Kreuzbandverletzungen stellen ein erhebliches Problem im Fußball dar und können lange Rehabilitationsprozesse sowie erhebliche Auswirkungen auf die Karriere von Spieler*innen haben. Neuromuskuläres Training hat sich als eine effektive Methode zur Verletzungsprävention und Leistungssteigerung im Fußball etabliert. Dieser Artikel beleuchtet die Grundlagen, Übungen und Anwendungsmöglichkeiten des neuromuskulären Trainings im Fußball.
Die Bedeutung des Neuromuskulären Trainings im Fußball
Im Fußball sind die Spieler*innen aufgrund der sportartspezifischen Bewegungsanforderungen wie plötzliche Stopps, Richtungswechsel, Sprungbewegungen und Zweikämpfe besonders gefährdet, sich am Kreuzband zu verletzen. Studien zeigen, dass das Verletzungsrisiko durch gezieltes präventives Training um bis zu 62% reduziert werden kann.
Neuromuskuläres Training zielt darauf ab, das Zusammenspiel von Nerven und Muskeln zu verbessern, um die Gelenke unter Belastung dynamisch zu stabilisieren. Es fördert die intra- und intermuskuläre Koordination, sodass der Körper auch auf unbewusste und unwillkürliche Belastungen adäquat reagieren kann. Eine gut ausgeprägte Rumpf- und Beinachsenstabilität ist im Fußballspiel von enormer Bedeutung und kann durch neuromuskuläres Training verbessert werden.
Verletzungsprävention im Fokus
Die Prävention von Verletzungen des vorderen Kreuzbandes (VKB) ist ein zentrales Anliegen im Fußball. Rund 350.000 VKB-Operationen werden jährlich gezählt. Bei jungen Athletinnen und Athleten wurde festgestellt, dass jene mit einer VKB-Operation zu 23% im Folgejahr eine Verletzung am anderen Knie erleiden. Innerhalb von 10 Jahren zeigen 42% der verletzten und operativ versorgten Fußballspielerinnen radiologisch darstellbare Arthrosezeichen.
Eine Meta-Analyse kommt zu dem Schluss, dass neuromuskuläres Training eine effektive Präventionsstrategie darstellt, um Kreuzbandverletzungen bei jungen Athletinnen zu reduzieren. Vor allem (Maximal)Krafttraining und Rumpf-Kontroll-Übungen wirken signifikant prophylaktisch. Plyometrisches Training zeigte keine signifikante positive Wirkung, und Balancetraining erwies sich als quasi wirkungslos.
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Risikofaktoren für VKB-Verletzungen
Die Entstehung von VKB-Verletzungen ist multifaktoriell. Häufige Verletzungssituationen sind Abbrems- und Richtungswechselbewegungen bei nahezu gestrecktem Knie und mit auf dem Untergrund fixiertem Fuß. Risikofaktoren können in intrinsische (körperbezogene) und extrinsische (umweltbedingte) Faktoren unterteilt werden.
Intrinsische Risikofaktoren:
- Anatomische Faktoren (z.B. Beinachsenstellung)
- Hormonelle Faktoren
- Muskuläre Dysbalancen (z.B. schwache Hamstrings im Verhältnis zum Quadrizeps)
- Neuromuskuläre Defizite (z.B. mangelnde Rumpf- und Beinachsenstabilität)
Extrinsische Risikofaktoren:
- Schuhwerk (z.B. Stollen, die die Fußrotation zu stark einschränken)
- Bodenbeschaffenheit
- Wetterbedingungen
- Ermüdung
Besonderheiten im Frauenfußball
Fußballerinnen haben ein erhöhtes Risiko für VKB-Verletzungen. Dafür werden anatomische, biomechanische, neuromuskuläre und hormonelle Faktoren verantwortlich gemacht. Biomechanische Unterschiede, wie der Winkel zwischen Oberschenkelknochen und Becken, führen zu andersartigen Belastungen auf das Knie. Zudem weisen Frauen häufiger muskuläre Dysbalancen und eine unzureichende neuromuskuläre Kontrolle des Oberkörpers auf.
Übungen für das Neuromuskuläre Training im Fußball
Das neuromuskuläre Training sollte sportartspezifische Bewegungsformen vorbereiten und eine adäquate Aktivierung des Muskelapparats gewährleisten. Es eignet sich hervorragend für ein Erwärmungsprogramm und sollte in den Trainingsalltag integriert werden.
Bestandteile eines effektiven Trainingsprogramms:
- Neuromuskuläres Training (Plyometrie, Agilität, sportartspezifische Belastungen)
- Krafttraining
- Beweglichkeitstraining
- Balancetraining
- Sportartspezifische Bewegungstechnik
Beispiele für Übungen:
- Wall Drill: Diese Übung dient dazu, eine optimale Körperposition für die Beschleunigungsphase im Sprint zu erarbeiten. Sie trainiert die Streckung in Hüft-, Knie- und Sprunggelenk ("Triple Extension") sowie den dynamischen Wechsel von Stand- und Schwungphase.
- Kniebeugen (Squats): Fördern die Beinmuskulatur und Hüftstabilität.
- Ausfallschritte (Lunges): Trainieren Gleichgewicht und Beinachsenkontrolle.
- Planks: Aktivieren den Rumpf und verbessern die Core-Stabilität.
- Einbeinstand: Varianten mit und ohne Widerstand oder Perturbation verbessern die Beinachsenstabilität und das neuromuskuläre Zusammenspiel.
- Plyometrisches Training (Jump & Drop-Jumps): Verbessert die Kontrolle bei Richtungswechseln und Landungen.
- Core-Training: Stärkt die Rumpfmuskulatur und unterstützt die gesamte Stabilität.
- Wandpässe: Verbessern die Ballkontrolle und beidfüßige Technik.
- Dribbelparcours: Fördern die Ballkontrolle bei verschiedenen Geschwindigkeiten.
- Antrittssprints: Verbessern Antritt und Beschleunigung.
Der Wall Drill im Detail
Der Wall Drill hat seinen Ursprung im Athletik- und Sprinttraining. Er dient dazu, eine optimale Körperposition für die Beschleunigungsphase im Sprint zu erarbeiten. Innerhalb einer Reha an der unteren Extremität kann der Wall Drill eingesetzt werden, um den Übergang vom Gehen zum Joggen vorzubereiten.
Voraussetzung: Freigabe der Vollbelastung für die untere Extremität
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Ziel: Trainiert vor allem die Streckung in Hüft-, Knie- und Sprunggelenk („Triple Extension“) sowie den dynamische Wechsel von Stand- und Schwungphase beim Gehen, Joggen und Sprinten. Zusätzlich lassen sich mit dieser Übung Impact-Belastungen (Stoß-/Stauchbelastung) aus einer funktionellen Ausgangsstellung erarbeiten und kontrolliert steigern.
Ausführung: Der Trainierende absolviert die Bewegung des Spielbeins zunächst ohne und dann mit zunehmend „härterem“ Bodenkontakt mit dem (Vor-)Fuß.
Häufige Fehler und Korrekturen:
- Fehler 1: BWS und LWS sind im Kniehub flektiert und der Kopf steht in Protraktion.
- Korrektur: Der Therapeut legt dem Trainierenden einen Stab als taktilen Reiz an den Rücken, zu dem dieser während der Bewegung mit Hinterhaupt, BWS und Kreuzbein Kontakt halten soll.
- Fehler 2: Die Arme des Trainierenden sind nicht gestreckt, wodurch Rumpf- und Schultergürtelmuskulatur nicht optimal aktiviert werden.
- Korrektur: Der Therapeut bittet den Trainierenden, sich vorzustellen, dass er ein Auto anschieben muss.
- Fehler 3: Das Standbein des Trainierenden ist nicht gestreckt. Meist ist dies mit einem anterior gekippten Becken und einer lordosierten LWS gekoppelt.
- Korrektur 1: Der Therapeut verstärkt den Fehler, indem er das Knie des Standbeins in Flexion zieht.
Variationen:
- Fokus: Kontrolle Ausgangsposition ("Triple Extension"): Trainierenden, denen es schwerfällt, die korrekte Ausgangsstellung einzunehmen bzw. Kopf-, Rumpf- und Standbeinposition während der Bewegung zu kontrollieren, können den Wall Drill zunächst auf die Phase der Triple Extension reduzieren.
- Fokus: Reaktionsschnelligkeit: Um beim Wall Drill den Fokus auf die Reaktionsschnelligkeit, verkürzte Bodenkontaktzeit und Reaktivkraft zu legen, kann der Coach die Übung um ein akustisches Signal ergänzen. Dabei führt der Trainierende die Bewegung auf ein Kommando (z.B. Klatschen) des Coaches durch.
- Fokus: Rumpfkontrolle während Kniehubphase: Training der (körper-)aufrichtender Muskulatur mittels Widerstand (RNT, engl. Reactive Neuromuscular Training)
- Fokus: Steigerung Impactbelastung und Wechsel von Spiel- und Standbein Belastung
Trainingsplanung und -durchführung
Die Übungen sollten langfristig und kontinuierlich in das reguläre Fußballtraining integriert werden und mindestens zwei bis drei Mal pro Woche à 15 bis 20 Minuten durchgeführt werden.
Diagnostik zur individualisierten Trainingsplanung:
- Qualitative Beurteilung der Bewegungsabläufe durch geschulte Personen (ggf. mit Videoaufnahmen)
- Dreidimensionale Bewegungsanalysen (komplexer, aber exakter)
Im individualisierten Training wird zunächst die neuromuskuläre Basis fokussiert und der Anspruch allmählich durch plyometrische Übungen und das Training der sportartspezifischen Agilität gesteigert.
Die Rolle der Off-Season
Die Fußball Off-Season bietet die perfekte Gelegenheit, gezielt an individuellen Schwächen zu arbeiten und die körperliche Robustheit zu stärken. Krafttraining verbessert nicht nur die muskuläre Leistungsfähigkeit, sondern spielt auch eine zentrale Rolle in der Verletzungsprävention.
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Empfehlungen für die Off-Season:
- Ausdauer: Grundlagen- und Intervalltraining zur Verbesserung der aeroben Basis und der fußballspezifischen Ausdauer.
- Technik: Gezieltes Training der Ballkontrolle, des Passspiels und des Dribblings.
- Schnelligkeit: Verbesserung von Antritt und Beschleunigung durch Sprinttraining.
- Krafttraining: Stärkung der Muskulatur zur Leistungssteigerung und Verletzungsprävention.
Ein effektives Krafttraining muss nicht zwangsläufig aufwendige Geräte erfordern. Körpergewichtsübungen und Übungen mit Hilfsmitteln wie Resistance Bands, Hanteln und Kettlebells können einen ausreichenden Belastungsreiz setzen.
Aufklärung und ganzheitlicher Ansatz
Fußballerinnen und Trainerinnen sollten dafür sensibilisiert werden, dass sie das Risiko für VKB-Verletzungen durch zielgerichtete Maßnahmen aktiv reduzieren können. Aufgrund der vielfältigen Risikofaktoren für VKB-Verletzungen sollte ein ganzheitlicher, präventiver Ansatz gewählt werden. Neben dem athletischen Training sind eine gezielte Belastungssteuerung mit ausreichender Regeneration und die Wahl des richtigen Schuhwerks von Bedeutung.
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