Neurologie und Augenheilkunde in Tübingen: Eine Verbindung von Forschung und Klinik

Die enge Verbindung zwischen Neurologie und Augenheilkunde, insbesondere am Standort Tübingen, ermöglicht innovative Forschung und verbesserte Patientenversorgung. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte dieser interdisziplinären Zusammenarbeit, von der Entdeckung neuer Augenbewegungen bis hin zur Behandlung komplexer neurologisch-ophthalmologischer Erkrankungen.

Neue Erkenntnisse über Augenbewegungen und ihre Bedeutung

Ein Team von Tübinger Neurowissenschaftlern unter der Leitung von Professor Peter Thier vom Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung hat eine neue Art von Augenbewegung entdeckt. Diese Bewegung, die als BARM (Bewegung zur Anpassung der Rotation der Makula) bezeichnet wird, korrigiert die Verdrehung des Auges und bringt es in seine Ausgangslage zurück. Das Besondere daran ist, dass diese Bewegung synchron mit dem Blinzelreflex abläuft.

Bei schnellen Augenbewegungen wird das Sehen kurzzeitig unterbrochen, wodurch wir für einen Moment effektiv blind sind. Da die neuentdeckte Augenbewegung jedoch mit dem Blinzeln zusammenfällt, fallen die Unterbrechungen durch Augenbewegung und Blinzeln zusammen. Dies erspart uns bis zu 15 Minuten effektiver Blindheit pro Tag.

Die Forscher um Mohammad Khazali, Erstautor der Studie, wollten ursprünglich die Synchronisation zwischen unwillkürlichen Augenbewegungen und dem Blinzeln untersuchen. Das Auge ist nämlich auch bei Fixierung eines Punktes nie völlig ruhig; kleine Korrekturbewegungen sind mehrmals pro Sekunde notwendig, um die Fixierung aufrechtzuerhalten. Wenn sich das fixierte Objekt bewegt, folgen unsere Augen ihm in schnellen, ruckartigen Bewegungen. Diese schnellen Augenbewegungen verursachen kurze Lücken im Fluss visueller Information, die unser Gehirn ausfiltert.

Die Entdeckung der BARMs war eine Überraschung für die Forscher: „Ein ständig auftretendes Phänomen wie die BARMs zu entdecken, das noch niemand beschrieben hat, noch dazu in einem Körperteil, der so gut untersucht ist wie das menschliche Auge - das hat uns schon sehr verblüfft“, gesteht Mohammad Khazali.

Lesen Sie auch: Neurologie vs. Psychiatrie

Die Studie, die in eLife veröffentlicht wurde, verwendete 3D-Video-Okulographie, ein Verfahren, bei dem Infrarotkameras die Augenbewegungen der Probanden aufzeichnen.

Neuroophthalmologie in Tübingen: Ein Zentrum für komplexe Fälle

Die Neuroophthalmologie ist ein spezialisiertes Fachgebiet, das die Verbindung zwischen Auge und Gehirn untersucht. Die Neuroophthalmologische Ambulanz am Universitätsklinikum Tübingen unter der Leitung von Prof. Helmut Wilhelm ist eine der größten und renommiertesten Einrichtungen dieser Art in Deutschland. Hier werden Patienten mit Erkrankungen des Sehnervs, der Sehbahn und der Sehrinde des Gehirns behandelt. Die Ambulanz bietet ein umfassendes Beratungsangebot und betreibt intensive Forschung.

Die Tübinger Neuroophthalmologie kooperiert eng mit anderen Fachbereichen wie der Neurologie, der Neuropädiatrie, der Neuroradiologie und der Neurochirurgie. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht eine umfassende Betreuung von Patienten mit komplexen neurologisch-ophthalmologischen Erkrankungen.

Schwerpunkte der Neuroophthalmologischen Ambulanz in Tübingen:

  • Entzündungen und Durchblutungsstörungen der Sehnerven
  • Tumorerkrankungen im Bereich der Sehnerven und Sehbahn
  • Pupillenstörungen
  • Störungen des Gesichtsfeldes und der visuellen Wahrnehmung
  • Diagnostik und Therapie bisher ungeklärter Sehstörungen
  • Erbliche Erkrankungen der Sehnerven

Die Ambulanz verfügt über modernste Pupillen-Diagnostik, elektrophysiologische Messplätze sowie weiterentwickelte Untersuchungstechniken der Gesichtsfelduntersuchung und des Farbensehens. Jedes Auge besitzt rund eine Million Nervenfasern, die die Signale ans Gehirn weiterleiten. Um diese Nervenfasern des Sehnervs auf wenige Tausendstel Millimeter genau vermessen zu können, benutzt man die sogenannte "optische Kohärenztomografie (OCT)", die viele feine Schichtaufnahmen liefert.

Multiple Sklerose und Optikusneuritis

Ein wichtiger Schwerpunkt der Neuroophthalmologie in Tübingen ist die Behandlung von Patienten mit Multipler Sklerose (MS). Eine Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis) kann das erste Symptom einer MS sein. Die Betroffenen bemerken Schmerzen beim Bewegen der Augen, und das Sehen erscheint „verschleiert“. Farben werden nicht mehr so intensiv wahrgenommen.

Lesen Sie auch: Expertise in Neurologie: Universitätsklinik Heidelberg

In Tübingen wird derzeit eine Studie mit einem neuen Antikörper („Anti LINGO-1“) durchgeführt, der die Myelin-Schutzschicht um die Nervenfasern wiederherstellen soll. Der Sehnerv eignet sich besonders gut für diese Untersuchungen, da er von außen problemlos einsehbar und vermessen werden kann.

Gutachten und Fahrtauglichkeit

Eine Besonderheit der Neuro-Ophthalmologie in Tübingen ist die Durchführung von Leistungs- bzw. Eignungsbegutachtungen aus dem Bereich der Verkehrs- und Arbeitsmedizin. Die weitreichenden Erfahrungen in der genauen Prüfung aller Sehfunktionen ermöglichen eine fundierte Beurteilung der Fahrtauglichkeit.

Weitere Forschungsschwerpunkte in der Tübinger Augenheilkunde

Neben der Neuroophthalmologie gibt es in Tübingen weitere wichtige Forschungsschwerpunkte in der Augenheilkunde. Das Forschungsinstitut für Augenheilkunde unter der Leitung von Prof. Marius Ueffing beschäftigt sich mit der Entschlüsselung der Ursachen von Erkrankungen der Netzhaut. Dabei werden die molekularen Mechanismen der Erkrankungen analysiert.

Klinische Studien in Tübingen

Die Studienzentrale Auge und Ohr (STZ eyetrial) der Augenklinik führt anspruchsvolle wissenschaftliche Studien durch, um neueste Erkenntnisse in die Behandlung von Patienten zu überführen. Das Team der STZ eyetrial verfügt über eine umfangreiche Vorerfahrung in Studien mit Arzneimitteln und Medizinprodukten.

Herausforderungen und Zukunftsperspektiven der Augenheilkunde

Die Augenheilkunde steht vor großen Herausforderungen, wie dem demografischen Wandel, der Ambulantisierung und dem Fachkräftemangel. Um die Versorgung auch in Zukunft sicherzustellen, sind innovative Ansätze und interdisziplinäre Kooperationen notwendig.

Lesen Sie auch: Aktuelle Informationen zur Neurologie in Salzgitter

Künstliche Intelligenz in der Augenheilkunde

Künstliche Intelligenz (KI) kann in der Augenheilkunde als Frühwarnsystem eingesetzt werden. KI-Systeme können auf OCT- und Fundusbildern krankhafte Veränderungen oft schon erkennen, bevor Symptome auftreten.

Nanotherapien in der Augenheilkunde

Nanotherapien bieten neue Ansätze für die Behandlung schwerer Augenerkrankungen.

tags: #neurologie #augen #tubingen