Deichkind: Zwischen Arbeitsfrust, Ironie und der Suche nach Authentizität

Deichkind, die Hamburger Elektropunk- und Hip-Hop-Band, hat sich seit ihrer Gründung einen Namen gemacht, der polarisiert und zum Nachdenken anregt. Sind sie die neuen Scooter, Kraftwerk oder gar The Residents? Diese Frage scheint angesichts ihrer Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit nebensächlich. Vielmehr geht es darum, was Deichkind mit ihrer Musik und ihren Auftritten aussagen wollen.

Die Maskerade und der Klamauk als Schutzschild?

Ein Kritikpunkt an Deichkind ist, dass sie sich hinter einer Maskerade und Klamauk verstecken. Wenn sie in Unterhosen auf die Bühne treten oder selbstironisch über ihre "dicken Bäuche" rappen, entsteht der Eindruck, dass sie von sich selbst ablenken wollen. Es könnte eine Angst vor der eigenen Coolness sein, die sie dazu veranlasst, sich im Vorfeld lächerlich zu machen, um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Diese Strategie ist jedoch bedauerlich, da Deichkind auf instrumentaler Ebene durchaus "cool" sein könnten. Ihre Beats sind unbestreitbar gut, und der Aufbau ihrer Songs zeugt von großer Musikalität.

"Arbeit Nervt": Ein Song mit Potenzial, aber ohne Authentizität?

Der Song "Arbeit Nervt" könnte ein Kommentar zu modernen Ausbeutungsverhältnissen sein, ähnlich wie Manny Mark und Corus 86 in ihrem Song "Kein Bock auf Arbeit". Allerdings wirkt Deichkinds Interpretation ausgedacht und nicht selbst erlebt. Es fehlt die Authentizität, die den Song wirklich überzeugend machen würde.

"Arbeit Nervt" könnte sich auf die Medienbranche und ihre unbezahlten Praktika mit 16-Stunden-Arbeitstagen beziehen. Selbstausbeutung und die Erwartung, heutzutage zu 150 % mobil, flexibel und einsatzbereit zu sein, sind reale Probleme. Bei Deichkind wird dies jedoch zu einer Polemik gegen Sachsen-Anhalt und eine Arbeitswelt, die in ihren Kreisen nicht mehr existiert, abgeschwächt.

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Die Zeile "Früh aufstehn ist wohl eher so was für dich?" wirkt deplatziert, da Deichkind in ihrer "spießigen alternativen, aufgeräumten, flippigen Hamburger Schanze Welt" leben und wenig mit den Idealen einer Arbeiterbewegung zu tun haben. Aus alten Losungen Trinksprüche und Bierwurstreime zu machen, wirkt müßig und angestrengt.

Ein Lichtblick: "Ich und mein Computer"

Ein Song auf der CD, der wirklich berührt, ist "Ich und mein Computer". In seiner Unpersönlichkeit erinnert er an Kraftwerk und thematisiert alltägliche Computerprobleme wie zu kurze Kabel, verstopfte Düsen, Fehlermeldungen, Programmabstürze, volle Festplatten und veraltete Updates. Jeder kennt den Zeitdruck, wenn alles schnell fertiggestellt und verschickt werden muss. Sanduhr, Sanduhr, Sanduhr. Allein vom Zuhören wird einem heiß, und man muss aufpassen, nicht gegen den Bildschirm zu boxen.

Bohemiens, die auf Proleten machen?

Ansonsten hat man den Eindruck, dass hier ein paar Bohemiens auf Proleten machen. Ausgedachte Songs übers Saufen oder über "Travelpussys" wirken aufgesetzt. Deichkind haben diese Dinge vielleicht ausprobiert, aber es ist nicht ihr Leben. Ihre Suche nach Authentizität wirkt traurig. Ein Truck Driver wird eher Bushido oder Böhse Onkelz hören, wo er sich spüren kann und von denen er denkt, "der redet für mich".

Deichkind trauen sich nicht, sie selbst zu sein. Sie zeigen zu keinem Zeitpunkt Gesicht und sind trotzdem auf der Suche nach dem "Echten". In diesem Punkt sind sie vielleicht die authentischste Band für die Generation Neon um die 30: mutlos, angepasst und pseudowild.

"Arbeit nervt!" - Eine Ausstellung in Dortmund

Unter dem Titel "Arbeit nervt!" zeigte das Künstlerhaus Dortmund die Werke von 13 Künstlerinnen und Künstlern, die den Blick auf das Phänomen Arbeit lenken. Während Deichkind in Punk-Attitüde den arbeitsfreien Alltag besingen, bildet in der Neurobiologie ein kleines Eiweißmolekül, der Nerve Growth Factor (NGF), den Nährboden für unser Nervenwachstum. Physische und mentale Aktivität können die Produktion des NGF steigern - Arbeit kann also das Wachstum unserer Nervenfasern aktivieren.

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Die Ausstellung "Arbeit nervt!" visierte die Arbeit aus unterschiedlichen Positionen an und entlockte ihr vielfältige Perspektiven. Gilbert Geister ließ seine Seilbahn zwischen Farbe und Leinwand verkehren, während Miguel José Gonzalez-Gonzalez Momente des Innehaltens und Gewahrwerdens fokussierte. Jana Guerreros Arbeit Wild at heart konfrontierte zwei gleichartige Maschinen, die verschiedenfarbigen Schaum absondern, und Stephan Henrich präsentierte mit dem Fungus-Project einen Gärtnerroboter, der Austernpilze pflegt und erntet. Frank Höhne ließ sich zu einem achtstündigen Zeichenmarathon verdonnern, und David Jakubowski richtete in seinen Filmen einen mikroskopischen Blick auf die Tierwelt der Kleinstlebewesen. Alessa Joosten beschäftigte sich mit dem Akt des Umhüllens, Ben Long schuf aus Wasserwaagen eine dreidimensionale Struktur, und Clemens Mock verband gescannte Diapositive von der Renovierung eines Mietshauses mit den Erzählungen von Migranten und Flüchtlingen. Colin Penno und Philip Ullrich bauten einen Parcours in ein Gebäude ein, der architektonische Gegebenheiten in den Vordergrund stellte, und Helmut Smits präsentierte eine Zeitschaltuhr, die den Strom von neun bis siebzehn Uhr abgibt und den Rest der 24 Stunden abschaltet. Anton Steenbocks Arbeit bezog ihren Reiz aus dem urbanen Umfeld.

"Bück dich hoch": Eine Anti-Hymne auf die moderne Arbeitswelt?

Der Song "Bück dich hoch" von Deichkind wurde von einem Arbeitgeber zum Anlass genommen, einem Mitarbeiter fristlos zu kündigen, da die besungenen Arbeitsbedingungen mit denen im Betrieb gleichgesetzt wurden. Deichkind reagierten überrascht und kritisierten die fehlende Ironie und Kritikfähigkeit des Arbeitgebers.

Björn Beneditz von Deichkind erklärte, dass der Song eine Reaktion auf die Veränderung des Arbeiterbilds sei, in dem der Zwang zur Selbstoptimierung immer wichtiger werde. La Perla ergänzte, dass "Arbeit nervt" aus der eigenen Genervtheit heraus entstanden sei, immer produktiv sein zu müssen. Der ironische Grundton von "Bück dich hoch" sei eine karnevalistische Form, auf den Zeitgeist zu reagieren, überspitzt und überzeichnet.

Deichkinds Umgang mit illegalen Downloads und die Rolle der Frau

Deichkind gehen mit dem Thema illegaler Downloads locker um und lieferten mit "Illegale Fans" sogar eine Partyhymne für die Freunde der Produktpiraterie. Sie versuchen, über ihre Auftritte Energie auszustrahlen und Interesse für sich zu wecken.

Auf die Frage nach der Teilnahme von Frauen in ihrer Band antworteten Deichkind, dass Männlichkeit oder die Auseinandersetzung damit ein wichtiges Thema für sie sei, auch wenn keine Frau mitmacht. Ihr Publikum sei eher "weich", und der Frauen-Männer-Anteil sei ziemlich ausgeglichen.

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"Arbeit nervt": Ein Album zwischen Dinkel und Kapitalo

Das Album "Arbeit nervt" von Deichkind vereint "Dinkel" (ökologische und grüblerische Elemente) und "Kapitalo" (hedonistische Exzesse). Es ist ein Album, das zum Tanzen anregt, aber auch zum Nachdenken anstößt.

Die Single "Arbeit nervt" ist ein Brecher mit einer beispiellosen Wortwahl und einem verständlichen Tenor. Der Song "Ich und mein Computer" erinnert an Kraftwerk und thematisiert Computer-Fehlermeldungen. "Luftbahn" ist ein straighter Popsong mit einem ekeligen Vocoder-Inferno, während "Gut dabei" auf einem Sample des Gary-Glitter-Glam-Stompers "Rock And Roll, Pt. 2" basiert. "Travelpussy" ist ein lüsternes Lied, und "Komm rüber" ist ein debil-aber-geiler R’n’B-Song.

Deichkind grenzen niemanden aus und lassen jeden in ihre Großraum-Trashpop-Dorfdisco. Sie sind geisteskrank, aber gesund, und betreiben Selbstzerstörung mit Methode.

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