Die Sehnerventzündung (Optikusneuritis) ist eine Entzündung des Sehnervs, die das Sehvermögen beeinträchtigen kann. Sie tritt häufig im Zusammenhang mit Multipler Sklerose (MS) auf, kann aber auch andere Ursachen haben. Dieser Artikel beleuchtet die Unterschiede zwischen Sehnerventzündung und MS, die jeweiligen Symptome und Diagnoseverfahren.
Was ist eine Sehnerventzündung?
Die Optikusneuritis ist eine Entzündung des Sehnervs, der für die Übertragung visueller Informationen vom Auge zum Gehirn verantwortlich ist. Sie betrifft vor allem junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 50 Jahren, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Die Inzidenz wird in mitteleuropäischen Ländern mit etwa 5 pro 100.000 Einwohnern pro Jahr angegeben.
Ursachen der Sehnerventzündung
Im Gegensatz zu anderen Entzündungen des Auges wird die Sehnerventzündung nicht durch Bakterien oder Viren verursacht, sondern durch eine Autoimmunreaktion. Dabei greifen körpereigene Abwehrzellen die Fasern des Sehnervs an. Eine solche Entzündung kann mit systemischen Autoimmunerkrankungen wie Lupus erythematodes einhergehen, tritt aber sehr häufig im Zusammenhang mit Multipler Sklerose auf.
Man unterscheidet zwischen typischen und atypischen Sehnervenentzündungen. Die typische Form ist oft MS-assoziiert oder idiopathisch (ohne erkennbare Ursache), während atypische Formen durch andere Ursachen wie Infektionen, Autoimmunerkrankungen oder andere Pathologien bedingt sein können.
Symptome der Sehnerventzündung
Die typische Sehnerventzündung äußert sich meist einseitig und geht mit folgenden Symptomen einher:
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- Subakutes Auftreten der Beschwerden, Verschlechterung über 1-2 Wochen
- Augenschmerzen, insbesondere bei Augenbewegungen
- Verschwommenes Sehen, Schleiersehen, dunkler Visus
- Minderung der Sehschärfe (Visusminderung) von leichtgradig bis fast völliger Erblindung
- Gesichtsfelddefekte (meist zentral, aber auch peripher möglich)
- Farbentsättigung (Dyschromatopsie), vor allem für Rot
- Herabgesetztes Kontrastsehen
- Lichtblitze (Photopsien)
- Pulfrich-Phänomen (veränderte Wahrnehmung von Pendelbewegungen)
- Afferenter Pupillendefekt (RAPD)
- Uhthoff-Phänomen (Verschlechterung des Sehens bei Temperaturerhöhung oder körperlicher Aktivität)
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle Symptome zwangsläufig auftreten müssen und dass die Ausprägung der Symptome variieren kann.
Diagnose der Sehnerventzündung
Bei Verdacht auf eine Sehnerventzündung wird der Arzt zunächst eine ausführliche Anamnese erheben und verschiedene Augenuntersuchungen durchführen. Dazu gehören:
- Bestimmung der Sehschärfe: Mithilfe einer Buchstaben- oder Zahlentafel wird die Sehschärfe gemessen.
- Test der Pupillenreaktion: Der Arzt leuchtet abwechselnd in die Augen und beobachtet die Reaktion der Pupillen. Bei einer Sehnerventzündung liegt oft ein relativer afferenter Pupillendefekt (RAPD) vor.
- Prüfung der Augenbeweglichkeit: Der Patient soll den Blick einem Finger oder Stift folgen und angeben, ob die Augenbewegungen Schmerzen verursachen oder Doppelbilder auftreten.
- Bestimmung des Gesichtsfeldes: Das Gesichtsfeld wird grob mit den Fingern des Untersuchers oder genauer mit einem Perimeter getestet.
- Untersuchung des Augenhintergrundes (Funduskopie): Der Arzt beurteilt die Netzhaut und den Sehnervenkopf (Papille) mit einem Augenspiegel. Bei einer Retrobulbärneuritis ist die Funduskopie meist unauffällig, während bei einer Papillitis die Papille gerötet und geschwollen ist.
- Prüfung der Farbwahrnehmung: Die Farbwahrnehmung wird getestet, wobei bei einer Sehnerventzündung vor allem die Farbsättigung für Rot abgeschwächt ist.
- Test der Sehnervleitung (Visuell evozierte Potentiale, VEP): Mithilfe von Elektroden am Kopf wird die Leitungsgeschwindigkeit des Sehnervs gemessen.
Weiterführende Diagnostik
Um die Ursache der Sehnerventzündung herauszufinden, werden weitere Untersuchungen durchgeführt. Da eine Sehnerventzündung häufig im Zusammenhang mit Multipler Sklerose auftritt, werden in der Regel eine Kernspintomografie (MRT) des Kopfes und der Wirbelsäule sowie eine Liquorpunktion durchgeführt, um nach Entzündungszeichen zu suchen, die für eine MS sprechen könnten. Bei atypischen Verläufen können Blutuntersuchungen auf verschiedene Krankheitserreger oder Antikörper Hinweise auf andere Ursachen liefern.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark). Bei MS greift das Immunsystem die Myelinscheiden an, die die Nervenfasern umhüllen und für eine reibungslose Signalübertragung sorgen. Die Entzündungen und Schädigungen können zu vielfältigen neurologischen Symptomen führen.
Symptome der Multiplen Sklerose
Die Symptome der MS sind sehr vielfältig und können von Patient zu Patient unterschiedlich sein. Sie hängen davon ab, welche Bereiche des zentralen Nervensystems betroffen sind. Häufige Symptome sind:
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- Sensibilitätsstörungen (Kribbeln, Taubheitsgefühl, Schmerzen)
- Sehstörungen (Doppelbilder, verschwommenes Sehen, Sehnerventzündung)
- Muskelschwäche, Spastik
- Koordinationsstörungen, Gleichgewichtsprobleme
- Fatigue (chronische Müdigkeit)
- Blasen- und Darmfunktionsstörungen
- Kognitive Beeinträchtigungen (Konzentrations- und Gedächtnisprobleme)
- Depressionen
Wie die MS sich äußert, ist sehr individuell und wird daher auch als "Krankheit mit den 1000 Gesichtern" bezeichnet.
Diagnose der Multiplen Sklerose
Die Diagnose der MS basiert auf verschiedenen Kriterien, darunter:
- Klinische Untersuchung: Erhebung der Krankheitsgeschichte und neurologische Untersuchung
- Magnetresonanztomografie (MRT): Darstellung von Entzündungsherden und Schädigungen im Gehirn und Rückenmark
- Liquoruntersuchung: Analyse der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit auf Entzündungszeichen
- Visuell evozierte Potentiale (VEP): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit des Sehnervs
Der Zusammenhang zwischen Sehnerventzündung und Multipler Sklerose
Die Sehnerventzündung ist eng mit der Multiplen Sklerose verbunden. Etwa die Hälfte aller MS-Betroffenen hatte zuvor eine Sehnerventzündung, und bei 15 bis 20 Prozent der MS-Patienten ist eine Sehnerventzündung das erste Zeichen der Erkrankung.
Risiko für MS nach Sehnerventzündung
Das Risiko, nach einer Sehnerventzündung an MS zu erkranken, ist erhöht. Studien zeigen, dass etwa 40 Prozent der Patienten innerhalb von zehn Jahren nach einer Sehnerventzündung eine MS entwickeln, und nach 40 Jahren liegt das Risiko bei etwa 60 Prozent. Das Risiko ist höher, wenn zum Zeitpunkt der Sehnerventzündung bereits weitere Auffälligkeiten vorliegen, die auf eine MS hindeuten, wie z.B. Läsionen im Gehirn im MRT.
Bedeutung der Früherkennung
Da die Sehnerventzündung ein Frühsymptom der MS sein kann, ist eine frühzeitige Diagnose und Behandlung wichtig, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Eine verlaufsmodifizierende Therapie kann das Fortschreiten der MS verlangsamen und die Häufigkeit der Schübe reduzieren.
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Behandlung der Sehnerventzündung
Die Behandlung der Sehnerventzündung zielt darauf ab, die Entzündung zu reduzieren und die Sehfunktion zu erhalten. Häufig wird eine hochdosierte Kortisontherapie (Methylprednisolon-Infusionen) angewendet, um die Entzündung zu unterdrücken und die Erholung des Sehvermögens zu beschleunigen. Die Gabe von Steroiden scheint keinen Effekt auf das Langzeitergebnis zu haben, führt aber zu einer schnelleren Besserung.
Prognose der Sehnerventzündung
Die Prognose für die Sehnerventzündung selbst ist in der Regel gut. Mehr als die Hälfte der Betroffenen erreicht auch ohne Behandlung innerhalb von zwei Monaten wieder eine normale Sehschärfe, nach einem halben Jahr sind es fast alle. Allerdings kann das Kontrastsehen auch langfristig eingeschränkt bleiben.
Behandlung der Multiplen Sklerose
Die Behandlung der MS ist komplex und umfasst verschiedene Therapieansätze:
- Schubtherapie: Kortison zur Linderung der Symptome bei akuten Schüben
- Verlaufsmodifizierende Therapie: Medikamente, die den Krankheitsverlauf verlangsamen und die Häufigkeit der Schübe reduzieren (z.B. Interferone, Glatirameracetat, Natalizumab, Fingolimod)
- Symptomatische Therapie: Medikamente und nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Linderung der einzelnen Symptome (z.B. Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie)
Differenzialdiagnosen
Es ist wichtig, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome wie eine Sehnerventzündung hervorrufen können. Dazu gehören:
- Stauungspapille (durch erhöhten Hirndruck)
- Vergiftungen (z.B. mit Alkohol oder Methanol)
- Akute ischämische Optikusneuropathie (AION)
- Leber'sche hereditäre Optikusneuropathie (LHON)
- Tabak-Alkohol-Amblyopie
- Arteriitis temporalis
- Vitamin B12-Mangel
- Infektionen (z.B. Lues, Borreliose, Toxoplasmose)
- Kompression des Sehnervs (z.B. durch einen Tumor)
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