Neuralgien im Kopfbereich sind eine besondere Form von Schmerzen, die durch eine Schädigung oder Reizung von Nerven verursacht werden. Diese Schmerzen können sich sehr unterschiedlich äußern und verschiedene Ursachen haben. Der Artikel gibt einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Arten von Neuralgien im Kopfbereich, ihre Symptome, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Was ist eine Neuralgie?
Der Begriff Neuralgie bezeichnet Schmerzen, die im Versorgungsgebiet eines Nervs auftreten. Im Gegensatz zu anderen Schmerzarten, bei denen eine äußere Schädigung vorliegt, wird der Schmerz bei einer Neuralgie vom Nerven selbst oder vom Gehirn verursacht. Neuralgien können prinzipiell an jedem Nerv entstehen, besonders häufig sind jedoch Nerven im Kopfbereich betroffen.
Arten von Neuralgien im Kopfbereich
Es gibt verschiedene Arten von Neuralgien, die im Kopfbereich auftreten können. Zu den häufigsten gehören:
- Trigeminusneuralgie: Die Trigeminusneuralgie ist eine der bekanntesten und schmerzhaftesten Formen der Neuralgie. Sie betrifft den Nervus trigeminus, einen Gesichtsnerv mit sensiblen (Berührungswahrnehmung) und motorischen (Muskelsteuerung) Funktionen.
- Occipitalisneuralgie: Die Occipitalisneuralgie betrifft die Hinterhauptnerven (Nervus occipitalis major, Nervus occipitalis minor und Nervus occipitalis tertius), die für die Versorgung des Hinterkopfes zuständig sind.
- Zervikogene Kopfschmerzen: Obwohl nicht direkt eine Neuralgie, können zervikogene Kopfschmerzen durch Reizung von Nervenwurzeln im Bereich der oberen Halswirbelsäule entstehen und ähnliche Symptome verursachen.
Symptome von Neuralgien im Kopfbereich
Die Symptome von Neuralgien im Kopfbereich können je nach Art der Neuralgie und betroffenem Nerv variieren. Einige allgemeine Symptome sind:
- Stechende, blitzartige Schmerzen: Viele Betroffene beschreiben die Schmerzen als plötzlich einschießend und von extremer Intensität.
- Brennende Schmerzen: Ein brennendes Gefühl im Versorgungsgebiet des betroffenen Nervs ist ebenfalls ein häufiges Symptom.
- Kribbeln oder Taubheitsgefühl: Einige Betroffene verspüren ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl im betroffenen Bereich.
- Berührungsempfindlichkeit: Bei manchen Neuralgien können bereits leichte Berührungen des Gesichts oder Kopfes starke Schmerzen auslösen (Triggerreize).
Symptome der Trigeminusneuralgie
Im klassischen Fall der Trigeminusneuralgie kommt es attackenartig zu heftigen blitzartigen Schmerzen um das Auge, im Ober - oder Unterkiefer, je nachdem welcher Ast betroffen ist. Es handelt sich um einen „Vernichtungsschmerz”, der für die betroffenen Patienten kaum aushaltbar ist. Dabei fühlen sich die Betroffenen hilflos und ausgeliefert und leiden unter massiven Angstgefühlen. Die Attacken können mehrfach am Tage für mehrere Minuten bis Stunden auftreten und sind oft durch Außenreize (Trigger) auslösbar: Kälte, Kaubewegung, Luftzug, Berührung. Die Trigeminusneuralgie ist gekennzeichnet durch den akuten, triggerbaren, messerstichartigen Attackenschmerz. Liegt ein chronischer Schmerz, kontinuierlich anhaltend über Tage, Wochen oder Monate vor, liegt keine Trigeminusneuralgie vor. Hier handelt es sich um einen sogenannten „atypischen Gesichtsschmerz”, der wiederum andere Ursachen und Behandlungsoptionen hat.
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Patienten berichten von folgenden Symptomen, die einzeln oder in Kombination auftreten können:
- Schwere blitzartige Schmerzen, die sich wie ein Elektroschock anfühlen
- Spontane starke Schmerzen, die durch Berührung des Gesichtes oder Kauen und Sprechen ausgelöst werden
- Serien hintereinander einschießender, starker Schmerzen, die wenige Sekunden bis Minuten anhalten
- Episoden schwerer Schmerzattacken über Wochen oder Monate, die sich mit Perioden abwechseln, in denen Betroffene keine Schmerzen haben
- Ein andauerndes, brennendes Gefühl kann bereits vor dem eigentlichen Auftreten des Gesichtsschmerzes vorhanden sein
- Schmerzen in der Region, die vom Trigeminusnerv versorgt werden, beispielsweise Augen, Wange, Lippen, Kiefer, Zähne, Zahnfleisch
Symptome der Occipitalisneuralgie
Bei der Occipitalis-Neuralgie kommt es durch Irritationen oder Reizung eines der beiden Hinterhauptnerven (Occipitalnerven, Nervus occipitalis major und Nervus occiptalis minor) zu scharfen, einschießenden und stechenden Schmerzen im Bereich von Hinterhaupt (Os occipitale) und Nacken. Manchmal strahlt der Schmerz auch in Richtung Auge aus. Meistens sind die sogenannten Nervenaustrittspunkte am Hinterkopf sehr druckempfindlich und verstärken die Schmerzen am Hinterhaupt. Gelegentlich führt der Druck auf diese Stellen aber auch zu einer Verminderung der Kopfschmerzen.
Symptome zervikogener Kopfschmerzen
Zervikogene Kopfschmerzen beginnen am Hinterkopf und breiten sich über den Kopf nach vorn aus. Der meist dumpf-ziehende Schmerz beginnt am Hinterkopf und zieht über den Kopf nach vorn. Er wird meist als moderat empfunden und hält über Stunden bis Tage an, wobei er sich zuweilen plötzlich verstärken kann. Oft lässt sich der Schmerz durch Druck auf die Nackenmuskulatur oder bestimmte Kopfbewegungen auslösen, u. a. durch längeres Beugen oder Strecken des Kopfes.
Zervikogener Kopfschmerz kann von verschiedenen Symptomen begleitet sein:
- Nackenschmerzen kommen häufig vor, aber nicht immer.
- Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, jedoch in geringerem Ausmaß als bei Migräne
- diffuse Schmerzen in Schulter oder Arm
- Selten treten Schluckstörungen, Schwindel, Tränenfluss, eine laufende Nase oder eine Schwellung im Augenbereich auf.
Ursachen von Neuralgien im Kopfbereich
Die Ursachen von Neuralgien im Kopfbereich sind vielfältig und können je nach Art der Neuralgie variieren.
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Ursachen der Trigeminusneuralgie
Man unterscheidet die idiopathische Trigeminusneuralgie (oder klassische) von der symptomatischen Trigeminusneuralgie. Bei der idiopathischen Form findet sich keine eindeutige Ursache; sie tritt spontan auf. Die Symptome der klassischen Trigeminusneuralgie entstehen wahrscheinlich durch elektrische Ladungsübersprünge zwischen dem Blutgefäß, welches eng am Nervus trigeminus (fünfte Hirnnerv) anliegt, und dem Nerv selbst.
Bei der symptomatischen Form lässt sich eine Ursache lokalisieren, z.B. kann eine Entzündung (häufig Multiple Sklerose - MS), eine Gefäßmissbildung oder selten auch ein Tumor vorliegen.
Während die symptomatische Trigeminusneuralgie meist durch eine Grunderkrankung ausgelöst wird, gibt es bei der klassischen Form sogenannte Triggerreize. Diese beziehen sich nicht auf die Ursache der Erkrankung selbst, sondern auf den Auslöser der jeweiligen Schmerzattacke. Die Trigger können bei der Trigeminusneuralgie sehr unterschiedlich sein. Oft rufen ganz alltägliche Dinge den Schmerz hervor. Dazu gehören:
- Berühren des Gesichtes
- Lächeln beziehungsweise Lachen
- Kauen beziehungsweise Essen kalter oder heißer Speisen
- Trinken
- Zähneputzen
- Waschen des Gesichtes
- Sprechen
- Auftragen von Make-up
- Rasieren
- Zugluft
Unabhängig von Triggerreizen können die stechenden Schmerzen auch spontan auftreten, das heißt ohne Anlass.
Ursachen der Occipitalisneuralgie
Im Bereich des Hinterhauptes verlaufen in der Regel jeweils drei Nerven (Occipitalis major, Occipitalis minor und Occipitalis tertius), die aufgrund verschiedener Ursachen gereizt sein können und damit die Okzipitalisneuralgie auslösen können. Am häufigsten wird diese Neuralgie durch eine Einengung (Entrapment) aufgrund einer erhöhten Muskelverspannung im Hinterhauptbereich verursacht, da diese Occipital-Nerven durch tiefe Muskelschichten hindurch müssen.
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Auch nach Operationen an der Halswirbelsäule oder nach Schädeloperationen sowie nach Frakturen des Schädels oder der Schädelbasis können die Hinterhauptsnerven durch Narben eingeklemmt werden und den Hinterhauptkopfschmerz auslösen.
Weitere Ursachen sind:
- arthrotische Veränderungen an der Halswirbelsäule (Spondylarthrose)
- Verletzungen der Nerven
- Tumoren im Bereich des Nervens
- Infektionen
- Komprimierung des Nervs durch benachbarte Arterien
Ursachen zervikogener Kopfschmerzen
Der Schmerz entsteht durch die Reizung einer sensiblen Nervenwurzel eines oberen Halswirbels, die den Hinterkopf und Nacken versorgt. Über Nervenverbindungen strahlt der Schmerz weiter nach vorn aus.
Die Reizung kann hervorgerufen werden durch:
- Entwicklungsstörungen am Übergang zwischen Wirbelsäule und Schädel
- Tumoren im Bereich des Übergangs zwischen Wirbelsäule und Schädel oder der oberen Halswirbelsäule
- Morbus Paget des Schädels - eine Knochenerkrankung, die zu Verformungen führt und sich auf die Halswirbel auswirken kann.
- rheumatoide Arthritis der oberen Halswirbelsäule
- Morbus Bechterew - eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Wirbelsäule
- Verschleißerscheinungen an der Halswirbelsäule (zervikale Spondylose)
- Knochenbruch der oberen Halswirbelsäule
- Schleudertrauma
- eine bakterielle Infektion der oberen Wirbelkörper (Osteomyelitis)
- Verletzungen oder degenerative Veränderungen (Verschleißerscheinungen) der Gelenke der oberen Halswirbel
- eine Sehnenentzündung im Halsbereich (retropharyngeale Tendinitis)
- eine Störung der Muskelspannung im Halsbereich (Dystonie)
Diagnose von Neuralgien im Kopfbereich
Die Diagnose von Neuralgien im Kopfbereich erfordert eine sorgfältige Anamnese und körperliche Untersuchung. Ärzt*innen fragen Sie zunächst nach den Merkmalen der Kopfschmerzen, Begleitsymptomen sowie möglichen Auslösern. Bei einer körperlichen Untersuchung von Kopf, Hals, Wirbelsäule und Schulter werden u. a. die Beweglichkeit der Halswirbelsäule, Verhärtungen der Muskulatur, Druckempfindlichkeit oder Schmerzen bei bestimmten Bewegungen überprüft.
Um mögliche Ursachen näher abzuklären, werden u. U. bildgebende Verfahren verwendet (Röntgen/CT/MRT). Je nach vermuteter Ursache erfolgt eine Überweisung an Neurologinnen, Orthopädinnen oder Schmerzspezialist*innen.
Neurolog*innen können die Signalübertragung eines gereizten Nervs mit einer Injektion von Kortison oder Mitteln zur örtlichen Betäubung in Nerven am Hinterkopf oder in Gelenke der Halswirbelsäule blockieren. Nehmen die Kopfschmerzen dadurch ab, so handelt es sich um zervikogenen Kopfschmerz. Wenn durch diese Blockade die Schmerzen am Hinterkopf um mehr als 80% zu reduzieren sind, spricht das für die Diagnose eines durch die Reizung der Hinterkopfnerven (Nervi okzipitales) ausgelösten Kopfschmerz.
Vorab sind diagnostisch die symptomatischen Formen auszuschließen, was meist durch ein spezielles neuroradiologisches MRT erfolgen kann.
Behandlung von Neuralgien im Kopfbereich
Die Behandlung von Neuralgien im Kopfbereich zielt in erster Linie auf die Schmerzlinderung und die Behandlung der zugrunde liegenden Ursache ab.
Medikamentöse Behandlung
- Antiepileptika: Die klassische Trigeminusneuralgie (idiopathisch) wird medikamentös behandelt. Die eingesetzten Medikamente kommen aus der Epileptologie, das heißt, sie werden ursprünglich zur Behandlung von Krampfanfällen verwendet. Dabei verringern sie die elektrische Reizbarkeit des Gehirns. Da die Neuralgie auch auf einer elektrischen Übererregbarkeit der Nerven beruht, lag es nahe, diese Medikamente auch hier - erfolgreich - einzusetzen. Beispiel-Substanzen sind Carbamazepin, Gabapentin und Prigabalin.
- Schmerzmittel: Zur Schmerzlinderung können je nach Ursache Schmerzmittel wie Ibuprofen verwendet werden.
- Muskelrelaxanzien: Medikamente, die die Muskeln entspannen und dadurch Schmerzen lindern sollen (Muskelrelaxanzien).
- Antidepressiva: bestimmte Antidepressiva
- Kortison: In der geleichen oder einer der folgenden Sitzungen kann zusätzlich ein Kortisonpräparat hinzugegeben werden.
Schlägt eine probeweise Behandlung nicht an, so soll sie bald wieder abgesetzt werden, da ein Übergebrauch von Schmerzmitteln Kopfschmerzen verursachen kann. Erwiesenermaßen unwirksam sind Botulinumtoxin und Opiate.
Nicht-medikamentöse Behandlung
- Physiotherapie: Zur Schmerzlinderung können je nach Ursache Physiotherapie, manuelle Therapie, Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Bewegung und körperliche Aktivität eingesetzt werden.
- Nervenblockaden: Eine Blockade der Signalübertragung eines gereizten Nervs, wie sie zur Diagnostik durchgeführt wird, kann Beschwerden lindern. Bei positivem Ergebnis der Okzipitalnerven Blockaden - die Hinterkopfschmerzen verschwinden innerhalb weniger Minuten- lassen sich wiederholte Nervenblockaden mit Zusatz eines Corticoidpräparates durchführen.
- Kryoneurolyse: Sollte hier kein langanhaltendes Ergebnis in der Reduktion der Hinterkopfschmerzen erreicht werden, bietet sich idealerweise eine Kryoneurolyse der Hinterkopf - Nerven an, die in der Regel zu einer mehrmonatigen bis mehrjährigen Schmerzfreiheit führen.
- Operation: In sehr schweren oder medikamentös resistenten Fällen bzw. im Falle eines mechanisch komprimierten (gequetschten) Nervs gibt es die Möglichkeit einer operativen Behandlung. Bei der Trigeminus-Neuralgie wird eine solche mikrochirurgische Dekompression in der hinteren Schädelgrube vorgenommen. Bei starken Beschwerden und einem nachgewiesenen Gefäß-Nerv-Kontakt kann eine mikrochirurgische Operation zur Entlastung des Nerven (Neurolyse) helfen.
- Weitere Therapien: Auch Akupunktur als auch Triggerpunktbehandlung können gezielt die Muskelanspannung bei Schmerzen am Hinterkopf reduzieren. Chirotherapie setzen wir an der HWS ausschliesslich mit sanften Techniken ein. Wenn der erhöhte Muskeltonus auf Grund von Fehlhaltung oder als Stressreaktion erhöht ist, kann mit Hilfe einer Biofeedback Behandlung ein gutes Therapieergebnis in der Behandlung von Hinterkopfschmerzen erzielt werden.
Was kann ich selbst tun?
Um Schmerzen vorzubeugen, können Sie auch selbst aktiv werden - besonders bei Kopfschmerzen empfehlen sich folgende Maßnahmen:
- Verspannungen lösen: Wenn der Nacken verspannt ist, kann es schnell zu Kopfschmerzen kommen. Was dann helfen kann? Spezielle Dehn- und Kräftigungsübungen oder auch eine wohltuende Massage. Eine gute Sitzhaltung kann ebenso dazu beitragen, dass die Muskulatur rund um die Halswirbelsäule geschmeidig bleibt.
- Stress reduzieren: Regelmäßige Bewegung an der frische Luft tut nicht nur dem Kopf gut, sondern kann sich auch positiv auf den Stresspegel auswirken. Ebenfalls hilfreich bei einem turbulenten Alltag: verschiedene Entspannungstechniken wie Atemübungen oder Meditation.
- Kleine Veränderungen im Alltag: Regelmäßiges Lüften bringt frische Luft nach drinnen und sorgt für ein gutes Raumklima. Auch das Reduzieren der Bildschirmzeit und ausreichender und regelmäßiger Schlaf können für den Kopf eine wahre Wohltat sein - im wahrsten Sinne des Wortes.
- Lebensmittelunverträglichkeiten beachten: Bei einer Überempfindlichkeit gegenüber Histamin können häufig Kopfschmerzen die Folge sein.
- Hausmittel: Hausmittel können Nervenschmerzen nicht beseitigen, aber tun bisweilen gut. Dazu zählen kühle Kompressen, warme Auflagen oder Bäder.