Die Neuroästhetik ist ein junges und aufstrebendes Feld der Gehirnforschung, das sich mit den biologischen Grundlagen der ästhetischen Wahrnehmung auseinandersetzt. Sie untersucht, was im Gehirn passiert, wenn wir Kunst erleben und welche neuronalen Prozesse für den künstlerischen Schaffensprozess und die Beurteilung von Kunst relevant sind.
Die Geburt eines neuen Forschungsfeldes
Semir Zeki gilt als Pionier der Neuroästhetik. Bereits 1996 begründete er diesen Forschungszweig. Seine Leidenschaft für Kunst, insbesondere impressionistische Gemälde, und seine regelmäßigen Galeriebesuche trugen dazu bei, sein Interesse an der neurobiologischen Basis von Kunstwahrnehmung zu wecken. Seit 2008 hat er den weltweit ersten Lehrstuhl für Neuroästhetik am University College London inne.
Die Charité - Universitätsmedizin Berlin trug der wachsenden Bedeutung des Feldes Rechnung und gründete die „Association of Neuroesthetics“. Die feierliche Eröffnung des Sitzes dieser neuen Vereinigung fand mit prominenter Beteiligung der internationalen Kunstszene statt, darunter Christine Macel, Kuratorin des Centre Georges Pompidou, und der dänische Künstler Olafur Eliasson. Zu den Gründern der Vereinigung gehören neben Zeki auch Prof. Ernst Pöppel, Leiter des Münchner Instituts für Medizinische Psychologie. Die „Association of Neuroesthetics“ plant vielfältige Aktivitäten, darunter Ausstellungen, die Künstler und Neurowissenschaftler gemeinsam konzipieren, sowie Forschungsvorhaben wie die Erstellung eines dreidimensionalen Gehirn-Atlas und die Erforschung der Definition von Kreativität.
Was passiert im Kopf beim Erleben von Kunst?
Die zentrale Frage der Neuroästhetik lautet: Was geschieht im Gehirn, wenn wir Kunst erleben? Semir Zeki will die Wahrnehmung von Kunst und die Emotionen, die sie erregt, auf eine neurobiologische Grundlage stellen. Er sieht in Kunstwerken das perfekte Sujet, um Neues über das Gehirn zu lernen.
Anjan Chatterjee von der University of Pennsylvania erhofft sich von der neuroästhetischen Forschung vorrangig neurobiologische Theorien, die erklären, wie Künstler mit ihren Werken Aufmerksamkeit erregen. Er interessiert sich für die Hirnfunktionen, die für den künstlerischen Schaffensprozess und die Beurteilung von Kunst relevant sind.
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Die Suche nach dem Sitz der Schönheit im Gehirn
Neurowissenschaftler suchen nach dem "Sitz der Schönheit" im Gehirn und wollen verstehen, wie wir Werke von Picasso und Balzac wahrnehmen. Sie haben herausgefunden, dass Form, Farbe und Bewegung bei der Wahrnehmung eines Bildes getrennt und unterschiedlich schnell erfasst werden. Zeki entdeckte, dass Farbe im Gehirn Vorrang vor Form und Bewegung hat und 60 bis 100 Millisekunden früher erfasst wird.
In einer seiner jüngsten Studien untersuchte Zeki die Hirnaktivität von Probanden, während diese Musik hörten und Gemälde betrachteten. Er fand heraus, dass der mediale orbitofrontale Cortex umso stärker aktiviert wurde, je mehr die Kunst gefiel. Zeki sieht darin eine Parallele zur Liebe: "Der orbitofrontale Cortex ist auch stark aktiviert, wenn wir jemanden lieben, der uns gefällt." Er verallgemeinert: "Schönheit ist zu einem großen Teil eine Qualität des Körpers, die mit einer Aktivität im medialen orbitofrontalen Cortex einhergeht und die Sinne einbezieht."
Andere Forscher sind zurückhaltender in ihren Interpretationen. Marcos Nadal von der Universität Wien betont, dass alle emotionalen Zentren, die auch für Belohnung wichtig sind, aktiviert werden, wenn ein Kunstwerk den Nerv trifft. Zusätzlich reagieren Areale, die für Wahrnehmung nötig sind, sowie Areale in der Hirnrinde, die beim Beurteilen und Zusammenfügen einzelner Wahrnehmungen zu einem Ganzen helfen. Je schöner die Kunst, desto stärker fällt die Aktivierung all dieser Bereiche aus. Nadal fasst zusammen: "Kunst kennt viele Wege, das Gehirn anzuregen."
Räume, die wir lieben: Architektur im Visier der Neuroästhetik
Die Neuroästhetik untersucht auch, wie wir architektonische Räume wahrnehmen. Marcos Nadal fand in einer Studie heraus, dass Probanden gerundete Bauformen ohne Ecken und Kanten bevorzugten. Diese gingen mit einer stärkeren Aktivierung im orbitofrontalen Cortex einher. "Dieses Areal trifft Vorhersagen über das Maß an zu erwartender Belohnung", erklärt Nadal. "Es sagt uns: Da ist schön. Geh da hinein. Auf diesem Weg hilft es uns zu entscheiden."
Allerdings zeigte sich in Nadals Studie auch, dass die Probanden nicht unbedingt die schönsten Räume betreten wollten. Was ihnen gefiel und was sie anschauen wollten, waren zwei Paar Schuhe. Nadal rätselt: "Vielleicht ist Schönheit gar nicht so wichtig für unsere Entscheidungen, wie wir immer annehmen. Vielleicht wird sie maßlos überschätzt."
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Kritik und Kontroversen
Die Neuroästhetik ist nicht unumstritten. Einige Geisteswissenschaftler befürchten eine Reduktion der Kunstperzeption auf die neurologische Dimension. Semir Zeki betont jedoch, dass die Neuroästhetik eine "asymmetrische Angelegenheit" sei: "Wir profitieren viel von der Kunst, aber wir geben ihr nicht viel zurück." Er verspricht: "Wir erklären nicht die Kunst. Wir wollen auch nicht die Philosophie, die Kunstkritik, die Kunstgeschichte oder verwandte Disziplinen missionieren."
Auch innerhalb der Neuroästhetik selbst gibt es kritische Stimmen. Marcos Nadal weist darauf hin, dass die Wahrnehmung von Kunst immer kontextabhängig ist: "Es macht einen großen Unterschied, ob ich Musik in einer Konzerthalle höre, von einer CD oder in einem wummernden Scanner." Er sieht das Labor mit Scanner deshalb nur als eine erste Annäherung, vielleicht eine unzureichende, um zu verstehen, wie wir Kunst wahrnehmen.
Deutschland holt auf: Das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik
Deutschland hatte lange keine zentrale Adresse für die Neuroästhetik. Dies änderte sich mit der Gründung des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main. Das Institut wird mit 45 Millionen Euro von Bund und Land ausgestattet. Es soll die psychischen, neuronalen und soziokulturellen Grundlagen des Schönheitsempfindens ergründen und die starken zwischenmenschlichen Unterschiede erklären. Die Forschung konzentriert sich auf Musik und Literatur.
Wolfgang Klein vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen betont, dass es sich nicht um ein reines "Institut der Neuroästhetik" handelt. Neben Neurowissenschaftlern forschen hier auch Psychologen, Soziologen, Literatur- und Musikwissenschaftler.
Die Zukunft der Neuroästhetik
Die Neuroästhetik steht noch am Anfang ihrer Entwicklung. Sie hat das Potenzial, unser Verständnis von Kunst, Schönheit und dem Gehirn zu revolutionieren. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Neurowissenschaftlern, Künstlern und Geisteswissenschaftlern können wir neue Einblicke in die komplexen Prozesse gewinnen, die unser ästhetisches Erleben prägen.
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Weiterführende Informationen
- Ishizu T, Zeki S, Toward A Brain-Based Theory of Beauty, Plos One, 2011 Jul; 6(7)
- Zeki S: Art and the Brain, Daedalus 1998; 127(2),71 - 103
- Di Dio C, Gallese V., Neuroaesthetics: A Review. Current Opinion in Neurobiology, 2009 Dez; 19(6):682 - 687
- Marcos Nadal, Marcus Pearce. The Copenhagen Neuroaesthetics conference: Prospects and pitfalls for an emerging field. Brain and Cognition, Nr. 76, 2011; 76(1):172 - 183
- www.association-of-neuroesthetics.org (zum Zeitpunkt der Gründung)
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