Der Nervus vagus, auch bekannt als der zehnte Hirnnerv, spielt eine zentrale Rolle im menschlichen Körper. Als längster Hirnnerv erstreckt er sich vom Gehirn bis in den Bauchraum und ist ein wesentlicher Bestandteil des parasympathischen Nervensystems, das für Erholung, Verdauung und Entspannung zuständig ist. In der heutigen Zeit, in der Stress und Hektik den Alltag vieler Menschen bestimmen, gewinnt die Aktivierung und Stärkung des Vagusnervs zunehmend an Bedeutung. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendungsgebiete der Homöopathie im Zusammenhang mit dem Vagusnerv, gibt praktische Tipps zur Aktivierung im Alltag und fasst aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen.
Was ist der Nervus Vagus?
Der Nervus vagus ist der längste unserer zwölf Gehirnnerven und der größte Nerv des parasympathischen Systems. Sein Name, abgeleitet vom lateinischen Verb "vagari" (umherschweifen, wandern), beschreibt treffend seine Ausdehnung. Seine rund 100.000 Nervenfasern verzweigen sich vom Gehirnstamm aus zu fast allen inneren Organen wie Herz, Lunge, Magen, Leber und Darm. Als Teil des parasympathischen Nervensystems steht der Vagusnerv für Entspannung, Ruhe und Regeneration und wird daher auch als "Ruhenerv" oder "Erholungsnerv" bezeichnet.
Die Rolle des Vagusnervs im vegetativen Nervensystem
Das vegetative Nervensystem steuert autonom lebenswichtige Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung oder das Verdauungssystem, ganz ohne unser Zutun. Es besteht aus zwei Gegenspielern: dem Sympathikus (sympathisches Nervensystem) und dem Parasympathikus (parasympathisches Nervensystem). Das sympathische Nervensystem stellt die Weichen für körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, etwa beim Sport, bei der Arbeit oder in Stresssituationen. In den darauffolgenden Entspannungsphasen wird das parasympathische Nervensystem aktiv und sorgt dafür, dass sich Körper und Geist wieder erholen und regenerieren. Idealerweise sind die beiden Systeme in einer ausgewogenen Balance.
In unserem modernen Alltag verharren wir jedoch oft in einem angespannten, vom Sympathikus dominierten Modus. Durch Smartphone und Homeoffice verschwimmen die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben immer mehr, besonders in Zeiten wie der Corona-Pandemie. Ständige Erreichbarkeit erschwert das Abschalten. Wenn wir ständig unter Anspannung stehen, funktioniert unser innerer Beruhiger, der Vagusnerv, nicht mehr richtig. Die Balance im vegetativen Nervensystem verschiebt sich, der Vagusnerv wird schwächer, was uns anfälliger für sogenannte Stresserkrankungen macht. Diese reichen von Bluthochdruck und Verdauungsbeschwerden bis hin zu Schlafstörungen und psychischen Erkrankungen.
Homöopathische Anwendungsgebiete bei Problemen mit dem Vagusnerv
Die Homöopathie bietet verschiedene Ansätze zur Behandlung von Beschwerden, die mit einer Dysfunktion des Vagusnervs in Verbindung stehen könnten. Dabei werden individuell ausgewählte homöopathische Arzneimittel eingesetzt, um die Selbstheilungskräfte des Körpers anzuregen und das vegetative Nervensystem wieder in Balance zu bringen.
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Nervus vagus Gl D5 und D6 sind registrierte homöopathische Arzneimittel der anthroposophischen Therapierichtung, jedoch ohne Angabe einer therapeutischen Indikation. Sie enthalten den Wirkstoff Nervus vagus bovis Gl in unterschiedlichen Dilutionen. Gemäß der anthroposophischen Lehre sollen sie die Funktion des Vagusnervs unterstützen und zur Harmonisierung des vegetativen Nervensystems beitragen.
Wichtige Hinweise:
- Anwendungsgebiete: Aufgrund der Zulassung als registriertes homöopathisches Arzneimittel der anthroposophischen Therapierichtung ist keine spezifische therapeutische Indikation angegeben. Die Anwendung erfolgt gemäß den Grundsätzen der anthroposophischen Medizin.
- Gegenanzeigen: Flüssige Verdünnungen zur Injektion D5 und D6 sollten nicht bei Überempfindlichkeit gegen Spendertiereiweiß angewendet werden. Ab D8 sind keine Gegenanzeigen bekannt.
- Vorsichtsmaßnahmen: Zur Anwendung bei Kindern liegen keine ausreichend dokumentierten Erfahrungen vor. Bei anhaltenden Beschwerden sollte medizinischer Rat eingeholt werden.
- Art der Anwendung: Die Arzneimittel sind zur subkutanen Injektion bestimmt. Die Packungsbeilage ist zu beachten.
Selbsthilfe: Den Vagusnerv im Alltag aktivieren
Lange Zeit nahm man an, dass sich das Wirken des Vagusnervs nicht beeinflussen lässt. Doch neue Forschungen zeigen etwas anderes. So beruhigten in einer Studie der Universität Leeds sanfte Stromreize der Ohrmuschel, in der ein Zweig des Vagusnervs endet, bereits nach zwei Wochen Herzfunktion und Blutdruck. Die Studienteilnehmer berichteten zudem über besseren Schlaf und eine ausgeglichenere Stimmung. Neben der Stimulation am Ohr lässt sich der Vagusnerv auch über ein Implantat im Brustbereich erreichen, zum Beispiel bei Epilepsiepatienten.
Wir können aber auch selbst versuchen, unseren Vagusnerv zu aktivieren. Ausreichende Pausen, Bewegung an der frischen Luft und erholsamer Schlaf sind bekannte Stellschrauben für körperliche und psychische Gesundheit und tun auch dem Vagusnerv gut. Aber es gibt noch andere Methoden:
- Bewusstes Atmen: Langsames, tiefes Atmen bewirkt eine unmittelbare Aktivierung des Vagusnervs. Schon nach kurzer Zeit kann sich der Puls beruhigen, und der Körper schaltet in den Erholungsmodus. Dies ist auch ein Grund für die entspannende Wirkung von Yoga, da bei dieser Bewegungsform Körper, Atmung und Geist gemeinsam angesprochen werden. Eine einfache Übung ist die Bauchatmung: Legen Sie eine Hand auf den Bauch und atmen Sie tief ein, sodass sich der Bauch hebt. Atmen Sie langsam wieder aus und wiederholen Sie dies mehrmals.
- Summen und Singen: Durch Summen oder leises Singen entstehen Vibrationen im Hals- und Rachenraum, wo Äste des Vagusnervs verlaufen. Diese Vibrationen können ihn anregen. Probieren Sie täglich 1-2 Minuten leise zu summen.
- Kälteanwendungen: Kälte löst im Körper einen kurzen Reiz aus, der den Parasympathikus anregt. Das erreichen Sie einfach, indem Sie sich morgens das Gesicht mit kaltem Wasser abspülen oder beim Duschen zum Schluss 10-20 Sekunden kaltes Wasser über den Nacken laufen lassen. Auch ein Glas kaltes Wasser zu trinken kann eine ähnliche Wirkung haben.
- Bewegung: Leichte Bewegung wie Spazierengehen, Radfahren oder Yoga wirkt sich positiv auf den Vagusnerv aus.
- Positive Emotionen: Der Vagusnerv reagiert auch auf Emotionen. Lachen, freundliche Gespräche oder Nähe zu vertrauten Menschen fördern die Ausschüttung von Wohlfühlhormonen.
- Magnesium: Studien zeigen zudem eine verbesserte Vagusaktivität durch die Substitution von Magnesium.
Vorschlag für einen "Vagus-Tag":
- Morgens: 3 Minuten Bauchatmung beim Aufwachen
- Mittags: Summen oder Gurgeln - kleine Pause für Körper & Kopf
- Abends: Spaziergang oder kurze Entspannungsübung
- Vor dem Schlafen: 2-3 Minuten langsames Atmen im Bett
Schon kleine, regelmäßige Schritte helfen, den Körper in einen ruhigeren Zustand zu bringen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien zur Vagusnervstimulation
Die Forschung zum Vagusnerv und seinen vielfältigen Funktionen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Dabei wurden verschiedene Methoden der Vagusnervstimulation untersucht, von invasiven Verfahren wie Implantaten bis hin zu nicht-invasiven Techniken wie der transkutanen Vagusnervstimulation (tVNS) am Ohr.
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Professionelle Vagusnervstimulation:
Am Uniklinikum Tübingen wird die Vagusnervstimulation in Studien erforscht und dafür eine elektronische Stimulation über das Ohr genutzt. Über die Elektrode läuft ein spezielles Programm ab, das eine gewisse Abfolge an Impulsen vorgibt. In einigen Studien wird die Stimulation auch mit einem funktionellen MRT kombiniert, das die Aktivität des Gehirns in Echtzeit sichtbar macht. So kann überprüft werden, ob die Stimulation das Gehirn wie gewünscht über den Hirnstamm beeinflusst und tatsächlich der Vagusnerv stimuliert wird.
Derzeit geht man aufgrund der Studienlage davon aus, dass diese professionelle Vagusnervstimulation Personen helfen kann, die unter Antriebslosigkeit, Depressionen, Epilepsie oder auch Störungen im Stoffwechsel oder der Verdauung leiden. Zudem könnte die Stimulation bei Trägheit oder Fatigue helfen. Bei diesen Erkrankungen kann es sinnvoll sein, die Informationsweiterleitung im Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Vagusnerv-Stimulation zur verbesserten Erholung nach Anstrengung:
Eine Studie untersucht, ob sich durch die selbstständige Anwendung der nicht-invasiven Stimulation des Vagusnervs am Ohr die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit bei Personen mit der Diagnose Long/Post COVID verbessert. Die Studie beinhaltet mehrere Termine im Labor und misst die Wirkung der Vagusnerv-Stimulation in zwei verschiedenen Intensitäten über jeweils 12 Wochen.
Vagusnerv-Stimulation zur Behandlung von körperlichen Symptomen bei Depression:
Eine weitere Studie untersucht die Wirkung der Vagusnerv-Stimulation auf das Gehirn und den Magen bei Personen, die unter Depressionen leiden, sowie bei gesunden Teilnehmenden. Die Studie umfasst mehrere Termine im Labor.
Kritische Betrachtung von freiverkäuflichen Systemen:
Im Internet werden freiverkäufliche Systeme zur Stimulation des Vagusnervs mit großen Versprechen beworben. Allerdings gibt es keine nennenswerten Studien zur Wirksamkeit vieler Geräte. Viele Firmen haben ein größeres Budget für Marketing und stellen Forschenden kostenlos die Geräte zur Verfügung. In die Forschung investieren sie allerdings weniger Geld als ins Marketing. Viele Geräte sind nicht gefährlich, aber auch nicht als Medizinprodukte zur wirksamen Behandlung zertifiziert. Eine Garantie, dass sie den Vagusnerv tatsächlich stimulieren und eine therapeutische Wirkung haben, gibt es somit nicht. Für wissenschaftliche Studien werden deswegen zertifizierte Geräte eingesetzt, die nachweislich den Hirnstamm stimulieren können. Bei Herz- oder Kreislaufproblemen oder in der Schwangerschaft sollten alle Geräte nicht ohne ärztliche Rücksprache angewendet werden.
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Wie unterscheiden sich die Systeme?
Einige Systeme nutzen elektrische Impulse, die über die Haut abgegeben werden und darunterliegende Nerven stimulieren. Neu ist eher die Elektrode, die den richtigen Punkt am Ohr stimuliert. Manche Firmen setzen allerdings auf einfache und günstige Clip-Elektroden, die sich nur ungenügend am Ohr anbringen lassen und vermutlich nicht immer den Vagusnerv stimulieren. Andere Geräte nutzen mechanische Stimulation. Ob so der Vagusnerv tatsächlich stimuliert wird, hängt auch vom individuellen Verlauf des Vagusnervs ab.
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