Nervenschmerzen nach Zahnersatz: Ursachen, Behandlung und psychosomatische Aspekte

Zahnersatz ist eine gängige Lösung, um fehlende Zähne zu ersetzen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Allerdings können nach der Eingliederung von Zahnersatz, wie Prothesen, Brücken oder Implantaten, Nervenschmerzen auftreten. Diese Schmerzen können verschiedene Ursachen haben und sowohl physische als auch psychische Aspekte berücksichtigen.

Psychosomatische Aspekte von Zahnersatz

Oftmals werden bei Zahnersatz die psychosomatischen Aspekte übersehen, obwohl sie eine bedeutende Rolle spielen. Diese Aspekte gehen über den rein körperlichen Schmerz hinaus und betreffen auch das emotionale Wohlbefinden. Psychische Faktoren wie Stress, Angst oder Trauer können körperliche Symptome verursachen oder verstärken. Dies zeigt sich oft in Form von Schmerzen oder Unverträglichkeiten, die nicht direkt auf eine körperliche Ursache zurückzuführen sind, sondern durch psychische Belastungen ausgelöst werden.

Ein klassisches Beispiel ist die sogenannte psychogene Zahnersatzunverträglichkeit. Hinter diesem Begriff verbergen sich vielfältige Symptome wie diffuse, weit ausstrahlende Schmerzen, Mundschleimhautbrennen, Geschmacksirritationen und Schluckbeschwerden. „Die Betroffenen sind meist fest davon überzeugt, dass die oftmals chronischen Beschwerden durch eine Materialunverträglichkeit des Zahnersatzes hervorgerufen werden“, so Dr. Dietmar Oesterreich von der Initiative proDente. Nicht selten bestehen sie auf eine Neuanfertigung der Prothese, obwohl der zahnärztliche Befund keinen Anlass zur Korrektur gibt.

Ursachen psychosomatischer Beschwerden

  • Stress: Stress kann zu einer erhöhten Muskelanspannung führen, was wiederum zu Kiefergelenkschmerzen und Bruxismus (Zähneknirschen) führt. Beide Faktoren können Schmerzen verursachen, die sich auf den Zahnersatz auswirken.
  • Emotional belastende Ereignisse: Der Verlust von Zähnen kann für viele Menschen ein emotional belastendes Ereignis sein. Der Gedanke, nicht mehr „komplett“ zu sein, kann Stress und Angst auslösen, was sich in körperlichen Beschwerden wie Schmerzen oder dem Gefühl der Unverträglichkeit des Zahnersatzes äußern kann.
  • Psychologische Ursachen: Angst vor Veränderung oder vor Verlusten spielen eine große Rolle.
  • „Life event“: Oftmals geben psychosoziale Faktoren den Ausschlag für die Schmerzen im Kiefer-Gesichts-Bereich. Studien zeigen, dass der Beginn der Beschwerden unter anderem mit einem einschneidenden Lebensereignis, einem „life event“ einsetzt.

Behandlung psychosomatischer Beschwerden

Die Behandlung psychosomatischer Beschwerden bei Zahnersatz erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Ein Zahnarzt sollte in der Lage sein, nicht nur die physischen Aspekte zu betrachten, sondern auch mögliche psychische Faktoren zu erkennen, die zu den Beschwerden beitragen.

  • Multidisziplinäre Zusammenarbeit: In vielen Fällen kann eine multidisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Zahnärzten, Psychologen und Physiotherapeuten hilfreich sein. Psychologen können helfen, die psychischen Ursachen zu identifizieren, während Physiotherapeuten bei muskulären Beschwerden wie Kiefergelenkschmerzen unterstützend wirken können.
  • Entspannungstechniken: Die Rolle von Entspannungstechniken oder stressabbauenden Maßnahmen wie Atemübungen oder Meditation sollte nicht unterschätzt werden.
  • Anpassungen am Zahnersatz: Auf der zahnmedizinischen Seite können Anpassungen am Zahnersatz vorgenommen werden, um den Patienten das Gefühl von Kontrolle und Sicherheit zu geben. Manchmal reicht schon eine kleine Veränderung der Passform, um das psychische Wohlbefinden zu verbessern.
  • Verhaltenstherapie: Verhaltenstherapie kann eine wertvolle Unterstützung bieten, insbesondere bei Patienten, die stark unter Zahnarztangst oder Unsicherheit leiden.
  • Offene Kommunikation: Um die Angst zu reduzieren, ist eine offene Kommunikation zwischen Zahnarzt und Patient entscheidend. Zahnärzte sollten ihren Patienten die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen und den Behandlungsprozess klar zu verstehen. Ein starkes Vertrauensverhältnis zwischen Zahnarzt und Patient ist bei der Behandlung von psychosomatischen Beschwerden besonders wichtig.

Nervenschmerzen nach Zahnbehandlungen und Zahnersatz

Nach der Entfernung eines schmerzhaften Zahnes tritt oft Erleichterung ein. Jedoch kann es vorkommen, dass kurz nach der Behandlung sogenannte Phantomschmerzen auftreten. Phantomschmerzen sind Schmerzen, die von nicht mehr vorhandenen Körperteilen ausgehen. Im zahnmedizinischen Bereich werden Phantomschmerzen auch als atypische Odontalgie bezeichnet. Im Gegensatz zur typischen Odontalgie können Ärzte den Schmerzen nicht immer eine eindeutige Ursache zuordnen, schließlich wurde der schmerzhafte Zahn entfernt.

Lesen Sie auch: Hüft-TEP und Nervenschmerzen

Ursachen von Nervenschmerzen nach Zahnbehandlungen

  • Schädigung sensibler Nerven: Beim Zahn gehen die Schmerzen meist auf eine Schädigung sensibler Nerven während des Eingriffes zurück. Tatsächlich muss nicht immer die komplette Entfernung des Zahnes die Ursache für Nervenschmerzen nach einer Zahnbehandlung sein.
  • Über- oder Unterreaktion des beschädigten Nervs: Inzwischen weiß man, dass es sich meist um eine Über- oder Unterreaktion des beschädigten Nervs handelt. Beim Ziehen eines Zahnes wird dieser aus seinem Knochenfach entfernt. Dabei wird die Verbindung zum versorgenden Nerv getrennt, sodass es zur Schädigung des letzten Abschnitts kommt. Als Reaktion auf diese Schädigung schüttet der Nerv Wachstumsfaktoren aus, um die Neugestaltung der Nervenzelle einzuleiten.

Diagnose und Behandlung von Nervenschmerzen

Die Diagnose von Phantomschmerzen erfolgt über den Ausschluss anderer infrage kommender Krankheiten. Bisher hat sich noch kein Therapieansatz als besonders erfolgversprechend durchgesetzt. In den meisten Fällen sorgt jedoch eine medikamentöse Behandlung für eine Besserung.

  • Medikamentöse Behandlung: Besonders bewährt hat sich die Verabreichung eines trizyklisches Antidepressivums in niedriger Dosis. Und auch die lokale Behandlung mit Capsaicin oder einem Lokalanästhetikums kann Phantomschmerzen lindern.
  • Psychologische Behandlung: Hilfreich hat sich zudem eine begleitende psychologische Behandlung erwiesen.

Nervenverletzungen durch Zahnimplantate

Die Verletzung von Nerven durch Implantate ist insgesamt selten aber schwerwiegend. In der Gruppe der Nervverletzungen im Zusammenhang mit Zahnimplantaten ist die Schädigung des Unterkiefernerv-Astes dabei mit großem Abstand das bedeutendste Risiko. Theoretisch besteht noch die Gefahr einer Verletzung des Zungennervs (N. lingualis) oder kleiner Oberkiefernerv-Äste.

Unterkiefernerv (Nervus alveolaris inferior)

Im Unterkieferknochen des Seitenzahnbereichs verläuft der Unterkiefernerv (Nervus alveolaris inferior) in einem Kanal unterhalb der Wurzelspitzen und versorgt den Knochen und die Zähne der betreffenden Seite mit Sensibilität. Er verlässt etwa in Höhe der Wurzelspitze des 5. Zahnes aus dem Kieferknochen.

Wenn für die Implantateinbringung zu tief gebohrt und das Implantat zu tief platziert wird, kann der Unterkiefernerv gequetscht, teilweise oder ganz durchtrennt werden. Je nach Verletzungsgrad resultiert daraus ein zeitweiliges bis dauerhaftes Taubheitsgefühl im Kinn-Lippen-Bereich der betroffenen Seite. Auch sind Missempfindungen und Schmerzen neben einem Sensibilitätsverlust möglich.

Nicht nur die direkte Verletzung des Nerven kann zu Empfindungsstörungen führen. Auch bei sehr knappem Abstand zwischen Implantatspitze und Nerv kann durch einen Bluterguss oder ein Ödem (Schwellung) im Knochen Druck auf den Nerv ausgeübt werden.

Lesen Sie auch: Nervenschaden nach Zahnbehandlung: Symptome und Therapie

Zungennerv (N. lingualis)

Der Zungennerv liegt an der Innenseite des Unterkieferknochens etwa in Höhe des Weisheitszahns und tritt dann in die Zunge ein. Der Nervus lingiualis enthält Fasern für das Gefühl (die Sensibilität) der Zunge, aber auch sensorische Anteile für den Geschmack (süß, sauer, salzig, bitter und umami), die im Falle einer Verletzung verloren gehen: Zunge auf der betroffenen Seite ohne Gefühl und Geschmack.

Der N. lingualis kann aufgrund seiner Lage außerhalb des Knochens durch ein Implantat im Grunde nicht verletzt werden. Eine Verletzung ist noch am ehesten durch die Betäubungsspritze denkbar (Risiko einer sogenannten Leitungsanästhesie im Unterkiefer).

Nerven im Oberkiefer

Im Gegensatz zum Unterkiefer gibt es im Oberkiefer keinen Hauptnerven, der Schaden erleiden kann. Die sensible Versorgung der Zähne wird über feine Nervenverästelungen, die im Seitezahnbereich über die darüberliegende Kieferhöhle und im Frontzahnbereich über den subnasalen Raum in die Zähne einziehen, erreicht. Trotzdem ist es möglich durch Implantate kleinere Nervenbahnen zu verletzen. Daraus könnte der Sensibilitätsverlust einzelner Zähne z.B. des Eckzahns resultieren.

Prävention von Nervenverletzungen

Durch Sorgfalt bei Planung und Durchführung ist eine Nervverletzung im Unterkiefer auch unter beengten anatomischen Verhältnissen vermeidbar.

  • Sicherheitsabstand: Allerdings sollte jede Implantatbehandlung einen Sicherheitsabstand von 2 mm zum Nerv einhalten, so dass Nervverletzungen, die typischerweise durch Planungsfehler und Unachtsamkeit des Implantologen beim Bohren verursacht werden, vermieden werden können.
  • 3D-Röntgen: Bei nervnahen Implantaten sind heutzutage Planungen unter Zuhilfenahme von 3D-Röntgen (CT, DVT) State-of-the-Art.
  • Bohrerstopps: Auch helfen spezielle Bohrerstopps bei der exakten Implantatbettaufbereitung um ein zu tiefes Bohren zu verhindern.
  • Röntgen-Diagnostik: Durch sorgfältige Röntgen-Diagnostik (gegebenenfalls CT, DVT) lässt sich der Abstand zwischen Knochenoberkante und Nervkanal messen. Danach sollte die Implantatlänge mit einem Sicherheitsabstand bestimmt werden.

Diagnose von Nervenverletzungen

Alleine das Auftreten einer Gefühlstörung im Kinn-Lippenbereich nach Abklingen der Betäubung legt die Diagnose nahe. Ein klassisches Röntgenbild kann den Abstand zwischen Implantat und Nervkanal meist gut dokumentieren. Gegebenenfalls ist ein 3D-Bild (CT, DVT) heranzuziehen, da hierdurch entscheidende Informationen für die Behandlung eingeholt werden.

Lesen Sie auch: Medikamentenfreie Schmerzlinderung bei Nervenschmerzen

Behandlung von Nervenverletzungen

  • Operative Nervnaht: Im Falle einer unstrittigen Durchtrennung des Nerven beim Bohren kann daher theoretisch eine operative Nervnaht Voraussetzung für eine besser Regeneration schaffen.
  • Entfernung des Implantats: Bei Implantaten, die in den Nervkanal reichen ist aber die umgehende Entfernung bzw. Korrektur die Therapie der Wahl.
  • Ödem, Bluterguß: Zuwarten; evtl. Kortisongabe nach Absprache mit einem Neurologen/Neurochirurgen.
  • Schmerztherapie: Schmerztherapie, evtl. in Absprache mit einem Neurologen/Neurochirurgen.

Die Prognose ist letztendlich von der Art der Verletzung (Quetschung, teilweise oder vollständige Durchtrennung, Regenerations-Leitstruktur intakt/nicht intakt?) und individuellen biologischen Faktoren abhängig.

Weitere Ursachen für Schmerzen nach Zahnersatz

Neben den bereits genannten Ursachen gibt es weitere Faktoren, die zu Schmerzen nach Zahnersatz führen können:

  • Druckstellen durch Prothesen: Zahnprothesen sind individuelle Maßanfertigungen. Trotzdem drücken sie manchmal und können schmerzhafte Stellen am Zahnfleisch verursachen. In den ersten Tagen bis Wochen nach dem Ersteinsetzen der Prothese ist ein gewisses Druckgefühl relativ häufig. Der Kiefer und die Mundschleimhaut müssen sich erst an den „Fremdkörper Prothese“ gewöhnen. Hält das Druckgefühl über die Eingewöhnungsphase hinaus an, sollte vom Zahnarzt überprüft werden, ob der Zahnersatz richtig sitzt.
  • Entzündungen im Mundraum: Sammeln sich Lebensmittelreste an der Prothese und werden diese nicht entfernt, können sich dort Bakterien und andere Mikroorganismen vermehren und in Folge Schleimhautreizungen, Entzündungen, Mundwinkelrhagaden, Mundgeruch oder Infektionen wie Mundsoor verursachen.
  • Lockerung von Brücken: Normalerweise sollte sich eine Zahnbrücke nicht bewegen lassen. Fühlt sie sich beweglich an, sind entweder die Pfeilerzähne locker oder der Kleber, der Brücke und Zähne verbindet, hat sich gelöst.
  • Zahnfleischentzündung unter der Brücke: Zahnschmerzen und Zahnlockerung entstehen außerdem durch akute oder chronische Zahnfleischentzündungen.
  • Karies am Kronenrand: Schmerzen entstehen nicht selten, wenn sich ein Loch am Übergang zur Krone gebildet hat.
  • Falsche Okklusion: Fällt jedoch beim Kauen auf, dass anderen Zähne nicht optimal aufeinander passen, kann dies zu starkem Druck und Schmerzen an den Brückenpfeilern führen.
  • Entzündeter Zahnnerv: Werden Zähne abgeschliffen, entsteht trotz Wasserkühlung Hitze, die den Zahnnerv reizen kann.
  • Schlecht sitzender Zahnersatz: Schlecht sitzender herausnehmbarer Zahnersatz kann vielfältige Symptome hervorrufen, welche die Lebensqualität des Patienten erheblich beeinträchtigen. Ein häufiges Problem bei Prothesenträgern ist der mangelnde Halt der Zahnprothese beim Essen.

Was tun bei Schmerzen nach Zahnersatz?

Bei Schmerzen nach Zahnersatz ist es wichtig, die Ursache abzuklären und die entsprechende Behandlung einzuleiten.

  • Zahnarztbesuch: Bei starken oder anhaltenden Schmerzen sollte umgehend ein Zahnarzt aufgesucht werden.
  • Professionelle Reinigung: Eine professionelle Reinigung des Zahnersatzes und der Zähne kann helfen, Entzündungen zu vermeiden.
  • Anpassung des Zahnersatzes: Der Zahnarzt kann den Zahnersatz anpassen, um Druckstellen zu beseitigen oder die Okklusion zu verbessern.
  • Medikamentöse Behandlung: Bei Entzündungen oder Nervenschmerzen können Schmerzmittel, Entzündungshemmer oder Antidepressiva eingesetzt werden.
  • Psychologische Betreuung: In manchen Fällen kann eine psychologische Betreuung helfen, psychosomatische Beschwerden zu lindern.

Prophylaxe

Um Schmerzen nach Zahnersatz vorzubeugen, ist eine gute Mundhygiene und regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Zahnarzt wichtig.

  • Regelmäßige Zahnarztbesuche: Auch wenn keine Beschwerden auftreten und der Zahnersatz gut passt, sollte dieser ein- bis zweimal jährlich vom Zahnarzt kontrolliert werden.
  • Gründliche Pflegeroutine: Wie die natürlichen Zähne sollte auch eine Zahnprothese täglich gereinigt werden.
  • Implantatpflege: Beim Implantat liegt das Zahnfleisch wesentlich lockerer an als beim natürlichen Zahn, wodurch sich eine größere Eintrittsbarriere für Bakterien ergibt. Deshalb ist die Implantatprophylaxe entscheidend für den Langzeiterfolg der Zahnimplantate, um schmerzfrei zu bleiben.

tags: #nervenschmerzen #bei #zahnbrucke