Neue Medikamente in der Migränebehandlung: Ein umfassender Überblick

Pochende Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit und Übelkeit sind typische Symptome von Migräne, von der in Deutschland bis zu 15 Prozent der Menschen betroffen sind. Glücklicherweise gibt es immer mehr Behandlungsmöglichkeiten für Migränepatienten. Aktualisierte wissenschaftliche Leitlinien beinhalten einige neue Medikamente und Verfahren zur Migränetherapie. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die neuesten Entwicklungen in der medikamentösen Behandlung von Migräne.

Aktualisierte Leitlinien und Patientenorientierung

Die Leitlinien zur Migränetherapie werden jährlich ergänzt und alle fünf Jahre vollständig überarbeitet. Sie dienen Medizinern und Angehörigen anderer Heilberufe als wissenschaftliche Orientierung. Die Leitlinie bezieht sich ausschließlich auf die wissenschaftliche Evidenz. Um auch den Betroffenen selbst einen guten Überblick zu verschaffen, gibt es erstmals auch eine Patientenleitlinie für Migräniker, die die wissenschaftlichen Empfehlungen in verständliche Sprache übersetzt.

Der Durchbruch bei CGRP

Ein wesentlicher Fortschritt in der Migränebehandlung liegt in der Erforschung des Moleküls CGRP (Calcitonin Gene Related Peptide). CGRP kommt im menschlichen Nervensystem vor und wird bei Migräneattacken vermehrt freigesetzt. Seit den 1990er-Jahren wird dazu geforscht, und inzwischen stehen mehrere wirksame Medikamente zur Akutbehandlung und Prophylaxe bereit, die bei CGRP ansetzen.

Monoklonale Antikörper

Zu diesen Medikamenten gehören auch monoklonale Antikörper, die zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt werden. Nach fünf Jahren Erfahrung hat sich gezeigt, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen durch diese Medikamente ihre Migränetage halbieren können.

Atogepant: Ein neuer Wirkstoff

Eine ganz neue Substanz ist Atogepant, die direkt am CGRP-Rezeptor ansetzt und inzwischen für die Migräneprophylaxe zugelassen ist. Atogepant (Handelsname Aquipta) ist seit August 2023 zur Vorbeugung von Migräne zugelassen und kommt für Erwachsene infrage, die mindestens vier Migränetage im Monat haben. Es blockiert den Signalweg des Moleküls und kann so Migräneattacken abmildern. Die empfohlene Dosierung ist 60 mg einmal täglich.

Lesen Sie auch: Parkinson: Neue Wege zur Linderung

Nicht-medikamentöse Verfahren

Neben den medikamentösen Fortschritten gibt es auch neue nicht-medikamentöse Verfahren. Bei der sogenannten Remote Electrical Neuromodulation werden während einer Migräneattacke zum Beispiel am Oberarm Nerven elektrisch stimuliert, um die Schmerzintensität zu reduzieren. Diese Methode ist ab dem zwölften Lebensjahr zugelassen und stellt einen Fortschritt dar, da es für Kinder und Jugendliche bislang nur wenige Therapieoptionen gibt.

Was sind Gepante?

Gepante sind eine neue Klasse von Medikamenten, die Migräneanfällen vorbeugen und auch im Akutfall helfen sollen. Die Wirkstoffe setzen an einem Botenstoff an, der bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle zu spielen scheint: Dem Calcitonin-Gene-Related-Peptide kurz CGRP. Dockt er an bestimmten Stellen im Hirn an, führt das zu einer Entzündungsreaktion. Gleichzeitig steigt die Schmerzempfindlichkeit. Es kommt zu einer Migräneattacke. Gepante blockieren die Andockstelle, wodurch Migräneattacken verhindert oder abgeschwächt werden.

Unterschiede zu gängigen Migränemedikamenten

Es gibt bereits einige Medikamente, die erfolgreich bei Migräne eingesetzt werden. Zur Akutbehandlung schwerer Migräneanfälle sind die sogenannten Triptane empfohlen. Für die Vorbeugung von Migräneattacken (Migräneprophylaxe) werden unter anderem bestimmte Antikörper eingesetzt. Sie binden entweder das CGRP, sodass es erst gar nicht im Gehirn andocken kann, oder aber sie blockieren - wie Gepante -die Andockstelle selbst, sodass CGRP keine Wirkung entfalten können.

Antikörper werden per Spritze verabreicht und wirken nicht so schnell, dafür aber länger anhaltend. Deshalb kommen sie nur bei der Vorbeugung von Migräneaanfällen zum Einsatz. Gepante können in Tablettenform eingenommen werden. Sie wirken nach der Einnahme zwar relativ schnell, werden im Vergleich zu den Antikörpern aber auch viel schneller wieder ausgeschieden. Sie sind grundsätzlich sowohl für die Behandlung einer Attacke als auch für die Vorbeugung von Migräne geeignet.

Für wen sind Gepante geeignet?

Gepante könnten vor allem für Menschen geeignet sein, die Triptane beispielsweise aufgrund ihres Herz-Kreislauf-Risikos nicht einnehmen dürfen. Triptane bewirken eine Verengung der beim Migräneanfall erweiterten Blutgefäße der Hirnhaut, können aber gleichzeitig auch andere Blutgefäße wie die Koronararterien verengen. Deshalb sollten unter anderem Menschen mit koronarer Herzkrankheit oder nicht medikamentös eingestelltem Bluthochdruck sowie Personen nach Schlaganfall oder Herzinfarkt keine Triptane einnehmen. Gepante haben dagegen keine gefäßverengenden Eigenschaften und können grundsätzlich bei Menschen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung verschrieben werden.

Lesen Sie auch: MS-Therapie: Was ist neu?

Trotzdem gibt es auch bei dieser Substanzklasse eine Unsicherheit: Im Mäuse-Experiment konnte gezeigt werden, dass ein Schlaganfall unter der Einnahme von Gepanten ein größeres Hirnareal betrifft. Bei Menschen ist das bislang nur theoretisch. Wenn jemand aber ein hohes Risiko hat, einen Schlaganfall zu erleiden, würden diese Präparate derzeit eher nicht gegeben. Nicht geeignet sind Gepante auch für Menschen mit einer Überempfindlichkeit gegenüber diesen Arzneimitteln. Außerdem vertragen sie sich nicht mit allen anderen Arzneien.

Wirkung gegen Vorboten-Symptome

Eines der neuen Medikamente, Ubrogepant, könnte nicht nur gegen die Kopfschmerzen wirken, sondern auch schon gegen vorhergehende Symptome der Migräne. Viele Menschen erleben bis zu zwei Tage vor Auftreten der Migräne-Kopfschmerzen - in der sogenannten Prodromalphase - Symptome wie Müdigkeit, erhöhte Empfindlichkeit für Licht und Geräusche, Nackenschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten. Auch eine sogenannte Aura kann auftreten, bei der Menschen Seh- und Sprechstörungen erleben. Bislang fehlt gegen die Vorboten der Migräne eine Therapie. Die vorliegenden Daten liefern erste Hinweise darauf, dass Ubrogepant in der Vorphase der Migräne wirksam sein könnte. Besonders interessant wäre der Einsatz bereits in der Prodromalphase, da dies eine Therapieerweiterung darstellen würde, die bislang nicht zur Verfügung steht.

Nebenwirkungen von Gepanten

In der Zulassungsstudie waren die häufigsten Nebenwirkungen bei der Anwendung von Gepanten Übelkeit und Verstopfung. Einige Studienpatienten berichteten auch von Müdigkeit. Und tendenziell kommt es unter der Medikation eher zu einem Gewichtsverlust. Die meisten Menschen haben aber kaum oder keine Nebenwirkungen. Diese Medikamente sind in den USA schon länger auf dem Markt, funktionieren sehr gut und werden von den meisten Patienten auch sehr gut vertragen.

Verfügbarkeit in Deutschland

Das erste Gepant kam am 1. März 2025 in Deutschland auf den Markt. Der Name des Arzneistoffs: Atogepant. Dieser Wirkstoff wird allerdings zunächst ausschließlich als Prophylaxe, also zur Vorbeugung von Migräneattacken eingesetzt und muss jeden Tag als Tablette eingenommen werden.

Wirtschaftliche Aspekte und Studien

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die nicht nur das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigt, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Kosten verursacht. Eine Studie, veröffentlicht im "Journal of Headache and Pain", untersuchte die wirtschaftlichen Folgen von Migräne. Die Ergebnisse zeigen, dass Migräne sowohl das Gesundheitssystem als auch die Wirtschaft stark belastet. Solche Studien machen deutlich, wie wichtig bessere Prävention und Behandlung für Betroffene sind. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat 2025 geprüft, ob Atogepant als Migräneprophylaxe im Vergleich zu den Standardtherapien Vor- oder Nachteile hat.

Lesen Sie auch: Donanemab (Kisunla): Ein Überblick

Die Rolle von CGRP-Antikörpern

Seit einigen Jahren sind verschiedene Antikörper auf dem Markt, die sich gegen CGRP oder CGRP-Rezeptoren richten und Migräneattacken vorbeugen sollen. Sie müssen monatlich oder alle 3 Monate subkutan oder intravenös appliziert werden. Die Reduktion der Migränetage durch Aquipta habe sich in den Studien zur episodischen und chronischen Migräne ähnlich wie bei den CGRP/CGRP-Rezeptor-Antikörpern bereits nach 4 Wochen gezeigt. Die Wirkung sei somit im Vergleich zu unspezifischen Migräneprophylaktika schneller eingetreten. Aquipta sei dabei auch bei Versagen von bis zu 4 Vortherapien wirksam gewesen.

Erenumab (Aimovig®)

Erenumab (Aimovig®) ist ein monoklonaler Antikörper, der den CGRP-Rezeptor hemmt. Durch die intravenöse Gabe von CGRP können bei Migränepatienten migräneartige Kopfschmerzen hervorgerufen werden. Die in der Migräneakuttherapie wirksamen Triptane hemmen die Freisetzung von CGRP. Schließlich konnte mit den sog. Food and Drug Administration (FDA) für die vorbeugende Behandlung von Migräne bei Erwachsenen zugelassen werden. Die Behandlung wird durch eine Selbstinjektion des Arzneimittels unter die Haut einmal pro Monat durchgeführt.

In den Zulassungsstudien konnte Erenumab sowohl bei Patienten mit episodischer als auch chronischer Migräne und bisheriger Erfolglosigkeit von maximal zwei (bei episodischer Migräne) bzw. maximal drei (bei chronischer Migräne) Migräneprophylaktika die Zahl der Migränetage im Monat signifikant stärker reduzieren als Placebo.

PACAP: Neues Signalmolekül im Fokus der Forschung

Neben Gepanten rücken auch andere vielversprechende Ansätze in den Fokus der Migräneforschung. Das Signalmolekül PACAP-38 (Pituitary Adenylate Cyclase-activating Peptide-38) ist ein potenzielles neues Ziel für künftige Therapien. PACAP-38 ist wie CGRP an der Pathophysiologie der Migräne beteiligt. Die Hemmung der PACAP-Signalübertragung könnte somit ein wirksamer neuer Ansatz zur Migräneprävention sein.

KATP-Kanäle: Vielversprechendes Target für die Migränetherapie

Ein weiteres interessantes Wirkziel für die Migränetherapie sind KATP-Kanäle, ATP-abhängige Kaliumkanäle, die im trigeminovaskulären System weit verbreitet sind und unter anderem an der Regulierung von Anspannung von Arterien in Gehirn und Hirnhaut mitwirken. Studien haben außerdem gezeigt, dass Medikamente für andere Erkrankungen, die KATP-Kanäle öffnen, bei vielen Patient:innen zu Kopfschmerzen führen können. Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass KATP-Kanäle ein Ziel für zukünftige Migränetherapien sein könnten.

tags: #neues #mittel #fur #migrane