein Delir getroffen werden, dann verschlechtert sich die Situation für die Betroffenen. Untersuchungen gehen davon aus, dass die Ein-Jahres-Überlebensrate je Delirtag um zehn Prozent sinkt. Wird ein Delir nicht umgehend behandelt, verschlechtert sich der Allgemeinzustand und die Gefahr von Komplikationen, zum Beispiel Sturz, steigt. Gegebenenfalls müssen Betroffene sogar in einer Langzeit-Pflegeeinrichtung untergebracht werden, da sie sich zu Hause nicht mehr selbst versorgen können.

Hinweise für Angehörige

  • Seien Sie rechtzeitig vor dem Ortswechsel da. Begleiten Sie die Person bei einem Ortswechsel wenn möglich von Anfang bis Ende.
  • Eine fremde Umgebung kann stark verunsichern. Seien Sie möglichst oft da, besonders nachmittags und abends. Bringen Sie vertraute Gegenstände mit, etwa Fotos oder die gewohnte Decke.
  • Je früher Risikofaktoren oder Delir-Symptome erkannt werden, desto besser. Die Informationsweitergabe ist hierfür eine Voraussetzung. Geben Sie Informationen zur Gesundheit weiter, zum Beispiel: Erkrankungen, geistige Einschränkungen wie Demenz, Schmerzen, Medikamente, Unverträglichkeiten, Alkoholkonsum. Teilen Sie auch mit, was aus Ihrer Erfahrung beruhigend oder anregend wirken kann. Berichten Sie rasch, wenn Sie Veränderungen beobachten.
  • Sprechen Sie langsam und deutlich in kurzen Sätzen. Verharmlosen Sie Angst und Halluzinationen nicht. Bleiben Sie möglichst ruhig und geduldig. Probieren Sie dies auch über Körperkontakt, etwa indem Sie die Hand halten.
  • Beschäftigung und Unterhaltung können anregend, aufmunternd und entspannend wirken. Beschäftigen Sie sich gemeinsam, zum Beispiel: ein Spiel spielen, ein Kreuzworträtsel lösen oder die Tageszeitung lesen. Bitten Sie eine andere vertraute Person um Besuche, wenn Sie nicht vor Ort sein können.
  • Reduzieren Sie Reize wie grelles Licht, Lärm oder Nebengeräusche. Schließen Sie zum Beispiel die Tür. Verlassen Sie zum Telefonieren den Raum. Helfen Sie am Abend zur Ruhe zu kommen, etwa mit Ritualen, die den Schlaf fördern.
  • Regelmäßige Bewegung ist wichtig für die körperliche und psychische Gesundheit sowie geistige Fähigkeiten. Fördern Sie die Bewegung. Gehen Sie gemeinsam spazieren, zum Beispiel auf dem Flur oder im Park. Oder motivieren zu Gymnastik im Bett oder auf dem Stuhl.
  • Achten Sie auf die Sicherheit: Beispielsweise sollten die Schuhe festen Halt bieten und die Wege möglichst frei von Hindernissen sein.
  • Regen Sie dazu an, die Mahlzeiten am Tisch einzunehmen. Die Ernährung hat erheblichen Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden. Zum Beispiel kann es durch Flüssigkeitsmangel oder Mangelernährung zu Kreislaufproblemen und Verwirrtheit kommen. Erinnern Sie daran, zu trinken. Bringen Sie das Lieblingsessen mit. Helfen Sie wenn nötig beim Essen und Trinken, zum Beispiel: Getränk anreichen, Essen schneiden, Verpackung öffnen. Achten Sie darauf, dass die Zahnprothese getragen wird.

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