Die Alzheimer-Krankheit stellt eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit dar. Weltweit sind etwa 50 Millionen Menschen betroffen, und die Zahl steigt stetig. In Deutschland leben rund 1,6 Millionen Menschen mit Demenz. Angesichts dieser alarmierenden Zahlen suchen Betroffene, Angehörige und Forschende intensiv nach wirksamen Therapieansätzen. Neben der Standardtherapie der Schulmedizin rückt die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) zunehmend in den Fokus, insbesondere die Akupunktur.
Demenz: Ein vielschichtiges Krankheitsbild
Der Begriff Demenz, sinngemäß „Ohne Geist“, beschreibt einen Abbau geistiger Fähigkeiten, der über die normale Altersvergesslichkeit hinausgeht. Dieser Abbau betrifft vor allem das Gedächtnis, das Denkvermögen und die Alltagskompetenz. Die Demenz ist oft die Folge einer chronischen Erkrankung des Gehirns und kann verschiedene Ursachen haben, wie Nervenentzündungen, Schädigungen von Nervenbahnen, Intoxikationen oder genetische Faktoren. Auch systemische Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Diabetes können mit Demenz einhergehen.
Die Alzheimer-Demenz ist eine spezielle Form, die durch einen fortschreitenden Prozess gekennzeichnet ist. Typische Symptome sind Gedächtnisstörungen, der Abbau von Exekutivfunktionen, Aufmerksamkeitsstörungen, räumliche Desorientierung und eine verlangsamte psychomotorische Geschwindigkeit. Begleitend können Depressionen, Apathie, Reizbarkeit, Aggression, Verwirrtheit und Gangstörungen auftreten. Im Gehirn zeigen sich charakteristische Veränderungen wie Plaques (Ablagerungen von Beta-Amyloid und Tau-Protein) und Fibrillen (fadenartige Eiweißstrukturen in den Nervenzellen). Zudem kommt es zu einem Rückgang der Hirnmasse, insbesondere im Hippocampus.
Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und Demenz
In der chinesischen Kulturgeschichte wurde der Verlust des Denkvermögens lange Zeit nicht als eigenständiges medizinisches Problem betrachtet. Erst in der Ming-Zeit finden sich detailliertere Beschreibungen von Symptomen, Ätiologie und Therapie des geistigen Abbaus.
Aus Sicht der TCM hängt die Gehirnleistung eng mit der Versorgung durch die Niere und ihre Essenz zusammen. Die Niere speichert die Essenz, die für die Bildung von Herz-Blut benötigt wird. Das Herz wiederum ist der Speicher des Shen (Geist, Bewusstsein). Auch die Milz spielt eine wichtige Rolle, da sie die Niere mit Essenz versorgt. Erschöpfung von Niere und Milz gelten als Risikofaktoren für die Entstehung einer Demenz. Ein Mangel an Qi oder eine Stagnation von Qi und Blut können ebenfalls zu einer schwachen Gedächtnisleistung und mangelndem geistigen Antrieb führen. Durchblutungsstörungen und die Bildung von Plaques werden in der TCM dem Pathogen "Schleim" zugeordnet.
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Als wichtigste präventive Maßnahme gilt eine adäquate Ernährung mit warmen, nährenden Lebensmitteln und der Verzicht auf "schleimbildende" Substanzen wie Kuhmilch und Gluten. Bei Begleitsymptomen wie Depressionen, Aggression und Reizbarkeit werden Leber-Qi-Stagnation oder Schleim-Hitze im Herzen behandelt. Die Stärkung des Herzens und insbesondere des Herz-Blutes ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie jeder Demenzform.
Die chinesische Phytotherapie bietet vielversprechende Ansätze zur Ergänzung der schulmedizinischen Behandlung. Forschende in Asien setzen verstärkt auf den Einsatz chinesischer Kräuter und führen randomisierte Studien durch. Dabei werden sowohl Einzeldrogen als auch Standardrezepturen wie das Qi Fu Yin untersucht.
Akupunktur als Therapieansatz bei Demenz
Die Akupunktur ist ein traditionelles chinesisches Behandlungsverfahren, bei dem durch das Setzen von Nadeln an bestimmten Akupunkturpunkten der Energiefluss im Körper reguliert werden soll. Sie wird mittlerweile für eine Vielzahl von Beschwerden eingesetzt und gilt als nebenwirkungsarmes Verfahren.
Studienlage zur Akupunktur bei Alzheimer
Eine aktuelle Studie von Yujie Jia et al. (Dezember 2017) untersuchte die Wirkung einer Akupunktur-Behandlung auf die Alzheimer-Krankheit. 141 Probanden wurden randomisiert in eine Akupunktur-Gruppe (n = 72) und eine Kontroll-Gruppe (n = 69) aufgeteilt. Die Akupunktur-Gruppe erhielt einmal täglich eine Nadel-Therapie in ausgewählte Akupunkturpunkte, während die Kontroll-Gruppe mit Donepezil (einem in der Schulmedizin gängigen Medikament) behandelt wurde. Die Ergebnisse wurden anhand des Mini-Mental-Status-Tests (MMSE), der Alltagskompetenz (ADL), des ADAS-Cog-Tests und des Digit-Span (DS) vor und nach der Behandlung ausgewertet.
Eine weitere Studie aus Korea deutet darauf hin, dass Akupunktur die Hirnleistung bei leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI), die als Vorbote einer Alzheimer-Erkrankung gilt, verbessern könnte. In dieser Studie wurden 11 gesunde Probandinnen und 11 MCI-Patientinnen untersucht. Mittels funktioneller Nahinfrarotspektroskopie (fNIRS) wurden die hämodynamischen Signale im präfrontalen Kortex gemessen, während die Probandinnen Arbeitsgedächtnisaufgaben erledigten. Die kognitive Leistungsfähigkeit wurde mit dem MoCA-K-Test beurteilt. Die Ergebnisse zeigten, dass sich die hämodynamischen Reaktionen bei den MCI-Patienten nach der Akupunkturbehandlung verbessert haben, was sich auch in der kognitiven Leistung widerspiegelte.
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Die Jin 3-Nadel Akupunktur-Technik
Die "Jin 3-Nadel"-Akupunkturtechnik, entwickelt von Professor Jin Rui, kombiniert Elektroakupunktur (EA) mit der Stimulation spezifischer Akupunkturpunkte. Eine Studie von Si-Mai Shao et al. zeigte, dass diese Technik bei Mäusen mit Alzheimer-Symptomen Lern- und Gedächtnisbeeinträchtigungen lindern, gesündere Hippocampus-Neuronen fördern und mitochondriale Schäden reduzieren kann.
Eine weitere Studie untersuchte die Kombination von Akupunkturpunkten mit olfaktorischen Reizen ("Geruchs-3-Nadel"-Technik). Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass diese Technik das Vorhandensein von β-Amyloid-Protein reduzieren, die räumliche Lern- und Gedächtnisfähigkeit verbessern und die Neuroinflammation im Hippocampus kontrollieren kann.
Ohrakupunktur nach dem NADA-Protokoll bei Agitation
Agitation (Unruhe- und Anspannungszustände) ist ein häufiges Symptom bei Demenzerkrankungen. Eine Studie untersucht die Wirkung der Ohrakupunktur nach dem NADA-Protokoll auf Agitation bei Demenzpatienten in Seniorenresidenzen. Dabei werden fünf bestimmte Punkte auf beiden Ohrmuscheln genadelt, um das psychische Wohlbefinden zu verbessern. Die Studie untersucht, ob die Ohrakupunktur die Symptome der Unruhe lindern, den Schlaf verbessern, den Gebrauch von Bedarfsmedikation verringern und das Risiko von unruhebedingten Zwischenfällen reduzieren kann.
Weitere Faktoren zur Prävention und Behandlung von Demenz
Neben der Akupunktur gibt es weitere Faktoren, die zur Prävention und Behandlung von Demenz beitragen können:
- Grüner Tee: Eine japanische Studie mit mehr als 8.000 Senior:innen ergab, dass der Konsum von drei oder mehr Tassen grünem Tee pro Tag Demenz vorbeugen kann. Die Inhaltsstoffe des grünen Tees, insbesondere das Epigallocatechingallat, haben antioxidative und entzündungshemmende Wirkungen.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit warmen, nährenden Lebensmitteln und der Verzicht auf "schleimbildende" Substanzen kann das Risiko einer Demenzerkrankung verringern.
- Kognitive Aktivität: Regelmäßiges Gehirntraining kann die kognitiven Fähigkeiten stärken und den Abbau geistiger Funktionen verlangsamen.
- Soziale Interaktion: Soziale Kontakte und die Teilnahme an Aktivitäten können die Lebensqualität verbessern und die kognitive Leistungsfähigkeit erhalten.
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