Einführung
Autoimmunerkrankungen stellen eine Herausforderung für das Immunsystem dar, bei der die Unterscheidung zwischen körpereigenen und fremden Strukturen gestört ist. Dies führt zu chronischen Entzündungen und Autoantikörperbildung, die verschiedene Organe und Gewebe angreifen können. Eine Nervenentzündung in Verbindung mit hohen ANA-Werten (antinukleäre Antikörper) kann auf eine systemische Autoimmunerkrankung hinweisen, erfordert jedoch eine sorgfältige diagnostische Abklärung.
Grundlagen der Autoimmunität
Immunsystem und Selbsttoleranz
Das Immunsystem hat die Aufgabe, den Körper vor schädlichen Einflüssen wie Bakterien, Viren und anderen Krankheitserregern zu schützen. Eine entscheidende Funktion dabei ist die Fähigkeit, zwischen "Selbst" und "Fremd" zu unterscheiden. Die Toleranz gegenüber körpereigenen Antigenen ist ein hochspezifischer Prozess, der sicherstellt, dass das Immunsystem nicht gegen den eigenen Körper reagiert. Ein Versagen dieser Toleranzmechanismen führt zur Autoimmunität.
Autoimmunerkrankungen: Ursachen und Pathogenese
Autoimmunerkrankungen entstehen durch einen Mangel an Toleranz gegenüber Selbstantigenen und Defekte in der Elimination oder Kontrolle autoreaktiver Lymphozyten. Pathogenetisch sind sie durch eine chronische Aktivierung des Immunsystems gekennzeichnet, die zu Entzündungen in verschiedenen Geweben führt. Autoantikörper, die gegen zelluläre Strukturen und funktionelle Komponenten gerichtet sind, spielen eine wichtige Rolle in der Diagnose und Differenzierung dieser Erkrankungen.
Die Prävalenz von systemischen und organspezifischen Autoimmunerkrankungen liegt bei etwa 3-5 % der Bevölkerung. Zu den häufigsten Erkrankungen gehören Typ-1-Diabetes, rheumatoide Arthritis und autoimmune Schilddrüsenerkrankungen, aber auch seltenere Erkrankungen wie Bindegewebserkrankungen und immunvermittelte Entzündungen des Gastrointestinaltrakts oder des Zentralnervensystems.
Genetische Prädisposition und HLA-Assoziationen
Es gibt deutliche Assoziationen zwischen der MHC-Ausstattung einer Person (HLA-Gene) und verschiedenen Autoimmunerkrankungen. Bestimmte HLA-Allele erhöhen das Risiko, eine spezifische autoimmune Erkrankung zu entwickeln. Ein bekanntes Beispiel ist HLA-B27, das stark mit Morbus Bechterew assoziiert ist, wobei HLA-B27-positive Personen ein deutlich höheres Erkrankungsrisiko haben.
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Primäre Immundefekte und Autoimmunität
Etwa 200-300 primäre Erkrankungen sind mit Autoantikörpern assoziiert und können zu einer abnormen Funktion des Immunsystems führen. Einige primäre Immundefekte weisen Autoimmunität als wesentliches Merkmal auf.
Angeborene vs. erworbene Immunität
Das Immunsystem wird in angeborene (innate) und erworbene (adaptive) Immunität unterteilt. Störungen können sowohl durch verminderte Funktion als auch durch Hyperaktivität des Immunsystems entstehen. Auto-inflammatorische Syndrome, die durch wiederholte Fieberepisoden und systemische Entzündungen gekennzeichnet sind, resultieren aus Störungen der angeborenen Immunität ohne Beteiligung von T- oder B-Zellen.
Autoantikörper und ihre Bedeutung
Antinukleäre Antikörper (ANA)
Antinukleäre Antikörper (ANA) sind ein Kennzeichen von Autoimmunität und ein wichtiger labordiagnostischer Befund. Die Bestimmung von ANAs ist entscheidend für die Diagnose von ANA-assoziierten rheumatischen Erkrankungen wie systemischem Lupus erythematodes (SLE), systemischer Sklerose, Sjögren-Syndrom, Mixed Connective Tissue Disease (MCTD) und inflammatorischen Myopathien.
ANA-Test: Methodik und Interpretation
Im ANA-Test werden Autoantikörper gegen Antigene im Gewebeschnitt bestimmt. Bei einem positiven Ergebnis werden der Serumtiter und das nukleäre Fluoreszenzmuster (homogen, zentromer, gesprenkelt, retikulär) angegeben. Anschließend erfolgt eine weiterführende Untersuchung auf spezifische Kernantikörper (extrahierbare nukleäre Antigene; ENAs).
Die Diagnostik der ANA erfolgt als Screening-Test mittels indirektem Immunfluoreszenz-Test (IFT) auf HEp-2-Zellen. Bei positiver Reaktion wird eine Differenzierung mittels Immunoassays nachgeschaltet. HEp-2-Zellen sind eine Zelllinie, die aus Epithelzellen eines Larynxkarzinoms gewonnen wurde und nahezu alle ANA-Antigene in großer Menge exprimiert.
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Fluoreszenzmuster und ihre Assoziationen
Das Fluoreszenzmuster im IFT ermöglicht Rückschlüsse auf die Zellstrukturen und Antigene, an die die ANA binden. Einige ANA-Spezifitäten sind stark mit bestimmten Erkrankungen assoziiert, z.B. Antikörper gegen Zentromere. Andere Fluoreszenzmuster erlauben keine eindeutige Zuordnung der Zielstruktur.
Systemische Autoimmunerkrankungen
Systemischer Lupus Erythematodes (SLE)
Der systemische Lupus erythematodes (SLE) ist die häufigste Autoimmunerkrankung aus dem Formenkreis der Kollagenosen und ist durch akute und chronische Entzündungsreaktionen in zahlreichen Organen und Geweben des Körpers charakterisiert. Autoantikörper greifen körpereigenes Gewebe an, was zu vielfältigen Symptomen und Organbeteiligungen führen kann.
Symptome und Organbeteiligung
Patienten mit SLE können verschiedene Kombinationen von Symptomen und Organbeteiligungen entwickeln. Häufige Beschwerden sind Müdigkeit, Temperaturerhöhung, Appetitverlust, Muskelschmerzen, Gelenkentzündungen, Wunden im Bereich der Mund- und Nasenschleimhäute, Gesichtsausschlag (Schmetterlingserythem), Photosensitivität, Pleuritis, Perikarditis und Raynaud-Symptomatik.
Schwerere Organbeteiligungen können im Gehirn, in der Leber und in den Nieren auftreten. Häufig finden sich auch eine verminderte Anzahl roter und weißer Blutkörperchen sowie Blutplättchen im Blut.
Diagnosekriterien des SLE
Die Diagnose des SLE basiert auf den Kriterien des American College of Rheumatology (ACR). Wenn vier oder mehr der elf Kriterien erfüllt sind, ist die Diagnose eines SLE sehr wahrscheinlich. Zu den Kriterien gehören u.a. Schmetterlingserythem, seröse Entzündungen, neurologische Beteiligung und hämatologische Auffälligkeiten.
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Therapie des SLE
Es besteht zurzeit keine dauerhafte Heilungsmöglichkeit des SLE. Ziel der Behandlung ist es, Symptome zu lindern und Organe vor Entzündung und der Aktivität der Autoantikörper zu schützen. Die Therapie stützt sich im Wesentlichen auf nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), Kortikosteroide, Antimalariamittel und Immunsuppressiva.
Dermatomyositis und Polymyositis
Dermatomyositis (DM) und Polymyositis (PM) sind zwei ähnliche, entzündlich-rheumatische Erkrankungen, die zu den klassischen Bindegewebserkrankungen (Kollagenosen) gezählt werden. Im Vordergrund steht der entzündliche Befall der quergestreiften Muskulatur. Bei der Dermatomyositis ist auch die Haut betroffen.
Symptome und Diagnostik
Typisch sind Muskelschmerzen, die sich vor allem bei Belastung bemerkbar machen, gefolgt von Muskelschwäche und -abbau. Gelenkbeschwerden und seltener Gelenkschwellungen können auftreten. In der Laboruntersuchung fallen meist erhöhte Entzündungswerte und Muskelenzyme auf. Spezielle Autoantikörper treten u. a. als Jo-1-Antikörper bei der Polymyositis und Mi-2-Antikörper bei der Dermatomyositis auf.
Therapie
Anfangs muss mit hoch dosierten Kortisonpräparaten behandelt werden, später erfolgt unter Senkung der Kortisondosis die Kombination mit Immunsuppressiva wie Cyclophosphamid, Azathioprin oder MTX. Zusätzlich muss jede Form des Organbefalls symptomatisch behandelt werden.
Neuromyelitis Optica (NMO)
Die Neuromyelitis optica (NMO) ist eine seltene, entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, die als eigenständige Erkrankung von der Multiplen Sklerose (MS) abgegrenzt wird. Betroffen sind besonders Sehnerv, Rückenmark und Hirnstamm.
Symptome
Typische Symptome sind Sehstörungen, Muskelschwäche, Lähmungen, Empfindungsstörungen der Haut, Inkontinenz, Schluckauf oder Übelkeit und Erbrechen. Eine ein- oder beidseitige Entzündung des Sehnervs beeinträchtigt das Sehvermögen. Sensibilitätsstörungen, Muskelschwäche und Lähmungen bis hin zu einer Querschnittslähmung sind Folgen einer NMOSD am Rückenmark.
Ursachen und Diagnose
Im Falle von Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen sind Autoantikörper vom Typ Immunglobulin G gegen Aquaporin-4 (AQP-4) gerichtet. Die Diagnose basiert auf der Erhebung der Krankengeschichte, der Bildgebung mittels MRT, Blut- und Nervenwasseruntersuchungen sowie Antikörper-Tests.
Therapie
Die Schubtherapie bei NMOSD umfasst die Gabe von Glukokortikoiden und/oder Plasmapherese. Zur Vorbeugung weiterer Schübe werden künstlich hergestellte Antikörper wie Eculizumab und Rituximab oder Immunsuppressiva wie Azathioprin eingesetzt.
Neuromuskuläre Erkrankungen
Neuromuskuläre Erkrankungen umfassen alle Erkrankungen des Muskels (Myopathien), seiner Nervenfasern und Neuronen (Motoneuronen) sowie Störungen der Signalübertragung. Muskelschwäche ist das typische Leitsymptom aller Varianten.
Ursachen und Diagnostik
Muskelerkrankungen sind zumeist genetisch bedingt, können aber auch durch Stoffwechselerkrankungen, Autoimmunstörungen, Infektionen, Giftstoffe, Minderdurchblutungen oder Traumata bedingt sein. Die Diagnose erfolgt auf der Grundlage verschiedener Untersuchungen wie Anamnese, neurologische Untersuchung, Labordiagnostik, Elektrophysiologie, bildgebende Verfahren und Muskelbiopsie.
Therapie
Muskelerkrankungen sind bislang nicht heilbar. Die Behandlung konzentriert sich vorrangig auf unterstützende Maßnahmen wie Krankengymnastik, Ergotherapie, Logopädie und Psychologie.
Fallbeispiel: Leidensweg einer Patientin
Eine Patientin beschreibt ihren langen Leidensweg, der mit einer komplizierten Geburt und anschließenden gesundheitlichen Problemen begann. Sie litt unter Sehnervenentzündungen, extremer Erschöpfung, Gelenkschmerzen und Hautausschlägen. Trotz zahlreicher Arztbesuche wurde sie lange Zeit nicht ernst genommen und als psychisch labil abgestempelt.
Erst nach jahrelanger Suche und dank ihrer eigenen medizinischen Kenntnisse konnte sie auf mögliche Differentialdiagnosen hinweisen und wurde schließlich auf SLE mit ZNS-Beteiligung diagnostiziert. Dieser Fall verdeutlicht die Bedeutung einer umfassenden Abklärung und die Berücksichtigung atypischer Verläufe bei Autoimmunerkrankungen.
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