Ursachen der Lähmung des Nervus axillaris

Der Nervus axillaris, auch Achselnerv genannt, ist ein wichtiger Nerv des Plexus brachialis, der eine zentrale Rolle bei der motorischen und sensiblen Versorgung der Schulterregion spielt. Er entspringt aus den Spinalnerven C5 und C6 und innerviert den Musculus deltoideus sowie den Musculus teres minor. Seine Bedeutung zeigt sich somit in der Bewegung und Stabilität des Schultergelenks, weshalb Läsionen oder Verletzungen dieses Nervs oft erhebliche Funktionseinschränkungen mit sich bringen.

Anatomie und Funktion des Nervus axillaris

Der Nervus axillaris ist ein sensomotorischer Nerv, der Fasern aus den Segmenten C5 bis C6 führt. Er entspringt dem Fasciculus posterior des Plexus brachialis und verläuft gemeinsam mit der Arteria und Vena circumflexa humeri posterior durch die laterale Achsellücke nach dorsal, um sich dann um das Collum chirurgicum des Oberarmknochens (Humerus) zu winden.

Funktion:

  • Motorisch: Innervation des Musculus deltoideus (Armelevation) und Musculus teres minor (Außenrotation).
  • Sensibel: Versorgung des Hautareals über dem Musculus deltoideus durch den Nervus cutaneus brachii lateralis superior.

Ursachen einer Nervus axillaris Lähmung

Eine Lähmung des Nervus axillaris kann verschiedene Ursachen haben. Diese lassen sich grob in traumatische, iatrogene, immunologisch-entzündliche und Druckläsionen unterteilen.

Traumatische Ursachen

  • Schulterluxation: Insbesondere vordere Schulterluxationen können den Nervus axillaris schädigen, da der Humeruskopf auf den Nerv drücken kann.
  • Humerusfraktur: Brüche des Collum chirurgicum (chirurgischer Hals des Oberarmknochens) können ebenfalls zu einer Läsion des Nervus axillaris führen.
  • Direkte Traumata: Stürze oder Schläge auf die Schulter können den Nerv direkt verletzen.

Iatrogene Ursachen

  • Operationen: Arthroskopische Eingriffe an der Schulter können in seltenen Fällen (ca. 7% der Fälle) zu einer Schädigung des Nervus axillaris führen. Betroffen ist hierbei meist der Hautast des Nervs.
  • Reposition einer Schulterluxation: Auch die Reposition (Einrenken) einer ausgerenkten Schulter kann den Nervus axillaris schädigen.

Immunologisch-Entzündliche Ursachen

  • Neuralgische Schulteramyotrophie: Hierbei handelt es sich um eine Entzündung des Plexus brachialis, die auch den Nervus axillaris betreffen kann. Die Ursache ist noch nicht vollständig geklärt.
  • Infektionen und rheumatische Erkrankungen: In seltenen Fällen können Infektionen oder rheumatische Erkrankungen zu einer Entzündung des Nervus axillaris führen.

Druckläsionen

  • Engpass-Syndrom im Spatium quadrilaterale: Das Spatium quadrilaterale ist eine anatomische Engstelle, die von den Muskeln Teres major und minor, dem langen Kopf des Trizeps und dem Humerus begrenzt wird. Durch diese Lücke ziehen der Nervus axillaris und die Arteria circumflexa humeri posterior. Eine Kompression des Nervs in dieser Region kann durch fibröse Bänder, Muskelhypertrophie oder wiederholte Armbewegungen (z.B. bei Sportarten wie Baseball, Volleyball oder Squash) verursacht werden.
  • Rucksacklähmung: Langes Tragen eines schweren Rucksacks kann Druck auf den Nervus axillaris ausüben und zu einer Lähmung führen.
  • Druckschädigung: Längere Druckausübung auf den Nerv, beispielsweise durch ungünstige Schlafpositionen oder das Tragen von beengender Kleidung, kann ebenfalls zu einer Schädigung führen.

Symptome einer Nervus axillaris Lähmung

Die Symptome einer Nervus axillaris Lähmung hängen vom Ausmaß der Schädigung ab. Typische Symptome sind:

  • Atrophie des Musculus deltoideus: Muskelschwund des Deltamuskels.
  • Parese der Armelevation: Schwäche oder Unfähigkeit, den Arm seitlich anzuheben (Abduktion). Die Armabduktion ist meist erst ab 15° eingeschränkt. Auch die Elevation des Arms nach vorne kann betroffen sein.
  • Schwäche der Außenrotation: Der Musculus teres minor unterstützt die Außenrotation des Arms, daher kann es auch hier zu einer Schwäche kommen.
  • Sensibilitätsstörungen: Taubheitsgefühle oder Kribbeln im Bereich der äußeren Schulter und des Oberarms (Innervationsgebiet des Nervus cutaneus brachii lateralis superior).
  • Schmerzen: Dumpfe, ziehende oder neuropathische Schmerzen im Bereich der Schulter und Achselhöhle. Die Schmerzen können sich bei bestimmten Bewegungen, wie z.B. Anteflexion, Abduktion oder Außenrotation des Arms, verstärken.

Diagnose einer Nervus axillaris Lähmung

Die Diagnose einer Nervus axillaris Lähmung basiert auf der Anamnese, der klinischen Untersuchung und verschiedenen apparativen Untersuchungen.

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  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, insbesondere hinsichtlich möglicher Ursachen wie Trauma, Operationen oder sportlicher Betätigung.
  • Klinische Untersuchung:
    • Inspektion: Beurteilung der Schulter auf Atrophie des Musculus deltoideus.
    • Funktionsprüfung: Überprüfung der Armabduktion, Außenrotation und Sensibilität im Versorgungsgebiet des Nervus axillaris.
    • Palpation: Abtasten des Spatium quadrilaterale auf Druckschmerzhaftigkeit.
  • Apparative Diagnostik:
    • Elektromyographie (EMG): Messung der elektrischen Aktivität der Muskeln, um den Grad der Nervenschädigung zu beurteilen.
    • Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG): Messung der Geschwindigkeit, mit der Nervenimpulse weitergeleitet werden.
    • Bildgebung:
      • Röntgen: Zum Ausschluss von Frakturen.
      • MRT (Magnetresonanztomographie): Zur Beurteilung der Weichteile, z.B. bei Verdacht auf ein Engpass-Syndrom im Spatium quadrilaterale oder andere Kompressionsursachen wie Lipome oder Tumore.
      • Angiographie: Bei Verdacht auf ein Engpass-Syndrom im Spatium quadrilaterale zum Nachweis eines Verschlusses der Arteria circumflexa humeri posterior bei Abduktion und Außenrotation des Arms.
    • Liquordiagnostik: Bei Verdacht auf eine entzündliche Ursache.

Differentialdiagnose

Bei der Diagnose einer Nervus axillaris Lähmung müssen andere Erkrankungen ausgeschlossen werden, die ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören:

  • Rotatorenmanschettenruptur: Riss der Sehnen der Rotatorenmanschette.
  • Ruptur des Musculus deltoideus: Riss des Deltamuskels (z.B. durch Trauma).
  • C5-Radikulopathie: Nervenwurzelreizung im Bereich der Halswirbelsäule (C5).
  • Inaktivitätsatrophie: Muskelschwund aufgrund von Inaktivität bei Schultergelenkserkrankungen.
  • Dystrophia musculorum progressiva: Muskeldystrophie.
  • Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Neurologische Erkrankung, die mit Muskelschwund einhergeht.

Therapie einer Nervus axillaris Lähmung

Die Therapie einer Nervus axillaris Lähmung richtet sich nach der Ursache und dem Ausmaß der Schädigung.

  • Konservative Therapie:
    • Krankengymnastik: Übungen zur Kräftigung des Musculus deltoideus und Musculus teres minor, um die Funktion des Nervs zu erhalten und die Beweglichkeit der Schulter zu verbessern.
    • Schmerztherapie: Medikamente zur Linderung von Schmerzen.
    • Immobilisation: Ruhigstellung der Schulter, insbesondere bei einem Engpass-Syndrom im Spatium quadrilaterale.
    • Lokale Kortisoninjektionen: Bei einem Engpass-Syndrom im Spatium quadrilaterale zur Reduktion der Entzündung.
  • Operative Therapie:
    • Dekompression: Bei einem Engpass-Syndrom im Spatium quadrilaterale kann eine operative Dekompression des Nervs erforderlich sein, bei der die einengenden Strukturen (z.B. fibröse Bänder) durchtrennt werden.
    • Nervenrekonstruktion: Bei einer traumatischen Nervendurchtrennung oder hochgradigen Druckschädigung kann eine chirurgische Intervention erforderlich sein, um den Nerv zu rekonstruieren (z.B. Nervennaht oder Nerventransplantation).
    • Neurolyse: Bei einer Kompression des Nervs durch Verwachsungen oder Narbengewebe kann eine Neurolyse (operative Freilegung des Nervs) durchgeführt werden.

Prognose

Die Prognose einer Nervus axillaris Lähmung hängt von der Ursache, dem Ausmaß der Schädigung und der rechtzeitigen Einleitung der Therapie ab. Bei rechtzeitiger Behandlung können sich viele Patienten vollständig erholen. In einigen Fällen kann jedoch eine dauerhafte Schwäche oder Sensibilitätsstörung zurückbleiben.

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