Eine Nervenentzündung, auch bekannt als Neuritis oder Neuropathie, kann zu einer Vielzahl von Problemen führen, einschließlich Muskelschwäche und -verlust, insbesondere im Bereich der Oberschenkel. Der Erhalt und der Wiederaufbau der Muskelkraft sind daher zentrale Ziele der Therapie. Klassische Krafttrainingsmethoden stoßen bei Nervenschäden jedoch oft an ihre Grenzen. Dieser Artikel beleuchtet die Herausforderungen beim Muskelaufbau nach einer Nervenentzündung im Oberschenkel und stellt innovative Therapieansätze vor, die neue Hoffnung geben.
Herausforderungen beim Muskelaufbau nach Nervenentzündung
Bei einer Polyneuropathie, einer Erkrankung, die mehrere periphere Nerven betrifft, ist der Kraftverlust ein häufiges und beeinträchtigendes Symptom. Traditionelles Krafttraining, das auf der Anstrengung und Belastung der Muskeln basiert, um Wachstum und Kraftsteigerung anzuregen, erweist sich oft als wenig effektiv.
- Eingeschränkte Trainingsmöglichkeiten: Nervenschäden erschweren es, die Muskeln ausreichend anzustrengen, um einen Trainingsreiz zu setzen. Betroffene können oft nicht die erforderlichen Übungen mit genügend Widerstand ausführen.
- Schlechte Trainierbarkeit der Unterschenkel: Insbesondere die Unterschenkelmuskulatur lässt sich nach dem Eintritt von Nervenschäden schwer trainieren.
- Geringe Kraftentwicklung: Trotz Anstrengung und verschiedener Übungen entwickelt sich die Kraft nur geringfügig oder gar nicht.
Blutflussrestriktionstraining (BFR): Ein innovativer Ansatz
Das Blutflussrestriktionstraining (BFR), auch bekannt als Okklusionstraining, stellt eine vielversprechende Alternative dar, um Muskelaufbau und Kraftsteigerung trotz Nervenschäden zu fördern. Diese Methode beinhaltet die Anwendung von aufblasbaren Manschetten an Armen oder Beinen, um den Blutfluss kurzzeitig und kontrolliert zu reduzieren.
Funktionsweise des BFR-Trainings
Durch die Reduzierung des Blutflusses in die Muskulatur entsteht eine ähnliche Situation wie bei hochintensivem Training, selbst wenn nur leichte Übungen durchgeführt werden.
- Erhöhter Muskelstress: Der Muskel verbraucht mehr Nährstoffe, als ihm durch das eingeschränkte Blutvolumen zugeführt werden, und es sammeln sich Abfallprodukte wie Laktat an.
- Anregung von Wachstumsfaktoren: Der Körper reagiert auf diesen "Stress" mit der Produktion von Wachstumsfaktoren, die die Neubildung von Blutgefäßen anregen und das Wachstum von Nerven fördern. Dazu gehören EPO, Wachstumshormon GH, VEGF (Vascular endothelial growth factor) und HIF (Hypoxieinduzierbarer Faktor).
Vorteile des BFR-Trainings
- Effektive Kraftsteigerung mit leichten Übungen: Bereits einfache Übungen mit geringem Widerstand können signifikante Kraftsteigerungen bewirken.
- Geringes Verletzungsrisiko: Die geringe mechanische Belastung reduziert das Risiko von Verletzungen und Überlastungen im Vergleich zu herkömmlichem Training.
- Potenzielle Nervenregeneration: Das Training der Blutgefäße kann zusätzlich das Wachstum von Nerven anregen und somit die Nervenregeneration unterstützen.
- Schutz vor Nervenschäden: BFR-Training kann den Körper darauf vorbereiten, Ereignisse mit Sauerstoffmangel und Durchblutungsstörungen besser zu tolerieren und somit die Nerven vor Schäden schützen.
Anwendung des BFR-Trainings
- Manschetten mit Druckmessung: Es sollten nur Manschetten verwendet werden, mit denen der Druck gemessen werden kann, um eine sichere und effektive Anwendung zu gewährleisten. Der Druck sollte weder zu niedrig noch zu hoch sein.
- Leichte Kraftübungen: In Kombination mit den Manschetten werden einfache Kraftübungen mit leichten Gewichten durchgeführt.
- Regelmäßige Anwendung: Studien haben gezeigt, dass bereits regelmäßiges Gehen mit den Manschetten zu Kraftsteigerungen führen kann.
Forschungsergebnisse und erste Erfahrungen
- Studien zur Wirksamkeit: Eine japanische Studie zeigte, dass Probanden, die mit Manschetten an den Beinen auf einem Laufband gingen (3 km/h, 10 Minuten, zweimal täglich), nach drei Wochen bereits 10 % mehr Kraft aufgebaut hatten.
- Erfahrungen bei neurologischen Erkrankungen: BFR-Training wurde erfolgreich bei anderen neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose und Parkinson eingesetzt.
- Positive Ergebnisse bei Polyneuropathie: Erste Erfahrungen mit Patienten mit Polyneuropathie zeigen, dass BFR-Training spürbare Kraftverbesserungen in kurzer Zeit bewirken kann. Einige Patienten berichteten auch von einerReduktion von Schmerzen, was auf eine mögliche Nervenregeneration hindeutet.
Weitere Therapieansätze bei Nervenentzündungen im Oberschenkel
Neben dem innovativen BFR-Training gibt es weitere Therapieansätze, die bei Nervenentzündungen im Oberschenkel eingesetzt werden können:
Lesen Sie auch: Neue Erkenntnisse über neuronale Verknüpfungen
Medikamentöse Schmerztherapie
Nervenschädigungen gehen oft mit brennenden, kaum erträglichen Schmerzen einher. Eine frühzeitige medikamentöse Schmerztherapie ist wichtig, um die Entwicklung eines Schmerzgedächtnisses und die Chronifizierung der Schmerzen zu verhindern.
- Stufe 1: Schwache Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure oder Paracetamol.
- Stufe 2: Mittelstarke Opioide, verschrieben vom Arzt bei unzureichender Wirkung von Stufe 1.
- Stufe 3: Starke Opioide, unter ärztlicher Überwachung.
- Weitere Medikamente: Antiepileptika, Antidepressiva und Capsaicin können ebenfalls zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
Operative Eingriffe
In einigen Fällen kann ein operativer Eingriff erforderlich sein, insbesondere bei Nerveneinklemmungen oder -verletzungen.
- Karpaltunnelsyndrom: Operative Freilegung des Nervs bei Einklemmung des Mittelnervs im Handgelenk.
- Bandscheibenvorfall: Entfernung von Teilen oder der gesamten Bandscheibe, wenn diese auf Spinalnerven drückt.
- Nervenverletzungen: Verbindung durchtrennter Nervenenden oder Nerventransplantation.
- Neurodestruktion: Zerstörung von Nerven oder Nervengeflechten bei sehr starken Schmerzen (z.B. Tumorschmerzen), als letzte Option.
Alternative Behandlungsmethoden
- Elektrotherapie: Einsatz elektrischer Impulse zur Schmerzlinderung, Muskelstimulation und Förderung der Durchblutung.
- Wärme- und Kältebehandlungen: Linderung von Entzündungen (Kälte) oder Entspannung (Wärme). Vorsicht bei Empfindungsstörungen.
- Krankengymnastik und Sporttherapien: Verbesserung von Körperhaltung und Bewegungsabläufen, Stärkung betroffener Muskelgruppen.
- Biofeedback: Kontrolle unbewusst ablaufender Prozesse zur Reduktion der Schmerzwahrnehmung.
- Psychologische Betreuung: Vorbeugung von Depressionen oder Angststörungen.
- Entspannungstechniken: Meditation, autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen.
- Hilfsmittel für den Alltag: Rollstühle, Sprachcomputer, Türöffnungshilfen usw. bei starken Bewegungseinschränkungen.
- Akupunktur: Linderung der Beschwerden durch Nadeln an bestimmten Energiepunkten.
- Massagen: Förderung der Durchblutung und Lockerung des Bindegewebes.
- Homöopathie: Individuelle Wahl der Mittel nach der zugrundeliegenden Ursache.
Elektrotherapie im Detail
Die Elektrotherapie nutzt elektrischen Strom, um verschiedene therapeutische Effekte zu erzielen:
- Erwärmung des Gewebes
- Schmerzreduktion
- Nervenreizung
- Abbau von Schwellungen
- Muskelaktivierung
Die Elektrotherapie wird in der Regel ergänzend zu aktiven Maßnahmen wie Bewegungsübungen und Training eingesetzt.
Verschiedene Formen der Elektrotherapie:
- TENS (Transkutane elektrische Nervenstimulation): Insbesondere bei chronischen Schmerzzuständen. Ziel ist es, Nervenzellen im Rückenmark so anzuregen, dass sie die körpereigene Schmerzhemmung beeinflussen und so die Fortleitung des Schmerzes zu verhindern.
- Iontophorese: Einbringen von Medikamenten in den Körper mithilfe von elektrischem Strom.
- Stangerbad: Hydroelektrisches Voll- oder Teilbad, bei dem Metallplatten als Elektroden in einer Wanne angebracht werden.
- Vier-Zellenbad: Unterarme und/oder Unterschenkel werden in kleinere Wannen getaucht.
Risiken und Kontraindikationen:
- Metalle im Körper
- Akute Entzündungen
- Blutgerinnsel (Thrombose)
- Offene Hautstellen
- Schwere Durchblutungsstörungen
- Herzrhythmusstörungen oder Herzschrittmacher
- Bösartige Tumorerkrankungen
- Fieberhafte Krankheitsprozesse
- Erhöhte Blutungsneigung
Übungen für den Oberschenkel
Neben den genannten Therapieansätzen können auch gezielte Übungen zum Muskelaufbau und zur Verbesserung der Flexibilität im Oberschenkelbereich beitragen.
Lesen Sie auch: Wirksame Therapien gegen Epilepsie
- Dehnung der Gesäßmuskulatur und der Außenseite des Oberschenkels: Im Sitzen ein Bein ausstrecken und mit den Armen abstützen, sodass das Gesäß über dem Boden schwebt.
- Faszien-Rollmassage der Oberschenkelaußenseite: Mit einer Faszienrolle die Außenseite des Oberschenkels massieren, um Verspannungen zu lösen.
- Dehnung der Innenseiten der Oberschenkel: Aufrecht auf den Boden setzen, Fußsohlen berühren sich, Oberkörper aufrichten und Oberschenkel zum Boden drücken.
- Dehnung der vorderen Oberschenkelmuskulatur: Im Stehen den Fußrücken greifen und den Fuß in Richtung Gesäß ziehen, Bauchmuskeln anspannen.
- Dehnung der hinteren Oberschenkelmuskulatur: Ein Bein nach vorn strecken und mit der Ferse aufsetzen, Rumpf nach vorn neigen und den Rücken gerade halten.
Spezifische Nervenprobleme im Oberschenkel: Meralgia paraesthetica
Die Meralgia paraesthetica ist eine Nervenkompression des Nervus cutaneus femoris lateralis, einem sensiblen Nerv, der die Haut des vorderen und seitlichen Oberschenkels versorgt.
Symptome
- Kribbeln, brennende Schmerzen, Missempfindungen und Taubheit an der Vorder- bzw. Außenseite des Oberschenkels.
- Verstärkung der Symptome beim Tragen enger Hosen, in der Schwangerschaft, beim Stehen, Gehen oder Liegen mit gestrecktem Bein.
Ursachen
- Einklemmung des Nervs im Bereich des Leistenbandes (häufigste Ursache).
- Ungünstige Anatomie.
- Selten: Knochenwucherungen, Tumoren oder Verletzungen.
- Diabetes (Polyneuropathie).
Therapie
- Konservative Behandlung: Physiotherapie, Schmerztherapie, Infiltration mit Lokalanästhetika oder Kortison.
- Operation: Dekompression des Nervs oder Neurektomie (Durchtrennung des Nervs) als letzter Ausweg.
- Vermeidung: Enge Hosen, Streckbewegungen im Hüftgelenk, Gewichtsreduktion.
Übungen bei Meralgia paraesthetica
- Dehnübungen: Dehnung der Hüft- und Oberschenkelmuskulatur, um den Nervus cutaneus femoralis lateralis zu entlasten.
- Kräftigungsübungen: Kräftigung der Muskeln im Umfeld des Gesäßes.
- Faszien-Rollmassage: Lockerung von Verklebungen der Faszien.
Das Piriformis-Syndrom
Das Piriformis-Syndrom ist eine weitere mögliche Ursache für Schmerzen im Oberschenkel, bei der der Ischiasnerv durch den Piriformis-Muskel eingeengt wird.
Symptome
- Schmerzen im Gesäß, die in die Hinterseite des Oberschenkels, die Waden und bis zum kleinen Zeh ziehen können.
- Brennende oder stechende Schmerzen.
- Taubheitsgefühl in der hinteren Gesäßregion und auf der Rückseite des Oberschenkels.
- Auslösung der Schmerzen durch langes Sitzen, Treppensteigen, Rennen oder Gehen.
Ursachen
- Trauma im Bereich der Hüfte, im Gesäß oder Bein.
- Zu hohe Belastung des nicht ausreichend starken Muskels.
- Übermäßiges ungewohntes Training.
- Zu schwacher Piriformis-Muskel durch fehlendes Training.
- Unzureichendes Aufwärmen vor dem Training und unzureichendes Dehnen danach.
- Langes Sitzen.
- Anatomische Anomalien.
Therapie
- Vermeidung: Weitere Reizung des Ischiasnervs verhindern.
- Wärme oder Kälte: Anwendung zur Schmerzlinderung.
- Dehn- und Kräftigungsübungen: Gezielte Übungen zur Dehnung und Kräftigung des Piriformis-Muskels.
- Schmerztabletten: Kurzfristige Linderung der Beschwerden mit Ibuprofen.
- Ärztliche Behandlung: Bei ausbleibender Besserung oder sehr starken Schmerzen.
Lesen Sie auch: Hoffnung im Kampf gegen Alzheimer
tags: #neue #methoden #muskelaufbau #oberschenkel #nach #nervenentzundung