Aktuelle Forschung in der Neurologie Würzburg: Fortschritte und Schwerpunkte

Die Neurologische Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) zeichnet sich durch exzellente Forschung aus, die darauf abzielt, neue Erkenntnisse und vielversprechende Therapieansätze schnell in die klinische Praxis umzusetzen. Die Forschungsschwerpunkte umfassen ein breites Spektrum neurologischer Erkrankungen, insbesondere Morbus Parkinson und andere Bewegungsstörungen, neuromuskuläre Erkrankungen sowie die Schlaganfallmedizin.

Schlaganfallforschung: Thromboinflammation im Fokus

Der Schlaganfall ist weltweit eine der häufigsten Todesursachen und die Hauptursache für erworbene Behinderungen im Erwachsenenalter. Trotz Fortschritten in der Akuttherapie, wie intravenöser und mechanischer Rekanalisation, entwickeln viele Patienten große Hirninfarkte. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt in Würzburg widmet sich daher der Etablierung einer prospektiven Kohorte, um ein besseres Verständnis der prognostisch relevanten Faktoren und pathophysiologischen Mechanismen nach einem schweren ischämischen Schlaganfall zu gewinnen.

Die Würzburger Schlaganfallkohorte

Im Rahmen dieser Kohortenstudie werden 500 Patienten mit klinisch schwerem Schlaganfall (NIHSS >= 6) und/oder mechanischer Rekanalisation in Würzburg prospektiv untersucht. Neben der Erhebung von Daten aus Patientenakten und standardisierten Patienteninterviews erfolgt eine umfassende Analyse von Blut-basierten Biomarkern sowie die Bestimmung der Lymphozyten- und Thrombozytenaktivierung mittels Durchflusszytometrie. Ziel ist es, zeitgemäße, valide prognostische Modelle für die Vorhersage eines guten Behandlungsergebnisses drei Monate nach dem Schlaganfall zu entwickeln.

Thromboinflammation als Schlüsselmechanismus

Ein besonderer Fokus liegt auf dem Forschungsfeld der Thromboinflammation nach ischämischem Schlaganfall. Dieses Gebiet bietet vielversprechende Erklärungsansätze für die Entstehung und das Fortschreiten der Hirnschädigung sowie für hämorrhagische Komplikationen. So konnte gezeigt werden, dass die Interaktion von Thrombozyten und Leukozyten eine zentrale Rolle bei der Orchestrierung von Schädigungs- und Reparaturmechanismen spielt.

Michael Schuhmann, Leiter des Klinischen Labors der Neurologie, betont die Bedeutung der Thrombozytenaktivierung und der Einwanderung von Immunzellen bei der Entstehung von Entzündungsreaktionen nach einem Schlaganfall. Er sieht hier völlig neue Perspektiven für eine ergänzende Therapie zur Rekanalisation, die darauf abzielt, Entzündungsprozesse zu hemmen.

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Perspektiven für die Therapie

Die Idealvorstellung von Michael Schuhmann ist eine "Zusatztherapie", die bereits im Rettungswagen beginnt und das Ausmaß der Hirnschädigung vor der Thrombolyse/Thrombektomie begrenzt. Dies könnte die Erholungschancen der Patienten verbessern und zu einem besseren neurologischen Befinden nach der Rekanalisation führen.

Immunneurologie: Dialog zwischen Immun- und Nervensystem

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt der Neurologie in Würzburg ist die Immunneurologie, die sich mit dem Zusammenspiel von Immun- und Nervensystem bei neurologischen Erkrankungen beschäftigt.

Autoimmunerkrankungen des Nervensystems

Prof. Kathrin Doppler, Expertin für Polyneuropathien, forscht seit Jahren an Immunneuropathien, bei denen das Immunsystem das periphere Nervensystem angreift. Gemeinsam mit Claudia Sommer und Luise Appeltshauser entdeckte sie den Antikörper Anti-Caspr1, der an der Entstehung bestimmter Formen von Immunneuropathien beteiligt ist. Diese Forschung führte zur Definition der autoimmunen Nodopathie als eigenständige Erkrankung.

In der Klinischen Forschungsgruppe (KFO 5001) ResolvePAIN untersucht Kathrin Doppler gemeinsam mit Prof. Carmen Villmann, wie und warum Autoantikörper gegen das Oberflächenprotein Caspr2 neuropathische Schmerzen hervorrufen und wie sich diese Schmerzen zurückbilden können.

Rolle des Immunsystems bei neurodegenerativen Erkrankungen

Auch bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Morbus Parkinson spielt der Crosstalk zwischen Nervenzellen und Immunsystem eine wichtige Rolle. Prof. Chi Wang Ip konnte zeigen, dass bei Parkinson bestimmte Immunzellpopulationen im Gehirn vermehrt und aktiviert sind. Seine Arbeitsgruppe konzentriert sich auf die Frage, ob das Immunsystem als Biomarker zur Früherkennung und Vorhersage des Krankheitsverlaufs genutzt werden kann und ob die Krankheit durch Immunmodulation aufgehalten werden kann.

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Bewegungsstörungen: Dystonie im Fokus

Die Neurologische Klinik und Poliklinik in Würzburg hat einen klaren Schwerpunkt auf Bewegungsstörungen, insbesondere Dystonie. Bei dieser Bewegungsstörung ziehen sich die Muskeln unwillkürlich zusammen und der Körper nimmt ungewöhnliche Haltungen ein.

Forschung zu Dystonie-auslösenden Faktoren

Lisa Harder-Rauschenberger und Chi Wang Ip forschen an den Ursachen der Dystonie und haben einen Übersichtsartikel über die Rolle peripherer Nerventraumen und Rückenmarksverletzungen als Auslöser einer Dystonie veröffentlicht. Sie vermuten, dass neben einer genetischen Veranlagung ein "zweiter Auslöser" nötig ist, damit die Krankheit entsteht. Verletzungen von Nerven oder des Rückenmarks könnten ein solcher Auslöser sein, da sie die Kommunikation zwischen Gehirn, Rückenmark und peripherem Nervensystem verändern.

Tiermodelle und klinische Studien

Die Forschungsgruppe von Harder-Rauschenberger und Ip setzt auf Tiermodelle, um die Pathophysiologie der Dystonie besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln. Sie untersuchen, wie sich das Gehirn von symptomatischen Nagern im Vergleich zu asymptomatischen unterscheidet und welche Mechanismen zur Dystonie führen.

Harder-Rauschenberger betont die Notwendigkeit größerer klinischer Studien, um den Zusammenhang zwischen peripheren Nervenschädigungen und der Entwicklung einer Dystonie beim Menschen klarer zu zeigen.

Therapieansätze bei Dystonie

Die Neurologische Klinik und Poliklinik bietet eine spezialisierte Ambulanz für Botulinumtoxin-Behandlungen bei fokalen und segmentalen Dystonien an. Darüber hinaus gehört sie zu den deutschen Zentren, die die Tiefe Hirnstimulation bei Dystonien durchführen.

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Tiefe Hirnstimulation bei Parkinson

Ein Team der Neurochirurgischen Klinik des UKW hat als erstes Krankenhaus Deutschlands erfolgreich die Elektroden Vercise Cartesia X des Herstellers Boston Scientific bei einem Patienten mit Parkinson-Erkrankung implantiert. Diese Elektroden dienen der tiefen Hirnstimulation (THS) und lindern die Symptome von Bewegungsstörungen, indem sie elektrische Impulse an spezifische Gehirnregionen senden.

Prof. Cordula Matthies, Leiterin der Funktionellen Neurochirurgie am UKW, betont, dass das innovative System eine maßgeschneiderte, hochpräzise Therapie ermöglicht, die auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten abgestimmt werden kann.

Neuromuskuläre Erkrankungen

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt der Neurologischen Klinik und Poliklinik liegt auf neuromuskulären Erkrankungen mit spezieller Neurophysiologie, Nerv-Muskelpathologie und immunologischen Aspekten.

Abschied und Neuanfang: Prof. Claudia Sommer

Prof. Claudia Sommer, eine renommierte Expertin für Schmerzforschung und Polyneuropathien, hat sich nach langjähriger Tätigkeit in der Neurologie des UKW dem Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZiS) angeschlossen. Gemeinsam mit Prof. Heike Rittner leitet sie die Klinische Forschungsgruppe ResolvePAIN und ist weiterhin in Forschungsprojekte des Sonderforschungsbereichs SFB 1158 der Universität Heidelberg eingebunden.

Claudia Sommer hat sich vor allem im Bereich Polyneuropathien hervorgetan und einen Autoantikörper entdeckt, der die Ranvierschen Schnürringe zerstört. Zudem konnte sie zeigen, dass beim Stiff-Person-Syndrom Antikörper die Neurone angreifen.

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