Das Nervensystem, insbesondere die Funktionen der Nervenzellen, lässt sich anhand von Analogien zum Motor und anderen Systemen verständlicher machen. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Funktionen von Nervenzellen und vergleicht sie mit den Mechanismen eines Motors, um ein tieferes Verständnis zu ermöglichen.
Einführung
Das Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk, das die Grundlage für unsere Wahrnehmung, unser Verhalten und unsere Bewegungen bildet. Nervenzellen, auch Neuronen genannt, sind die fundamentalen Bausteine dieses Systems. Sie empfangen, verarbeiten und senden Informationen, um die vielfältigen Funktionen des Körpers zu koordinieren. Um die Arbeitsweise von Nervenzellen besser zu verstehen, können Analogien zu anderen Systemen, wie beispielsweise einem Motor, hilfreich sein.
Die Grundlagen der Nervenzellen
Aufbau und Funktion
Nervenzellen bestehen aus verschiedenen Teilen, die jeweils eine spezifische Funktion erfüllen:
- Soma (Zellkörper): Enthält den Zellkern und die Organellen, die für die grundlegenden Lebensfunktionen der Zelle notwendig sind.
- Dendriten: Kurze, verzweigte Fortsätze, die Signale von anderen Nervenzellen empfangen und zum Soma weiterleiten.
- Axon: Ein langer, schlanker Fortsatz, der Signale vom Soma weg zu anderen Nervenzellen, Muskeln oder Drüsen transportiert.
- Myelinscheide: Eine isolierende Schicht, die das Axon umgibt und die Geschwindigkeit der Signalübertragung erhöht.
- Synapsen: Verbindungsstellen zwischen zwei Nervenzellen, an denen die Übertragung von Signalen stattfindet.
Informationsübertragung
Die Informationsübertragung in Nervenzellen erfolgt über elektrische und chemische Signale.
- Ruhepotential: Wenn eine Nervenzelle nicht aktiv ist, herrscht ein elektrisches Potential von etwa -70 mV.
- Aktionspotential: Bei ausreichender Stimulation ändert sich das Membranpotential schlagartig, wodurch ein Aktionspotential entsteht. Dieses wandert entlang des Axons und ermöglicht die schnelle Übertragung von Informationen.
- Synaptische Übertragung: An den Synapsen werden Neurotransmitter freigesetzt, die an Rezeptoren der nächsten Nervenzelle binden und dort entweder eine erregende (EPSP) oder hemmende (IPSP) Wirkung auslösen.
Die Motor-Analogie: Parallelen und Unterschiede
Grundprinzipien eines Motors
Ein Motor wandelt Energie in Bewegung um. Er besteht aus verschiedenen Komponenten, die zusammenarbeiten, um diese Umwandlung zu ermöglichen:
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- Energiequelle: Benzin oder Elektrizität.
- Zylinder/Kolben: Hier findet die Umwandlung der Energie in mechanische Arbeit statt.
- Getriebe: Überträgt die Bewegung auf die Räder.
- Steuerung: Regelt die Zufuhr von Energie und die Bewegung des Motors.
Vergleich mit der Nervenzelle
Die Nervenzelle kann in vielerlei Hinsicht mit einem Motor verglichen werden:
- Energiequelle: Die Nervenzelle benötigt Energie in Form von ATP, das durch den Stoffwechsel bereitgestellt wird. Dies entspricht dem Benzin oder der Elektrizität eines Motors.
- Zellmembran/Ionenkanäle: Die Zellmembran mit ihren Ionenkanälen reguliert den Fluss von Ionen, was zur Entstehung des Ruhe- und Aktionspotentials führt. Dies ähnelt dem Zylinder/Kolben-System, in dem die Energie in Bewegung umgewandelt wird.
- Axon: Das Axon transportiert das Aktionspotential über weite Strecken, ähnlich wie ein Getriebe die Bewegung auf die Räder überträgt.
- Synapsen: Die Synapsen übertragen das Signal auf die nächste Nervenzelle, was der Steuerung des Motors entspricht.
Unterschiede
Obwohl die Motor-Analogie hilfreich ist, gibt es auch wesentliche Unterschiede:
- Komplexität: Nervenzellen sind viel komplexer als Motoren, da sie in der Lage sind, Informationen zu verarbeiten, zu lernen und sich anzupassen.
- Flexibilität: Nervenzellen können ihre Funktion und Struktur im Laufe der Zeit verändern, während Motoren in ihrer Funktion festgelegt sind.
- Selbstorganisation: Nervensysteme sind selbstorganisierend und können sich an veränderte Bedingungen anpassen, während Motoren auf externe Steuerung angewiesen sind.
Die Rolle der Interneurone und Rückkopplungsschleifen
Interneurone
Interneurone sind Nervenzellen, die zwischen sensorischen und motorischen Neuronen geschaltet sind. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Informationen und der Koordination von Bewegungen.
Rückkopplungsschleifen
Rückkopplungsschleifen sind neuronale Schaltkreise, in denen die Aktivität einer Nervenzelle oder einer Gruppe von Nervenzellen die Aktivität anderer Nervenzellen beeinflusst. Es gibt zwei Arten von Rückkopplungsschleifen:
- Positive Rückkopplung: Verstärkt die Aktivität.
- Negative Rückkopplung: Dämpft die Aktivität.
Bedeutung für die Motorik
Rückkopplungsschleifen sind entscheidend für die präzise Steuerung von Bewegungen. Sie ermöglichen es dem Gehirn, die Ausführung von Bewegungen in Echtzeit zu überwachen und anzupassen. Die Forschungsgruppe von Prof. Silvia Arber hat herausgefunden, dass viele Interneurone im Rückenmark die Befehle nicht nur via Motoneuronen an den jeweiligen Muskel, sondern zeitgleich auch noch eine Kopie dieser Information zurück ins Gehirn schicken. „Der Befehl zur Muskelbewegung wird also in zwei Richtungen verschickt. In die eine Richtung, um im Muskel die gewünschte Kontraktion auszulösen. In die andere Richtung, um das Gehirn zu informieren, dass der Befehl auch tatsächlich Richtung Muskulatur geschickt wird“, erklärt Chiara Pivetta. Diese überaus präzise Rückkoppelung gewährleistet zu jeder Millisekunde, dass die Befehle richtig übermittelt werden und die gewünschte Folgebewegung über die Signale, die vom Rückenmark ans Gehirn zurück geschickt werden, bereits mit dem Gehirn koordiniert und angepasst wird.
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Das Gehirn als Schaltzentrale
Organisation des Gehirns
Das Gehirn ist in verschiedene Bereiche unterteilt, die jeweils spezifische Funktionen erfüllen:
- Motorischer Cortex: Steuert die willkürlichen Bewegungen.
- Kleinhirn (Cerebellum): Koordiniert Bewegungen und sorgt für Präzision.
- Basalganglien: Beteiligt an der Planung undInitiierung von Bewegungen.
- Hirnstamm: Steuert grundlegende Lebensfunktionen und Reflexe.
Befehle des Gehirns zur Bewegung
Die Befehle des Gehirns zur Bewegung der Armmuskulatur nehmen zwei Wege. Wie die Forschungsgruppe von Prof. Silvia Arber am Biozentrum der Universität Basel und am Friedrich Miescher Institut for Biomedical Research nun herausgefunden hat, senden viele Nervenzellen im Rückenmark ihre Befehle nicht nur in Richtung Muskulatur, sondern gleichzeitig über ein hochorganisiertes Netzwerk auch zurück an das Gehirn. Dieser gedoppelte Informationsfluss ist die Grundlage des Nervensystems für präziseste Bewegungen von Armen und Händen. Die Wissenschaftler konnten im Mausmodell zeigen, dass viele Interneuronen im Rückenmark die Befehle nicht nur via Motoneuronen an den jeweiligen Muskel, sondern zeitgleich auch noch eine Kopie dieser Information zurück ins Gehirn schicken. Silvia Arbers Forschungsgruppe entdeckte, dass obwohl die Information der Interneuronen zur Ausführung der Bewegung beim Eintreffen auf Motoneuronen dort zusammengeführt wird, diese Information in einem Kern des Gehirnstamms nach Funktion aufgeteilt wird. Dabei fliessen die Informationen funktionell unterschiedlicher Typen von Interneuronen in verschiedene Areale dieses Kerns. Es gibt somit eine funktionelle Trennung im Gehirnstamm: Man kann sich dies bildlich also so vorstellen, dass Informationen von Interneuronen des Rückenmarks, die beispielsweise die Links-Rechts-Koordination einer Bewegung beeinflussen, im Gehirn an einer anderen Stelle gesammelt werden, als diejenigen von Interneuronen, welche die Geschwindigkeit einer Bewegung beeinflussen.
Die Rolle des Gehirnstamms bei der Steuerung von Schwimmbewegungen
Die Retikulärformation im Gehirn von Zebrafischlarven stellt ein optimales Untersuchungsobjekt dar, um die Frage zu beantworten, wie tierisches Verhalten von neuronalen Netzwerken gesteuert wird. Die Nervenzellen stehen im direkten Kontakt zu Motorneuronen im Rückenmark des Fisches, können also einen direkten Einfluss auf die Schwanzbewegung nehmen. Die absteigende (ins Rückenmark projizierende) Retikulärformation bildet somit eine Art Steuerungszentrale für die Schwanzbewegungen. Die Wissenschaftler nutzen für ihre Versuche transgene Fische, in denen eine kleine Zahl von Nervenzellen der Retikulärformation markiert ist. Sie erhalten Information von visuellen Gehirnarealen, in die vom Auge Sinnesinformationen eingespeist werden, und kontaktieren motorische Nervennetzwerke entlang des Rückenmarks. Lichtschalter im Gehirn - Optogenetische Aktvierung von wenigen Nervenzellen steuert die Schwanzauslenkung. Die Wissenschaftler konnten somit einzelne Neurone anschalten und das erzeugte Verhalten des Fisches beobachten. Der Schwanz des Fisches kann also mit Licht ferngesteuert werden! Die Wissenschaftler nutzten einen sehr fokussierten Laserstrahls, um einzelne Neurone zu entfernen - eine sogenannte Laserablation. Möchte der Fisch also geradeaus schwimmen, wird er ungewollt in eine Kurve gezwungen. Sie dienen wohl nicht der multifunktionalen Kontrolle von gesamten Bewegungsabläufen, sondern steuern in erster Linie die Haltung des Schwanzes während einer Schwimmbewegung. So sind diese Neurone zwar bei einer Vielzahl von Schwimmbewegungen aktiv, steuern jedoch nur einen Teil der Bewegung bei. Ähnlich wie bei einem Motorboot, werden der Antrieb und die Steuerung von verschiedenen Komponenten übernommen. Der Bootsmotor, welcher den Propeller antreibt, bestimmt die Geschwindigkeit, wohingegen mittels der Steuerpinne das Boot gelenkt wird. Im Gehirn werden die Aufgaben sehr ähnlich verteilt. Eine kleine Region im kaudalen Hinterhirn entdeckt, die wie der Motor wirkt und den Fisch vorantreibt. Der nMLF hingegen steuert die Schwimmrichtung.
Neuroplastizität und Anpassungsfähigkeit
Definition von Neuroplastizität
Neuroplastizität bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, seine Struktur und Funktion als Reaktion auf Erfahrungen und Lernprozesse zu verändern.
Bedeutung für das Lernen und die Rehabilitation
Neuroplastizität spielt eine entscheidende Rolle beim Lernen neuer Fähigkeiten und bei der Rehabilitation nach Verletzungen des Nervensystems. Durch gezieltes Training können neue neuronale Verbindungen entstehen und bestehende Verbindungen gestärkt werden.
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Stadtplanung nach Gehirnprinzipien
Angesichts unserer zersplitterten Städte, in denen soziale Unterschiede zunehmen und Ressourcenoptimierung immer dringender wird, hält der Umweltneurowissenschaftler Dr. Robin Mazumder es für sinnvoll, wenn Stadtplaner von einem Nervensystem lernen würden, das auf das kollektive Überleben ausgerichtet ist. Mazumder sollten Städte von den Organisationsprinzipien des Gehirns lernen. In seinen Augen würde so nicht nur die Gesellschaft besser funktionieren, sondern auch die Lebensqualität der Menschen in den Metropolen steigen. Neuromimikry versteht sich als Erweiterung der Biomimikry, welche natürliche Strukturen und Prozesse als Vorbild für technische Innovationen nutzt. Planung sollte Ressourcen effizient nutzen und Unterschiede ausgleichen. Wie das Gehirn ist auch eine Stadt abhängig von Effizienz und Qualität seiner Verbindungen. Für ebenso übertragbar hält der Autor das Prinzip der Selbstorganisation von Gehirnzellen. Das Gehirn reagiere auf Verletzungen, korrigiere Fehler und lerne aus Erfahrungen. Städte sollten seiner Ansicht nach ähnlich handeln: auf Probleme reagieren, aus Fehlplanungen lernen und evidenzbasierte Verbesserungen umsetzen.
Synapsen: Die Verbindungsstellen der Nervenzellen
Aufbau und Funktion der Synapsen
Synapsen sind die Verbindungsstellen zwischen zwei Nervenzellen, die Informationen (Reize/Erregungen) weiterleiten. Innerhalb jeder Nervenzelle werden die Reize dann als elektrische Signale weitergeleitet. Obwohl Synapsen grundsätzlich ähnlich aufgebaut sind, gibt es verschiedene Synapsentypen. Chemische Synapsen kommen in unserem Körper viel häufiger vor.
Chemische Synapsen
Damit das Aktionspotential an der chemischen Synapse übertragen werden kann, sind einige Abläufe nötig. Der Anstieg der Calciumionenkonzentration löst die Verschmelzung der Vesikel (Bläschen) mit der Membran aus. Die Neurotransmitter können an der postsynaptischen Membran an für sie spezifische Rezeptoren (Andockstellen) binden. Die Kanäle sind also nicht spannungsgesteuert, sondern ligandengesteuert. Das bedeutet: Die Ionenkanäle öffnen sich, sobald ein Transmitter (= Ligand) an den entsprechenden Rezeptor gebunden hat. Dieser Ein- und Ausstrom hat eine positive oder negative Veränderung der Spannung zur Folge (= postsynaptisches Potential). Die Erregung / Hemmung findet solange statt, wie die Neurotransmitter an den Rezeptoren gebunden sind. Dann können sie wieder von der präsynaptischen Zelle aufgenommen und erneut verwendet werden.
Synapsengifte
Es gibt verschiedene Stoffe, die die Reizweiterleitung an chemischen Synapsen stören oder verhindern können. Sie hemmen dann die Informationsübertragung an Synapsen an unterschiedlichen Stellen. Es aktiviert postsynaptische Rezeptoren, die auch durch Acetylcholin aktiviert werden. Atropin dagegen hemmt Acetylcholin-Rezeptoren, indem es die Bindung von Acetylcholin verhindert.
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