Neuromuskuläre Erkrankungen bei Babys: Ursachen, Symptome und Diagnose

Neuromuskuläre Erkrankungen beeinträchtigen das Zusammenspiel zwischen Nervensystem und Muskeln und können verschiedene Bereiche des neuromuskulären Systems betreffen. Diese Erkrankungen können zu Schwäche, Bewegungsproblemen und anderen Symptomen führen. Oft wird vereinfachend von Muskelkrankheiten oder Muskelschwund gesprochen, wobei Muskelkrankheiten streng genommen nur die Erkrankungen des Muskels selbst sind. Zu den neuromuskulären Erkrankungen sind aber auch die Erkrankungen der den Muskel innervierenden Nervenfasern zu rechnen.

Was sind neuromuskuläre Erkrankungen?

Neuromuskuläre Erkrankungen umfassen eine Vielzahl von Krankheitsbildern, die das Zusammenspiel zwischen Nerven und Muskeln beeinträchtigen. Dabei können verschiedene Bereiche des neuromuskulären Systems betroffen sein, einschließlich der Nerven, die Muskeln steuern, die Muskelfasern selbst oder die neuromuskulären Verbindungen zwischen Nerven und Muskeln. Dies kann zu Schwäche, Bewegungsproblemen und anderen Symptomen führen.

Ursachen neuromuskulärer Erkrankungen

Neuromuskuläre Erkrankungen können durch eine Vielzahl von Ursachen ausgelöst werden. Häufig spielen genetische Veränderungen oder Mutationen eine Rolle, die die Funktion von Nerven und Muskeln dauerhaft beeinträchtigen. Andere Formen sind autoimmun bedingt, das heißt, das Immunsystem richtet sich fälschlicherweise gegen körpereigene Strukturen. Auch Infektionen oder entzündliche Prozesse können Auslöser einer neuromuskulären Erkrankung sein. Darüber hinaus kommen Umwelteinflüsse oder Schädigungen des Nervensystems infrage.

Genetisch bedingte Formen können von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden und zeigen sich oft schon früh. Andere entstehen durch Infektionen, Entzündungen oder verschiedene äußere Faktoren und können ebenfalls bereits im Kindesalter beginnen. So treten Muskeldystrophien häufig schon in Kindheit oder Jugend auf, während Erkrankungen wie die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) meist erst im Erwachsenenalter sichtbar werden. Das genaue Erkrankungsalter hängt also stark von der jeweiligen Form ab. Manche erblichen neuromuskulären Erkrankungen können sich zudem in unterschiedlichen Lebensphasen manifestieren.

Auswirkungen auf Muskeln und Körper

Je nach Erkrankungsform treten verschiedene Symptome auf, die von Muskelschwäche, Muskelschwund und Schmerzen bis hin zu Beeinträchtigungen von Herz und Atmung reichen können.

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  • Muskelschwäche: Abnahme von Kraft, Ausdauer und Muskelmasse sowie Veränderungen der Muskulatur können zu Einschränkungen der Gehfähigkeit und anderer wichtiger Funktionen führen. Dies kann erhebliche Auswirkungen auf Alltagsbewältigung, Teilhabe am sozialen Leben und damit die Lebensqualität haben.
  • Herz- und Atemprobleme: Je nach Art der neuromuskulären Erkrankung muss auch auf eine mögliche Beteiligung der Herz- und/oder Atemmuskulatur geachtet werden. Dies kann den Verlauf der Erkrankung zusätzlich beeinflussen und erfordert eine besondere medizinische Überwachung.
  • Schmerzen und Krämpfe: Durch die neuromuskuläre Erkrankung selbst oder durch ihre Folgen, wie Skoliosen oder Gelenkdeformitäten, kann es zu Schmerzen und Krämpfen kommen, die die Belastung für die Betroffenen zusätzlich erhöhen.

Häufige neuromuskuläre Erkrankungen bei Kindern

Es gibt eine Vielzahl von neuromuskulären Erkrankungen, die bei Kindern und Säuglingen auftreten können. Zu den häufigsten gehören:

  • Duchenne-Muskeldystrophie
  • Spinale Muskelatrophie
  • Myasthenia gravis
  • Charcot-Marie-Tooth-Syndrom
  • Infantile Zerebralparese (ICP)

Diese Erkrankungen können zu Muskelschwäche, Atmungsproblemen, Schluckbeschwerden, Gehstörungen und anderen Symptomen führen. Die Behandlungsoptionen variieren je nach Krankheit und können Physiotherapie, Medikamente, Beatmung oder sogar Operationen beinhalten.

Symptome neuromuskulärer Erkrankungen

Die Symptome einer neuromuskulären Erkrankung können je nach Art und Schweregrad der Erkrankung sehr unterschiedlich sein. Zu den häufigsten Symptomen zählen jedoch:

  1. Muskelschwäche: Eine Abnahme der Muskelkraft und -funktion ist ein häufiges Symptom von neuromuskulären Erkrankungen.
  2. Muskelatrophie: Der Verlust von Muskelmasse kann bei fortschreitenden neuromuskulären Erkrankungen auftreten.
  3. Krämpfe und Spasmen: Unkontrollierte Muskelkontraktionen können Schmerzen und Einschränkungen der Beweglichkeit verursachen.
  4. Muskelzucken: Unwillkürliche Zuckungen und das Zittern der Muskeln können auftreten.
  5. Veränderungen der Reflexe: Eine verminderte oder erhöhte Reflexantwort kann ein Hinweis auf eine neuromuskuläre Erkrankung sein.
  6. Schwierigkeiten beim Gehen und Bewegungen ausführen: Eine Gangstörung und Beeinträchtigung der Bewegungskoordination können ein Hinweis auf eine neuromuskuläre Erkrankung sein.

Auswirkungen auf die Entwicklung und Lebensqualität

Neuromuskuläre Erkrankungen können sich auf die körperliche Entwicklung und die Lebensqualität von Kindern in unterschiedlicher Weise auswirken. Die Symptome können von mild bis hin zu schwerwiegend variieren, und es ist wichtig, jede Erkrankung individuell zu betrachten.

In der Regel führen neuromuskuläre Erkrankungen zu einer Beeinträchtigung der Muskelkraft und -funktion, was zu Schwierigkeiten bei Bewegungen, Gleichgewicht und Koordination führen kann. Dies kann sich auf die Fähigkeit des Kindes auswirken, alltägliche Aktivitäten durchzuführen, wie zum Beispiel laufen, klettern, schreiben und sich selbst zu pflegen.

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Einige neuromuskuläre Erkrankungen, wie die Spinale Muskelatrophie oder die Duchenne-Muskeldystrophie, können auch zu Atem- und Herzproblemen führen, was die Lebensqualität des Kindes weiter beeinträchtigen kann.

Neuromuskuläre Erkrankungen können auch emotionale und soziale Auswirkungen auf das Kind haben, da es möglicherweise Schwierigkeiten hat, mit seinen Einschränkungen umzugehen und sich von anderen Kindern zu unterscheiden.

Diagnose von neuromuskulären Erkrankungen

Durch die Fortschritte der Genetik in den letzten Jahrzehnten wurde eine zunehmend differenzierte Diagnosestellung möglich. Unter anderem bei neuromuskulären Erkrankungen ist dies von großer Bedeutung, um den weiteren Verlauf der Erkrankung besser einschätzen und Patienten beispielsweise zur Berufswahl, Familienplanung oder ggfs. Pränataldiagnostik möglichst genau beraten zu können. Auch für die zunehmenden kausalen Therapien ist eine möglichst genaue Diagnosestellung erforderlich. Sie bildet zudem die Grundlage für zielgerichtete Untersuchungen bei spezifischen Komplikationen, die beispielsweise Herz oder Atmung betreffen. Darüber hinaus hilft eine präzise Diagnosestellung, unnötige Untersuchungen zu vermeiden und frühzeitig die passende Therapie einzuleiten.

Es gibt verschiedene diagnostische Tests und Verfahren, die bei Verdacht auf eine neuromuskuläre Erkrankung bei Kindern eingesetzt werden können.

  1. Klinische Untersuchung: Eine gründliche körperliche Untersuchung durch einen erfahrenen Arzt ist der erste Schritt zur Diagnose einer neuromuskulären Erkrankung.
  2. Elektromyographie (EMG): Bei der Elektromyographie werden Muskelströme zwischen Nerv und Muskel gemessen und bewertet, ob dabei eine Signalübertragung stattfindet.
  3. Elektroneurografie: Bei diesem Verfahren wird überprüft, ob die Nerven richtig funktionieren, indem ihnen elektrische Reize zugeführt werden. So können neuromuskuläre Erkrankungen erkannt oder ausgeschlossen werden.
  4. Muskelbiopsie: Durch die Entnahme einer Gewebeprobe des Muskels kann eine gezielte Untersuchung der Gewebestruktur sowie der Stoffwechselvorgänge vorgenommen werden.
  5. Bildgebung: Bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) können verwendet werden, um den Zustand der Muskeln, Nerven und des Gehirns zu untersuchen.
  6. Genetische Tests: Genetische Tests können bei Verdacht auf eine erbliche neuromuskuläre Erkrankung durchgeführt werden, um bestimmte Mutationen im Erbgut zu erkennen.

Die Diagnose einer neuromuskulären Erkrankung erfordert in der Regel eine Kombination aus klinischen Untersuchungen, Labor- und Bildgebungstests sowie genetischen Tests.

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Behandlung von neuromuskulären Erkrankungen

Je nach Ursache und Schweregrad kann die Behandlung neuromuskulärer Erkrankungen variieren und muss individuell angepasst werden. Die Betreuung erfolgt in der Regel durch Spezialisten wie Neurologen, neuromuskuläre Mediziner und Physiotherapeuten. Zu den wichtigsten Ansätzen gehören:

  • Symptomatische Behandlungen zur Linderung der Symptome
  • Medikamente (meist bei entzündlichen neuromuskulären Erkrankungen)
  • Physiotherapeutische Maßnahmen zur Erhaltung von Beweglichkeit und Kraft
  • Hilfsmittel wie Rollstühle oder Krücken zur Unterstützung der Mobilität
  • Chirurgische Eingriffe (falls notwendig)

Die Maßnahmen zielen darauf ab, dass Betroffene mit einer neuromuskulären Erkrankung ihren Alltag besser bewältigen können und in Familie, Freundeskreis und Beruf möglichst gut integriert bleiben.

  • Ergotherapie: Funktionen und Fähigkeiten, insbesondere der oberen Extremitäten, können mithilfe von Ergotherapie verbessert oder erhalten werden. Auch die Hilfsmittelversorgung erfolgt in der Regel in unserer Klinik.
  • Logopädie: Die Logopädie ist in das Behandlungskonzept integriert, um die Sprache, das Sprechen und die Stimme zu verbessern. Das Gleiche gilt für Atmung und Abhusten. Eine weitere Domäne der Logopädie ist das Schlucken.
  • Psychotherapie: In einigen Fällen ist auch eine psychologische Behandlung erforderlich. Diese kann in Einzel- oder Gruppentherapien zu einem konstruktiveren Umgang mit der Erkrankung beitragen.
  • Sporttherapie: Leichtes bis moderates Kraft- und Ausdauertraining wirkt sich bei neuromuskulären Erkrankungen in der Regel positiv aus und wird meist gut vertragen.

Spezifische neuromuskuläre Erkrankungen im Detail

Spinale Muskelatrophie (SMA)

Die spinale Muskelatrophie, kurz SMA, ist eine genetisch bedingte neuromuskuläre Erkrankung, bei der bestimmte Nervenzellen im Rückenmark nicht gut funktionieren. Betroffen sind vor allem die sogenannten Motoneuronen im Vorderhorn des Rückenmarks. Diese Nervenzellen steuern jene Muskeln, die wir bewusst bewegen - etwa in Armen, Beinen oder beim Schlucken und Atmen.

Ursache der spinalen Muskelatrophie ist eine genetische Veränderung, die vererbt wird. Betroffen sind Kinder, die von beiden Eltern eine entsprechende Genvariante erhalten haben. Die Betroffenen haben meist einen Defekt in dem sogenannten SMN1-Gen. Dieses Gen ist notwendig, um ein bestimmtes Eiweiß (SMN-Protein) im Körper herzustellen. Fehlt dieses Protein oder ist es nur in geringer Menge vorhanden, können die betroffenen Nervenzellen ihre Funktion nicht dauerhaft aufrechterhalten und sterben ab.

Je nachdem, wie stark der SMN-Proteinmangel ist, verläuft die Erkrankung unterschiedlich schwer. Es gibt verschiedene Typen von SMA, die sich im Alter des Beginns und der Schwere der Symptome unterscheiden:

  • SMA Typ 0: Hier tritt bereits bei Neonaten eine hochgradige Schwäche und Hypotonie auf. Die Lebenserwartung ist deutlich reduziert.
  • SMA Typ I: Patienten mit SMA Typ I, auch als Werdnig-Hoffmann-Erkrankung bezeichnet, erkranken innerhalb des ersten Lebensjahres. Die Erkrankung kann Ursache eines „Floppy-infant-Syndroms“ sein. Sie überleben nur in Ausnahmefällen das sechste Lebensjahr.
  • SMA Typ II: Kinder mit SMA Typ II können während ihrer Entwicklung ohne Hilfe sitzen, allerdings sind sie nicht in der Lage ohne Hilfe zu gehen.
  • SMA Typ III: Bei der proximalen, neurogenen Amyotrophie, auch als Kugelberg-Welander-Krankheit bezeichnet, streut das Erkrankungsalter zwischen zwei und 17 Jahren.
  • SMA Typ IV: Diese Form manifestiert sich erst im Erwachsenenalter.

Seit Oktober 2021 gehört die Untersuchung auf SMA in Deutschland zum erweiterten Neugeborenenscreening. Das heißt, alle hierzulande geborenen Kinder werden getestet.

Es gibt mehrere Therapien, die gezielt an der Ursache der spinalen Muskelatrophie ansetzen - dem Mangel an SMN-Proteinen. In der Europäischen Union zugelassen ist zum Beispiel unter bestimmten Voraussetzungen eine Gentherapie mit dem Wirkstoff Onasemnogen abeparvovec. Zwei andere, häufig eingesetzte Behandlungen setzen auf die Wirkstoffe Nusinersen und Risdiplam.

Muskeldystrophie

In der Regel handelt es sich bei der Muskeldystrophie/Muskelatrophie um Erbkrankheiten, die zu einem Muskelschwund und/oder einer Muskelschwäche führen. Diese können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein, was das klinische Erscheinungsbild, die Verläufe und Prognosen anbelangt. Die häufigste Form ist die sogenannte Muskeldystrophie vom Typ Duchenne. Es kommt zur unheilbaren Schädigung der Muskelzellen bis zur vollständigen Lähmung der betroffenen Muskeln.

Die Erkrankung beginnt in der Regel unspezifisch mit rascher Ermüdbarkeit beim Sport, Gangauffälligkeiten, Gangunsicherheiten, erlernte Fähigkeiten werden wieder verlernt. Wenn die Erkrankung früh auftritt, kommt es zu einer verspäteten Gehfähigkeit, später kann es auch zu Verformungen von Knochen oder betroffenen Gelenken kommen (Fußdeformitäten, Skoliose).

Eine ursächliche Behandlung ist nicht bekannt. Eine individualisierte Physiotherapie, Krankengymnastik und Hilfsmittelversorgung ist notwendig, in manchen Fällen können auch operative Eingriffe notwendig sein, um Fehlstellungen zu vermindern und die Lebensqualität der Kinder positiv zu beeinflussen.

Myopathie

Eine Myopathie ist eine Muskelerkrankung, die sowohl erblich bedingt als auch erworben sein kann. Je nachdem welche Form Betroffene haben, können neben den typischen Symptomen einer Myopathie wie Muskelschwäche, Muskelschmerz und Muskelschwund noch weitere Beschwerden hinzukommen und daran Erkrankte im alltäglichen Leben einschränken.

Es gibt vier Gruppen von Myopathien:

  • Primäre Myopathie bzw. Muskeldystrophie
  • Mitochondriale Myopathien
  • Kongenitale Myopathien
  • Myositis (entzündliche Myopathie)

Zu den häufigsten Ursachen einer Myopathie zählt eine genetische Veranlagung. Dennoch ist es möglich, an einer erworbenen Form der Myopathie wie etwa einer Muskelentzündung zu erkranken.

In der Regel sind Muskelschwäche, Muskelschmerzen und Muskelschwund gemeinsame Symptome aller Myopathien. Zu den Hauptbeschwerden können noch weitere Symptome je nach myopathischer Form und Ursache hinzukommen: Bewegungseinschränkungen, Atemprobleme, Herzprobleme, Schluckbeschwerden, Steifheit und Lähmungen.

Der Verlauf einer Myopathie ist bei jeder betroffenen Person unterschiedlich. Bei den meisten Patientinnen und Patienten schreitet die myopathische Erkrankung jedoch allmählich voran. Lebenserwartung und Verlauf einer Myopathie hängen von Form der Muskelerkrankung sowie der Schwere und den jeweiligen Patientinnen und Patienten selbst ab.

Bei der Diagnostik von Myopathien können Ärztinnen und Ärzte mit verschiedenen Verfahren arbeiten: Bildgebende Diagnostik, Laboruntersuchungen, Muskelbiopsie, Molekulargenetische Diagnostik, Elektromyografie, Elektroneurografie, Muskelbelastungstest.

Neben einer medikamentösen Therapie der Myopathie ist auch die therapeutische Behandlung durch Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie eine Möglichkeit.

Infantile Zerebralparese (ICP)

Die infantile Cerebralparese (ICP) ist auf eine frühkindliche Schädigung zurückzuführen, die während der Schwangerschaft, der Geburt oder in den ersten Lebensjahren entstanden ist. Schätzungen zufolge sind 12 von 1000 Neugeborenen von der infantilen Cerebralparese betroffen.

Die Symptome sind höchst unterschiedlich ausgeprägt und können die Bewegung der Gelenke, das Gangbild, Sehen, Sprechen, Hören oder Denken des Kindes betreffen. Es kommt zu einer gestörten Entwicklung des zentralen Nervensystems mit verlangsamter motorischer Entwicklung, einem veränderten Muskeltonus, einer veränderten Muskelstärke sowie veränderter Koordination und veränderten Bewegungsabläufen.

Die Behandlung der infantilen Cerebralparese ist nicht ursächlich, sondern rein symptomatisch. Sie richtet sich in der Regel nach der Schwere der Beeinträchtigung und dem Alter des Kindes. Die Therapie ist stets individuell dem Kind anzupassen und in der Regel multidisziplinär, um alle Funktionsstörungen zu berücksichtigen. Die Kinder werden durch Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie in speziellen Hilfseinrichtungen individuell gefördert, auch spezielle Medikamente können hilfreich sein. Oft sind Hilfsmittel wie Einlagen, Orthesen (Nachtschienen, Tagorthesen, Rollstühle oder Stehständer) notwendig. Bei speziellen Fällen kann auch die Injektion von Botulinumtoxin helfen, die Situation zu verbessern.

Muskelhypotonie

Muskelhypotonie ist mehr als ein Symptom, selbst wenn sie im medizinischen Sinn nicht als eigenständige Krankheit verstanden wird. In der internationalen Klassifikation von Funktionen/ICF der WHO sind zahlreiche Funktionseinschränkungen definiert, die den Muskeltonus betreffen.

Muskelhypotonie birgt einen Symptomenkomplex, der ohne Behandlung in der Säuglingsphase vielschichtige Entwicklungsverzögerungen nach sich ziehen kann. Im frühen und weiteren Kindesalter bilden sich Kompensationsstrategien und vermeidendes Verhalten aus, die es Fachleuten und Eltern erschweren, die Muskelhypotonie zu erkennen. Muskelhypotonie verzögert meist die sensomotorische Entwicklung, die selbstständige Aufrichtung in die Vertikale. Bewegungszwischenstufen werden ausgelassen. Die niedrige Muskelspannung vermindert die Wahrnehmung des Tastsinnessystems. Die ersten Lebensjahre sind von Antriebslosigkeit und fehlender Vitalität überschattet. Im späteren Alter arrangieren sich die betroffenen Kinder mit ihren Defiziten und kompensieren diese bisweilen fantasiereich und humorvoll.

Im Laufe der Jahre erscheinen die Symptome dezenter und werden von erworbenen Fähigkeiten überlagert. Sie fallen nicht mehr vorrangig als Koordinationsstörungen auf, beeinflussen das Verhalten jedoch weiterhin. Auf jeden Fall verringert unbehandelte Hypotonie der Skelettmuskulatur die Ausdauer und Leistungsfähigkeit in Schule und Beruf.

Säuglinge mit hypotoner Mund- und Schluckmuskulatur saugen schwach, langsam mit ungenügendem Mundschluss. Das Essen und Trinken ist sehr zeitaufwendig. Zwischen den Mahlzeiten schläft das Baby mit Muskelhypotonie auffällig lange, tagsüber ist es weniger als andere Säuglinge wach. Es meldet sich auch nachts seltener, wenn es hungrig ist.

Das Baby strampelt wenig. Die Beine liegen gestreckt wie auseinandergefallen auf der Unterlage. In Rückenlage stemmt es die Fersen nicht gegen den Widerstand einer Begrenzung. Es macht keine Brücke. Der Säugling zieht seine Füße mit den Händen nicht ins Blickfeld und zum Mund. Er berührt wenig seine Körperbereiche. Das Anheben der Arme in Rückenlage ist nicht möglich, die Oberarme liegen auf, die Unterarme werden angewinkelt, manchmal die Hände verdreht. Das kleine Kind greift nicht mit beiden Händen nach dem Spielzeug, lässt oft etwas fallen. Kinder mit Muskelhypotonie meiden die Bauchlage, sie spielen nie oder ungern in dieser Position. Es fällt ihnen schwer auf dem Bauch liegend ihren Kopf anzuheben.

Beim Hochnehmen und Tragen hilft das Kind nicht mit. Der Kopf sinkt nach hinten, die Arme und Beine werden nicht gebeugt. Das Anklammern in der angeborenen Anspreiz-Hock-Stellung fehlt. Die Haltung beim Tragen wirkt puppenartig mit schlenkernden, baumelnden Gliedmaßen. Das Kleine fühlt sich schwer an und droht zu entgleiten. Die Körperhaltung sieht schief, asymmetrisch, aus im Liegen, Sitzen, beim Tragen, Wickeln und Baden. Das Kind hilft beim Anziehen nicht mit, steckt die Arme und Beine nicht in die Kleidung. Bei kinderärztlichen Untersuchungen sind die angeborenen primären Reaktionen (veraltet „Reflexe“) nur schwach auslösbar, nie überreaktiv.

Bereits beim ersten Verdacht auf eine Entwicklungsverzögerung ist es wichtig, mit kindesgerechter Physiotherapie nach einem neurophysiologisch orientierten Konzept zu beginnen. Im Säuglingsalter darf keine Zeit für die Förderung verloren werden, auch wenn der oft langwierige medizinisch-diagnostische Prozess noch nicht abgeschlossen ist.

Wenn die Mundmuskulatur von Muskelhypotonie mit betroffen ist und das ist häufig der Fall, verzögert sich nicht nur das Essenlernen, sondern häufig auch die Sprachentwicklung. Das Kleinkind ahmt weniger Mundbewegungen nach, imitiert kaum Geräusche und Tierstimmen, prustet nicht und kann keine Schnalzlaute machen. Wenn das sprachentwicklungsverzögerte Kind endlich Wörter bildet, so klingt die Aussprache verwaschen, ungenau.

Kinder mit Entwicklungsverzögerungen sind extrem langsam und unselbstständig beim Anziehen und Ausziehen. Sie verwechseln bei Kleidungsstücken innen und außen, vorne und hinten, oben und unten, bei Schuhen links und rechts. Auch bei der Nahrungsaufnahme bleiben sie hinter den Fähigkeiten der Gleichaltrigen zurück.

Beim Kindergartenausflug kann das Kind mit Muskelhypotonie das Schritttempo der anderen nicht mithalten. Es ermüdet schnell beim Gehen, klagt evtl. über Fußschmerzen. Das Kind ist unsicher auf unebenem Gelände. Das Gehen wirkt nicht geschmeidig. Kinder mit Muskelhypotonie verhalten sich meist defensiv im Außenbereich der Kindertagesstätte. Sie kommen im Tempo, in Ausdauer und Geschicklichkeit Gleichaltriger nicht mit. Ihre eingeschränkte Beweglichkeit wirkt sich aus auf ihr Spielverhalten.

Feinmotorische Tätigkeiten können Kinder mit verminderter Muskelkraft oft nur mit Hilfe bewältigen. Das Schneiden mit der Schere ist eine große Hürde, da es die Koordination beider Hände erfordert. Auch die Stifthaltung kann auffällig sein. Viele dieser Kinder vermeiden das Malen von Menschen, weil sie sich dabei nicht ausreichend auf ihre Körperwahrnehmung stützen können (Körperschemastörung).

Im Kontext von Muskelhypotonie kann die Spannung dieser verborgenen Muskeln vermindert sein. Kinder mit Muskelhypotonie können häufiger als andere geräuschempfindlich sein. Auditiv hypersensible Kinder gehen ungern in den Kindergarten.

Ein Vormittag in der Schule bedeutet einen gewaltigen Kraftakt für Kinder mit ungenügender Haltungskontrolle wegen ihrer rasch ermüdenden Muskulatur. Beim Sitzen sind sie ständig mit der Suche nach einer aufrechten Haltung beschäftigt.

Das Schriftbild von Kindern mit Muskelhypotonie ist häufig auffällig. Die Druckschrift gelingt einigermaßen mit verkrampfter Stifthaltung, aber bei der Schreibschrift tanzen die Buchstaben auf den Linien.

Die Ermüdung der Schreibhand und des federführenden Armes kompensieren einige Kinder mit dem Abwechseln der Hände. Damit ist die Präferenz für Rechts- oder Linkshändigkeit ist nicht immer klar erkennbar. Bei Muskelhypotonie hat der Handwechsel mit verminderter Kraft der Muskulatur zu tun, nicht - wie oft angenommen wird - mit neuronaler Veranlagung.

Es kann eine bedeutsame Entlastung für alle Beteiligten sein, wenn ein Kind mit Muskelhypotonie in der Schule auf einer Tastatur schreiben darf. Sinnvoll ist das Erlernen des 10-Fingersystems alternativ zur mühsamen Schreibschrift. Die muskuläre Instabilität äußert sich als motorische Unruhe, als hyperkinetisches Verhalten, dass dann meist mit Hyperaktivität verwechselt wird. Sie benötigen mehrmals während einer Unterrichtsstunde Positionswechsel, Stehpulte und wippende Hocker.

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