Multiple Sklerose: Ursachen, Symptome und Therapie

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die Gehirn und Rückenmark betrifft. Schätzungsweise 280.000 Menschen in Deutschland leben mit MS. Jedes Jahr erhalten mehr als 15.000 Menschen die Erstdiagnose, meist im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. MS ist nicht ansteckend, nicht zwangsläufig tödlich, kein Muskelschwund und keine psychische Erkrankung. Auch die häufig verbreiteten Vorurteile, dass MS in jedem Fall zu einem Leben im Rollstuhl führt, sind nicht richtig.

Was ist Multiple Sklerose?

Bei MS werden die Nervenfasern beschädigt. Nervenfasern sind ähnlich wie Stromkabel von einer schützenden Hülle (Myelin) umgeben, die aus Proteinen und Fetten besteht. Durch Entzündungen wird diese Schutzschicht beschädigt und die Nerven können Informationen nicht mehr einwandfrei übertragen. Es kommt im zentralen Nervensystem, also Gehirn und Rückenmark, zu einer Fehlsteuerung des Immunsystems und in der Folge zu Entzündungen an den Nervenzellen. Betroffen ist vor allem die Hülle der Nervenfasern, die sogenannte Myelinscheide. Wird sie beschädigt, können die Nerven ihre Signale schlechter weiterleiten. Das verursacht viele verschiedene Symptome.

Die MS-Krankheit ist keine klassische Erbkrankheit, da nicht die Krankheit selbst vererbt wird, sondern nur eine genetische „Neigung“, an MS zu erkranken.

Ursachen der Multiplen Sklerose

Die genauen Ursachen der Multiplen Sklerose sind bis heute nicht vollständig geklärt. Mediziner sprechen deshalb von einem „multifaktoriellen“ Geschehen. Sicher ist, dass im Fall einer Erkrankung fehlgeleitete körpereigene Immunzellen die schützende Hülle von Nervenfasern und auch Nervenzellen direkt angreifen. Da solche Entzündungsherde im gesamten zentralen Nervensystem auftreten können, sind MS-Verläufe mitunter sehr unterschiedlich. Es sind mehrere Faktoren, die zusammenkommen müssen, um eine MS auszulösen. Genetische Komponenten können eine Rolle spielen. Von einer direkten Vererbung einer MS kann also nicht die Rede sein.

Bekannt ist, dass erbliche Faktoren aber auch äußere Einflüsse eine Rolle spielen (Umweltfaktoren). Hier werden u. a. virale Infektionen (z.B. durch Masern-Viren, Herpes-Viren oder Epstein-Barr-Viren), aber auch Vitamin-D (Sonnenlichtexposition) oder Rauchen (Nikotin) diskutiert. Man zählt die Multiple Sklerose zu den so genannten Autoimmun­krank­heiten, d. h. das körpereigene Immunsystem ist fehlgesteuert und richtet sich gegen gesunde, körper­eigene Strukturen. Im Falle der MS sind wichtige Zellen des Nervensystems das Ziel: Die Fortleitung von Nervenimpulsen entlang einer Nervenfaser geschieht über elektrische Phänomene an der Zelloberfläche des jeweiligen Nervs. Die Nervenfaser ist von einer Hülle umgeben, die eine elektrische Isolierung der Faser und damit die Weiterleitung der Impulse um ein Vielfaches beschleunigt. Bei MS-Patienten greifen Abwehrzellen diese so genannte Mark- bzw. Myelinscheide an. Man nimmt an, dass bestimm­te Eiweiße (Proteine) auf der Oberfläche der Myelinzellen vom Immunsystem fälschlicherweise als fremd erkannt und bekämpft werden. Dieser Angriff geschieht im Gehirn meist herdförmig, d.h. nicht im ganzen zentralen Nervensystem, sondern in vielen (multiplen) unterschiedlichen Bereichen. Der akute Entzündungs­prozess äußert sich für den Patienten als Schub der Krankheit. Es kommt daraufhin im Nervengewebe zur Narbenbildung (Sklerose).

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Symptome der Multiplen Sklerose

Multiple Sklerose verläuft ganz unterschiedlich und wird oft als „Krankheit mit 1000 Gesichtern“ bezeichnet. MS-Symptome können an mehreren Stellen im Körper auftreten. Diese und weitere Symptome können die Selbstständigkeit im Alltag einer Person mit Multipler Sklerose beeinträchtigen. Wenn dies bei Ihnen der Fall ist, haben Sie eventuellen Anspruch auf einen Pflegegrad, mit dem Ihnen verschiedene Leistungen der Pflegeversicherung zustehen. In einem Pflegetagebuch können Sie die Beeinträchtigungen im Alltag genauer beobachten und dokumentieren. Ein Pflegetagebuch unterstützt Sie gegebenenfalls beim Antrag auf Pflegegrad.

Abhängig von der Lokalisation eines entzündlichen Herdes können neurologische Ausfallserscheinungen verschiedene Körperregionen betreffen und treten bei einem Kranheitsschub subakut innerhalb von Stunden bis zu wenigen Tagen auf.

Häufige Beschwerden sind zum Beispiel:

  • Empfindungsstörungen an Armen oder Beinen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle
  • Sehstörungen wie Doppelbilder oder unscharf sehen
  • Bewegungsstörungen wie Kraftlosigkeit oder Lähmungen
  • Störungen der Blasen- oder Darmfunktion
  • Konzentrationsstörungen, starke Erschöpfung

Weitere typische Symptome für Multiple Sklerose sind (einzeln oder in Kombination):

  • Sehstörungen mit Verschwommensehen und Augenbewegungsschmerz, Gesichtsfeldausfälle, Doppeltsehen
  • Kribbelmissempfindungen und andere Sensibilitätsstörungen
  • Koordinationsstörungen, Sprechstörungen
  • Blasen-Mastdarmstörungen
  • Lähmungen
  • Gangstörungen
  • Fatigue (chronische Erschöpfbarkeit)

Besonders im Frühstadium der Erkrankung entzündet sich häufig der Sehnerv von MS-Erkrankten. Motorische Störungen sind bei der Multiplen Sklerose relativ oft zu beobachten. Viele Betroffene berichten zudem, dass sich ihre Arme oder Beine „pelzig“ anfühlen. Das Gehen fällt ihnen schwer, das Stehen wird anstrengend, weil „die Beine irgendwie nicht da sind“. Sind die Arme betroffen, wird oft das Greifen ungenau oder Gegenstände lassen sich nicht sicher festhalten.

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Bei einer Multiplen Sklerose treten häufig Blasen- und Darmstörungen auf. Dabei werden die „Kommandos“ nicht mehr oder nur verlangsamt über die Nervenbahnen weitergeleitet. Verstopfungen können sehr schmerzhaft sein. Bestenfalls haben Sie einen guten Überblick über alle Stuhlgänge im Pflegealltag und bemerken so rechtzeitig, wenn etwas untypisch ist. In einem Stuhlprotokoll können Sie alle Stuhlabgänge dokumentieren. Das Protokoll liefert unter anderem Hinweise auf Verdauungsprobleme oder Nebenwirkungen von Medikamenten. Ungewollter Harnverhalt (Ischurie; Wasserlassen kaum bis nicht möglich). In diesen Fällen ist die Blase zwar voll, aber die betroffene Person kann sie nicht entleeren. Harn- oder Darmstörungen sind für viele betroffene Menschen besonders unangenehm. Leiden Sie oder Ihr Angehöriger an Beschwerden in diesem Bereich, sollten Sie frühzeitig offen darüber sprechen. Dies mag Sie im ersten Moment wahrscheinlich viel Mut kosten, aber Sie werden im Nachhinein sehr wahrscheinlich feststellen, dass es gut war. Zuhörende sollten behutsam und verständnisvoll mit diesem sensiblen Thema umgehen.

Multiple Sklerose verursacht vor allem Schmerzen in den Armen und Beinen. Häufig kommen die Arm- oder Beinschmerzen morgens direkt nach dem Aufstehen.

Fatigue (ausgesprochen: fatieg) - das Phänomen der Erschöpfung - haben viele Menschen mit Multipler Sklerose. Betroffene fühlen sich matt. Schon die kleinsten Anstrengungen fallen ihnen schwer. Ausruhen oder Schlaf wirken nicht erholsam. Viele Betroffene fühlen sich zusätzlich schuldig, weil sie nicht leistungsfähig sind. elevida ist eine anerkannte digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für Menschen mit MS und Fatigue. Das Online-Programm besteht aus verschiedenen Modulen, wie zum Beispiel Schlafmanagement oder Stressbewältigung. Ziel des Programms ist, Ihre Fatigue-Symptome zu lindern und Ihnen den Umgang mit ihnen zu erleichtern. Die Kosten übernimmt Ihre Krankenkasse. Voraussetzung hierfür ist ein Rezept, das Sie von Ihrem Arzt bekommen.

Weil die Gesichts- und Halsmuskulatur nicht mehr jene exakten Nervenimpulse erhält, die sie für ein reibungsloses Funktionieren benötigt, gehen meist auch Sprech- und Schluckstörungen (Dysphagie) mit einer MS einher. Eine Wesensveränderung ist bei MS durchaus möglich. Gerade bei langjährigen Verläufen treten psychiatrische Symptome häufig auf. Wobei sich die Medizin jedoch einig ist: Die psychischen Beschwerden müssen bei jedem MS-Patienten professionell erfasst und ganzheitlich beleuchtet werden. Wenn ein Familienmitglied die Diagnose MS bekommt, steht zunächst die Welt still. Sie trifft alle Beteiligten wie ein Schlag. Doch am Ende steckt das familiäre Umfeld nicht im Körper der erkrankten Person.

Diagnose der Multiplen Sklerose

Ist das Erscheinungsbild einer MS schon vielfältig, so ist es die Diagnose erst recht. Doch wie wird MS diagnostiziert? Einen MS-Selbsttest gibt es nicht und einen Multiple Sklerose-Test online zu suchen, wird Betroffene nicht weiterbringen. Eine verlässliche MS-Diagnose kann nur ein Arzt stellen. Für die Diagnostik einer Multiplen Sklerose kommen verschiedene Methoden zum Einsatz.

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Es gibt keinen Einzeltest, der eine Multiple Sklerose beweisen könnte, aber anerkannte Diagnosekriterien. Die Ärztin oder der Arzt nimmt verschiedene Untersuchungen vor, auch, um andere Erkrankungen als Ursache der Beschwerden auszuschließen. Beispielsweise verursachen infektiöse Erkrankungen wie Borreliose oder Syphilis manchmal ähnliche Symptome.

Neben der Krankengeschichte (Anamnese) und den klinischen Symptomen (neurologischer Befund) werden zur Diagnosestellung die Kernspintomographie des Schädels und des Rückenmarks, die Ableitung der sog. evozierten Potentiale und die Liquordiagnostik herangezogen. Ferner müssen andere Krankheiten, die Symptome einer MS imitieren können, ausgeschlossen werden.

Wichtige Hinweise liefern vor allem die neurologische Untersuchung, Bilder von Gehirn und Rückenmark durch eine Magnetresonanztomografie (MRT) sowie eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquor).

Eine bestimmte Kombination aus Untersuchungsergebnissen erlaubt dann die Diagnose Multiple Sklerose.

Stark vereinfacht gesagt, müssen neurologische Beschwerden und Befunde vorhanden sein, die typisch für eine Multiple Sklerose sind. Außerdem suchen Ärztinnen und Ärzte in MRT-Aufnahmen von Gehirn und Rückenmark nach bestimmten Krankheitszeichen, sogenannten Läsionen.

Damit die Diagnose gestellt werden kann, müssen die Befunde zudem räumlich und zeitlich getrennt sein. Fachleute nennen das „räumliche Dissemination“ und „zeitliche Dissemination“.

Räumliche Trennung: Vereinfacht erklärt, müssen zum Beispiel unterschiedliche, räumlich getrennte Regionen von Gehirn und Rückenmark erkrankt sein. Entsprechend finden sich auf MRT-Bildern Läsionen in verschiedenen Hirnbereichen. Das kann mit Symptomen verbunden sein, die ihren Ursprung erkennbar in unterschiedlichen Hirnregionen haben.

Zeitliche Trennung meint, dass ein Fortschreiten der Erkrankung erkennbar ist. Zum Beispiel treten mindestens zwei unterschiedliche Krankheitsschübe auf. Oder in einer MRT-Untersuchung sind gleichzeitig alte und neue Läsionen feststellbar. Oder in einer weiteren MRT-Untersuchung kommen neue Läsionen dazu.

Liquoruntersuchung

Eine kleine Menge des sogenannten Nervenwassers (Liquor) wird mithilfe einer Nadel aus dem Wirbelkanal entnommen (Lumbalpunktion). Oligoklonale Banden sind sogenannte Immunglobuline, das heißt: Antikörper. Sie liefern Hinweise auf entzündliche Prozesse im Körper. Bei rund 95 Prozent aller MS-Patienten liegen sie vor.(2) Weil sie aufgrund ihrer Größe die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden können, befinden sie sich nur in der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit (Liquor) und nicht im Blut. Dies spricht für eine Entzündung, die ihren Ausgangspunkt im Gehirn hat. Allerdings liegen die oligoklonalen Banden erst im späteren Verlauf einer MS-Erkrankung vor, selten schon zu Anfang. Die Untersuchungen sind nicht nur technisch aufwändig, sie dauern auch lange.

MS-Diagnose bei Kindern

Bei der MS-Diagnostik im Kindesalter orientieren sich Ärzte an denselben Kriterien wie bei erwachsenen Patienten.

Für die meisten Neupatienten ist die MS-Diagnose im ersten Moment ein Schock. Doch geht für sie das Leben weiter - wenn auch anders als zuvor. MS-Patienten müssen Schritt für Schritt lernen, mit ihrer Krankheit umzugehen.

So massiv eine MS-Diagnose auch ist, nicht jede Erkrankung endet damit, dass der Betroffene fast bewegungsunfähig im Rollstuhl sitzen muss. Gerade zu Beginn der Erkrankung heilen die meisten Entzündungen wieder ab, sodass sich auch die Symptome zurückbilden.

Verlauf der Multiplen Sklerose

Multiple Sklerose kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich verlaufen. Laut der „Patientenleitlinie MS“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie ist die Mehrheit der Patientinnen oder Patienten 15 bis 20 Jahre nach der Diagnose nur wenig oder mäßig betroffen. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft betont, dass die Krankheit nicht zwangsläufig schwer verlaufen muss.

Stark vereinfacht gesagt, gibt es zwei Verlaufstypen:

  • schubförmig
  • voranschreitend (progredient)

Meistens beginnt eine Multiple Sklerose schubförmig.

Schubförmige MS

Bei einem Schub spüren Betroffene neurologische Symptome über mindestens 24 Stunden. Häufig bilden sich diese Beschwerden nach einiger Zeit ganz oder teilweise wieder zurück. Bis zum nächsten Schub vergehen Wochen oder teils Jahre. In insgesamt drei Viertel aller Fälle tritt die MS in Schüben auf. Zu Beginn der Krankheit ist das bei 85 Prozent so und die Betroffenen haben durchschnittlich alle zwei bis drei Jahre einen Schub. Ein Schub ist gekennzeichnet durch episodisches Auftreten und vollständige oder teilweise Rückbildung (Remission) neurologischer Symptome innerhalb von Tagen bis Wochen.

Meistens läuft ein Schub so ab: Die Betroffene bemerkt Symptome, etwa dass sich ein Arm taub anfühlt oder das Sehen auf einem Auge schlechter ist. Innerhalb weniger Stunden nehmen die Beschwerden stetig zu. Ohne Behandlung bleiben sie irgendwann für Tage oder Wochen auf einem Niveau stehen und bilden sich dann langsam ganz oder teilweise zurück. Manche Schübe machen nur leichte Beschwerden, wie ein kaum spürbares Kribbeln, andere sehr schwere, wie vollständige Lähmung beider Beine. Jeder Schub führt zu einer Beschädigung im zentralen Nervensystem.

Bei etwa 15 Prozent der Betroffenen geht die schubförmige MS später in eine sekundär (= an zweiter Stelle) progrediente Multiple Sklerose über. Die Symptome zwischen den Schüben bilden sich nicht mehr zurück oder verstärken sich über die Zeit.

Voranschreitende MS

Bei einem voranschreitenden Verlauf nehmen die Krankheitszeichen eher kontinuierlich zu. In seltenen Fällen tritt ein voranschreitender Verlauf zu Beginn einer MS auf. Teilweise geht ein schubförmiger Verlauf in einen voranschreitenden Verlauf über. 15 Prozent der Betroffenen haben zu Beginn der Erkrankung keine Schübe, bei ihnen fällt die MS durch eine langsame Zunahme der Beschwerden auf.

Ärztlich erfasst wird unter anderem auch, ob die Krankheit entzündlich aktiv oder nicht aktiv ist - ob es beispielsweise zu neuen Schüben kommt oder bestimmte Befunde in der MRT-Untersuchung neu feststellbar sind.

Therapie der Multiplen Sklerose

MS-Therapie möglichst frühzeitig beginnen. „Die verschiedenen Verlaufsformen machen einen gezielten und sorgfältig ausgewählten Einsatz von Medikamenten notwendig. Von zentraler Bedeutung ist es in jedem Fall, möglichst früh mit einer Therapie zu beginnen“, betont Prof. Dr. Weber.

„Das Ziel der MS-Therapie ist eine weitgehende Freiheit von klinisch und kernspintomographisch messbarer Krankheitsaktivität“, so der Experte weiter. Dafür kämen verschiedene neue Medikamente, beispielsweise Antikörper, zum Einsatz. Es gibt keine allgemeine Empfehlung, mit welchem Medikament begonnen werden sollte. Die Auswahl des Medikamentes richtet sich deshalb nach der Schwere der Erkrankung, dem Wunsch des Patienten und nach den Begleiterkrankungen.

„Auch die Nebenwirkungen der medikamentösen Therapien sollten immer im Blick behalten werden. Daher muss die Gabe von Medikamenten immer individuell abgestimmt und vom behandelnden Arzt sorgsam abgewogen werden“, so Prof. Dr. Weber. Wichtig ist darüber hinaus ein fortlaufendes Monitoring des Patienten durch regelmäßige neurologische Untersuchungen, möglichst unter Einschluss der Kernspintomographie, um eine möglicherweise notwendige Umstellung oder Anpassung der Therapie zeitnah durchführen zu können.

Die Behandlung eines akuten Kranheitsschubs besteht in einer hochdosierten Steroid („Kortison“)-Gabe; bei schweren Schüben oder bei nur unzureichender Rückbildung trotz mehrfacher Steroidgabe kann auch eine Plasmapherese („Blutwäsche“) erfolgen. Da es sich bei der Multiplen Sklerose um eine chronische Erkrankung handelt, ist in vielen Fällen eine vorbeugende Behandlung erforderlich, um die Wahrscheinlichkeit eines Auftretens von neuen Schüben oder eine weitere Krankheitsprogression zu reduzieren. Hierzu kommen neben Präparaten der sog. Basisbehandlung (Interferone, Glatirameracetat) auch Medikamente der Eskalationsbehandlung (Natalizumab, Fingolimod, Mitoxantron, Cyclophosphamid) zum Einsatz. Zusätzlich kann eine Symptom-orientierte Behandlung („symptomatische Therapie“) von MS-Folgen, wie z.B. Spastik, Koordinationsstörungen, Blasenstörungen, Schmerzen und Gangstörung erfolgen. Hierzu stehen mehrere medikamentöse Therapieoptionen zur Verfügung.

Behandlung eines Schubes

  • Kortison: Bei einem akuten Schub kommen zeitlich begrenzt hoch dosierte Kortisonpräparate als Infusion über die Vene oder zum Einnehmen infrage. Sie sollen die Entzündungsreaktion eindämmen und Symptome rasch zum Abklingen bringen. Mögliche Nebenwirkungen sind beispielsweise Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen oder Magenprobleme.
  • Blutwäsche: Zeigt die Kortisontherapie keine ausreichende Wirkung, kommt eventuell eine spezielle Blutwäsche zum Einsatz. Dabei wird Blut entnommen, über Filter von bestimmten Bestandteilen gereinigt und wieder zurückgeführt. Dieses Verfahren ist an spezialisierten Kliniken möglich und für den schweren akuten Schub vorgesehen.

Immuntherapie

Es gibt es eine ganze Reihe von Medikamenten, die bei einer Multiplen Sklerose auf das Immunsystem wirken. Diese Immuntherapeutika sollen den Krankheitsverlauf langfristig günstig beeinflussen.

Welcher Wirkstoff zum Einsatz kommt, hängt unter anderem vom potenziellen Nutzen, den Risiken, dem Alter der Betroffenen, dem Krankheitsverlauf und der Krankheitsaktivität ab. Am wirksamsten sind speziell entwickelte Antikörper. Sie verhindern das Eindringen von bestimmten Immunzellen ins Gehirn oder reduzieren ihre Konzentration im Blut. Dadurch können diese Zellen keine Entzündungen mehr auslösen. Mittlerweile gibt es gut 20 Immuntherapie-Mittel (Stand: April 2023), einige davon auch für die sekundär oder primär progrediente MS. Das ermöglicht weitgehend individuell zugeschnittene Behandlungspläne. Ob man eine Immuntherapie beginnt und mit welchem Medikament, hängt an einer Vielzahl von Faktoren. Dabei geht es um Aspekte wie Krankheitsverlauf, Familienplanung oder das individuelle Risikoprofil. Grundsätzlich wird empfohlen, bei allen Menschen mit MS eine Immuntherapie zu beginnen. Zu der Frage, wann der beste Zeitpunkt dafür ist, gibt es unterschiedliche Meinungen. Immuntherapien können die MS nicht heilen, aber ihren Verlauf stark verbessern. Manchmal werden daher auch die Begriffe „verlaufsmodifizierend“ oder „verlaufsverändernde“ Therapien verwendet.

Therapie von einzelnen Symptomen

Im Krankheitsverlauf können verschiedene Beschwerden auftreten, die Betroffene beeinträchtigen. Mögliche Symptome sind beispielsweise Schmerzen, eine verkrampfte Muskulatur (Spastik), Blasen- oder Darmfunktionsstörungen, Störungen der Sexualität, Sprech- und Schluckstörungen, schnelle physische und psychische Ermüdbarkeit oder Depressionen.

Ärztinnen und Ärzte stimmen die gezielte Behandlung einzelner Symptome mit den Betroffenen ab. Oft gibt es passende Medikamente, welche die Beschwerden lindern können. Oder es kommen nicht-medikamentöse Behandlungen infrage. Je nach Situation kann das zum Beispiel eine Physiotherapie, eine Ergotherapie oder eine Psychotherapie sein.

Rehabilitation

Eventuell kann eine mehrwöchige Rehabilitation angebracht sein. Diese konzentriert sich nicht auf einzelne Symptome, sondern soll Betroffene dabei unterstützen, ihren Alltag bei möglichst hoher Lebensqualität weiterhin gut zu bewältigen. Betroffene erhalten eine Reihe verschiedener Therapien, zum Beispiel Bewegungs- oder Entspannungstherapien, oder erlernen Techniken zur Krankheitsbewältigung. Ärztinnen und Ärzte nennen das „multimodale Rehabilitation“. Sie entwickeln die individuellen Therapieziele und die passenden Inhalte gemeinsam mit den Betroffenen.

Was Betroffene selbst tun können

Im täglichen Leben gibt es einiges, dass die Multiple Sklerose günstig beeinflussen kann. Ein wesentliches Element ist regelmäßige körperliche Aktivität. Ein Spaziergang oder eine Wanderung, eine Fahrradtour oder ähnliche Aktivitäten im Freien haben außerdem gleich mehrere positive Effekte: Man bewegt sich und kann schon durch kurzen, aber regelmäßigen Aufenthalt in der Sonne etwas gegen einen Vitamin-D-Mangel tun. Aber auch gezieltes Training ist wichtig. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) bietet weitergehende Informationen zu MS und Sport sowie ein spezielles MS-Funktionstraining an.

Ein weiterer wichtiger Baustein, den jeder selbst in der Hand hat, ist die Umstellung auf eine gesunde Ernährung. Selbst zubereitete Mischkost mit viel Obst und Gemüse, Fisch und Vollkornprodukten, aber wenig Zucker und Salz, tierischen Fetten und Zusatzstoffen (wie in verarbeiteten Lebensmitteln) hat positive Effekte. Zudem sollten Menschen mit Multipler Sklerose nicht rauchen. Rauchen ist ein Risikofaktor und die Betroffenen sollten alles daran setzen, die Nikotinsucht zu überwinden. Wer es allein nicht schafft, findet Unterstützung: Viele Krankenkassen haben Angebote zur Raucherentwöhnung, z.B. „Nichtrauchertrainings“.

Patientenverfügung

Eine Patientenverfügung stellt sicher, dass Ihre medizinischen Wünsche auch in unerwarteten Situationen respektiert werden und bewahrt so Ihre Selbstbestimmung. Sie greift in Situationen, in denen Sie aufgrund von Krankheit oder Verletzung nicht in der Lage sind, sie selbst auszudrücken. Dieses Dokument entlastet zudem Ihre Angehörigen von schwierigen Entscheidungen, vermeidet Missverständnisse und schützt vor unerwünschter Über- oder Unterbehandlung.

Prognose der Multiplen Sklerose

Die Multiple Sklerose ist zwar weiterhin nicht heilbar. Jedoch kann der Verlauf der Erkrankung oft durch eine richtig eingesetzte medikamentöse Therapie durch einen erfahrenen Arzt sowie durch Physio-, Ergo- und Logotherapie günstig beeinflusst werden. Entgegen der landläufigen Meinung führt die MS nicht zwangsläufig zu schweren Behinderungen. Auch viele Jahre nach Beginn der Erkrankung bleibt die Mehrzahl der Patienten noch gehfähig.

MS ist eine chronische Erkrankung. Eine ursächliche Therapie, also ein Medikament, das Multiple Sklerose (MS) heilt, gibt es noch nicht. Aber: Mithilfe der zahlreichen Therapieoptionen und der aktiven Vermeidung von Risikofaktoren und Umstellung seines Lebensstils lässt sich die Erkrankung heute gut kontrollieren. Die allermeisten Menschen mit Multipler Sklerose (MS) können ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben führen und lange Zeit mobil bleiben.

Multiple Sklerose steht grundsätzlich weder einer Ausbildung noch der Berufsausübung, Freundschaften, Sport, sozialen Kontakten oder der Gründung einer Familie im Wege. Während der Schwangerschaft nimmt die Wahrscheinlichkeit für einen Schub ab. In den ersten drei Monaten nach der Geburt nimmt sie zu. Stillen scheint vor Schüben zu schützen. MS-Medikamente können sich auf das ungeborene Kind auswirken, weswegen besondere Vorsicht geboten ist. Nicht jedes Medikament darf in der Schwangerschaft gegeben werden. Eine Schwangerschaft sollte daher möglichst in einer stabilen Phase der Erkrankung geplant und Medikamente eher abgesetzt werden - zumal sie, wie oben beschrieben, einen gewissen Schutz vor Schüben bietet. Die Therapie eines schweren Schubes mit Kortison ist in der Schwangerschaft ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel möglich. Wenn Kortison im ersten Schwangerschaftsdrittel gegeben wird, besteht ein erhöhtes Risiko, dass das Kind mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren wird. Die meisten Immuntherapien werden allerdings über die Muttermilch an den Säugling weitergegeben, was die Entscheidung über einen Therapiebeginn verkompliziert.

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