Nervus Vagus: Eine medizinische Betrachtung

Der Nervus vagus, auch bekannt als der zehnte Hirnnerv (N. X), spielt eine zentrale Rolle in der Verbindung zwischen Gehirn und Körper, insbesondere im Hinblick auf die Regulation autonomer Funktionen. Er ist ein Hauptbestandteil des parasympathischen Nervensystems, das für Ruhe, Verdauung und Erholung zuständig ist. In den letzten Jahren hat die Forschung die Bedeutung des Nervus vagus für verschiedene medizinische Bereiche immer stärker hervorgehoben, von der Behandlung metabolischer Störungen bis hin zur Linderung von Entzündungen und psychischen Erkrankungen.

Die Darm-Hirn-Achse und der Nervus Vagus

Spätestens seit die Bedeutung des Mikrobioms für unsere Gesundheit deutlicher wird, ist die Darm-Hirn-Achse in aller Munde. Der Hauptvermittler zwischen den beiden Organen ist der Nervus vagus. Über sensorische Neurone werden mit der Nahrungsaufnahme einhergehende Signale an das Gehirn übermittelt, um Sättigungsgefühl und Blutglukosespiegel zu steuern. Über Feedback-Mechanismen wird so die Nahrungsaufnahme reguliert. Störungen in diesem Signalweg sind mit metabolischen Dysfunktionen assoziiert, die in Adipositas und Diabetes resultieren können.

Ganglion Nodosum: Ein Schlüssel zur Therapie metabolischer Störungen

Ein detaillierteres Verständnis darüber, wie die Regulation der Nahrungsaufnahme gesteuert wird, könnte demnach zur Entwicklung von Therapien bei Adipositas, Diabetes und weiteren metabolischen Störungen beitragen. Forscher vom Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln haben sich die Schaltzentrale des Vagus-Nerven, das Ganglion nodosum, daher näher angeschaut. Das Ganglion nodosum, auch Ganglion inferius nervi vagi genannt, liegt in der Fossula petrosa an der äußeren Schädelbasis. Die unterschiedlichen Nervenzellen im Ganglion nodosum übernehmen verschiedene Aufgaben. Manche Neurone reagieren auf mechanische Reize, die bei der Ausdehnung des Magens während der Nahrungsaufnahme entstehen, während andere Neurone chemische Signale aus der Nahrung verarbeiten.

Differenzierte Betrachtung im Mausmodell

„Um die Aufgabenteilung der Nervenzellen im Nodose Ganglion zu untersuchen, haben wir die verschiedenen Typen von Nervenzellen durch ein genetisches Verfahren in Mäusen sichtbar gemacht. Das ermöglicht uns, genau zu sehen, welcher Typ Nervenzelle welches Organ ansteuert und gibt uns einen Eindruck davon, welche Signale wahrgenommen werden“, sagt Studienleiter Dr. Henning Fenselau. „Außerdem können wir damit die unterschiedlichen Typen von Nervenzellen gezielt ein- und ausschalten, um ihre genaue Funktion während der Nahrungsaufnahme herauszufinden.“

Steuerung von Sättigungsgefühl und Blutzuckerspiegel

Die Forscher identifizierten bei ihren Untersuchungen zwei Nervenzelltypen, die unterschiedliche Rezeptoren exprimieren. Vagale Afferenzen, die den GLP1-Rezeptor (Glucagon-like Peptide 1 Receptor) exprimieren, sind für das Sättigungsgefühl und damit die Beendigung der Nahrungsaufnahme verantwortlich. Weiterhin führt die Aktivierung der GLP1R-positiven Zellen zu einer verbesserten Glukose-Toleranz. Die Inhibition dieser Neurone führt zu einem Anstieg des Blutzuckerspiegels unabhängig von der Nahrungsaufnahme. Die andere Population von Nervenzellen, die GPR65 exprimiert, steigert bei Aktivierung die Glukoseproduktion durch die Leber und aktiviert Neurone im Nucleus parabrachialis im Hirnstamm, die für die Kontrolle des Blutzuckerspiegels verantwortlich sind. Für die Regulation der Nahrungsaufnahme sind diese Neurone allerdings entbehrlich.

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Unterschiedliche Reaktionen auf Nahrungsaufnahme

Studienleiter Fenselau fasst die Ergebnisse der Studie zusammen: „Die Reaktion unseres Gehirns auf die aufgenommene Nahrung ist vermutlich ein Zusammenspiel dieser beiden Nervenzelltypen“, so der Forscher. „Die Aufnahme von Nahrung mit viel Volumen dehnt unseren Magen, aktiviert die dort liegenden Nervenzelltypen. Diese stoppen ab einem gewissen Punkt die weitere Nahrungsaufnahme und passen gleichzeitig den Blutzuckerspiegel entsprechend an. Nahrung mit hoher Nährstoffdichte führt eher zu einer Aktivierung der Nervenzellen im Darm.

Der Nervus Vagus und das Immunsystem

Klinische Untersuchungen zeigen, dass die Stimulation des Vagusnervs Rheumatoide Arthritis (RA) lindern kann. Dies gilt insbesondere dann, wenn Menschen mit Rheuma auf die üblichen Medikamente vermindert ansprechen. Immunsystem und Nervensystem galten lange Zeit als voneinander unabhängige Akteure im menschlichen Körper. Mittlerweile weiß man jedoch, dass es zwischen diesen beiden wichtigen Systemen vielfältige und in beide Richtungen wirksame Verflechtungen gibt. Die Zahl von Zellen und Botenstoffen, die sich wechselseitig beeinflussen, ist bereits innerhalb des Immunsystems enorm - ein komplexes Gefüge, von dem längst noch nicht jedes Detail verstanden ist.

Neuroimmunologische Forschung

Ein wichtiger Schritt für die neuroimmunologische Forschung war es daher, biochemische Mechanismen zu identifizieren, die einen direkten neuronalen Einfluss auf das Immungeschehen überhaupt plausibel erscheinen lassen. In einer Vielzahl von Studien wurde mittlerweile nachgewiesen, dass Immunzellen auf ihrer Oberfläche über Rezeptoren verfügen, die sie für die Signale von neuronalen Botenstoffen empfänglich machen. „Es gibt zudem etliche - auch klinische - Hinweise darauf, dass der Parasympathikus das immunologische Gleichgewicht in Richtung einer Entzündungshemmung verschiebt, und dass chronisch entzündliche Erkrankungen wie Rheuma mit einer verringerten parasympathischen und einer verstärkten sympathischen Aktivität einhergehen“, so Baerwald. Neben dem ANS steht auch das Gehirn in Kontakt mit dem Immunsystem, und auch hier werden über bislang noch wenig charakterisierte Kanäle Informationen ausgetauscht.

Neuromodulation

„Darauf basiert ein weiteres faszinierendes Konzept der Neuromodulation“, erklärt Baerwald und verweist auf Studien, nach denen Immunfunktionen auch über Lern- und Konditionierungsvorgänge steuerbar sind. In Tierversuchen und auch bei ersten Studien an gesunden Probanden sei es gelungen, die Wirkung eines immunmodulierenden Medikaments, das zunächst mit einem Geruchs- oder Geschmacksreiz gekoppelt gegeben wurde, auch dann hervorzurufen, wenn nur der gekoppelte Reiz zugegen war. In ersten klinischen Untersuchungen zeichnet sich ab, dass all diese Ansätze - von der Konditionierung über eine medikamentöse Beeinflussung von Sympathikus-Rezeptoren bis hin zur elektrischen Stimulation des zum Parasympathikus zählenden Vagusnervs - auch bei menschlichen Probandinnen und Probanden funktionieren. Es seien jedoch noch weiterführende Forschungen notwendig, um sichere Behandlungsregime auch für eine breite Anwendung in der Klinik zu entwickeln.

Der Nervus Vagus und das vegetative Nervensystem

Das Gehirn basiert auf dem Hirnstamm, der eine Gruppe von 12 Nerven, den sogenannten Gehirnnerven, enthält. Der Nervus vagus ist der zehnte Gehirnnerv und Teil des vegetativen Nervensystems. Er spielt eine primäre Rolle bei der wesentlichen Kontrolle unserer gesamten Organe, angefangen von Herz und Lunge bis zum Ende des Dickdarms. Seine Tätigkeit wird als parasympathisch bezeichnet und bringt die Organe in einen entspannten, funktionalen Zustand. Dies variiert zwischen besonders starker Ausprägung während des Schlafes, wenn die Regeneration aktiv ist, und geringerer Ausprägung unter Stress. Vorwiegend gegenteilige Funktionen werden vom Sympathikus gesteuert. Die Übertragung der Information findet über spinale Nerven vor allem in der Brust- und oberen Lendenwirbelsäule statt. Das Gleichgewicht der parasympathischen und sympathischen Aktivität reflektiert folglich den Zustand der Gesundheit.

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Chiropraktische Betrachtung

In der Chiropraktik haben wir die Auswirkungen, die eine Justierung auf den Vagusnerv haben kann, gesehen. Wir gehen davon aus, dass der Atlas, der erste Wirbel im Nacken, hier eine besonders wichtige Rolle spielt, da in ihm ein Teil des Hirnstammes sitzt. In einem entspannten Zustand ist es möglich, die Herzfrequenz zu überwachen und kleine Unterschiede in der Geschwindigkeit beim Ein- und Ausatmen festzustellen. Forscher sind zu dem Schluss gekommen, dass der Vagotonus niedrig ist, wenn der Unterschied gering ist. Dies ist ein negativer Indikator für geistige und körperliche Gesundheit. Obwohl derzeit keine technischen Mittel zum Nachweisen vorhanden sind, ist die Verfügbarkeit dennoch gegeben. Beachten Sie jedoch, dass eine gute und entspannte Vorbereitung unerlässlich ist.

Vagusnerv und Verdauung

Die verschiedenen Teile des Körpers haben eigene Netzwerke von Nerven, genannt ‘Plexus’. Einige davon repräsentieren auch Chakren und spielen eine wichtige Rolle in der Stressbewältigung und Meditation. Ein Beispiel ist, wie der Körper reagiert, wenn man etwas Schlechtes gegessen hat. Die Nerven im Magen und Darm koordinieren mit dem Gehirn eine Reihe von Reaktionen auf das Gift, um es so schnell wie möglich zu beseitigen. Allerdings bemerkt man nur den Drang, sich zu übergeben oder den Wunsch, schnellstmöglich eine Toilette aufzusuchen, vermehrtes Schwitzen und eine erhöhte Herzfrequenz und Atmung. Wenn die Ernährung zu reichhaltig ist, die falschen Fette und vielleicht zu viele Kohlenhydrate gegessen werden, kann sich der Darm entzünden. Parkinson-Forscher spekulieren nun, dass die Entzündung des Gehirns, die zur lähmenden neurologischen Erkrankung führen kann, über den Vagusnerv übertragen wird. Eine Entzündung wird zunächst als primäre Ursache fast 90 % aller Krankheiten identifiziert und eine schlechte Ernährung ist oft der Auslöser. somit auch mit dem Vagus. Vom Drang zur Toilette bis hin zum Knoten oder Schmetterlingen im Magen - die dadurch freigesetzten Hormone beeinflussen die normale Verdauung und das Immunsystem oft nachteilig.

Funktionelle Magen-Darm-Störungen

Funktionsstörungen des Magen-Darm-Trakts können alle Abschnitte von der Speiseröhre über den Magen, Dünn- und Dickdarm bis zum Enddarm/Afterschließmuskel betreffen. Die Störungen können dabei isoliert oder kombiniert auftreten. Es handelt sich insgesamt um sehr häufige Erkrankungen. Symptome neurogastroenterologischer Erkrankungen finden sich bei etwa einem Viertel bis einem Drittel aller Menschen. Die Beschwerdestärke reicht dabei von gelegentlichen Befindlichkeitsstörungen bis hin zu einer schweren täglichen Symptomatik mit erheblicher Beeinträchtigung der Lebensqualität. Den neurogastroenterologischen Erkrankungen liegen Störungen im geordneten Zusammenspiel zwischen den Schleimhaut- (Epithelzellen), Immun-, Mast- sowie Nervenzellen des Magen-Darm-Traktes zugrunde. Die Zahl der Nervenzellen des enterischen Nervensystems (ENS) übertrifft sogar die Zahl der Nervenzellen im Gehirn, was die Komplexität der notwendigen Steuerungsmechanismen aufzeigt und die Möglichkeit mannigfaltiger Funktionsstörungen erklärt. Das ENS ist dabei über zahlreiche Nervenbahnen z.B. den Nervus vagus oder das Rückenmark mit dem Gehirn verbunden. Dadurch werden zum einen Funktionsstörungen und Schmerzen bewusst. Zum andern kann aber auch das Gehirn Funktionsstörungen auslösen oder in ihrem Schweregrad beeinflussen z.B. im Rahmen von (chronischem) Stress, bei Depression oder psychosomatischen Störungen.

Rolle von Botenstoffen

Die Vermittlung der Informationen zwischen den Zellen der Darmwand erfolgt über Botenstoffe z. B. Serotonin. Eine Über- oder Unterproduktion von Serotonin kann mit Diarrhoe oder Obstipation einhergehen. Weitere Botenstoffe die zur Störung des Funktionsablaufes im Magen-Darm-Trakt beitragen können sind z.B. TRPV1, Histamin, Proteasen sowie Entzündungsmediatoren z.B. TNFa. Aber auch äußere Einflüsse u.a. Nahrungsunverträglichkeiten, bakterielle Fehlbesiedelungen des Darmes oder Infektionen können zum Auftreten neurogastroenterologischer Erkrankungen beitragen oder den Schweregrad beeinflussen. So kann sich ein Reizdarmsyndrom im Anschluss an einen bakteriellen Magen-Darm-Infekt wie z.B. eine Salmonelleninfektion entwickeln. Hier persistiert eine Mikroentzündung, die zu einer Störung im neuroimmunologischen Regelkreis des Magen-Darm-Traktes führt. Typisch für die neurogastroenterologischen Erkrankungen ist, dass, auch bei einer Persistenz einer Mikroentzündung „übliche Untersuchungsmethoden“ wie Magen-Darm Spiegelung inklusive Probenentnahmen, Ultraschalluntersuchungen sowie Entzündungszeichen im Blut keinen auffälligen Befund ergeben. Dadurch wurden diese Erkrankungen häufig als „belanglose“ Befindlichkeitsstörung oder „psychische“ Erkrankungen eingestuft.

Transkutane Vagusnervstimulation (taVNS)

Die Rolle des Vagusnervs rückt zunehmend in den Fokus, wenn es um die Behandlung von Stress, Angstzuständen sowie komplexen Erkrankungen wie ME/CFS oder Long COVID geht. Eine Überaktivierung des Sympathikus („Dauerstress-Modus“) kann Symptomen wie Herzrasen, Schwindel, Schlafstörungen und innerer Unruhe auslösen oder verstärken. Eine gezielte Aktivierung des Parasympathikus - insbesondere durch transkutane Vagusnervstimulation (taVNS) - kann helfen, das autonome Nervensystem ins Gleichgewicht zu bringen. Dabei gibt es inzwischen verschiedene Geräte, die unterschiedliche Ansätze verfolgen, um den Vagusnerv zu modulieren und so Stress und Erschöpfung zu lindern.

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Das autonome Nervensystem: Sympathikus und Parasympathikus

Das autonome Nervensystem ist jener Teil unseres Nervensystems, der viele lebenswichtige Körperfunktionen reguliert, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken müssen. Dazu gehören unter anderem Herzschlag, Atemfrequenz, Blutdruck, Verdauungsvorgänge und Stoffwechsel. Grundsätzlich unterteilt man das autonome Nervensystem in zwei Hauptzweige: den Sympathikus und den Parasympathikus.

  • Sympathikus: Er ist für die „fight or flight“-Reaktion zuständig. Wird er aktiviert, steigen Herzfrequenz und Blutdruck, die Atemfrequenz nimmt zu, und der Körper schüttet vermehrt Stresshormone (z. B. Adrenalin) aus. Das sorgt dafür, dass wir in akuten Stress- oder Gefahrensituationen blitzschnell reagieren können.
  • Parasympathikus: Häufig als „rest-and-digest"-System bezeichnet, steht er für Erholung, Regeneration und den Aufbau von Energiereserven. Ist er aktiv, sinken Puls und Blutdruck, die Verdauung läuft intensiver, und der gesamte Organismus kommt in einen Zustand der Entspannung und Regeneration.

In einer gesunden Balance zwischen Sympathikus und Parasympathikus kann unser Körper flexibel auf äußere Reize reagieren: Wir mobilisieren Energie bei Bedarf und können uns danach gezielt wieder erholen.

Wie funktioniert taVNS?

Bei einer taVNS wird über die Haut - häufig in der Region der Ohres - ein Ast des Vagusnervs mit sanften, elektrischen Impulsen stimuliert. Die grundlegende Idee dahinter ist, dass durch die Anregung des Vagusnervs ein Signal an den Hirnstamm und weiter an verschiedene Hirnareale gesendet wird, was eine Reihe von physiologischen Reaktionen nach sich ziehen kann.

  • Aktivierung des Parasympathikus: Badran et al. (2018) untersuchten die Elektrodenplatzierung (Tragus vs. Concha) bei taVNS. Sie zeigten, dass eine präzise Positionierung messbar die vagale Aktivität steigert und damit das sympathische Nervensystem beruhigt.
  • Stress- und Angstreduktion: Hein et al. (2013) führten eine kontrollierte Pilotstudie durch, in der Patient:innen mit depressiven Symptomen taVNS erhielten. Dabei wurde eine geringere subjektive Stressreaktion und schnellere Erholung festgestellt, was auf eine generalisierte Beruhigung des autonomen Nervensystems hinweist.
  • Entzündungshemmung: Frangos et al. (2015) wiesen mithilfe von fMRT nach, dass die Stimulation des äußeren Gehörgangs (wo Äste des Vagusnervs liegen) Hirnareale aktiviert, die an der Regulation von Schmerz- und Entzündungsprozessen beteiligt sind. Erste Hinweise deuten auf eine Absenkung proinflammatorischer Zytokine hin.

Obwohl groß angelegte, randomisiert-kontrollierte Studien noch ausstehen, ergeben sich aus diesen Arbeiten deutliche Hinweise auf eine parasympathische Aktivierung, Stressminderung und mögliche Entzündungshemmung durch taVNS.

taVNS bei Long-COVID, Post-Vac und ME/CFS

Gerade bei Long-COVID, Post-Vac-Syndrom und ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome) wird häufig über eine Dysregulation des autonomen Nervensystems berichtet, bei der der Sympathikus in einer Art „Dauerstress-Modus“ verharrt. Das kann sich durch anhaltend erhöhten Puls, Unruhe, Schlafstörungen, Palpitationen sowie Fatigue äußern. Folgende Theorien bezüglich der Ursache dieser Dysregulation werden diskutiert:

  • Neuroinflammation und immunologische Fehlsteuerung: Bei Long-COVID, Post-Vac und ME/CFS sind immer wieder chronisch-entzündliche Prozesse zu beobachten, die sowohl das zentrale Nervensystem (ZNS) als auch das autonome Nervensystem (ANS) betreffen. Eine anhaltende Neuroinflammation (z. B. durch aktivierte Mikrogliazellen im Gehirn) kann die Signalverarbeitung im Hirnstamm und weiteren Regionen stören, die für die Regulation von Herz-Kreislauf, Atmung und Stressantwort zuständig sind. Das führt häufig dazu, dass das vegetative Gleichgewicht hin zum Sympathikus („Dauerstress-Modus“) verschoben wird.
  • GPCR-Autoantikörper und autonome Dysregulation: Zusätzlich rücken Autoantikörper gegen G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (GPCR) wie Beta-2-Adrenozeptoren oder Muskarin-Rezeptoren in den Fokus. Diese Antikörper können die Bindung von Adrenalin, Noradrenalin oder Acetylcholin an den betroffenen Rezeptoren entweder verstärken oder blockieren. Das Ergebnis kann eine dauerhafte Fehlsteuerung von Gefäßwiderstand, Herzfrequenz und anderen sympathisch gesteuerten Prozessen sein. In der Folge bleibt der Körper in einer Art „Alarmzustand“, was zu Symptomen wie Tachykardie, Kreislauflabilität und Fatigue beiträgt.
  • Subtile Hypoxie und Mikroangiopathien: Gleichzeitig zeigen viele Patient*innen Hinweise auf Mikroangiopathien und eine damit einhergehende subtile Hypoxie (ungenügende Sauerstoffversorgung des Gewebes). Der Organismus interpretiert diesen Sauerstoffmangel als Stressor und reagiert mit verstärkter Sympathikusaktivität, um mehr Blutfluss und Sauerstofftransport zu gewährleisten. Langfristig wird dadurch die parasympathische Erholungsphase blockiert.

Wirkprinzip der taVNS

Hier kann taVNS ansetzen:

  • Direkte Parasympathikus-Aktivierung: Durch gezielte elektrische Impulse (z. B. am Ohr) wird der Vagusnerv stimuliert, was eine Beruhigung des Herz-Kreislauf-Systems und eine Dämpfung der Stressantwort fördert.
  • Cholinerger Anti-Entzündungsreflex: Der Vagusnerv kann über Acetylcholin die Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine hemmen und so einen entzündungshemmenden Effekt entfalten. Dies ist besonders relevant bei Neuroinflammation und Autoimmunprozessen.
  • Regulation immunologischer Fehlsteuerungen: Indem die parasympathische Aktivität steigt, könnte auch das Ungleichgewicht, das durch GPCR-Autoantikörper verursacht wird, zumindest teilweise kompensiert werden.

Beispiele für Geräte und Technologien

  • NuroSym®: NuroSym® ist ein nicht-invasives Stimulationsgerät zur transkutanen Vagusnervstimulation (taVNS). Mithilfe kleiner Elektroden, die am Tragus des Ohres platziert werden, sollen sanfte elektrische Impulse den Vagusnerv aktivieren und somit Stressreaktionen und Sympathikus-Überaktivierung dämpfen. Üblicherweise wird NuroSym® täglich für 30-60 Minuten angewendet. Durch Schwingungen und begleitende Achtsamkeitsübungen soll sich das autonome Nervensystem beruhigen und das Stresslevel sinken. Bei manchen ist eine deutliche Entspannung zu spüren, andere nehmen nur subtile Veränderungen wahr.

Wichtige Hinweise

  • Ganzheitliche Betrachtung: Weder taVNS- noch vibroakustische Geräte ersetzen eine medizinische Therapie. Gerade bei schweren oder chronischen Erkrankungen wie ME/CFS und Long COVID empfiehlt es sich, einen umfassenden Behandlungsplan zusammen mit Ärzt:innen zu entwickeln.
  • Sicherheit: Wer einen Herzschrittmacher trägt oder an bestimmten Herzrhythmusstörungen leidet, sollte in jedem Fall vorher ärztlichen Rat einholen, ob diese Form der Stimulation ratsam ist.

Persönliche Erfahrungen mit NuroSym®

Ein Anwender berichtet von seinen Erfahrungen mit dem NuroSym® über einen Zeitraum von zweieinhalb Monaten, wobei er das Gerät fast täglich für etwa 60 bis 90 Minuten trug. Er fand heraus, dass das Gerät ihn deutlich „herunterfahren“ konnte - vor allem dann, wenn er bereits etwas angespannt oder gestresst war. Objektiv konnte er keine deutlichen Veränderungen seiner Herzratenvariabilität (HRV) oder seines Schlafscores messen, fühlte sich aber subjektiv in Stressmomenten schneller „geerdet“.

Fazit zur taVNS

Der NuroSym® kann meiner Erfahrung nach eine sinnvolle unterstützende Maßnahme sein, um Stress und Schlafprobleme oder andere Symptome - gerade bei vermuteter Sympathikusüberaktivierung - anzugehen. Er ersetzt jedoch keine umfassende Therapie und sollte eher als Ergänzung zu anderen Verfahren (z. B. Vagus-Übungen, Entspannungsverfahren oder ärztlich verordneter Therapie) gesehen werden. Nebenwirkungen habe ich nicht bemerkt, was ich als großen Vorteil gegenüber mancher Medikation betrachte. Für Betroffene von Long-COVID und ME/CFS mit Sympathikusüberaktivierung könnte es sich lohnen, das Gerät einmal auszuprobieren und zu schauen, ob es ähnliche Entlastung bringt.

Weitere medizinische Betrachtungen

Die unteren fünf Hirnnerven sind der Nervus vestibulocochlearis/ Gleichgewichts- und Hörnerv/ (achter Hirnnerv oder N. VIII) der Nervus glossopharyngeus (neunter Hirnnerv oder N. IX), zuständig für Geschmack, Schlucken und Gefühl der Zunge und des Rachens der Nervus vagus (zehnter Hirnnerv oder N. X), zuständig für autonome Funktionen der Eingeweide einschließlich des Herzens der Nervus accessorius (elfter Hirnnerv oder N. XI) für bestimmte Muskeln für Kopfbewegungen und der Nervus hypoglossus (zwölfter Hirnnerv oder N.XII) für die Versorgung der Zungenmuskeln. Die unteren Hirnnerven können durch MRT nach ihrem Austritt aus dem Hirn einzeln dargestellt werden. Dabei können krankhafte Prozesse wie Tumoren, Entzündungen, Engstellen, anatomische Variationen und Durchtrennungen der Nerven diagnostiziert werden. Häufigere Tumoren der unteren Hirnnerven sind Schwannome, die von den die Nervenfasern umhüllenden Zellen ausgehen. Besonders bekannt ist das Vestibularisschwannom (historischer aber weiterhin weit verbreiteter Name: Akustikusneurinom). Durch den eng benachbarten Verlauf der Hirnnerven IX, X und XI mit der Vena jugularis interna (Innere Drosselvene) aus dem Schädel in den Hals können die Nerven bei Tumoren in dieser Region, z.B. bei Paragangliomen (Glomustumore), Meningeomen oder wiederum Schwannomen komprimiert werden. Ist ein Vernet-Syndrom zusätzlich mit einer Hypoglossuslähmung verbunden, deutet das auf eine Schädigung im Bereich des benachbarten Hypoglossuskanals hin. Man spricht bei der kombinierten Schädigung aller vier Nerven vom Collet-Sicard-Syndrom. Meningeome gehen von der Hirnhaut aus und können je nach ihrer Auftrittsstelle auch andere Nerven komprimieren. Glomustumore entstehen aus speziellen hormonproduzierenden Zellen des autonomen Nervensystems. Schließlich können speziell die Hirnnerven X und XII durch enge Nachbarschaft zur inneren Halsschlagader (Arteria carotis interna) bei einer krankhaften Erweiterung der Arterie geschädigt werden. Wie an diesen Beispielen deutlich wird, verfügt die neuromuskuläre MRT über die Fähigkeit, krankhafte Prozesse genau zu lokalisieren und sowohl den Grund der Schädigung, als auch das Ausmaß der Nervenschädigung darzustellen. Desweiteren können durch Muskelveränderungen indirekt Nervenschädigungen nachgewiesen werden. Damit ist die MRT von hohem Nutzen, um den Ursprung einer vorliegenden Lähmung, eines Schmerzsyndrom oder einer Gefühlsstörungen, aber auch von Gleichgewichts- oder Schluckstörungen zu lokalisieren und den jeweiligen Schädigungsmechanismus nachzuvollziehen.

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