Neuritis Vestibularis: Aktuelle Therapieansätze und Diagnose

Schwindel ist ein weit verbreitetes Symptom und stellt eine Herausforderung in der medizinischen Praxis dar. Die Neuritis vestibularis, eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs, ist eine der Ursachen für akuten, heftigen Drehschwindel. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Diagnose- und Therapieansätze für diese Erkrankung, unter Berücksichtigung der interdisziplinären S2k-Leitlinie „Vestibuläre Funktionsstörungen“.

Einführung in die Thematik

Schwindel ist ein transdiagnostisches Symptom, das heißt, es kann bei vielen verschiedenen Erkrankungen auftreten. Die Aufgabe des HNO-Arztes besteht darin, periphere Schwindelsyndrome (periphere Vestibulopathien) zu diagnostizieren und zu behandeln sowie differenzialdiagnostische Aspekte im interdisziplinären Kontext zu berücksichtigen. Die Behandlung von Schwindelsyndromen erfordert heutzutage einen multidisziplinären Ansatz. Die internationale Bárány-Gesellschaft (für Neurootologie) hat seit 2009 Kriterien für verschiedene Schwindelsyndrome veröffentlicht. Die interdisziplinäre S2k-Leitlinie „Vestibuläre Funktionsstörungen“ empfiehlt ein interdisziplinäres Management und den rationellen Einsatz von Diagnostik und Therapie.

Die Komplexität des Symptoms Schwindel

Schwindel ist ein subjektives Symptom mit einem großen Interpretationsspielraum. Er kann auf periphere oder zentrale Funktionsstörungen zurückgehen, aber auch mit emotionalen Konflikten, internistischen oder psychischen Erkrankungen sowie unerwünschten Wirkungen von Medikamenten in Zusammenhang stehen. Der sogenannte funktionelle Schwindel ist derzeit das häufigste Schwindelsyndrom. Trotz standardisierter Vorgehensweisen und externer Evidenzen muss der behandelnde Arzt heute individuelle Faktoren wie Alter, Komorbiditäten und emotionale Facetten berücksichtigen.

Anamnese als Schlüssel zur Diagnose

Die Anamnese ist der „Schlüssel“ zum medizinischen Problem bei „Schwindel“. Eine analytische Vorgehensweise („Schwindelanalyse“) ist hierbei essenziell. Zunächst sollte das zeitliche Auftreten geklärt werden: akuter (erstmaliger) oder chronischer (permanenter oder rezidivierender) Schwindel. Es muss geklärt werden, ob eine erste, ggf. akute Schwindelepisode oder ein Wiederauftreten vorliegt. Akuter Schwindel (akutes vestibuläres Syndrom, AVS) kann bei einer lebensgefährlichen Erkrankung (akutes zentrales vestibuläres Syndrom, ACVS) auftreten und ähnelt einer akuten peripheren unilateralen Vestibulopathie. Synkopen sprechen für eine kardiologische Ursache und erfordern ein rasches Handeln.

Der Charakter der Empfindung (Drehgefühl, Schwanken, Gangstörung usw.) und Begleitphänomene erleichtern die Differenzierung (episodisches starkes Drehgefühl bei Lagewechsel beim benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel, BPLS, das Gefühl, „sich wie auf Wolken zu fühlen“ beim funktionellen Schwindel, ein „Schwarzwerden vor Augen“ beim Aufstehen bei orthostatischer Dysregulation). Viele Vestibulopathien zeigen typische Eigenschaften („Muster“, „Fingerabdruck“). Die Intensität und ihr Verlauf (Intensitäts-Zeitverlauf) erlauben Rückschlüsse auf die Lebensqualität. Funktionelle Schwindelsyndrome verschlechtern sich meist im Tagesverlauf. Auslösende Faktoren und Begleitsymptome (Kopfschmerzen, Hörstörung, Tinnitus) sind ebenfalls wichtig. Kopfschmerzen, eine Photo‑/Phonophobie oder Aura (z. B. „Blitze“, „Kribbeln“) weisen auf eine vestibuläre Migräne hin. Komplexe visuelle Stimuli sind häufig funktionell bedingt. Medikamente (Nebenwirkungen, Interaktionen, ototoxische Effekte) und Begleiterkrankungen müssen ebenfalls erfasst werden. Schließlich sind Beeinträchtigungen in Alltag, Beruf und die körperliche Belastbarkeit zu bewerten.

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Nonverbale Aspekte der Kommunikation

Die Anamnese umfasst mehr als ein informatives Abfragen. Zu den nonverbalen Aspekten der Kommunikation zählen Blickkontakt, Gestik, Mimik, Wortwahl, Klang, Gerüche, Haltung und Gang. Sie geben Hinweise auf die emotionale Verfassung, müssen aber verbal abgeglichen werden, um Missverständnisse zu vermeiden. Der Patient will Beschwerden äußern und verstanden werden. Zeitdruck ist hinderlich, da individuelle Geschichten und Situationen umfassend erfasst werden müssen. Kommunikationshilfen („Yes-Sets“), Metaphern und das „NURSE“-Modell (Naming, Understanding, Respecting, Supporting, Exploring) sowie Pausen steigern Empathie. Ein Kommunikationstraining verbessert evidenzbasiert den Umgang mit funktionellen Krankheitsbildern, was positiv wirkt. Persönlichkeitsfaktoren (Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit) können erkannt werden. Eine gegenseitige Abstimmung in der Kommunikationssituation sollte auf den 4 Ebenen (Sachinhalt, Selbstkundgabe, Beziehungsaspekt, Appell) übereinstimmen.

Standardisierte Fragebögen

Mit standardisierten Fragebögen lassen sich Beschwerden analysieren und graduieren. Im deutschen Sprachraum ist der Dizziness Handicap Inventory (DHI) nach Jacobsen und Newman etabliert. Bei anfallsartigen, episodischen Schwindelsyndromen wie bei einer vestibulären Migräne, einem M. Menière (MM), einem BPLS usw. sind die Häufigkeit, die Dauer und die Intensität (subjektive Beeinträchtigung) und Begleitsymptome (Kopfschmerzen, Hörstörung, Tinnitus) sowie mögliche Auslöser von Bedeutung. Digitale Kommunikation wird künftig eine große Rolle in bestimmten Bereichen der Medizin einnehmen (z. B. Gesundheits-App Ada, ChatGPT, DeepSeek usw.).

Klinische Untersuchung und Diagnostik

Die Erfassung und Stabilisierung von Blickzielen auf der Stelle des schärfsten Sehens bei bewegten Zielen und Eigenbewegungen erfolgt durch verschiedene funktionelle Systeme: vestibuläres, Sakkaden‑, Fixations-, langsame Blickfolgen‑, Vergenz- und optokinetisches System. Diese Systeme haben zentrale Zentren im Hirnstamm (Augenbewegung) und Großhirn (langsame Blickfolge). Störungen der Blickstabilität können verschiedene Ursachen haben. Sie betreffen Augenmuskeln oder versorgende Nerven (z. B. Sie betreffen beide Augen („unscharfes Sehen“) und sind oft mit weiteren neurologischen Symptomen (z. B. Sprech‑, Schluck- oder Koordinationsstörungen) assoziiert. Nystagmen (spontan oder provozierbar, z. B. BPLS) sind als Störungen der Blickstabilität aufzufassen.

Untersuchung der Augenbewegungen

In der Neutralposition (Geradeausblick) erfolgt die Untersuchung auf Achsenabweichungen der Augen. Mit dem Abdecktest (abwechselnd monokulär) kann beispielsweise eine vertikale Divergenzstellung auf eine zentrale Läsion hinweisen. Ein horizontaler Spontannystagmus (die Richtung wird nach der schnellen Phase angegeben) deutet meist auf einen peripher-vestibulären Ursprung hin, seltener auf einen zentralen. Die Untersuchung mit der Frenzel-Brille verstärkt die visuelle Wahrnehmung des Untersuchers und macht auch Nystagmen sichtbar, die ohne Hilfsmittel nicht erkennbar sind (visuelle Wahrnehmung ab etwa 4°/s, mit Frenzel-Brille ab 0,5-1°/s). Für die Analyse von Augenbewegungsstörungen wird der Kopf des Patienten mit einer Hand fixiert.

Klinischer Kopfimpulstest

Die wichtigste Methode zur Untersuchung des vestibulären Systems ist der klinische Kopfimpulstest (in horizontaler Ebene). Bei der Untersuchung des Sakkadensystems (abwechselnde Fixation der Finger des Untersuchers in horizontaler und vertikaler Ebene) sollten sakkadierte Blickfolgebewegungen sowie Hypo- oder Hypermetrien erkannt werden, die für zentrale Störungen sprechen. Die Fixation von Blickzielen wird untersucht, um Veränderungen des Spontannystagmus zu beobachten. Eine Abschwächung der Amplitude und Frequenz bei Fixation eines nahen Ziels (Fixationssuppression) spricht für eine periphere Vestibulopathie. Wenn kein Nystagmus vorhanden ist, kann die Suppression des postrotatorischen Nystagmus mit einem Drehstuhl (drehbarer HNO-Untersuchungsstuhl) oder bei thermischen Tests überprüft werden. Langsame Blickfolgebewegungen werden durch Drehung auf dem Drehstuhl geprüft. Der Patient fixiert dabei seine Daumen in Verlängerung der Blickrichtung. Eine fehlende Suppression oder ein vertikaler Spontannystagmus (Downbeat oder Upbeat) weist auf eine zentrale Störung hin. Ein Blickrichtungsnystagmus tritt auf, wenn der Nystagmus in seitlichen Blickpositionen (< 30 Grad) sichtbar wird oder die Schlagrichtung je nach Blickrichtung wechselt. Störungen bei der Prüfung der Vergenz (Konvergenz und Divergenz) durch Fixation eines nahen (20 cm) und entfernten (2 m) Ziels sind ebenfalls zentralen Ursprungs. Optokinetische Augenbewegungen werden mit einer Streifentrommel untersucht. Bei Provokation durch vestibuläre Reize (Kopfschütteln, Vibration, Lagerungsmanöver) werden Tonusimbalancen (z. B. Kopfschüttelnystagmus bei unilateralen Vestibulopathien) oder Lage- und Lagerungsnystagmen sichtbar.

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Untersuchung von Stand und Gang

Die Untersuchung der statischen Komponente (z. B. Romberg-Versuch mit offenen und geschlossenen Augen, Tandemstand usw.) erfasst u. a. Seitenabweichungen in unterschiedlichen Situationen (Augen offen/geschlossen, Seiltänzerstand, Einbeinstand usw.). Bei dynamischen Tests, wie Ganguntersuchungen, verschafft man sich einen Eindruck über den Charakter des Gangbilds (Initiierung, Geschwindigkeit, Schrittfrequenz, Koordination, die Kraft, den Muskeltonus, Falltendenzen und die Beendigung des Gangs). Die Untersuchungen eignen sich, um anhand typischer Gangmuster eine grobe Zuordnung vorzunehmen (z. B. hypokinetische Gangstörung beim M. Parkinson, apraktische Störung des Gangs mit Harninkontinenz und demenzieller Entwicklung bei einem Normaldruckhydrozephalus), aber auch für die Beurteilung des Kompensationsgrads peripherer Vestibulopathien. Umfangreichere dynamische normierte Testverfahren, wie z. B. der Mobilitätstest nach Tinetti, der Aufsteh- und Gehtest („Timed-Up-and-Go-Test“), der 6‑Minuten-Gehtetst (6 MGT, „6 Minute Walk Test“, 6 MWT) oder die Bestimmung des De-Morton-Mobilitätsindex (De Morton Mobility Index, DEMMI) sind für den deutschen Sprachraum evaluiert. Diese Testverfahren prüfen auf eine komplexe Art und Weise alltags- und belastungsrelevante Fähigkeiten des Gleichgewichts und eignen sich für die Einschätzung von Gangstörungen, des Sturzrisikos und der vestibulären Kompensation und körperlichen Belastbarkeit aus kardiologischer Sicht. Ausgeprägte Störungen von Stand und Gang (nur mit Hilfe gehen oder stehen können oder die Unfähigkeit zu gehen oder zu stehen) sprechen v. a.

Apparative Diagnostik

Orientierende Tests haben qualitativen Charakter, während apparative Verfahren eine quantitative, objektive Analyse ermöglichen. Standardisierte Bedingungen mit fixiertem Ziel (1,5 m Entfernung), Kopfimpulse (15-20°, Dauer 150-200 ms, Geschwindigkeit 150-200°/s). HVOR-Gain etwa ≤ 0,79. Untersuchung der überwiegenden Sakkulus- und Utrikulusfunktion (500 Hz, Burst-Reizung 100 dB nHL, 1 ms Rise-Fall-Time, 2 ms Plateau, 50-100 Mittelungen). Ergebnisse: cVEMP-Latenzzeiten 13/23 ms, oVEMP-Latenzen 10/15 ms, Amplitudenverhältnis (AR [%]) = 100 × (größere − kleinere Amplitude) /(größere + kleinere Amplitude). Als Alternative oder für spezielle Erkrankungen eignen sich weitere Stimuli (z. B. Fehlende Vorbereitung (z. B.

Die Bedeutung des Kopfimpulstests

Die „5-Rezeptoren-Diagnostik“ (besser: „5-Sensor-Diagnostik“) ermöglicht eine seiten- und sensorspezifische quantitative Analyse der sensorischen Funktion des Gleichgewichtsorgans. Rückschlüsse auf Erkrankungen können anhand des „Musters“ oder der Rückstellsakkaden nicht gemacht werden. Jedoch ist der Kopfimpulstest sowohl in seiner klinischen (klinischer Kopfimpulstest, cKIT) als auch apparativen Variante (Video-Kopfimpulstest, vKIT oder vHIT) im Rahmen der Differenzialdiagnostik im Notfall unverzichtbar. Orientierende Untersuchungen ermöglichen, im Kontext mit der Anamnese, eine grobe Zuordnung der Beschwerden zu Fachgebieten und Erkrankungen und ermöglichen es, einen „Plan“ für spezifische Untersuchungsmethoden zu entwickeln. Der klinische Kopfimpulstest (Prüfung des horizontalen vestibulookulären Reflexes, hVOR) hat eine Schlüsselstellung in der Diagnostik. Objektive, seiten- und sensorspezifische, quantitative Tests mit der Angabe von evaluierten Referenzbereichen sind bei den apparativen Untersuchungsmethoden zu bevorzugen.

Differenzialdiagnostik im Notfall

Die Erkennung neurologischer Störungen (Schlaganfall) steht im Vordergrund der Notfalldiagnostik beim HNO-Arzt. Aktuelle Empfehlungen für das Management von akutem Schwindelsyndromen wurden kürzlich von Edlow et al. publiziert. Ein Aspekt wurde daher früher auch als „Pseudoneuritis“ bezeichnet (z. B. „PICA-Infarkte“, PICA: A. cerebelli inferior posterior). Bei Störungen im hinteren Zirkulationsgebiet (PICA-Affektionen) ist der Kopfimpulstest „negativ“ (meist keine Rückstellsakkaden), bei Störungen im vorderen Zirkulationsbereich („AICA-Stroke“, AICA: A. cerebelli anterior inferior, Pseudolabyrinthitis) sind die Gaindifferenzen im Video-Kopfimpulstest (vKIT, Prüfung des horizontalen vestibulookulären Reflexes, hVOR) sehr gering. Aufgrund der Gefäßversorgung kann bei einer „Pseudolabyrinthitis“ häufiger als bei einer „Pseudoneuritis“ zusätzlich zu „Schwindel“ eine Hörstörung auftreten. Die Abgrenzung peripherer (AUPV) von zentralen Störungen (ACVS) ist im Akutstadium durch Einsatz unterschiedlichen Algorithmen mit hoher Sensitivität und Spezifität möglich. Internistische Störungen (hypertensiver Notfall, Herzrhythmusstörungen, hypoglykämische Krise) sind neben neurologischen Erkrankungen im Notfall ebenfalls eine Herausforderung. Mit dem HINTS-Test ist der erfahrene Untersucher in der Lage, einen Schlaganfall beim Symptom „Schwindel“ mit hoher Sensitivität und Spezifität nachzuweisen. Für den HINTS-PLUS-Algorithmus (Head Impulse Test, d. h. klinischer Kopfimpulstest, zur Prüfung des horizontalen vestibulookulären Reflexes, hVOR), Nystagmus, Tes…

Neuritis Vestibularis im Detail

Anhaltender Drehschwindel kann mit einem heftigen Anfall beginnen oder auch periodisch, in seiner Intensität wechselnd, auftreten. Meist liegt ihm eine Funktionsstörung bzw. Die Neuritis vestibularis macht etwa 7% der Diagnosen in einer Spezialambulanz für Schwindel aus. Die Erkrankung tritt am häufigsten bei Erwachsenen im Alter zwischen 50 und 60 Jahren auf, wobei Frauen öfter betroffen sind als Männer. Infolge der Entzündung gelangen die normalen Informationen des Organs nicht mehr zum Gehirn - es fällt quasi aus. So dominieren die Informationen von der gesunden Seite mit der Folge eines Ungleichgewichtes. Die Patienten klagen über ein schweres Krankheitsgefühl, es kommt zu einem heftigen, über Tage anhaltenden, Dauerdrehschwindel, zu starker Übelkeit, Erbrechen, Nystagmus und Fallneigung zur betroffenen Seite. Die Intensität des Schwindelgefühls wird durch Lageänderungen und durch rasche Bewegungen noch gesteigert, die Beschwerden bleiben auch in Ruhe bestehen. Es wird vermutet, dass der Entzündung eine Infektion durch Viren zugrunde liegt (vermutlich Herpes-Viren). Der Facharzt wird bei der Ursachenklärung zunächst nach weiteren Symptomen suchen, um z.B. einen Schlaganfall, Entzündung oder eine Blutung im Gehirn auszuschließen. So dramatisch diese Erkrankung zu Beginn auch scheinen mag, so gut ist ihre Prognose. Die Beschwerden klingen meist nach etwa ein bis zwei Wochen wieder ab. Dabei lässt sich der Heilungsprozess durch rasche Mobilisation mit gezieltem Gleichgewichtstraining und Medikamenten beschleunigen, anfangs ist Bettruhe angeraten. Rückfälle (Rezidive) sind glücklicherweise sehr selten. Fachliche Unterstützung: PD Dr.med.

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Definition und Symptome

Neuritis vestibularis, auch als vestibuläre Neuronitis oder akute unilaterale Vestibulopathie bekannt, ist eine Erkrankung, die durch eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs (Nervus vestibularis) gekennzeichnet ist und zu plötzlichem, starken Schwindel führt. Die typischen Symptome sind:

  • Akut oder subakut einsetzender, mindestens 24 h bis viele Tage anhaltender, initial meist heftiger Dauerdrehschwindel.
  • Spontane Scheinbewegungen der Umgebung.
  • Stand- und Gangunsicherheit, die sich bei Augenschluss verstärkt.
  • Übelkeit bis hin zum Erbrechen, die sich bei Bewegung verstärkt.

Akute Hörstörungen, Tinnitus oder zentrale neurologische Symptome gehören nicht zum Krankheitsbild.

Ursachen und Häufigkeit

Die genaue Ursache ist nicht bekannt. Es wird vermutet, dass die Erkrankung durch die Aktivierung eines Virus ausgelöst wird, den die meisten Menschen im Körper haben (Herpes-simplex-Virus), was zu einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs (N. vestibularis) führt. International treten etwa 13,6 Fälle pro 100.000 Einw. auf. Neuritis vestibularis ist die dritthäufigste Ursache für einen zuordenbaren Drehschwindel nach dem gutartigen Lagerungsschwindel und M. Menière.

Diagnostische Kriterien

Die Schilderung der typischen Symptome akuter Schwindel, Übelkeit und Fallneigung zu der betroffenen Seite sind wegweisend für die Diagnose. Es können unwillkürliche Augenbewegungen (Nystagmus) beobachtet werden. Eine körperliche Untersuchung inklusive neurologischer Befunderhebung wird durchgeführt, ebenso eine Untersuchung der Gehörgänge und des Trommelfells. Das Hörvermögen muss bei HNO-Ärzt*innen durch einen Hörtest abgeklärt werden, dort erfolgen auch ggf. weitere Tests. Bei einer Neuritis vestibularis ist das Hörvermögen normal. Andere Ursachen für einen Schwindel müssen ausgeschlossen werden, insbesondere ein Schlaganfall. Dafür sind teilweise zusätzliche Untersuchungen notwendig.

Differentialdiagnosen

Mögliche weitere Ursachen für Schwindel sind:

  • Gutartiger Lagerungsschwindel
  • Morbus Menière
  • Labyrinthitis
  • Akustikusneurinom
  • Hörsturz
  • Verletzungen
  • Schwindel durch Medikamente
  • Multiple Sklerose
  • Migräne

Therapie der Neuritis Vestibularis

Die Therapie der akuten unilateralen Vestibulopathie beruht auf drei Prinzipien: symptomatische, kausale und physiotherapeutische Behandlung.

Symptomatische Therapie

In der akuten Phase können Antivertiginosa gegeben werden, die mit Histamin-, Muskarin-, Dopamin-, Serotonin- und/oder GABA-Rezeptoren interagieren. Sedierende Antivertiginosa sollten nur maximal ein bis drei Tage und nur bei schwerer Übelkeit und Erbrechen gegeben werden. Darüber hinaus richtet sich die eingesetzte Substanz auch nach den unerwünschten Wirkungen, insbesondere anti-dopaminergen, die zu einem persistierenden Parkinsonoid führen können, und den individuellen Kontraindikationen. Zur akuten Behandlung von Schwindel, Übelkeit und Erbrechen ist die z.B. Gabe von Dimenhydrinat (oral 50 mg - 100 mg oder iv. oder rektal (max. tgl. Dosis 400 mg), Ondansetron (oral 4 - 8 mg, bis zu 4x8 mg/d; oder i.v. 4 mg - 8 mg i.v. (max. Dosis 32 mg/d) oder Lorazepam (oral 0.5- 1 mg bis 4 mg/d) sinnvoll.

Kausale Therapie

Corticosteroide und Virostatika. Eine prospektive, randomisierte, Placebo-kontrollierte Studie mit 141 Patienten zeigte, dass eine Monotherapie mit Methylprednisolon zu einer signifikanten Verbesserung der Erholung der peripheren vestibulären Funktion nach 12 Monaten führte. Valaciclovir hatte weder als Monotherapie noch in Kombination mit Methyl-Prednisolon einen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung. Der fehlende Effekt des Virostatikums lässt sich dadurch erklären, dass die Replikation von HSV-1 zum Beginn der Behandlung weitgehend abgeschlossen ist. Um den Therapieeffekt von Corticosteroiden zu belegen, ist mindestens eine weitere randomisierte, prospektive Placebo-kontrollierte Studie notwendig, die über mehrere Monate sowohl die Erholung der peripher vestibulären Funktion mittels vHIT und kalorischer Testung als auch Lebensqualität und Funktionsfähigkeit des Patienten im Alltag erfasst. Weltweit werden allerdings Corticosteroide in unterschiedlicher Dosierung verabreicht oder empfohlen. Die oralen Dosierungen reichen von 50-60 mg Prednisolon/d bis zu 40 mg Dexamethason/d, was 250 bis 300 mg Prednisolon/d entspricht. Da auch beim Hörsturz eine Therapie mit einer Äquivalenzdosis von 250 mg Prednisolon/d empfohlen wird, wird dies ebenfalls für die akute unilaterale Vestibulopathie vorgeschlagen.

Expertenkonsensus: Es wird empfohlen, bei der akuten unilateralen Vestibulopathie mit Corticosteroiden in einer Äquivalenzdosis von 250 mg Prednisolon/d oral oder i.v. die Therapie unmittelbar nach Symptombeginn zu beginnen. Innerhalb der ersten 3 Tage nach Beginn der Symptome ist die Effektivität offensichtlich am höchsten.

Gleichgewichtstraining

Das bislang wichtige Behandlungsprinzip zur Förderung der zentralen Kompensation einer akuten unilateralen Vestibulopathie ist physikalische Therapie mit aktivem Gleichgewichtstraining, mit dem so früh wie möglich nach Einsetzen der Symptomatik begonnen werden sollte. Dessen Wirksamkeit wurde in tierexperimentellen Studien und in mehreren kontrollierten klinischen Studien belegt. Abhängig vom Grad der vegetativen Begleitsymptomatik, dem Allgemeinzustand und der Gehfähigkeit sollte die Therapie stationär oder ambulant durchgeführt werden. Es werden drei Übungseinheiten pro Tag von jeweils mindestens 15 min über - je nach Verlauf - ca. vier Wochen empfohlen. Besonders wichtig sind dabei offensichtlich horizontale Drehungen des Kopfes, um die vestibuläre Tonusimbalance als Störreiz für die vestibuläre Kompensation zu erhöhen. Ein weiterer Vorteil dieser einfachen Maßnahme: Sie können vom Patienten bereits durchgeführt werden, wenn er noch bettlägerig ist und gehen dann nicht mit erhöhter Sturzgefahr einher.

Prognose und Komplikationen

Die Prognose ist im Allgemeinen sehr gut, die meisten Patientinnen erhalten ihren normalen Gleichgewichtssinn zurück. Die Mehrzahl der Patientinnen hat 1-2 Tage starke Beschwerden mit anschließend allmählicher Besserung. Unter der Neuropathia vestibularis versteht man den akuten einseitigen teilweisen oder vollständigen Vestibularisausfall. In 40-50% der Fälle tritt eine vollständige Restitution der Gleichgewichtsfunktion ein. 20-30% der Betroffenen erreichen nur eine partielle Restitution. In der Regel bilden sich die statischen Symptome wie der Spontannystagmus, Schwindel und die Fallneigung zurück, während die dynamischen Funktionsstörungen bestehen bleiben. Bei raschen Kopfbewegungen können z.B. Oszillopsien auftreten. Das Auftreten von Rezidiven der Erkrankung ist selten. Wenn es zum Auftreten von Rezidiven kommt, dann kommen sie in der Regel auf der vorher nicht betroffenen Seite vor. Dies betrifft etwa 1,9% der Fälle. 10-15% der Neuritis vestibularis Patienten erleiden innerhalb von Wochen auf dem betroffenen Ohr einen typischen benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel. Eine wichtige Komplikation der Erkrankung ist der Übergang der Neuritis vestibularis in einen phobischen Schwankschwindel.

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