Neue neurologische Erkrankungen bei Kindern: Symptome, Diagnose und Behandlung

Neurologische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen umfassen eine Vielzahl von Störungen, die das Gehirn, das Rückenmark, die peripheren Nerven und die Muskulatur betreffen. Da sich das Nervensystem in der Entwicklung befindet, können sich Störungen unterschiedlich auswirken, was die Diagnose und Behandlung komplex macht.

Symptome neurologischer Erkrankungen im Kindesalter

Die Symptome neurologischer Erkrankungen im Kindesalter sind vielfältig und können sich in unterschiedlicher Form manifestieren. Einige häufige Symptome sind:

  • Krampfanfälle: Ein sehr häufiges Symptom neurologischer Erkrankungen sind Krampfanfälle. Diese entstehen als Folge von einer zusätzlichen elektrischen (abnormen) Aktivität im Gehirn. Es kommt zu unkontrollierten Zuckungen und Anspannungen der Muskulatur. Der Verlust des Bewusstseins, verdrehte Augen und kurze Atemstillstände können auftreten. Im Zuge eines Anfalls kann es vorkommen, dass sich das Kind selbst verletzt oder sich auf die Zunge beißt.
  • Entwicklungsverzögerungen: Neurologische Erkrankungen können sich in Form von Entwicklungsverzögerungen manifestieren.
  • Bewegungsstörungen: Störungen der Geh- und Greiffunktion oder gar Lähmungen können ein Hinweis auf eine neurologische Erkrankung sein.
  • Weitere Symptome: Da das Nervensystem viele unterschiedliche Aufgaben im Körper wahrnimmt, können auch andere Symptome ein Hinweis auf eine neurologische Erkrankung sein. Hierbei handelt es sich z.B. um Störungen der geistigen Entwicklung.

Ursachen neurologischer Erkrankungen im Kindesalter

Neurologische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter sind oftmals genetisch bedingt, also angeboren. Oftmals sind es nur winzige Veränderungen (Mutationen) im genetischen Bauplan, die dafür sorgen, dass unverzichtbare Bestandteile des Organismus wie beispielsweise Komponenten von Stoffwechselwegen oder strukturelle Bestandteile des Nervensystems nicht hergestellt werden können. Aber auch Fehlbildungen, genetische Schäden, Entzündungen, diverse Erkrankungen, aber auch Unfälle oder Tumore können neurologische Erkrankungen hervorrufen.

Diagnose neurologischer Erkrankungen im Kindesalter

Bei Krankheiten des Nervensystems sind häufig umfangreiche Untersuchungen notwendig, um die genaue Ursache diagnostizieren zu können. Neben Blutuntersuchungen sind je nach Fragestellung z. B. noch eine Kernspintomografie des Gehirns, ein EEG (Elektroenzephalografie) oder vielleicht auch eine Nervenwasseruntersuchung (Lumbalpunktion) erforderlich. Für einige dieser Untersuchungen müssen kleine Kinder eine Kurznarkose erhalten. So ist zumindest im Beginn der Behandlung ein stationärer Aufenthalt manchmal nicht zu vermeiden. Bildgebende und neurophysiologische Untersuchungsmethoden ermöglichen eine präzise und schnelle Diagnostik des neurologischen Krankheitsbildes. Neben der ausführlichen körperlichen Untersuchung werden nach Bedarf folgende Untersuchungen durchgeführt.

EEG-Diagnostik

Mit Hilfe der EEG-Diagnostik und bildgebenden Verfahren (Magnetresonanztomographie) kann nach der Ursache eines Krampfanfalls geforscht und festgestellt werden, ob eine Epilepsie vorliegt. Die überwiegende Zahl der Untersuchungen kann nach einer Überweisung von Kinderärzt:innen in unserer ambulanten neuropädiatrischen Spezialsprechstunde durchgeführt werden. Die diagnostischen Untersuchungen finden in einer kindgerechten Umgebung statt. Messung der Hirnströme, insbesondere bei Verdacht auf Epilepsie, aber auch im Rahmen der Abklärung von z. B.

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Genetische Diagnostik

Mithilfe von Exom- und Genomsequenzierungen haben Forschende des Universitätsklinikums Tübingen die genetischen Ursachen einer seltenen Erkrankung aufgeklärt, die schon im Säuglingsalter zu schweren neurologischen Beeinträchtigungen führt. Durch die nachgewiesenen Genveränderungen kommt es zu einer fehlerhaften Synthese von Selenoproteinen im gesamten Körper. Diese sind essenziell für die Zellfunktion, insbesondere im Nervensystem. Die Erstbeschreibung der neuen Erkrankung aus der Gruppe der Selenopathien ermöglicht es, weitere Betroffene zu diagnostizieren.

Differenzialdiagnose

Es ist wichtig zu beachten, dass viele seltene Erkrankungen unspezifische Symptome haben. Oftmals kann man deshalb nicht von einem einzelnen Symptom oder einer Gruppe von Symptomen auf eine konkrete Krankheit schließen. Manche dieser Krankheiten sind so selten, dass selbst erfahrene Ärzt*innen sie nie zu Gesicht bekommen. Und teilweise kann es auch vorkommen, dass die Krankheit und ihre Ursachen noch gar nicht bekannt sind.

Behandlung neurologischer Erkrankungen im Kindesalter

Das wichtigste Ziel einer Therapie ist immer die vollständige Heilung. Oftmals ist dies aber nicht möglich, da, insbesondere bei genetisch bedingten Erkrankungen, die Ursachen nicht behoben und die Beeinträchtigungen im Nervensystem nicht rückgängig gemacht werden können. Bei einer frühzeitigen Diagnosestellung können viele Symptome aber oftmals abgemildert und der Krankheitsverlauf positiv beeinflusst werden. Dies kann unter anderem durch medikamentöse Behandlungen geschehen, die abhängig von den klinischen Symptomen durch Frühförderung, Physio-, Logo- und Ergotherapie ergänzt werden können.

Medikamentöse Therapie

Bei immer wiederkehrenden Anfällen hilft meist nur eine Dauertherapie mit krampflösenden Medikamenten. Medikamente, die stets weiterentwickelt werden, können helfen, den Verlauf der Multiplen Sklerose im positiven Sinne einzudämmen.

Übungsbehandlungen und Fördermaßnahmen

Neben der medikamentösen Behandlung sind auch Übungsbehandlungen (Physiotherapie) und weitere Fördermaßnahmen häufig Teil des Therapiekonzeptes. Dazu gehört selbstverständlich auch die umfassende Beratung unserer Patienten und ihrer Eltern. In diesen Fällen muss oft in Zusammenarbeit mit dem Haus- oder Kinderarzt ein umfangreiches Therapiekonzept unter Verwendung von Medikamenten aber auch Übungsbehandlungen (Physiotherapie) und weiteren Fördermaßnahmen (Frühförderung, Ergotherapie, Sehschule) erstellt werden. Außerdem beraten wir bei der Beschaffung von Hilfsmitteln (Rollstuhl) sowie möglicher finanzieller und personeller Unterstützung (Pflegedienst).

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Konversionsstörungen (Funktionelle neurologische Störungen)

Konversionsstörungen, auch Funktionelle neurologische Störungen (FNS), wirken oft rätselhaft: Sie ähneln neurologischen Erkrankungen, bleiben aber selbst nach gründlicher Diagnostik ohne pathologischen Befund. Gehirn und Organe sind strukturell intakt, trotzdem können die Einschränkungen das Leben von Kindern und Familien stark belasten. Häufig entstehen Unsicherheit und die Sorge, dass doch eine organische Erkrankung übersehen wurde.

Symptome von FNS

Funktionelle neurologische Störungen nehmen in aller Regel die Form von Bewegungsstörungen, Lähmungen, Wahrnehmungsstörungen oder Anfällen an:

  • Bewegungsstörungen: Dazu zählt zum Beispiel ein unwillkürliches Zittern (Tremor) in der Hand oder einzelnen Fingern, das nur schwer zu kontrollieren ist. Es kann in der Intensität und Geschwindigkeit variieren. Es kann weniger werden, wenn man sich ablenkt oder das Zittern mit der gesunden Hand mitmacht. Andere Betroffene entwickeln Zuckungen (Myoklonien) oder Verkrampfungen (Dystonien). Häufiger sind Veränderungen im Gangbild (z. B. ein „schleifender“ Gang oder ein „Gehen wie auf Eis“).
  • Lähmungserscheinungen: Betroffene erleben eine ausgeprägte Schwäche im Arm oder Bein. Die Knie können plötzlich einknicken bis hin zu einem Kraftverlust und Kollabieren. Und das alles bei ganz intakten Nervenleitungen.
  • Anfälle: Diese können auf den ersten Blick wie epileptische Anfälle aussehen. Unkontrollierte Bewegungsmuster in Armen und Beinen, im Gesicht, den Augen oder dem Mund. Sie können den gesamten Körper erfassen. Das Bewusstsein verändert sich dabei und die Ansprechbarkeit vermindert sich oder fehlt komplett. Der entscheidende Unterschied zwischen funktionellen und epileptischen Anfällen allerdings: Wenn Ärzt*innen die Gelegenheit haben, während eines funktionellen Anfalls mit einem EEG die Hirnströme abzuleiten, so sehen diese komplett gesund aus! In der Fachsprache nennt man die epileptischen Anfälle auch cerebrale Anfälle; die funktionellen Anfälle werden heute als dissoziative Anfälle bezeichnet. Ältere Bezeichnungen, die teilweise immer noch im Gebrauch sind, lauten nicht-epileptische oder psychogene Anfälle. Die gute Botschaft: Dissoziative Anfälle richten keinerlei Schaden im Gehirn an. Ist der Anfall vorbei, ist alles wieder in Ordnung wie vor dem Anfall. Man muss nur aufpassen, dass man sich nicht durch einen Sturz verletzt. Man braucht keinen Notarzt, keine Notärztin, sondern wartet ab, bis der Anfall sich wieder von selbst beendet.
  • Wahrnehmungsstörungen: Sie können verschiedene Sinnesorgane betreffen. Taubheitsgefühle im Tastsinn auf der Haut, teilweiser oder vollständiger Sehverlust oder Doppelbilder beim Sehen, aber auch übermäßige Lichtempfindlichkeit, subjektive Störungen des Riechempfindens oder Hörstörungen sind möglich. Auch hier fehlen in aller Regel auffällige Befunde sowohl bei der Untersuchung des Nervensystems wie des betroffenen Sinnesorgans.

Ursachen von FNS

Wir gehen heute davon aus, dass FNS-Symptome aus dem Zusammenspiel angeborener, leicht anspringender Schutz-/Alarmprogramme und psychischen bzw. sozialen Belastungsfaktoren entstehen. Dabei wirken biologische Veranlagung, erlebte Traumata oder gegenwärtige Belastungen oder absehbare, zukünftige Bedrohungen, andauernde Konflikte und aktuelle Stressoren zusammen. Die seelischen Faktoren senken die Schwelle für die Auslösung der Alarmprogramme und letztlich der funktionellen Symptome.

Behandlung von FNS

Das Buch erläutert die vielen unterschiedlichen Behandlungsansätze bei FNS. Krankengymnastik (Physiotherapie), mentale Vorstellungsübungen, Psychotherapie, Teilearbeit setzen auf ganz unterschiedlichen Ebenen an.

Multiple Sklerose (MS)

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch Demyelinisierung und neurologische Funktionsstörungen gekennzeichnet ist. Während MS typischerweise bei jungen Erwachsenen diagnostiziert wird, tritt sie in seltenen Fällen auch im Kindesalter auf - bis zu 10 % der MS-Diagnosen betreffen Patienten unter 18 Jahren.

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Früherkennung von MS

Die Früherkennung der Multiplen Sklerose bei Kindern ist eine große Herausforderung, da die Symptome häufig unspezifisch sind und sich mit anderen Erkrankungen überschneiden. Ein wachsender Forschungszweig deutet auf die Existenz einer Prodromalphase hin, in der unspezifische Symptome Jahre vor der eigentlichen Diagnose auftreten.

Symptome in der Prodromalphase

Die Studie identifizierte neun ICD-10-Codes, die in der Krankheitsgeschichte von Kindern mit MS signifikant häufiger auftraten als bei den Kontrollgruppen:

  • Adipositas (OR: 1,70)
  • Refraktions- und Akkommodationsstörungen des Auges (OR: 1,26)
  • Sehstörungen (OR: 1,31)
  • Gastritis und Duodenitis (OR: 1,35)
  • Erkrankungen der Patella (OR: 1,47)
  • Herzrhythmusstörungen (OR: 1,94)
  • Flatulenz (OR: 1,43)
  • Hautsensibilitätsstörungen (OR: 12,93)
  • Schwindel und Benommenheit (OR: 1,52)

Behandlung von MS

Medikamente, die stets weiterentwickelt werden, können helfen, den Verlauf der Multiplen Sklerose im positiven Sinne einzudämmen. Die betroffenen Familien erhalten von uns eine kompetente Beratung für die Akutmaßnahmen und die langfristige Therapie. Dabei kooperieren wir ganz eng mit dem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) des Kinderzentrums bdo. Im SPZ arbeiten eine Vielzahl von Therapeuten, Sozialarbeitern und Psychologen mit den Medizinern zusammen und unterstützen die Familien umfassend. Diese koordinierten Therapien vermeiden oder verringern die Langzeitschäden durch die Multiple Sklerose (MS).

Leben mit einer seltenen neurologischen Erkrankung

Viele seltene Erkrankungen haben unspezifische Symptome. Oftmals kann man deshalb nicht von einem einzelnen Symptom oder einer Gruppe von Symptomen auf eine konkrete Krankheit schließen. Manche dieser Krankheiten sind so selten, dass selbst erfahrene Ärztinnen sie nie zu Gesicht bekommen. Und teilweise kann es auch vorkommen, dass die Krankheit und ihre Ursachen noch gar nicht bekannt sind. Für die Patientinnen und ihre Angehörigen kann es deshalb ein langer und belastender Weg sein, bis sie Spezialist*innen finden, die sich mit ihrer Erkrankung auskennen. Aber ohne eine präzise Diagnose ist keine erfolgreiche Therapie möglich. Und gerade bei neurologischen Erkrankungen im Kindesalter ist es wichtig, so früh wie möglich mit einer Therapie zu beginnen, da Gehirn und Nervensystem noch nicht vollständig entwickelt sind.

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