Multiple Sklerose (MS), oft als "Krankheit der tausend Gesichter" bezeichnet, ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die weltweit Millionen von Menschen betrifft. In Deutschland sind es mehr als 250.000 Menschen, wobei Frauen zwei- bis dreifach häufiger betroffen sind als Männer. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der MS, von ihren Ursachen und Symptomen bis hin zu den verfügbaren Therapieoptionen und dem Einfluss der Krankheit auf den Alltag der Betroffenen.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Strukturen angreift. Konkret greift das Immunsystem die Myelinscheiden an, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark umhüllen. Diese Schädigung der Myelinscheiden führt zu einer Beeinträchtigung der Nervenleitgeschwindigkeit und somit zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen.
Dr. Petra Kalischewski, Fachärztin für Neurologie, erklärt, dass bei MS das Immunsystem die Unterscheidung zwischen körpereigen und körperfremd nicht mehr korrekt hinbekommt und somit gegen körpereigene Strukturen im Gehirn immunologische Reaktionen entwickelt.
Ursachen und Risikofaktoren
Die genauen Ursachen für die Entstehung von MS sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.
Epstein-Barr-Virus und andere Viren
Ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Epstein-Barr-Virus (EBV), dem Auslöser des Pfeifferschen Drüsenfiebers, und MS wird seit längerem diskutiert. Eine aktuelle Untersuchung aus den USA, bei der Blutproben von Soldaten über mehrere Jahre hinweg untersucht wurden, zeigte, dass EBV möglicherweise einer der Bausteine ist, die zu einer Fehlerkennung im Immunsystem führen können. Auch andere Viren wie Masernviren und Zosterviren werden in diesem Zusammenhang diskutiert.
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Ernährung und Lebensstil
Dr. Kalischewski betont, dass die Ernährung in der westlichen Welt oft nicht optimal ist und einen wichtigen Trigger für MS darstellen könnte. Sie hält den Zuckerkonsum, eine gemüsearme Ernährung und Fast Food für ungünstig. Sie empfiehlt, sich mit dem eigenen Ernährungskomplex auseinanderzusetzen und zu erkennen, wo man zu viel Zucker oder Kohlenhydrate konsumiert und zu wenig Gemüse isst. Der "Ernährungskompass" von Bas Kast wird als eine gute, recherchierte Ernährungsempfehlung fürs Leben genannt.
Stress
Jegliche Form von Stress, sei es auf der Arbeit, in der Familie oder in der Familiengeschichte, kann einen Einfluss auf die Gesundheit haben. Stress kann durch schnelles und falsches Essen, ein überdimensioniertes Umfeld, zu viele Medien, zu viel Handy, zu viel Fernsehen und zu viele Informationen entstehen. In solchen Fällen kann es notwendig sein, einen Psychologen zu konsultieren, um aus diesen Stressoren herauszukommen und eine Krankheitsstabilisierung im Langzeitverlauf zu erreichen. Auch Sport und Bewegung sind wichtige Bestandteile einer gesunden Lebensweise.
Symptome
Die Symptome der MS sind vielfältig und können von Person zu Person unterschiedlich sein. Dies liegt daran, dass die Entzündungen im zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) an unterschiedlichen Stellen auftreten können.
Häufige Symptome
Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Sehstörungen: Akute Sehstörungen, bei denen der Arzt nichts sieht und der Patient auch nichts sieht, können ein erstes Anzeichen sein.
- Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Schmerzen in verschiedenen Körperteilen.
- Gangstörungen: Unsicherheit beim Gehen, Stolpern oder Koordinationsprobleme.
- Koordinationsstörungen: Schwierigkeiten bei der Ausführung von Bewegungen, z.B. wenn Dinge aus der Hand fallen.
- Kopfschmerzen: Migräneartige Kopfschmerzen oder chronische Spannungskopfschmerzen können ebenfalls Erstsymptome sein.
- Erschöpfung: Eine unbändige Erschöpfung, auch Fatigue genannt, kann ein weiteres Symptom sein.
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle Patienten alle diese Symptome haben. Dr. Kalischewski betont, dass es kein einzelnes Symptom gibt, bei dem man immer an MS denken muss.
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Diagnose
Die Diagnose von MS kann eine Herausforderung sein, da die Symptome vielfältig sind und auch bei anderen Erkrankungen auftreten können.
Neurologische Untersuchung
Eine gründliche neurologische Untersuchung ist der erste Schritt zur Diagnose. Dabei werden die Reflexe, die Muskelkraft, die Koordination, die Sensibilität und die Sehkraft überprüft.
Bildgebende Verfahren
Die Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns und Rückenmarks ist ein wichtiges Diagnoseinstrument. Im MRT können Entzündungsherde und Schädigungen der Myelinscheiden sichtbar gemacht werden. Manchmal findet man im Rahmen von MRTs bei Kopfschmerzen schon auch so typische Veränderungen, die wir als radiologisch isoliertes Syndrom bezeichnen und die in den meisten Fällen auch irgendwann mal zu einer klinischen Störung führen.
Lumbalpunktion
Bei einer Lumbalpunktion wird Nervenwasser (Liquor) entnommen und untersucht. Im Liquor können bestimmte Antikörper nachgewiesen werden, die auf eine Entzündung im zentralen Nervensystem hindeuten.
Evozierte Potentiale
Evozierte Potentiale messen die elektrische Aktivität des Gehirns als Reaktion auf bestimmte Reize. Diese Untersuchung kann helfen, Schädigungen der Nervenbahnen aufzudecken.
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Verlaufsformen
Es gibt verschiedene Verlaufsformen der MS:
- Schubförmig remittierende MS (RRMS): Dies ist die häufigste Verlaufsform. Bei der RRMS treten Schübe auf, bei denen sich die Symptome plötzlich verschlimmern oder neue Symptome auftreten. Nach einem Schub bilden sich die Symptome teilweise oder vollständig zurück (Remission).
- Sekundär progrediente MS (SPMS): Bei der SPMS geht die RRMS in eine kontinuierliche Verschlechterung der Symptome über, unabhängig von Schüben.
- Primär progrediente MS (PPMS): Bei der PPMS verschlechtern sich die Symptome von Anfang an kontinuierlich, ohne dass es zu Schüben kommt.
Die schubförmig remittierende Multiple Sklerose ist die häufigste Verlaufsform. Nach der Diagnosestellung werden Kernspintomographie, Lumbalpunktion, evozierte Potentiale und eine klinisch neurologische Untersuchung durchgeführt. Anhand dieser Ergebnisse kann man abschätzen, ob es sich um eine aktive, eine hochaktive oder einen sogenannten blanden Verlauf handelt.
Therapie
Die Therapie der MS zielt darauf ab, die Schübe zu reduzieren, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und die Symptome zu lindern.
Schubtherapie
Bei einem akuten Schub werden in der Regel Kortikosteroide (Kortison) eingesetzt, um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu lindern. Die Patienten sind mitunter beruhigter, sich schnell einer Kortisonbehandlung zuführen zu lassen, manche vertragen das nicht so gut und sind eher dankbar, wenn man sagt, wir machen mal jetzt eine Woche Pause, wir gucken mal und wir sehen uns nächste Woche wieder, wie sich das entwickelt hat.
Basistherapie
Die Basistherapie zielt darauf ab, die Anzahl der Schübe zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Hierfür stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die das Immunsystem beeinflussen.
Symptomatische Therapie
Die symptomatische Therapie zielt darauf ab, die einzelnen Symptome der MS zu lindern. Hierfür stehen verschiedene Medikamente und Therapien zur Verfügung, z.B. gegen Spastik, Schmerzen, Fatigue oder Blasenstörungen.
Rehabilitation
Eine Rehabilitationsbehandlung kann sehr sinnvoll sein, insbesondere am Anfang der Erkrankung. Ziel ist es, die körperlichen Funktionen zu verbessern, die Selbstständigkeit zu erhalten und die Lebensqualität zu steigern.
Psychologische Betreuung
Eine psychologische Betreuung kann helfen, mit den emotionalen Belastungen der Erkrankung umzugehen und Strategien zur Krankheitsbewältigung zu entwickeln.
Leben mit MS
Multiple Sklerose kann den Alltag der Betroffenen erheblich beeinflussen. Es ist wichtig, sich frühzeitig mit der Erkrankung auseinanderzusetzen und Strategien zu entwickeln, um mit den Herausforderungen umzugehen.
Ernährung und Lebensstil
Eine gesunde Ernährung und ein aktiver Lebensstil können dazu beitragen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dr. Kalischewski hält die Ernährung für einen ganz wichtigen Trigger für die Multiple Sklerose, es ist ihre persönliche Meinung, das ist sicherlich nicht wissenschaftlich bewiesen, aber sie hält den Zuckerkonsum für gefährlich, den wir alle tätigen. Sicherlich auch die gemüsearme Ernährung und dieses Fast Food Ernährung hält sie für nicht günstig.
Soziale Unterstützung
Soziale Unterstützung durch Familie, Freunde und Selbsthilfegruppen ist sehr wichtig. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann helfen, sich nicht allein zu fühlen und von den Erfahrungen anderer zu profitieren.
Berufliche Situation
Die berufliche Situation sollte individuell angepasst werden. In manchen Fällen ist eine Arbeitszeitreduzierung oder eine Umschulung erforderlich.
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