Nervenschmerzen bei Multipler Sklerose: Behandlungsmöglichkeiten und innovative Therapieansätze

Multiple Sklerose (MS) ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die sich bei jedem Patienten anders äußert und daher auch als "Krankheit der 1.000 Gesichter" bezeichnet wird. Ein häufiges und oft unterschätztes Symptom sind Schmerzen, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Arten von Nervenschmerzen bei MS, ihre Ursachen und die vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten, einschließlich innovativer Therapieansätze.

Schmerzen als häufiges Symptom bei MS

Schmerzen sind ein weit verbreitetes Problem bei Menschen mit MS. Studien zeigen, dass etwa 20 Prozent der Betroffenen bereits zu Beginn ihrer Erkrankung unter Schmerzen leiden, während im weiteren Verlauf 60 bis 80 Prozent davon betroffen sind. Trotz dieser hohen Prävalenz findet dieser Umstand in der ärztlichen Versorgung oft noch zu wenig Beachtung.

Ursachen und Arten von Schmerzen bei MS

Die Ursachen für Schmerzen bei MS sind vielfältig und können direkt oder indirekt mit der Erkrankung zusammenhängen. Es lassen sich verschiedene Arten von Schmerzen unterscheiden:

  • Neuropathische Schmerzen: Diese Schmerzen entstehen durch eine Schädigung des Nervensystems selbst. Bei MS werden sie durch die Entzündung und den Abbau der Myelinscheide, der Schutzschicht um die Nervenfasern, verursacht. Dadurch kommt es zu einer fehlerhaften Übertragung von Nervensignalen.
    • Dysästhetische Schmerzen: Diese werden als konstante, brennende Schmerzen beschrieben, die ohne äußere Reize auftreten, besonders in den Beinen und Füßen.
    • Trigeminusneuralgie: Eine Schädigung des Trigeminusnervs, der weite Bereiche des Kopfes versorgt, kann zu intensiven Schmerzen in Augen, Kiefer, Stirn, Kopfhaut, Lippen, Nase und im Gesicht führen. Die Schmerzen treten plötzlich auf und können durch alltägliche Aktivitäten ausgelöst werden.
    • Lhermitte-Zeichen: Ein schmerzhaftes Zeichen, das häufig bei MS auftritt.
    • Schmerzen im Zusammenhang mit Optikusneuritis: Eine Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis) kann zu Sehstörungen und Schmerzen führen.
  • Nozizeptive Schmerzen: Diese Schmerzen entstehen durch eine Reizung der Schmerzrezeptoren im Körper, beispielsweise durch Muskelverspannungen oder Gelenkprobleme.
    • Muskelschmerzen: Sie entstehen durch Veränderungen des Bewegungsapparates, z. B. durch Fehlhaltungen aufgrund von Gleichgewichtsstörungen, Muskelsteifheit oder fehlender Koordination.
    • Schmerzhafte tonische Krämpfe: Krämpfe infolge von Spastik sind eine häufige Beschwerde bei MS-Patienten.
  • Schmerzen als Folge von MS-Symptomen:
    • Spastik: Steifigkeit und Muskelkrämpfe können Schmerzen verursachen.
    • Blasenentleerungsstörungen: Ein Aufstau von Urin kann zu Blasenschmerzen führen.
    • Muskuläres Ungleichgewicht: Kann zu Einschränkungen der Beweglichkeit und damit zu Gelenk- und Muskelschmerzen führen.
  • Schmerzen unter medikamentöser Therapie: Einige Medikamente zur Behandlung von MS können als Nebenwirkung Schmerzen verursachen.
  • MS-unabhängige Schmerzen: Schmerzen, die nicht direkt mit der MS oder ihren Symptomen zusammenhängen, wie z. B. Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen.

Diagnose und Therapie

Um eine angemessene Behandlung von Schmerzen bei MS zu gewährleisten, ist eine genaue Diagnose der Schmerzursache unerlässlich. Dies erfordert eine ausführliche Anamnese, eine umfassende körperliche Untersuchung und die Bewertung von apparativen Zusatzuntersuchungen, Fragebögen und Befunden innerhalb eines interdisziplinären Teams.

Multimodale Schmerztherapie

Da es keine spezifischen Leitlinien für die Behandlung von Schmerzen bei MS gibt, gelten die allgemeinen Therapieprinzipien für chronische Schmerzen. Angezeigt ist eine möglichst frühzeitig beginnende multimodale Schmerztherapie, die verschiedene Ansätze kombiniert:

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  • Medikamentöse Therapie:
    • Schmerzmittel nach dem WHO-Stufenschema: Bei nozizeptiven Schmerzen können nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen, Paracetamol oder Diclofenac hilfreich sein.
    • Medikamente gegen neuropathische Schmerzen: Hier kommen Wirkstoffe wie Gabapentin oder Pregabalin zum Einsatz, die eigentlich Antiepileptika sind.
  • Bewegungstherapie: Physiotherapie und gezielte Übungen können helfen, Muskelverspannungen zu lösen, die Beweglichkeit zu verbessern und Schmerzen zu reduzieren.
  • Schmerzpsychotherapie: Psychologische Interventionen können den Patienten helfen, besser mit ihren Schmerzen umzugehen und ihre Lebensqualität zu verbessern.
  • Weitere Therapien: Akupunktur und Entspannungsmethoden wie Qigong können ebenfalls zur Schmerzlinderung beitragen.

Aktiver Therapieansatz

Passive physikalische Maßnahmen und Pharmakotherapie können kurzfristig zu einer Funktionsverbesserung beitragen und daher indiziert sein. Eine nachhaltige Beeinflussung funktioneller Defizite erfordert jedoch aktive, übende Verfahren, bei denen der Patient zunächst unter Anleitung sowie dann auch zunehmend in Eigenverantwortung lernt, langfristig insbesondere den primären Funktionsstörungen entgegenzuwirken. Ein weiterer wichtiger Aspekt aktiven Trainings ist die Anhebung der Schmerzschwellen, die „exercise-induced hypoalgesia“. Voraussetzung hierfür ist jedoch eine dem Beschwerdebild des Patienten hinsichtlich Art, Intensität, Dauer und Frequenz angepasste Trainingssteuerung.

Individueller Therapieplan und Therapieziele

Das ganzheitliche Erfassen chronischer Schmerzen kann zur Folge haben, dass zwei Patienten mit ähnlichen Beschwerden durchaus unterschiedlicher Behandlungsstrategien bedürfen - weil ihre Lebenssituation unterschiedlich ist und ihrem Schmerz eine jeweils andere existenzielle Bedeutung zukommt. Wer mit chronisch Kranken arbeitet, ist wiederholt Situationen ausgesetzt, für die es keine vorgefertigten Lösungen gibt. Die dann notwendige mitfühlende Begleitung ist nicht im Sinne reiner Passivität zu verstehen, vielmehr im Sinne des englischen Begriffs „care“ (= Betreuung, Pflege, Fürsorge), definiert als aktives Bemühen um eine verbesserte Lebensqualität von Menschen.

Die Rolle der Rehabilitation

Neben der Akutbehandlung spielt die Rehabilitation eine wichtige Rolle bei der langfristigen Versorgung von MS-Patienten mit Schmerzen. Ziel der Rehabilitation ist es, die körperliche Funktion und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Innovative Therapieansätze

Die Forschung im Bereich der MS-Therapie schreitet stetig voran, und es gibt vielversprechende neue Ansätze zur Behandlung von Nervenschmerzen:

  • Dimethylfumarat (DMF): Eine Studie hat gezeigt, dass DMF nicht nur die Entzündung reduziert, sondern auch die Regeneration geschädigter Nerven fördern kann. Dies könnte die Behandlung verschiedener Erkrankungen des Nervensystems verbessern.
  • Berücksichtigung der spirituellen Dimension: Das biopsychosoziale Modell der Schmerzbehandlung wird zunehmend um eine spirituelle Dimension erweitert, um den existenziellen Charakter chronischer Schmerzen zu berücksichtigen.

Die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Eine erfolgreiche Behandlung von Nervenschmerzen bei MS erfordert eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. Ein multidisziplinäres Team, bestehend aus Ärzten, Psychologen, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Logopäden und Pflegekräften, kann die individuellen Bedürfnisse der Patienten optimal berücksichtigen und einen maßgeschneiderten Therapieplan entwickeln.

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Die neue Station 3 E der Marianne-Strauß-Klinik

Im Rahmen der Grundsanierung der Marianne-Strauß-Klinik entstand die moderne und funktionale Station 3 E, die speziell auf die Bedürfnisse von MS-Patienten mit chronischen Schmerzen zugeschnitten ist. Hier wird ein bewährtes multimodales Therapiekonzept angeboten, das die interdisziplinäre Zusammenarbeit aller beteiligten Berufsgruppen vorsieht. Wöchentliche Edukationsgruppen und tägliche Visiten ermöglichen eine Anpassung der Therapieziele an die individuellen Bedürfnisse der Patienten.

Tipps für den Umgang mit Schmerzen im Alltag

Neben der professionellen Behandlung gibt es auch Maßnahmen, die MS-Patienten selbst ergreifen können, um ihre Schmerzen im Alltag zu lindern:

  • Schmerztagebuch führen: Um einen Überblick über Verlauf, Häufigkeit, Intensität und Dauer der Schmerzen zu behalten, kann es hilfreich sein, ein Schmerztagebuch zu führen.
  • Austausch mit anderen Betroffenen: Der Austausch mit anderen MS-Patienten kann helfen, besser mit Schmerzen umzugehen.
  • Physiotherapie und Bewegung: Regelmäßige Bewegung und gezielte Übungen können helfen, Muskelverspannungen zu lösen und die Beweglichkeit zu verbessern.
  • Entspannungstechniken: Entspannungsmethoden wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und Schmerzen zu lindern.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung kann dazu beitragen, Entzündungen im Körper zu reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern.
  • Kühlen: Bei Wärme können sich Beschwerden wie Fatigue und Schmerzen verschlimmern. Die Kühlung des Körpers kann den Beschwerden entgegenwirken.

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