Der Fall Philipp G. im Evangelischen Klinikum Bethel: Ein Skandal und seine Folgen

Der Fall des Assistenzarztes Philipp G., der in den Jahren 2019 und 2020 im Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld Patientinnen betäubte und vergewaltigte, hat bundesweit für Entsetzen gesorgt. Die Taten, die der Arzt filmte, werfen bis heute viele Fragen auf und beschäftigen die Justiz. Auch mehr als drei Jahre nach Bekanntwerden des Skandals sind noch immer nicht alle Betroffenen informiert, dass sie Opfer einer Sexualstraftat geworden sind.

Der Täter und seine Taten

Zwischen Februar 2019 und April 2020 betäubte und vergewaltigte der Assistenzarzt Philipp G. zahlreiche Patientinnen in dem Bielefelder Krankenhaus. Er filmte eine Vielzahl seiner Taten. Die Staatsanwaltschaft Duisburg zählt bislang nur jene 30 Patientinnen des Evangelischen Bethel-Klinikums als Opfer, von denen es Videobeweise gibt. Nach seiner Festnahme im Herbst 2020 beging er Suizid in der Untersuchungshaft. Er erstickte sich in seiner Zelle, nachdem er mehrere Abschiedsbriefe hinterlassen hatte.

Die Opfer und ihre Geschichten

Viele der betroffenen Frauen ahnten lange Zeit nichts von den Verbrechen, die an ihnen verübt wurden. Sie kamen in das Klinikum, um gesund zu werden, und erlebten stattdessen einen Albtraum. Erst Monate nach ihrem Aufenthalt in der Neurologie erhielten einige Patientinnen einen Anruf von der Polizei, der ihr Leben verändern sollte.

Eine dieser Frauen ist Carina S., die 2019 wegen häufiger Schwindelanfälle im Evangelischen Klinikum Bethel behandelt wurde. Eines Nachts legte ihr ein Assistenzarzt einen Venenzugang. Sie verlor das Bewusstsein und wachte Stunden später mit Schüttelfrost und Gliederschmerzen auf. Erst später erfuhr sie, dass sie Opfer einer Vergewaltigung geworden war. Sie erstattete Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung gegen den Assistenzarzt.

Auch Nicole T. wurde im August 2019 während ihres Krankenhausaufenthaltes von dem Assistenzarzt nachts an ihrem Bett aufgesucht, um einen Zugang zu legen. Er spritzte ihr etwas zur Entspannung in den Zugang, woraufhin sie bewusstlos wurde und ihre Erinnerung aussetzte. Als sie aufwachte, hatte sie Halsschmerzen und erfuhr später, dass sie oral vergewaltigt worden war.

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Britta Schulte (Name geändert) verbrachte im Sommer 2019 sechs Tage auf der neurologischen Station des Klinikums. Im Februar 2023 nahm die Polizei Bielefeld Kontakt zu ihr auf. Schulte geht inzwischen davon aus, dass sie im Bethel-Klinikum Opfer einer durch Philipp G. verübten Sexualstraftat wurde. Nach ihrem Klinikaufenthalt habe sie auf einmal anders auf ihren langjährigen Partner reagiert. "Wenn er mich im Schlaf von hinten umarmte, war ich in Schweiß gebadet und bekam Herzklopfen." Damals habe sie sich das nicht erklären können, heute vermutet sie eine mutmaßliche Vergewaltigung als Ursache.

Das Versagen des Klinikums und die Ermittlungen

Trotz der Hinweise auf den Neurologen sah das Krankenhaus keinen Anlass, die Polizei zu informieren oder den Mann zu beurlauben. Erst als im April 2020 Kriminalbeamte mit einem Durchsuchungsbeschluss im Krankenhaus auftauchten, wurde der Neurologe freigestellt.

Die Ermittlungen der Polizei gestalteten sich schwierig, da die Dateien auf den Datenträgern des Arztes verschlüsselt waren. Erst nach Monaten gelang es IT-Experten, die Videos zu öffnen und die Verbrechen zu dokumentieren.

Die Staatsanwaltschaft Bielefeld nahm Ermittlungen wegen des Verdachts der Beihilfe zur Vergewaltigung durch Unterlassen gegen den Chefarzt, den Oberarzt und die Leitung der Bethel gGmbH auf. Im Mai wurde das Ermittlungsverfahren gegen Klinikleitung, Chef- und Oberarzt des Klinikum Bethel von der Staatsanwaltschaft Bielefeld eingestellt. Dagegen hat die Anwältin Stefanie Höke, die die Betroffene Carina S. vertritt, Beschwerde eingelegt. Inzwischen liegt ein externes Gutachten vor, das wieder Schwung in die Ermittlungen bringen könnte. Konkret kommt das Gutachten zu dem Schluss, dass die veranwortlichen Personen Maßnahmen hätten ergreifen müssen. Die Menge der Auffälligkeiten sei groß genug gewesen.

Die Reaktion des Klinikums und die Unterstützung der Opfer

Für die Opfer des sexuellen Missbrauchs durch Philipp G. haben das Bethel-Klinikum und die Stiftung einen Unterstützungsfonds eingerichtet. Die von den Ermittlern festgestellten Vergewaltigungsopfer haben darüber hinaus hohe Entschädigungszahlungen erhalten.

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Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel räumen ein, dass Britta Schulte "ein weder verordnetes noch nötiges Betäubungsmittel" erhalten habe und bat sie um Entschuldigung.

Die offenen Fragen und die Forderung nach Gerechtigkeit

Der Fall Philipp G. wirft bis heute viele Fragen auf: Wie konnte es zu einem Missbrauch solchen Ausmaßes kommen? Wurden Warnsignale übersehen? Wieso mussten so viele Frauen dasselbe erleiden und wieso wurde nichts unternommen gegen den Assistenzarzt?

Die Opfer kämpfen seit Jahren für Gerechtigkeit und fordern, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Sie wollen wissen, warum die Klinikleitung die Hinweise auf den Arzt ignorierte und ihn weiterarbeiten ließ.

Die Rolle der Medien und die öffentliche Aufmerksamkeit

Der Fall Philipp G. hat durch die Berichterstattung in den Medien große öffentliche Aufmerksamkeit erlangt. Die ARD Crime Time-Dokuserie "Die Nachtschicht - Der Vergewaltiger von Bethel" geht den drängenden Fragen nach und beleuchtet die Hintergründe des Falls.

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