Die Funktion der Speicheldrüsen und ihre Steuerung durch das vegetative Nervensystem

Die Speicheldrüsen spielen eine entscheidende Rolle für die Mundgesundheit und die Verdauung. Ihre Funktion wird maßgeblich durch das vegetative Nervensystem gesteuert. Erkrankungen der Speicheldrüsen können vielfältige Ursachen haben und erfordern eine sorgfältige Diagnostik.

Einführung in die Speicheldrüsen

Speicheldrüsen sind exokrine Drüsen, die Speichel (Saliva) bilden. Man unterscheidet die großen, paarigen Kopfspeicheldrüsen (Glandula parotis, Glandula submandibularis, Glandula sublingualis) von den etwa 1.000 kleinen, solitären Speicheldrüsen in der Mund-, Pharynx-, Gaumen- und Lippenschleimhaut. Die drei großen, paarweise angelegten Speicheldrüsen stellen täglich zwischen 600 und 2000 Milliliter Speichel bereit.

  • Glandula parotis (Ohrspeicheldrüse): Sie befindet sich beidseitig vor den Ohren über dem Kiefergelenk und gehört zu den rein serösen Drüsen.
  • Glandula submandibularis (Unterkieferdrüse): Sie liegt an der Innenseite des Unterkiefers und liefert den Hauptteil der gesamten Speichelmenge. Sie schüttet etwa zu gleichen Mengen seröse und muköse Anteile aus und sondert somit neben dem dünnflüssigen, enzymreichen Speichel auch ein zähes, mucinreiches Sekret ab.
  • Glandula sublingualis (Unterzungendrüse): Dabei handelt es sich ebenfalls um gemischt muco-seröse Drüsen, wobei der mucöse Anteil bei weitem überwiegt.

Die Steuerung der Speichelsekretion durch das vegetative Nervensystem

Die Steuerung der Speichelsekretion und des Funktionszustandes des Parenchyms erfolgt über das vegetative Nervensystem. Je nach Überwiegen einer adrenergen oder cholinergen Stimulation der Azinuszellen werden mehr Proteine bzw. Elektrolyte und Wasser sezerniert.

Das vegetative Nervensystem (VNS), auch autonomes Nervensystem genannt, steuert viele lebenswichtige Körperfunktionen. Dazu gehören zum Beispiel die Atmung, Verdauung und der Stoffwechsel. Ob der Blutdruck steigt, sich die Adern weiten oder der Speichel fließt, lässt sich mit dem Willen nicht beeinflussen. Übergeordnete Zentren im Gehirn und Hormone kontrollieren das vegetative Nervensystem. Gemeinsam mit dem Hormonsystem sorgt es dafür, dass die Organe gut funktionieren. Über Nervenimpulse wird die Organfunktion schnell an wechselnde Anforderungen angepasst. Hormone müssen erst mit dem Blutkreislauf zum Zielorgan transportiert werden.

Nach dem Verlauf der Nervenstränge und ihrer Funktion unterscheiden Mediziner drei Teile des vegetativen Nervensystems:

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  • Sympathikus: Der Sympathikus bereitet den Organismus auf körperliche und geistige Leistungen vor. Er sorgt dafür, dass das Herz schneller und kräftiger schlägt, sich die Atemwege erweitern, um besser atmen zu können, und die Darmtätigkeit gehemmt wird. Kurz gesagt: Der Sympathikus macht den Körper bereit zu kämpfen oder zu flüchten. Die Nervenzellen des Sympathikus kommunizieren untereinander mit Acetylcholin und mit ihren Zielzellen mit Noradrenalin.
  • Parasympathikus: Der Parasympathikus kümmert sich um die Körperfunktionen in Ruhe sowie die Regeneration und den Aufbau körpereigener Reserven. Er aktiviert die Verdauung, kurbelt verschiedene Stoffwechselvorgänge an und sorgt für Entspannung. Die Nervenstränge des Parasympathikus übertragen alle Signale mit dem Botenstoff Acetylcholin.
  • Eingeweidenervensystem (enterisches Nervensystem): Das Eingeweidenervensystem besteht aus einem Nervengeflecht, das sich zwischen den Muskeln in der Darmwand befindet. Diese Nervenfasern arbeiten prinzipiell unabhängig von anderen Nerven, werden aber stark vom Parasympathikus und Sympathikus beeinflusst. Das enterische Nervensystem kümmert sich um die Verdauung: Es erhöht beispielsweise die Bewegung der Darmmuskulatur, sorgt dafür, dass in das Darmrohr mehr Flüssigkeit ausgeschieden wird, und erhöht die Durchblutung in der Darmwand.

Gegenspieler im Körper

OrganWirkung des SympathikusWirkung des Parasympathikus
AugeErweiterung der PupillenVerengung der Pupillen und stärkere Linsenkrümmung
SpeicheldrüsenVerminderung der Speichelsekretion (wenig und zäher Speichel)Vermehrung der Speichelsekretion (viel und dünnflüssiger Speichel)
HerzBeschleunigung der HerzfrequenzVerlangsamung der Herzfrequenz
LungeErweiterung der Bronchien und Verminderung von BronchialschleimVerengung der Bronchien und Vermehrung von Bronchialschleim
Magen-Darm-TraktVerminderte Darmbewegung und verminderte Sekretion von Magen- und DarmsaftVermehrte Darmbewegung und vermehrte Sekretion von Magen- und Darmsaft
BauchspeicheldrüseVerminderte Sekretion von VerdauungssäftenVermehrte Sekretion von Verdauungssäften
Männliche SexualorganeEjakulationErektion
HautVerengung der Blutgefäße, Schweißsekretion, Aufstellen der HaareKeine Wirkung

Funktion des Speichels

Der Speichel besteht zu 99,5 Prozent aus Wasser, die restlichen 0,5 Prozent setzen sich aus organischen und zellulären Bestandteilen zusammen. In der Flüssigkeit befinden sich Enzyme, Immunglobuline, Proteaseninhibitoren, Albumin und Lysozym.

Die Aufgabe des Speichels ist sehr vielfältig:

  • Spülung und Reinigung von Mundhöhle und Zähnen
  • Schutz vor Infektionen (im Speichel befinden sich zahlreiche Immunglobuline, bakteriolytisch wirkendes Lysozym und adhäsionshemmende Proteine)
  • Förderung der Schluck- und der Sprachfunktion
  • Aufspaltung von Nahrungsmitteln (z. B. Kohlehydrate, Glukose)
  • Bindung von Geschmacksstoffen
  • Neutralisation von Säuren
  • Remineralisierung der Zähne

Pro Tag werden 500 bis 900 ml Speichel produziert - etwa 50 % davon als visköser Speichel von den Gl. submandibularis, 40 % als enzymreicher Speichel von den Gl. parotis bds. und 5 % als visköser Speichel von den Gl. sublingualis.

Leitsymptome von Speicheldrüsenerkrankungen

Leitsymptome der Speicheldrüsenerkrankungen sind die ein- oder doppelseitige Schwellung, Schmerzen und Veränderungen des Speichels.

  • Schwellung: einseitig (z. B. Tumor) oder doppelseitig (z. B. Systemerkrankung)? Ganze Drüse (z. B. Sialadenose) oder Anteile geschwollen (z. B. Mischtumor)? Wachstumsgeschwindigkeit? Schnell (z. B. maligner Tumor) oder langsam (z. B. benigner Tumor, aber auch adenoid-zystisches Karzinom)
  • Schmerz: meist bei akuten, chronisch-rezidivierenden Entzündungen, weniger bei Tumoren, Heerfordt-Syndrom, Sialadenosen und Tumoren
  • Speichel: klar, trüb (Sialadenitis), eitrig (akute Entzündung), flockig, milchig (chronisch-rezidivierende Entzündung)
  • Xerostomie: Hyposialie bei Störungen des autonomen Nervensystems, Autoimmunerkrankungen, Dehydratation, Medikamentennebenwirkungen
  • Fazialisparese: Malignome, auch beim Heerfordt-Syndrom

Diagnostik von Speicheldrüsenerkrankungen

Der Ausgangspunkt jeder Speicheldrüsendiagnostik ist eine gezielte Anamnese, die das Ziel hat, Zusammenhänge mit endokrinen Funktionsstörungen, Immunerkrankungen oder Arzneimitteln aufzuklären.

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Bei dem Verdacht auf eine Speicheldrüsenerkrankung sollte der Arzt eine genaue Inspektion und Palpation durchführen und sich dabei die Fragen stellen:

  • Bestehen allgemeine Entzündungszeichen (Rubor, Dolor, Tumor, Calor)?
  • Besteht eine einseitige, beidseitige, diffuse, umgrenzte, schmerzhafte, weiche, harte, verschiebliche, nicht verschiebliche Schwellung?
  • Sind vergrößerte Lymphknoten zu tasten?

Inspektion und Palpation haben im Seitenvergleich stattzufinden. Bei der Palpation ist bimanuell vorzugehen. So findet sich z. B. bei der Sialadenose eine diffuse, weiche Schwellung der gesamten Drüse. Für das pleomorphe Adenom z. B. ist die indolente, derbe umschriebene Schwellung mit höckriger Oberfläche charakteristisch. Das Zystadenolymphom bietet im Gegensatz dazu einen weicheren, manchmal zystischen Widerstand bei der Palpation.

Bildgebende Diagnostik

  • Sonografie: Die B-Scan-Sonografie ist wegen ihrer einfachen Anwendung, geringen Kosten und guten differenzialdiagnostischen Ausbeute die Methode der ersten Wahl. Es werden Größe und Form der Drüse bzw. der intraglandulären Raumforderung, scharfe oder unscharfe Begrenzung, ihr Reflexverhalten, z. B. echoreich, echoarm, echoleer, und die Textur der Binnenechos z. B. homogen oder irregulär, bewertet.
  • Feinnadelaspirationszytologie (FNAZ): Die FNAZ dient der histologischen Diagnosesicherung bei unklarer Dignität und besitzt eine hohe Sensibilität und Spezifität. Es besteht keine Gefahr der Fazialisschädigung oder der Tumoraussaat (im Gegensatz zur Stanzbiopsie). Die FNAZ erfolgt sonografisch gestützt.
  • CT und MRT: Als weiterführende Untersuchung, besonders bei Tumorverdacht, kommen beide Verfahren in Betracht. Mit der CT können vor allem Tumoren aus Lymphknotenstationen adäquat dargestellt werden. Die MRT ist hinsichtlich des Weichteilkontrastes allen anderen bildgebenden Verfahren überlegen.
  • Sialografie: Bei der Sialografie wird das Ausführungsgangsystem der großen Speicheldrüsen mit ca. 1,5 ml eines Kontrastmittels aufgefüllt und danach Röntgenaufnahmen angefertigt. Im dargestellten Bild des Gangsystems können Zeichen der Obstruktion, z. B. durch Speichelsteine, Gangektasien, chronische Entzündungen, gut- oder bösartige Tumore, gefunden werden.

Funktionsdiagnostik

  • Sialometrie: Die Sialometrie dient der Beurteilung des Funktionszustandes des Drüsenparenchyms. Es kann rasch zwischen einer Asialie, Hypo- oder Normosialie differenziert werden. Mithilfe von dünnen Silikonkathedern können die Ausführungsgänge der Drüsen sondiert werden, um Speichel vor und nach einer Stimulation, z. B. mit Zitronensäure, zu gewinnen. Der Speichel kann chemisch, mikrobiologisch, immunologisch und genetisch untersucht werden.
  • Szintigrafie: Das Radioisotop (Tc99) wird in das Drüsenparenchym aufgenommen und über das Ausführungsgangsystem ausgeschieden. Durch die Erstellung von Zeitaktivitätskurven über verschiedenen „Regions of interest“ kann die Sekretionsleistung absolut und im Seitenvergleich bestimmt werden.
  • Positronen-Emissions-Tomografie (PET): Die PET ist ein Verfahren mit relativ hoher Sensibilität zur Detektion von Läsionen mit pathologisch gesteigertem Stoffwechsel. Sie erfolgt kombiniert mit einem morphologiebasierten Schnittbildverfahren, derzeit der CT.

Häufige Erkrankungen der Speicheldrüsen

  • Sialolithiasis (Speichelsteine): Die Sialolithiasis findet sich weitaus häufiger in der Glandula submandibularis (seromuköse Drüse - 80 % -) als in der Glandula parotis (seröse Drüse). Typisch ist der Kolikschmerz, postprandial und die nach gustatorischer Reizung auftretende Drüsenschwellung. Als Therapie wurde die Laserlithotripsie und die extrakorporale Stoßwellenlithotripsie heute weitgehend von der eleganten Sialendoskopie abgelöst.
  • Sialadenitis (Speicheldrüsenentzündung): Sind die Speicheldrüsen angeschwollen und schmerzen, liegt meist eine Speicheldrüsenentzündung (Sialadenitis) vor. Die Haut um die betroffene Drüse kann gerötet sein, gelegentlich leiden die Betroffenen auch unter Fieber. Oft entwickelt sich die Entzündung bei älteren Menschen oder Personen mit einer geschwächten Immunabwehr. Auslöser sind Bakterien, Viren oder verschiedene Erkrankungen.
  • Sjögren-Syndrom: Das Sjögren-Syndrom ist eine myoepitheliale Sialadenitis autoimmuner Genese. Man findet histologisch eine interstitielle lymphozytäre Zellinfiltration, eine Parenchymatrophie und myoepitheliale Zellinseln sowie klinisch Xerostomie, Xerophthalmie, Keratokonjunktivitis, Rhinopharyngitis sicca, rezidivierende Gelenkentzündungen und Schwellungen der Speicheldrüsen. Im Lippenbioptat lassen sich Antikörper gegen Speicheldrüsenepithel nachweisen.
  • Heerfordt-Syndrom: Bei diesem chronisch progredienten Entzündungsprozess ist das Drüsenläppchen mit Granulomen, Epitheloidzellen, mehrkernigen Riesenzellen vom Langhans-Typ durchsetzt und wird letztlich zerstört. Man findet neben einer meist symmetrischen, knotig-derben Parotisschwellung, Xerostomie, Fieber und möglicherweise eine Fazialisparese.
  • Tumoren: Tumoren befinden sich meist in der Ohrspeicheldrüse. Sie machen sich häufig durch eine nicht schmerzhafte Schwellung bemerkbar, die sich von außen ertasten lässt. Zu den gutartigen Formen zählen das pleomorphe Adenom oder das Zystadeno-Lymphom. Bösartige Geschwulste wachsen rasch, dringen in das umliegende Gewebe ein und metastasieren frühzeitig.
  • Sialadenose: Bei der Sialadenose beispielsweise führt eine überwiegend adrenerge Stimulation durch eine verlängerte Lagerungsphase der Sekretgranula zur Schwellung der Azinuszellen und damit zu einer weichen, meist indolenten Schwellung der Ohrspeicheldrüse.

Mundtrockenheit (Xerostomie)

Mundtrockenheit (Xerostomie) ist ein häufiges Symptom bei Speicheldrüsenerkrankungen. Sie kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden, darunter:

  • Störungen des autonomen Nervensystems
  • Autoimmunerkrankungen (z. B. Sjögren-Syndrom)
  • Dehydratation
  • Medikamentennebenwirkungen
  • Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich

Maßnahmen zur Linderung von Mundtrockenheit

  • Viel und regelmäßig trinken
  • Luftbefeuchter im Zimmer verwenden
  • Zuckerfreie Kaugummis oder Bonbons lutschen, um den Speichelfluss anzuregen
  • Speichelersatzmittel verwenden
  • Regelmäßige Mundpflege

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