Neurogene Darmlähmung bei Parkinson: Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die oft im Alter von 40 bis 50 Jahren diagnostiziert wird, aber auch viel früher auftreten kann. Bei Menschen mit Parkinson-Krankheit sind einige der Gehirnzellen, die das chemische Dopamin bilden, abgestorben. Diese Zellen werden benötigt, um körperliche Bewegung und Stimmung zu kontrollieren.

Die Rolle des autonomen Nervensystems

Das autonome Nervensystem steuert die verschiedensten Funktionen unseres Organismus, um die innere Homöostase des menschlichen Körpers aufrechtzuerhalten. Jedes Organ des menschlichen Körpers wird vom autonomen Nervensystem innerviert und somit reguliert. Verschiedene Bereiche des Gehirns gelten als Bestandteile eines komplexen zentralen autonomen Netzwerks, das ankommende Informationen aus der Peripherie verarbeitet und eine entsprechende Reizantwort an die peripheren Zielorgane generiert. Innerhalb dieses efferenten Systems werden traditionell zwei zumeist gegenläufige Komponenten unterschieden: das sympathische und das parasympathische Nervensystem. Bereits Langley beschrieb als dritten eigenständigen Teil des autonomen Nervensystems das enterische Nervensystem, das ein von Sympathikus- bzw. Parasympathikus beeinflussbares komplexes neuronales Netzwerk zur Regulation von Motilität und Sekretion im Magen-Darm-Trakt bildet.

Autonome Funktionsstörungen bei Parkinson

Unter den nicht-motorischen Symptomen von Patienten mit idiopathischem Parkinson-Syndrom spielen die autonomen Funktionsstörungen eine wichtige Rolle, die vor allem im kardiovaskulären, gastrointestinalen und urogenitalen Bereich klinisch symptomatisch werden. Die Angaben über die Häufigkeit von autonomen Funktionsstörungen beim idiopathischen Parkinson-Syndrom (IPS) schwanken je nach Kollektiv und Methodik zwischen 14 und 80 %. Subjektive Beeinträchtigungen des Alltags treten bei mehr als der Hälfte der Patienten mit idiopathischem Parkinson-Syndrom auf. Die autonomen Funktionsstörungen nehmen in der Regel mit Fortschreiten der Erkrankung zu und gewinnen entsprechend Einfluss auf das subjektive Beschwerdebild, die Lebensqualität und auch die Behandelbarkeit der Erkrankung.

Ursachen für autonome Dysfunktion beim IPS-Patienten

  • Primäre Ursache: Das fast ubiquitäre Auftreten von Neuronenverlusten und das Auftreten von Lewy-Körperchen in ganz unterschiedlichen Anteilen des peripheren und zentralen autonomen Nervensystems.
  • Differenzialdiagnose: Insbesondere bei früh ausgeprägter autonomer Funktionsstörung muss die Multisystematrophie (MSA) bedacht werden.
  • Sekundäre Ursache: Eine andere (Grund-) Erkrankung des IPS-Patienten wie beispielsweise Diabetes mellitus.
  • Medikamente: Am häufigsten führen jedoch Medikamente zu sekundären autonomen Funktionsstörungen, die durch zumeist unerwünschte Interaktionen mit den unterschiedlichen Komponenten des autonomen Nervensystems Fehlfunktionen hervorrufen können.

Neurogene Darmlähmung: Ein Überblick

Der Begriff "neurogene Darm" beschreibt den Verlust der Nervenkontrolle, sodass die normale Darmfunktion nicht mehr gewährleistet ist. Dieser Verlust der Nervenkontrolle wird durch eine Schädigung des zentralen Nervensystems hervorgerufen und kann zu Stuhlinkontinenz, zu chronischer Verstopfung oder zu beidem führen. Die häufigste Ursache eines neurogenen Darmes ist eine Rückenmarksverletzung, er kann allerdings auch durch andere neurogene Störungen bzw.

Formen des neurogenen Darms

  • Reflexiver Darm: Der Darm öffnet sich reflexhaft, wenn das Rektum voll ist. Das heißt, der Darm kann sich jederzeit entleeren und der Stuhlgang setzt ein, ohne dass der Betroffene "auf Toilette" muss.
  • Schlaffer Darm: Der Analschließmuskel entspannt sich und bleibt geöffnet bzw. schlaff, was häufig zur unbeabsichtigten Darmentleerung bzw. Abgang von Stuhl führt.

Auswirkungen des neurogenen Darms

Der neurogene Darm führt zu einer längeren Darmpassage, wodurch die Betroffenen anfälliger für Verstopfungen sind.

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Darmprobleme bei Parkinson: Verstopfung und mehr

Bei dieser Art von neurologischen Erkrankungen führen die Nachrichten zwischen dem Gehirn und Teilen des Verdauungssystems zu einer langsameren Passage von Nahrung, reduzierten Empfindungen im Rektum und Kontrolle des Anus, was zu Verstopfung und Kontinenzverlust führen kann. Verstopfung ist das häufigste Darmproblem für Menschen mit Parkinson. Parkinson kann auch die Fähigkeit beeinträchtigen, Nahrung gut zu kauen und zu schlucken, und es kann schwierig sein, sich ballaststoffreich zu ernähren, um den Stuhl weich zu halten. Das Schlucken von Flüssigkeiten kann ebenfalls erschwert sein, was sich wiederum auf die Stuhlkonsistenz auswirkt. Medikamente, sowohl Medikamente gegen Parkinson als auch Antidepressiva, können die Verstopfung verschlimmern.

Verstopfung als frühes Symptom

Viele Parkinson-Erkrankte leiden schon vor der Diagnose Morbus Parkinson an Verdauungsproblemen wie Verstopfung. Darmprobleme können schon zehn bis zwanzig Jahre bestehen, bevor erste neurologische Probleme auffallen.

Der Darm als Ausgangspunkt von Parkinson?

Diese Tatsache hat Forscher auf eine weitere Spur gebracht: Sie gehen davon aus, dass Parkinson zumindest teilweise im Verdauungstrakt beginnt. Tatsächlich zeigen neue Studien, dass für Parkinson typische Proteinablagerungen, so genannte Lewy-Körper, zuerst im Nervensystem des Darms auftauchen und erst später in den unteren Hirnregionen und schließlich im Mittelhirn zu finden sind.

Der Vagusnerv und Alpha-Synuclein

Bei Morbus Parkinson kommt es zu alpha-Synuclein-Ablagerungen im Gehirn. Sie sind Hauptbestandteil der Lewy-Körper.

Das Mikrobiom und Parkinson

Auch die Zusammensetzung des Mikrobioms, die Gemeinschaft der Darmbakterien, ist bei Menschen mit Parkinson verändert. Menschen mit Parkinson haben zum Beispiel überwiegend Bakterien im Darm, die die Darmwand durchlässig machen. Dadurch können entzündungsfördernde Stoffe ins Blut und auch ins Gehirn gelangen.

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Diagnose von autonomen Funktionsstörungen

Es gibt eine Vielzahl von Untersuchungsverfahren zur Erfassung autonomer Funktionsstörungen. Wir verwenden dabei einen von uns entwickelten, standardisierten Fragebogen (QAM-System), der die verschiedenen autonomen Funktionssysteme getrennt voneinander abfragt. Zusätzlich wird mit Hilfe einer speziell für diese Fragestellung entwickelten autonomen Testbatterie eine einfache autonome Funktionstestung durchgeführt, die vor allem auf der Untersuchung des kardiovaskulären autonomen Nervensystems basiert. Bei auffälliger Screening-Untersuchung oder Anamnese wird speziell für das individuelle medizinische Problem eine Funktionsuntersuchung durchgeführt, die bedeutend komplexer und technisch aufwendiger als die Screening-Untersuchung sein kann, die aber notwendig ist, um die richtige Diagnose zu stellen und eine geeignete Therapie einzuleiten.

Pathophysiologie der Dysautonomie beim IPS

Mit Hilfe moderner Techniken wie zum Beispiel der Szintigraphie mit 123I-Metaiodobenzylguanidin (MIBG) konnte bei über 250 IPS-Patienten eine deutlich reduzierte MIBG-Aufnahme ausschließlich in kardialen sympathischen Efferenzen nachgewiesen werden. Damit zeigt sich beim idiopathischen Parkinson-Syndrom eine relevante Schädigung der postganglionären sympathischen Efferenzen als wesentliche Ursache der Dysautonomie. Die postganglionären Läsionen treten bei Patienten mit Multisystematrophie nicht auf, so dass die Darstellung einer kardialen sympathischen Denervierung auf das Vorliegen eines idiopathischen Parkinson-Syndrom hinweist. Die MIBG-Szintigraphie kann also somit als zurzeit validester Test zur Differenzierung zwischen idiopathischen Parkinson-Syndrom und Multisystematrophie angesehen werden.

Kardiovaskuläre Störungen

Unter den kardiovaskulären Störungen ist vor allem die orthostatische Hypotension von klinischer Relevanz. So klagen etwa 50 % der IPS-Patienten über die prinzipiell unspezifischen Symptome einer orthostatischen Hypotonie wie Schwindel, Benommenheit, Kopfleere, Übelkeit, zumeist jeweils im Gehen oder Stehen. Nach der Definition der American Autonomic Society wird die orthostatische Hypotension operational definiert durch einen anhaltenden Abfall des systolischen Blutdrucks um ≥ 20 mmHg bzw. des diastolischen Blutdrucks um ≥ 10 mmHg innerhalb von drei Minuten nach dem aktiven Hinstellen oder dem passiven Aufrichten auf dem Kipptisch.

Therapieansätze

Ernährungsumstellung

Neben der klassischen Behandlung mit Medikamenten empfehlen Ärzte und Ärztinnen Parkinson Patienten und Patientinnen eine spezielle Ernährung, um den Darm ins Gleichgewicht zu bringen und damit das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Hier ist die mediterrane Ernährung für den Verlauf günstiger. Das heißt konkret: Reichlich Gemüse, Fisch, Öle mit ungesättigten Fettsäuren, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte. Bei dieser Form der Ernährung werden Polyphenole aufgenommen, die eine krankheitslindernde Wirkung haben können. Zu jeder Hauptmahlzeit sollte auch eine kleine Portion Proteine, also Eiweiß, möglichst in Form von Fisch oder Milchprodukten gereicht werden. Wichtig bei der Einnahme von Nahrungseiweiß ist, dass Patienten und Patientinnen die Wechselwirkung von Proteinen und Parkinsonmedikamenten wie L-Dopa beachten.

Weitere Maßnahmen bei Verstopfung

  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Um den Stuhl weich zu halten.
  • Ballaststoffreiche Ernährung: Um die Darmtätigkeit anzuregen.
  • Körperliche Aktivität: Um die Darmbewegung zu fördern.

Medikamentöse Therapie

In bestimmten Fällen können Abführmittel zur Behandlung von Erkrankungen im Zusammenhang mit neurogener Darmlähmung verordnet werden. Allerdings begründet allein die Diagnose "Morbus Parkinson" oder "Diabetes" keine Verordnung von Abführmitteln. Entscheidend ist, ob die betreffenden Patienten zusätzlich eine neurogene Darmlähmung haben, welche die Obstipation bedingt.

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Therapie der orthostatischen Hypotonie

Ist die orthostatische Hypotonie symptomatisch und kann mit vermehrter Flüssigkeitszufuhr und Modifikation der Parkinson-Medikation keine ausreichende Symptomverbesserung erreicht werden, stehen verschiedene nicht-medikamentöse und medikamentöse Therapieverfahren zur Verfügung.

Der Ileus als Komplikation

Bei einem Ileus ist die Passage vom Darminhalt durch den Magen-Darm-Trakt gestört, sodass die normale Verdauung von Nahrung und Ausscheidung von Stuhl nicht mehr möglich ist. Beim paralytischen Ileus ist der Darm selbst dagegen durchgängig, aber die Muskulatur des Darms hat ihre Spannung verloren (Darmatonie), sodass es zu einer Darmlähmung kommt. Die Symptome bei einem paralytischen Ileus sind stark abhängig von seiner Ursache. Häufige Auslöser der Erkrankung sind beispielsweise Operationen im Bauchraum, durch die es zu einer reflexartigen Darmlähmung kommen kann. Auch verschiedene Medikamente, wie beispielsweise Antidepressiva, Opiate und Arzneimittel gegen Parkinson können zu einem paralytischen Ileus führen. Die Therapie eines paralytischen Ileus richtet sich immer nach seiner Ursache.

Stuhlinkontinenz

Stuhlinkontinenz bedeutet zunächst einmal, dass der Stuhl nicht mehr richtig gehalten und daher ort- und zeitgerecht abgesetzt werden kann. Hier können Vorlagen bzw. Hilfsmittel zum Einsatz kommen, vor allem in der späten Phase, in der dann der Stuhl unkontrolliert abgesetzt wird.

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