Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die durch Schädigung mehrerer Nerven gekennzeichnet ist. Diese Nerven, die außerhalb von Gehirn und Rückenmark verlaufen, sind für die Steuerung von Muskeln (motorische Nerven), die Wahrnehmung von Schmerz, Berührung, Temperatur und Gleichgewicht (sensible Nerven) sowie die Funktion der inneren Organe (autonomes Nervensystem) zuständig. Eine Schädigung dieser Nerven kann vielfältige Ursachen haben, wobei toxische Stoffe wie Nikotin eine bedeutende Rolle spielen können.
Das periphere Nervensystem: Ein komplexes Netzwerk
Das periphere Nervensystem (PNS) ist ein komplexes Netzwerk von Nerven, das außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks liegt. Es verbindet das zentrale Nervensystem (ZNS) mit den Organen, Muskeln und der Haut des Körpers. Die Nerven des PNS sind für die Übertragung von sensorischen Informationen an das Gehirn und für die Weiterleitung von motorischen Befehlen vom Gehirn an die Muskeln verantwortlich. Darüber hinaus steuert das autonome Nervensystem, ein Teil des PNS, lebenswichtige Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung, Verdauung und Stoffwechsel.
Die Nerven des PNS lassen sich in drei Haupttypen unterteilen:
- Motorische Nerven: Sie übermitteln Befehle vom Gehirn an die Muskeln und ermöglichen so willentliche Bewegungen. Eine Schädigung der motorischen Nervenfasern kann Muskelschwäche, Muskelkrämpfe oder unkontrollierbare Muskelzuckungen verursachen.
- Sensible Nerven: Sie leiten Reize wie Wärme, Kälte, Schmerz und Berührung zum Gehirn. Sind diese Nerven betroffen, können Nervenschmerzen, Empfindungsstörungen wie Kribbeln, Taubheit oder Brennen sowie eine erhöhte Berührungsempfindlichkeit auftreten.
- Autonome Nerven: Sie steuern die Funktion der inneren Organe wie Herz, Atmung, Verdauungstrakt und Blase. Schädigungen der autonomen Nerven können verschiedene Beschwerden auslösen, z. B. Herzrasen, niedriger Blutdruck, Verdauungsstörungen oder Blasenentleerungsstörungen.
Ursachen der Polyneuropathie: Ein Überblick
Die Ursachen für Polyneuropathien sind vielfältig. Neben Stoffwechselstörungen wie Diabetes mellitus, Gicht, Lebererkrankungen oder Fettstoffwechselstörungen können auch toxische Stoffe wie Alkohol, Nikotin, Medikamente, Chemikalien und Schadstoffe eine Polyneuropathie auslösen. Auch Mangelernährung, entzündliche Erkrankungen, Tumoren, immunologische Ursachen und genetische Faktoren können eine Rolle spielen.
Zu den häufigsten Ursachen einer Polyneuropathie zählen:
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- Diabetes mellitus: Ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel kann die Nerven schädigen und zu einer diabetischen Polyneuropathie führen.
- Alkoholmissbrauch: Chronischer Alkoholkonsum kann die Nerven direkt schädigen und zu einer alkoholbedingten Polyneuropathie führen. Zudem kommt es bei Alkoholkranken häufig zu einem Vitamin-B-Mangel, der die Nervenschädigung verstärken kann.
- Nikotin: Nikotin ist ein Nervengift, das die Nerven schädigen kann.
- Mangelernährung: Ein Mangel an bestimmten Vitaminen, insbesondere Vitamin B12, B1, B6 und Folsäure, kann zu einer Polyneuropathie führen.
- Medikamente: Einige Medikamente, insbesondere Chemotherapeutika, können als Nebenwirkung eine Polyneuropathie verursachen.
- Nierenerkrankungen: Nierenschäden können zu einer Ansammlung von Giftstoffen im Körper führen, die die Nerven schädigen können.
- Krebserkrankungen: Krebserkrankungen können auf verschiedene Weise eine Polyneuropathie verursachen, z. B. durch direkte Schädigung der Nerven durch den Tumor oder durch die Freisetzung von Substanzen, die die Nerven schädigen.
- Schilddrüsenunterfunktion: Eine Schilddrüsenunterfunktion kann zu Stoffwechselstörungen führen, die die Nerven schädigen können.
- Infektionen: Infektionen mit Viren oder Bakterien, wie z. B. Borreliose, können eine Polyneuropathie verursachen.
- Autoimmunerkrankungen: Autoimmunerkrankungen wie das Guillain-Barré-Syndrom oder das Sjögren-Syndrom können zu einer Entzündung der Nerven führen und eine Polyneuropathie verursachen.
- Genetische Faktoren: In seltenen Fällen kann eine Polyneuropathie erblich bedingt sein.
Nikotin als Ursache der Polyneuropathie
Nikotin ist ein Nervengift, das die Nerven schädigen kann. Es ist bekannt, dass Rauchen das Risiko für verschiedene Gesundheitsprobleme erhöht, darunter auch Nervenschäden. Nikotin kann die Blutgefäße verengen, was zu einer verminderten Durchblutung der Nerven führen kann. Dies kann die Nerven schädigen und zu einer Polyneuropathie führen.
Es gibt Hinweise darauf, dass Nikotin auch direkt auf die Nervenzellen wirken und diese schädigen kann. Studien haben gezeigt, dass Nikotin die Freisetzung von Neurotransmittern beeinflussen und die Funktion der Mitochondrien, der Kraftwerke der Zellen, beeinträchtigen kann. Diese Effekte können die Nervenzellen schädigen und zu einer Polyneuropathie führen.
Darüber hinaus kann Nikotin die Aufnahme von wichtigen Nährstoffen, wie z. B. Vitamin B12, beeinträchtigen. Ein Mangel an diesen Nährstoffen kann ebenfalls zu einer Polyneuropathie führen.
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jeder, der Nikotin konsumiert, eine Polyneuropathie entwickelt. Das Risiko für eine Nikotin-induzierte Polyneuropathie hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Menge des konsumierten Nikotins, die Dauer des Konsums und die individuelle Anfälligkeit.
Symptome der Polyneuropathie
Die Symptome der Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nerven betroffen sind. Typische Symptome sind:
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- Empfindungsstörungen: Kribbeln, Taubheit, Brennen oder Schmerzen in den Füßen und Beinen, seltener auch in den Händen und Armen. Die Symptome beginnen meist an den Zehen und breiten sich dann nach oben aus.
- Muskelschwäche: Schwäche in den Füßen und Beinen, die zu Gangunsicherheit und Schwierigkeiten beim Treppensteigen führen kann.
- Muskelkrämpfe: Unwillkürliche Muskelzuckungen oder Krämpfe, insbesondere in den Waden.
- Koordinationsstörungen: Schwierigkeiten beim Halten des Gleichgewichts und Koordinieren von Bewegungen.
- Störungen der autonomen Nerven: Verdauungsstörungen, Blasenentleerungsstörungen, Herzrasen, niedriger Blutdruck, verminderte Schweißbildung oder Potenzstörungen.
Die Symptome der Polyneuropathie entwickeln sich meist langsam und schleichend. In manchen Fällen können sie jedoch auch plötzlich auftreten.
Diagnose der Polyneuropathie
Die Diagnose der Polyneuropathie umfasst in der Regel eine umfassende Anamnese, eine körperliche Untersuchung und verschiedene neurologische Tests.
- Anamnese: Der Arzt wird Sie nach Ihren Symptomen, Ihrer Krankengeschichte und Ihren Lebensgewohnheiten fragen. Es ist wichtig, alle relevanten Informationen anzugeben, einschließlich Ihres Nikotinkonsums, Ihrer Ernährung, Ihrer Medikamente und anderer Erkrankungen.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt wird Ihre Reflexe, Ihre Muskelkraft, Ihre Sensibilität und Ihre Koordination überprüfen.
- Neurologische Tests: Verschiedene neurologische Tests können helfen, die Diagnose zu bestätigen und das Ausmaß der Nervenschädigung zu beurteilen. Dazu gehören:
- Elektroneurographie (ENG): Bei dieser Untersuchung wird die Nervenleitgeschwindigkeit gemessen. Dabei wird Strom durch die Nervenbahnen geschickt und die Zeit gemessen, die der Impuls benötigt, um eine bestimmte Strecke zurückzulegen. Eine verlangsamte Nervenleitgeschwindigkeit deutet auf eine Nervenschädigung hin.
- Elektromyographie (EMG): Bei dieser Untersuchung wird die elektrische Aktivität der Muskeln gemessen. Dabei werden kleine Nadeln in die Muskeln eingeführt und die elektrische Aktivität aufgezeichnet. Veränderungen in der Muskelaktivität können auf eine Nervenschädigung hindeuten.
- Quantitative Sensorische Testung (QST): Bei dieser Untersuchung werden verschiedene Gefühlstests an der Haut durchgeführt, um die Funktion der verschiedenen Nervenfasern zu beurteilen.
- Thermode: Mit dieser Methode wird das Temperaturempfinden exakt gemessen.
- Hautbiopsie: Bei dieser Untersuchung wird eine kleine Gewebeprobe aus der Haut entnommen und unter dem Mikroskop untersucht. Dies kann helfen, Schädigungen der kleinen Nervenfasern (Small-Fiber-Neuropathie) festzustellen.
- Nerven-Muskel-Biopsie: Bei dieser Untersuchung wird eine Gewebeprobe aus einem Nerv und einem Muskel entnommen und feingeweblich untersucht. Dies kann helfen, die Ursache der Polyneuropathie zu finden.
- Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können helfen, Stoffwechselstörungen, Vitaminmangel oder andere Erkrankungen festzustellen, die eine Polyneuropathie verursachen können.
- Lumbalpunktion: Bei dieser Untersuchung wird eine Probe des Nervenwassers entnommen und untersucht. Dies kann helfen, entzündliche oder infektiöse Ursachen der Polyneuropathie festzustellen.
- Genetische Tests: Bei Verdacht auf eine genetische Ursache kann eine spezielle Blutuntersuchung erfolgen, um genetische Defekte zu identifizieren.
Behandlung der Polyneuropathie
Die Behandlung der Polyneuropathie richtet sich nach der Ursache der Erkrankung. Ist die Ursache bekannt, so kann diese gezielt behandelt werden, um das Fortschreiten der Nervenschädigung im Idealfall aufzuhalten.
- Behandlung der Grunderkrankung: Bei einer diabetischen Polyneuropathie ist eine optimale Einstellung des Blutzuckerspiegels entscheidend. Bei einer alkoholbedingten Polyneuropathie ist der Verzicht auf Alkohol der wichtigste Schritt. Bei einer Polyneuropathie aufgrund von Vitaminmangel muss der Mangel durch eine angepasste Ernährung oder Nahrungsergänzungsmittel ausgeglichen werden.
- Symptomatische Behandlung: Da die Nervenschädigung in vielen Fällen nicht vollständig heilbar ist, ist die symptomatische Behandlung ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Dazu gehören:
- Schmerzmittel: Bei Nervenschmerzen können verschiedene Schmerzmittel eingesetzt werden, darunter Antidepressiva, Antikonvulsiva und Opioide.
- Capsaicin-Pflaster: Capsaicin ist der Wirkstoff, der für die Schärfe der Chilischoten verantwortlich ist. Capsaicin-Pflaster können auf die Haut aufgetragen werden, um den schmerzenden Bereich zu betäuben und die Durchblutung zu steigern.
- Elektrotherapie (TENS): Bei der Elektrotherapie werden die Nerven durch Impulse aus einem speziellen Gerät stimuliert. Dies kann helfen, Schmerzen zu lindern und die Muskelkraft zu verbessern.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft und Koordination zu verbessern und Gangunsicherheit zu reduzieren.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, den Alltag trotz der Einschränkungen durch die Polyneuropathie besser zu bewältigen.
- Akupunktur: Einige Patienten berichten von einer Linderung der Beschwerden durch Akupunktur.
Vorbeugung der Polyneuropathie
Einige Risikofaktoren für die Polyneuropathie können beeinflusst werden. Dazu gehören:
- Kontrolle des Blutzuckerspiegels: Bei Diabetikern ist eine gute Blutzuckereinstellung entscheidend, um Nervenschäden vorzubeugen.
- Verzicht auf Alkohol und Nikotin: Alkohol und Nikotin sind Nervengifte und sollten vermieden werden.
- Ausgewogene Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Nährstoffen ist wichtig für die Gesundheit der Nerven.
- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung kann die Durchblutung fördern und die Nervenfunktion verbessern.
- Vermeidung von Giftstoffen: Der Kontakt mit Chemikalien und Schadstoffen sollte vermieden werden.
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