Die Neuroathletik, ein innovativer Ansatz, der sich auf die Wechselwirkungen zwischen dem Nervensystem und der Muskulatur konzentriert, gewinnt zunehmend an Bedeutung in der Behandlung neurologischer Erkrankungen, der Rehabilitation und der Leistungssteigerung im Sport. Anstatt sich ausschließlich auf Muskelkraft, Ausdauer oder Beweglichkeit zu konzentrieren, zielt die Neuroathletik darauf ab, das Gehirn, das Rückenmark und die sensorischen Systeme gezielt zu stimulieren und zu optimieren. Dieser Artikel beleuchtet die Grundlagen der Neuroathletik, ihre Anwendung bei neurologischen Erkrankungen, ihre Vorteile und wie sie in der Praxis umgesetzt wird.
Einführung in die Neuroathletik
Die Neuroathletik basiert auf der Erkenntnis, dass das Nervensystem die zentrale Steuerungseinheit für alle Bewegungen ist. Das Nervensystem, bestehend aus Gehirn, Rückenmark und peripheren Nerven, ist für die Aufnahme und Verarbeitung sensorischer Informationen verantwortlich und koordiniert die motorischen Antworten, die letztendlich zu Muskelbewegungen führen.
Neurowissenschaftler in den USA stellten fest, dass optimale körperliche Leistungen nur dann möglich sind, wenn das Gehirn hochwertige Informationen aus den drei zentralen Steuerungssystemen erhält:
- Visuelles System (Augen): Für die Verarbeitung visueller Informationen und die räumliche Orientierung.
- Propriozeptives System (Körper): Für die Wahrnehmung der Körperposition und Bewegung im Raum.
- Vestibuläres System (Gleichgewichtssinn): Für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts und die Koordination von Bewegungen.
Auf dieser Basis entwickelte der US-Arzt Dr. Erik Cobb Anfang der 2000er Jahre das Neuroathletiktraining. Sein Ziel war es, das Nervensystem gezielt zu stärken, da es bereits vor der eigentlichen Bewegung die entscheidenden Prozesse im Hintergrund steuert.
Grundlagen der Neuroathletik
Die Neuroathletik basiert auf mehreren Schlüsselkonzepten:
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- Neuroplastizität: Die Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen und neue neuronale Verbindungen zu bilden.
- Sensorische Integration: Die Fähigkeit des Gehirns, Informationen aus verschiedenen sensorischen Systemen zu integrieren, um ein kohärentes Bild der Umgebung und des Körpers zu erstellen.
- Motorische Kontrolle: Die Fähigkeit des Gehirns, Muskelbewegungen präzise und effizient zu steuern.
Durch gezielte Übungen und Stimulationen können diese Konzepte genutzt werden, um die Funktion des Nervensystems zu verbessern und somit die Bewegungssteuerung, Koordination und Leistungsfähigkeit des Körpers zu optimieren.
Neuroathletik bei neurologischen Erkrankungen
Neuroathletik kann eine wertvolle Ergänzung zur klassischen Therapie bei neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall, Multipler Sklerose (MS) oder Parkinson sein. Bei diesen Erkrankungen ist die Funktion des Nervensystems beeinträchtigt, was zu Bewegungseinschränkungen, Koordinationsproblemen und anderen Symptomen führen kann.
Die Neuroathletik zielt darauf ab, die beeinträchtigten neuronalen Verbindungen zu stimulieren und neue Verbindungen zu schaffen, um die Bewegungsfähigkeit und Lebensqualität der Patienten zu verbessern.
Anwendungsbeispiele:
- Schlaganfall: Neuroathletik kann helfen, die motorische Kontrolle über betroffene Körperteile wiederzuerlangen, die Koordination zu verbessern und die Spastik zu reduzieren.
- Multiple Sklerose: Neuroathletik kann die Balance, Koordination und Ausdauer verbessern und die Fatigue reduzieren.
- Parkinson: Neuroathletik kann die Beweglichkeit, Balance und Koordination verbessern und das Zittern reduzieren.
Die Beta Klinik setzt beispielsweise den SkillCourt für das Screening und Training von Patienten mit neurologischen Erkrankungen ein. Der SkillCourt ist ein interaktives Trainingssystem, das spielerische Elemente nutzt, um neben Kraft und Beweglichkeit auch gezielt das Gehirn zu trainieren. Patienten profitieren von der engen Zusammenarbeit der Beta Klinik mit ihrer neurologischen Abteilung unter der Leitung von Professor Elger.
Neuroathletik im Sport
Im Spitzensport ist Neuroathletik bereits fest etabliert. Auch im Breiten- und Freizeitsport gewinnt es zunehmend an Bedeutung.
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Die Neuroathletik kann Sportlern helfen, ihre Leistung zu steigern, Verletzungen vorzubeugen und ihre Rehabilitation nach Verletzungen zu beschleunigen.
Vorteile für Sportler:
- Verbesserte Reaktionszeit: Durch die Optimierung der neuronalen Signalübertragung können Sportler schneller auf Reize reagieren.
- Verbesserte Koordination: Durch die Stärkung der neuronalen Verbindungen zwischen Gehirn und Muskeln können Sportler ihre Bewegungen präziser und effizienter ausführen.
- Verbesserte Balance: Durch die Stimulation des vestibulären Systems können Sportler ihre Balance und Stabilität verbessern.
- Verletzungsprävention: Durch die Verbesserung der Körperwahrnehmung und Bewegungssteuerung können Sportler das Risiko von Verletzungen reduzieren.
- Schnellere Rehabilitation: Durch die Stimulation des Nervensystems kann die Heilung nach Verletzungen beschleunigt werden.
Dr. Markus Klingenberg, Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin, hat mit der Firma "Skill Court" ein "Return to Sport"-Programm entwickelt, das auf seinem Buch "Return to Sport" basiert. Dieses Programm unterstützt Sportler bei einem risikoarmen Wiedereinstieg in den Sport, bei dem sie Schritt für Schritt zum Erfolg gelangen. Indem Sportler oder Patienten Stufe für Stufe bzw. Level für Level erfolgreich absolvieren, wird das nächst höhere Level der Therapie „freigespielt“, welches dann mit neuen oder schwierigeren Bewegungen bzw. Belastungen wartet.
Neuroathletik in der Schmerzbekämpfung
Die Neuroathletik kann auch zur Schmerzbekämpfung eingesetzt werden. Schmerzen sind oft das Ergebnis von fehlerhaften Bewegungsmustern oder einer gestörten Wahrnehmungsverarbeitung. Durch gezieltes Training des Nervensystems können diese Fehler korrigiert und die Schmerzen reduziert werden.
Anwendungsbeispiele:
- Chronische Schmerzen: Neuroathletik kann helfen, die Schmerzwahrnehmung zu verändern und die Bewegungsfähigkeit zu verbessern.
- Rückenschmerzen: Neuroathletik kann die Muskeln stärken, die die Wirbelsäule stabilisieren, und die Körperhaltung verbessern.
- Nackenschmerzen: Neuroathletik kann die Muskeln entspannen, die den Nacken stützen, und die Beweglichkeit des Nackens verbessern.
Methoden und Übungen in der Neuroathletik
Das Neuroathletiktraining besteht aus einer Vielzahl von Übungen, die auf verschiedene Bereiche des Nervensystems abzielen.
Beispiele für Übungen:
- Visuelle Übungen:
- Blickfixierungsübungen: Verbesserung der Augenmuskulatur und der Konzentration.
- Augenbewegungstraining: Verbesserung der Augenfolgebewegungen und der peripheren Wahrnehmung.
- Vestibuläre Übungen:
- Balanceübungen auf instabilem Untergrund: Verbesserung der Balance und Stabilität.
- Kopfbewegungen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit: Stimulation des Gleichgewichtssinns.
- Propriozeptive Übungen:
- Übungen mit geschlossenen Augen: Verbesserung der Körperwahrnehmung.
- Tastübungen: Verbesserung der taktilen Wahrnehmung.
- Atemtraining:
- Bauchatmung: Entspannung des Nervensystems und Verbesserung der Sauerstoffversorgung.
- Wechselatmung: Ausgleich des Nervensystems und Verbesserung der Konzentration.
- Reflex- und Reaktionsübungen:
- Übungen mit plötzlichen Reizen (z.B. Licht, Ton): Verbesserung der Reaktionsgeschwindigkeit.
- Übungen mit unerwarteten Gleichgewichtsverlagerungen: Verbesserung der Anpassungsfähigkeit.
- Mentale Übungen:
- Visualisierung von Bewegungen: Aktivierung der neuronalen Impulse für die Bewegung.
- Aufmerksamkeitsübungen: Verbesserung der Konzentration und Fokussierung.
Die Übungen werden individuell an die Bedürfnisse und Ziele des Patienten oder Sportlers angepasst. Ein erfahrener Therapeut oder Trainer überwacht die korrekte Ausführung der Übungen, um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen.
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Die Rolle der Anamnese in der Neuroathletik
Zu Beginn eines neuroathletischen Trainings steht eine detaillierte Anamnese. Dabei werden körperliche Verspannungen, Bewegungseinschränkungen oder neurologische Auffälligkeiten erfasst. Es wird geprüft, ob Verletzungen, sensorische Defizite oder bestimmte Reize Schutzreflexe auslösen. Auch Kompensationsmuster - also unbewusste Schonhaltungen oder fehlerhafte Bewegungsstrategien - werden erfasst, da sie langfristig zu Fehlbelastungen und weiteren Beschwerden führen können. Auf dieser Grundlage wird ein individueller Trainingsplan mit gezielten Korrekturübungen erstellt.
Neuroathletik in der Prähabilitation und Rehabilitation
Neuroathletik spielt eine entscheidende Rolle bei der Vorbereitung auf eine Operation (Prähabilitation), speziell bei Gelenkoperationen und Gelenkersatz. Durch gezielte physiotherapeutische und neurozentrierte Maßnahmen können Patienten ihre Gesundheit und Fitness verbessern, was zu besseren postoperativen Ergebnissen und einer schnelleren Genesung führt.
Auch in der Rehabilitation nach Verletzungen, Krankheiten oder Operationen ist die Neuroathletik von großer Bedeutung. Sie hilft Patienten, die volle Funktionsfähigkeit und Lebensqualität wiederzuerlangen.
Wissenschaftliche Bewertung der Neuroathletik
Während die Forschung zur Neuroathletik noch jung ist, gibt es bereits vielversprechende Hinweise darauf, dass gezieltes Training des Nervensystems eine positive Wirkung auf Reaktionsfähigkeit, Koordination und Bewegungsmuster haben kann.
Erste wissenschaftliche Untersuchungen zeigen vielversprechende Ansätze - insbesondere im Bereich der Wahrnehmungs- und Bewegungssteuerung. Manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler merken jedoch an, dass viele Methoden der Neuroathletik bereits in anderen Trainingsformen genutzt werden - etwa in der Physiotherapie oder im motorischen Lernen.
Lars Lienhard, einer der führenden Experten für Neuroathletik im deutschsprachigen Raum, hat diesen Ansatz maßgeblich geprägt. Er arbeitete mit Spitzensportlern wie Alexander Zverev und Serge Gnabry zusammen und machte das Training im Profisport populär.
Neuroathletik für verschiedene Zielgruppen
Neuroathletiktraining eignet sich für eine breite Zielgruppe, da es individuell angepasst werden kann und sich auf die Optimierung der neuronalen Steuerung von Bewegung und Leistung konzentriert.
- Leistungssportler: Verbesserung der sportlichen Leistung, Reaktionszeiten, Koordination, Balance und Bewegungsqualität.
- Breitensportler und Fitnessbegeisterte: Ausgleich unausgeglichener neuronaler Muster, Verbesserung der Bewegungsqualität und Reduzierung des Verletzungsrisikos.
- Personen in der Rehabilitation: Beschleunigung des Heilungsprozesses und Wiedererlangung der motorischen Kontrolle über verletzte Körperteile.
- Ältere Menschen: Verbesserung der Beweglichkeit, des Gleichgewichts und der Koordination, Verringerung des Risikos von Stürzen und Verletzungen.
- Personen mit neurologischen Erkrankungen: Verbesserung der Beweglichkeit, Balance, Koordination und Reduzierung von Symptomen.
- Mental orientierte Sportler und Berufsgruppen: Verbesserung von Konzentration, Stressbewältigung und Reaktionsschnelligkeit.
- Kinder und Jugendliche: Förderung der sportlichen Entwicklung.
Neuroathletik zu Hause
Viele Übungen der Neuroathletik können auch zu Hause durchgeführt werden. Geräte wie der Pedalo Neuro.Visual.Stick, das Pedalo Kugelfangspiel und der Pedalo Neuro.Visual.Trainer unterstützen das Neuroathletik-Training zu Hause. Diese Geräte sind speziell dafür entwickelt Übungen zu ermöglichen, die sowohl die motorischen Fähigkeiten und visuelle Reizverarbeitung als auch die kognitiven Funktionen fördern.
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