Ein Bandscheibenvorfall kann weitreichende neurologische Symptome verursachen, darunter auch das Gefühl von Stromschlägen im Körper. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten solcher Beschwerden im Zusammenhang mit Bandscheibenvorfällen und anderen neurologischen Erkrankungen.
Einführung
Nervenschmerzen, die sich wie Stromschläge anfühlen, deuten oft auf eine Reizung oder Schädigung von Nervenbahnen hin. Ein Bandscheibenvorfall, bei dem Bandscheibengewebe auf Nerven drückt, kann eine solche Reizung auslösen. Es ist wichtig, die genauen Ursachen dieser Schmerzen zu identifizieren, um eine gezielte Behandlung zu ermöglichen.
Ursachen von Nervenschmerzen wie Stromschlägen
Nervenschmerzen, die sich wie Stromschläge anfühlen, können verschiedene Ursachen haben:
Nervenkompression
Druck auf einen Nerv, wie er beispielsweise beim Karpaltunnelsyndrom im Handgelenk oder bei Ischias durch einen Bandscheibenvorfall im unteren Rückenbereich auftritt. Ein Bandscheibenvorfall entsteht, wenn der weiche innere Teil einer Bandscheibe durch einen Riss in der härteren äußeren Schicht drückt. Typischerweise tritt er im unteren Rücken oder Nacken auf und führt zu Schmerzen, Taubheitsgefühl oder Kribbeln, welches in die Arme oder Beine ausstrahlen kann. Es ist oft die Folge von Alterung oder Verletzung.
Nervenentzündung (Neuritis)
Eine Entzündung eines Nervs kann durch Infektionen, Autoimmunerkrankungen oder Verletzungen verursacht werden.
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Multiple Sklerose (MS)
Bei MS kann die Schädigung der Nervenhülle (Myelin) zu Nervenschmerzen führen, da das Immunsystem fälschlicherweise die Nervenschutzschicht angreift.
Diabetische Neuropathie
Bei Diabetes können Nervenschmerzen durch eine Schädigung der Nerven aufgrund von hohem Blutzucker entstehen.
Der Bandscheibenvorfall als Ursache
Ein Bandscheibenvorfall tritt auf, wenn der weiche Kern einer Bandscheibe durch die äußere Hülle dringt und auf umliegende Nerven drückt. Dies kann im Bereich der Halswirbelsäule (HWS), Brustwirbelsäule (BWS) oder Lendenwirbelsäule (LWS) geschehen und unterschiedliche Symptome verursachen.
Zervikale Myelopathie (HWS)
Die zervikale Myelopathie ist eine Schädigung des Rückenmarks im Halsbereich, die durch Kompression, Durchblutungsstörungen oder ionisierende Strahlung verursacht werden kann.
Pathophysiologie: Der zervikale Spinalkanal bietet normalerweise ausreichend Platz für die neuralen Strukturen. Angeborene Stenosen sind möglich, aber in den meisten Fällen handelt es sich um erworbenen Stenosen aufgrund der fortschreitenden Bandscheibenveränderungen mit Bandscheibenprotrusion und ventraler Knochenbildung sowie Verdickung der hinteren Ligamenta und Hypertrophie der Facetten. Dies spiegelt sich auch in der Altersverteilung der zervikalen Myelopathie wider, die ihren Gipfel zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr hat.
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Klinische Symptomatik: Frühe Symptome sind meist ein komisches Gefühl in den Händen bei feinmotorischen Gangstörungen sowie Ungeschicklichkeit der Fähigkeit. Schreibstörungen treten im fortgeschrittenen Stadium auf, schließlich ist die Greiffunktion der Hände ganz erloschen. Eine gesteigerte Muskeleigenreflexe und Pyramidenbahnzeichen sind charakteristisch für die Erkrankung, während Muskelfaszikulationen als nicht typisch gelten. Die Sensibilitätsstörungen sind meist nicht dermatombezogen.
Lhermitte-Zeichen: Ein spezifisches Symptom ist das „Lhermitte-Zeichen“, das von den Patienten als plötzlicher generalisierter Stromschlag in die Arme, den Rumpf und in den unteren Extremitäten insbesondere bei Bewegung des Kopfes beschrieben wird.
Diagnostik: Die „zervikale Myelopathie“ ist eine klinische Diagnose, die als eine Schädigung des Rückenmarks bezeichnet wird. Zur Festlegung einer Operationsindikation und zur Differenzialdiagnostik ist daher eine gute Korrelation von Anamnese, neurologischen Befunden und neuroradiologischer beziehungsweise elektrophysiologischer Diagnostik unabdingbar.
Diagnostische Maßnahmen: Die Kernspintomografie (MRT) ist die Methode der Wahl, um einerseits die Stenose, andererseits aber auch eventuelle Schäden des Rückenmarks nachzuweisen. Die konventionellen Röntgenbilder spielen eher eine sehr große Rolle, sinnvoll sind allerdings Funktionsaufnahmen, die das Ausmaß einer eventuellen Instabilität darstellen. Die Computertomografie (CT) der HWS muss als Ergänzungsuntersuchung zur MRT gesehen werden, wenn die Frage eventueller knöcherner Veränderungen beantwortet werden sollte. Elektrophysiologische Untersuchungen sind einerseits zur Verlaufskontrolle, andererseits zur segmentalen Eingrenzung sinnvoll.
Therapie: Bei stenosebedingter Rückenmarksschäden- oder kompression wäre eine operative Therapie möglich. Die operative Behandlung der HWS-Verletzungen durch eine ventrale zervikale Dekompression und Fusion mit frühzeitiger Stabilisierung und gleichzeitiger Entlastung des Markes wird in den letzten Jahren zunehmend mit Erfolg angewandt.
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Lumbale Spinalkanalstenose (LWS)
Die Degenerationsverschleiß führt mit zunehmendem Alter speziell an der Lendenwirbelsäule zur Stenose des Spinalkanals. Als Folge der sich verändernden Altersstruktur nimmt die Inzidenz symptomatischer lumbaler Spinalkanalstenosen exponenziell zu.
Pathophysiologie: Die lumbale Spinalkanalstenose ist als umschriebene, knöchern ligamentäre Einengung des Spinalkanals bezeichnet. Die klinischen Beschwerden umfasst Rückenschmerz und belastungsabhängige Symptome in den Beinen (Claudicatio). Nach dem Durchmesser des Spinalkanals wird die relative Spinalkanalstenose (10-14 mm) von der absoluten (< 10 mm) unterschieden, Diese Messungen berücksichtigen nämlich nur die zentrale Stenose und nicht die seitliche Einengung im Bereich des Recessus und des Neuroforamens. In der Regel liegen jedoch Kombinationen aus beiden Formen vor.
Diagnostik: Für die Diagnose der Stenose kommt der klinischen Untersuchungeine wichtige Bedeutung zu, da eine schlechte Korrelation zwischen den bildgebenden Befunden und der Symptomatik besteht. Bevor der Patient einer konservativen oder operativen Therapie zugeführt wird, sind wesentliche andere Erkrankungen zu differenzieren. Infolge der ähnlichen Symptomatik muss insbesondere eine ischämisch bedingte Claudicatio intermittens ausgeschlossen werden.
Symptome bei Nervenschmerzen
Begleitende Symptome können helfen, die Ursache der Nervenschmerzen einzugrenzen:
- Muskelschwäche oder Schwierigkeiten beim Bewegen bestimmter Gliedmaßen (Hinweis auf Nervenkompression im Rücken)
- Überempfindlichkeit oder Schmerzen bei Berührung oder Druck
- Kribbeln oder Taubheitsgefühle in den betroffenen Bereichen
Diagnostische Verfahren
Um die Ursache von Nervenschmerzen wie Stromschlägen zu finden, sind verschiedene Schritte notwendig:
- Anamnese: Ausführliche Erhebung der Krankengeschichte durch einen Arzt.
- Körperliche Untersuchung: Beurteilung der Reflexe und Muskelkraft.
- Bildgebende Verfahren: MRT- oder CT-Scans zur Suche nach Bandscheibenvorfällen oder Tumoren.
- Elektromyografie (EMG): Messung der elektrischen Aktivität der Muskeln, um Nervenschädigungen festzustellen.
- Nervenleitgeschwindigkeitsmessung: Bestimmung der Geschwindigkeit, mit der Nerven elektrische Impulse leiten.
- Ultraschalldiagnostik von Nerven (Nervensonographie): Darstellung von Nervenverletzungen, Nerventumoren oder Einklemmungen.
- Evozierte Potentiale: Messung der Hirnstromaktivität, die durch Sinnesreize ausgelöst wird.
- Doppler-Sonographie: Beurteilung von Blutgefäßen, die das Gehirn versorgen.
- Lumbalpunktion: Entnahme von Nervenwasser zur Untersuchung auf entzündliche Erkrankungen.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung von Nervenschmerzen, die sich wie Stromschläge anfühlen, zielt darauf ab, die zugrunde liegende Ursache zu behandeln und die Symptome zu lindern:
Konservative Behandlung
- Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Stärkung und Dehnung der Muskulatur.
- Medikamente: Entzündungshemmende Medikamente, Schmerzmittel oder spezielle Medikamente gegen Nervenschmerzen (z.B. Antikonvulsiva oder Antidepressiva).
- Osteopathie, Akupunktur, traditionell chinesische Medizin und Heilpraktiverfahren.
Operative Behandlung
- Dekompression: Operative Entlastung des Nervs bei Kompression durch Bandscheibenvorfall oder andere Ursachen.
- Fusion: Stabilisierung der Wirbelsäule bei Instabilität.
Übungen gegen Nervenschmerzen
- Kräftigungsübungen: Stärkung der Stützmuskulatur, insbesondere der Rumpfmuskulatur bei Ischiasbeschwerden.
- Dehnungsübungen: Entlastung des Ischiasnervs durch Dehnung der hinteren Oberschenkelmuskulatur oder bei Nervenschmerzen im Oberkörper durch Dehnungsübungen für den Nacken.
- Faszientraining: Lockerung von Muskeln und Faszien, um die Nervenkompression zu reduzieren.
Spezielle Aspekte der Behandlung bei zervikaler Myelopathie
Bei zervikaler Myelopathie ist der Zeitpunkt der Diagnose entscheidend für den Verlauf der Symptome. Patienten mit akut aufgetretenen Symptomen haben bei schneller Diagnosestellung und Behandlung die besten Chancen auf eine vollständige Rückbildung der Beschwerden.
Operative Besonderheiten
- Vorbereitung: Abschwellende Infusionen vor der Operation.
- Narkose: Vermeidung von Überstreckung des Kopfes, um das Rückenmark nicht zusätzlich zu quetschen.
- Präparation: Vorsichtiges Umfräsen des „drückenden“ Befundes mit der Hochgeschwindigkeitsfräse, um das Rückenmark nicht zu berühren.
- Nachbehandlung: Intensive physiotherapeutische Beübung und Rehabilitation.
Weitere Ursachen für Rückenschmerzen und Stromschläge
Es ist wichtig zu beachten, dass Rückenschmerzen und stromschlagartige Schmerzen auch von anderen Erkrankungen herrühren können, die nicht direkt mit einem Bandscheibenvorfall in Verbindung stehen. Hierzu gehören:
- Fehlhaltungen und Muskelverspannungen: Diese können unspezifische Rückenschmerzen verursachen, die durch Mobilisierungsübungen gelindert werden können.
- Arthrose der Wirbelgelenke: Kann einseitige Schmerzen im unteren Rücken verursachen.
- Erkrankungen innerer Organe: Insbesondere Nierenerkrankungen können Schmerzen in den Flanken verursachen, die in den unteren Rücken ausstrahlen.
- Hexenschuss (Lumbago): Plötzlich einschießende Schmerzen im unteren Rücken, die meist harmlos sind und von Problemen an den Lendenwirbeln oder Kreuzdarmbeingelenken herrühren können.
- Ischiasschmerzen (Ischialgie): Schmerzen, die vom Gesäß über die Hinterseite des Oberschenkels bis ins Bein ausstrahlen und durch Einengung oder Quetschung des Ischiasnervs entstehen.
Tipps zur Vorbeugung
Um Nervenschmerzen und Rückenschmerzen vorzubeugen, können folgende Maßnahmen helfen:
- Ergonomischer Arbeitsplatz: Vermeiden Sie Fehlhaltungen und einseitige Belastungen.
- Rückenschonendes Heben: Gehen Sie in die Knie und halten Sie den Rücken gerade, wenn Sie etwas anheben.
- Regelmäßige Bewegung: Sportarten mit fließenden und gleichmäßigen Bewegungen wie Schwimmen, Nordic Walking oder Gymnastik sind gut geeignet.
- Geeignete Matratze: Wählen Sie eine Matratze, die den Lendenbereich ausreichend stützt.
- Stressabbau: Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation können helfen, Muskelverspannungen zu reduzieren.
Fallbeispiel
Eine Patientin beschreibt seit Dezember 22 bestehende Beschwerden, die mit einem Brennen im Bauch begannen und sich zu Übelkeit, Herzrasen und stromschlagartigen Schmerzen im BWS-Bereich entwickelten. Ein MRT der LWS ergab einen Bandscheibenvorfall im Segment LWK 4/5 mit Bedrängung der L4-Wurzel links. Die Patientin erhielt Physiotherapie und Cortisonspritzen, die vorübergehend Linderung verschafften. Die stromschlagartigen Schmerzen traten jedoch weiterhin auf, begleitet von Muskelverspannungen im gesamten Rücken.
In diesem Fall ist eine umfassende Diagnostik erforderlich, um die genaue Ursache der Beschwerden zu identifizieren und eine gezielte Therapie einzuleiten. Neben der Behandlung des Bandscheibenvorfalls sollten auch die Muskelverspannungen und die psychosomatischen Aspekte der Erkrankung berücksichtigt werden.
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