Die COVID-19-Pandemie hat nicht nur die Atemwege, sondern auch das Nervensystem vieler Menschen beeinträchtigt. Neurologische Begleiterscheinungen und Langzeitfolgen, bekannt als "Neuro-COVID" und "Long-COVID", sind Gegenstand intensiver Forschung. Dieser Artikel fasst aktuelle Studien und Erkenntnisse, insbesondere aus dem Universitätsklinikum Essen und der Universität Duisburg-Essen, zusammen und beleuchtet die Rolle der Psyche sowie die Suche nach Biomarkern.
Neuro-COVID: Neurologische Begleiterscheinungen während der Akutinfektion
Patienten, die an COVID-19 erkranken, können Begleit- und Folgeerscheinungen entwickeln, die das Nervensystem betreffen. Am bekanntesten ist der Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns. Es können aber auch schwere Komplikationen, wie Schlaganfälle, Krampfanfälle oder Hirnhautentzündung, auftreten. Aufgrund dieser Beobachtungen spricht die internationale Fachwelt von ‚Neuro-Covid‘.
Eine Studie der Universitäten Münster und Duisburg-Essen analysierte dieses Phänomen genauer. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass bei Neuro-COVID-Patienten die Immun- und Interferonantwort geschwächt ist. Mit der modernen Methode der Einzelzell-Transkriptomik wurde die Immunantwort im Nervenwasser in unmittelbarer Nähe zum Gehirn im Detail charakterisiert. Es zeigte sich, dass sich im Nervenwasser der Patienten vermehrt erschöpfte T-Zellen fanden. Auch die Interferonantwort von Neuro-COVID-Patienten war im Vergleich zur viralen Gehirnentzündung abgeschwächt. Zudem wies die Forschungsgruppe im Nervenwasser der Untersuchten vermehrt entdifferenzierte Vorläufer von Fresszellen nach. Diese Funde deuten auf eine eingeschränkte antivirale Immunantwort bei Neuro-COVID-Patienten hin.
Eine weitere Essener Studie mit über 100 Patientinnen und Patienten zeigte, dass in fast 60 % der Fälle auch neurologische Symptome auftraten. Fast ein Viertel der Patienten erlitten sogar schwere neurologische Komplikationen wie Schlaganfälle oder Hirnblutungen, während ein weiteres Viertel leichte Symptome wie allgemeine körperliche Schwäche zeigte. Die Studie ergab auch, dass mehr als 80 % der Menschen, bei denen Neuro-COVID schwer verläuft, bereits eine neurologische Vorerkrankung hatten. PD Dr. Dr. Mark Stettner erklärte, dass es einen Zusammenhang zwischen der Sterblichkeitsrate und der Schwere der neurologischen Symptome gibt: von Patientinnen und Patienten ohne Neuro-COVID sterben rund 15 % - ist das Nervensystem stark in Mitleidenschaft gezogen, liegt die Sterblichkeitsrate dagegen fast dreimal so hoch.
Bei rund der Hälfte der schwer Erkrankten war die schützende Barriere zwischen Blutkreislauf und Gehirn, die sogenannte Blut-Hirn-Schranke, nicht mehr intakt und die Werte bestimmter Entzündungsstoffe in der Hirngewebsflüssigkeit erhöht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden außerdem in 35 % der Fälle verschiedene Antikörper gegen das körpereigene Nervengewebe.
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Long-COVID: Anhaltende Beschwerden nach der Akutinfektion
Etwa 0,5 % aller Menschen entwickeln nach einer SARS-CoV-2-Infektion über Monate anhaltende Beschwerden. Dieser Zustand wird als Long-COVID oder Post-COVID bezeichnet. Die Symptome sind vielgestaltig und werden von psychischen Faktoren beeinflusst. Daher sucht die Wissenschaft intensiv nach sogenannten Biomarkern. Long-COVID ist ein noch unverstandenes Phänomen, das mit bis zu 200 unterschiedlichen Symptomen einhergehen kann, darunter ausgeprägte Müdigkeit (Fatigue), Konzentrationsstörungen oder starke Schmerzen. Trotzdem sind die Untersuchungsbefunde meistens völlig normal.
Die Suche nach Biomarkern
Neuere wissenschaftliche Veröffentlichungen berichteten, dass insbesondere das Aktivitätshormon Cortisol und bestimmte Entzündungsbotenstoffe im Blut, sogenannte Zytokine, geeignete Biomarker bei Long-COVID sein könnten. Laut diesen Studien ist die Konzentration von Cortisol im Blut Long-COVID Betroffener deutlich niedriger als bei Gesunden, die Menge an entzündungsfördernden Zytokinen ist dagegen erhöht. Die Messung solcher Blutwerte hätte es den behandelnden Ärzt:innen zukünftig möglich gemacht, die Diagnose Long-COVID rasch und sicher zu stellen.
Eine Studie des Universitätsklinikums Essen untersuchte die Blutwerte von Cortisol und der Zytokine TNFalpha, Interleukin-1beta und Interleukin-6 in vier verschiedenen Gruppen an insgesamt 130 Teilnehmenden: Menschen, die nie eine SARS-CoV-2-Infektion gehabt hatten; Menschen, die eine SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht hatten, aber kein Long-COVID entwickelten; Menschen, die Long-COVID hatten, aber wieder vollständig davon genesen waren und Menschen mit anhaltendem Long-COVID. Die Ergebnisse waren überraschend: Alle gemessenen Werte lagen im Normbereich, und es gab keinerlei Unterschiede zwischen den genannten Gruppen.
Prof. fasste zusammen: „Leider konnten wir nicht bestätigen, dass Cortisol und einige der wichtigsten Entzündungsbotenstoffe alltagstaugliche Biomarker bei Menschen mit Long-COVID sind. Diese Nachricht ist für die Betroffenen sicher enttäuschend, passt allerdings zu unseren früheren Untersuchungen, dass es sich bei Long-COVID nicht um eine körperliche Erkrankung im engeren Sinne handelt, sondern die Psyche eine große Rolle spielt“. Dr. Michael Fleischer erklärte: „Die Ergebnisse zeigen das Dilemma der medizinischen Forschung. Während es wichtig ist, Studienergebnisse anderen Forschenden zugänglich zu machen, stehen auf der anderen Seite Patient:innen, bei denen unter Umständen zu große Hoffnungen auf Diagnose- oder Therapiemöglichkeiten geweckt werden“.
Die Rolle der Psyche bei Long-COVID
Eine Kohortenstudie des Universitätsklinikums Essen mit 171 Patienten untersuchte, inwieweit bei Long-COVID-Patienten Schädigungen des Nervensystems zu finden waren. Die Betroffenen wurden einer umfassenden neurologischen Diagnostik unterzogen, einschließlich Untersuchungen von Nerven, Blutgefäßen und Signalübertragung in Zellen und Gewebe sowie Blutanalysen, MRT und Lumbalpunktion. Zusätzlich wurden die Patienten einer neuropsychologischen, psychosomatischen und Fatigue-Bewertung unterzogen.
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Das Ergebnis: 85,8 Prozent der untersuchten Personen wiesen keinerlei neurologische Anomalie auf. Die Probanden hatten meist leichtes bis mittelschweres akutes COVID-19 erlitten und berichteten über deutliche Krankheitszeichen. Dennoch konnten die Mediziner nur in 2,3 Prozent der Fälle eine Diagnose stellen, die nicht Long-COVID lautete, beziehungsweise mit der vorangegangenen Coronainfektion zusammenzuhängen schien.
Allerdings machten die Wissenschaftler einige Entdeckungen. So kamen „sensorische oder motorische Beschwerden“ gehäuft in Kombination mit einer anderen neurologischen Diagnose anstatt mit Long-COVID vor. Auch konnten vorausgegangene, psychische Erkrankungen als „Risikofaktor für die Entwicklung eines Post-COVID-19-Syndroms“ ausgemacht werden.
Christoph Kleinschnitz von der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Essen erklärte: „Bei anderen Erkrankungen, etwa Multiple Sklerose, kann man im Gehirn eindeutig einen Entzündungsherd feststellen. Bei Long-COVID sind die Befunde in den meisten Fällen unauffällig. Wir schlussfolgern daraus: Long-COVID hat viel mehr mit der Psyche zu tun, als mit dem Virus.“ Demnach hingen die anhaltenden Beeinträchtigungen der Gesundheit womöglich damit zusammen, dass „die Krankheitsverarbeitung im Gehirn“ falsch abgelaufen sei.
Das Forschungsteam hat die Betroffenen daher auch intensiv psychologisch untersucht. Dabei zeigte sich, dass psychiatrische Vorerkrankungen wie eine Depression oder eine Angststörung das Risiko für Post-COVID signifikant erhöhen. Christoph Kleinschnitz betonte: „Wir glauben daher, dass psychologische Mechanismen für die Entstehung des Post-COVID-Syndroms wichtig sind. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass sich die Patienten die Symptome nur einbilden“.
Therapieansätze für Long-COVID
Trotz der Erkenntnisse über die Rolle der Psyche ist es wichtig, Long-COVID-Patienten ernst zu nehmen und ihnen eine umfassende medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Eine gründliche neurologische Untersuchung ist in jedem Fall wichtig. Sollten die Untersuchungen allerdings ergebnislos bleiben, könne „zusammen mit Fachärzten an der Krankheitsverarbeitung gearbeitet werden“.
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Prof. ist es sinnvoll, bei Long-COVID auch zukünftig nach Faktoren zu suchen, die die Erkrankung begünstigen. „Hier werden wir uns insbesondere auf den psychischen Bereich konzentrieren, da erste Therapiestudien nahelegen, dass viele Long-COVID Betroffene gut von einer Psychotherapie profitieren“.
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