Neuropsychologische Tests zur Erkennung von Hirndruck im Rahmen von Hydrocephalus

Der Hydrocephalus, im Volksmund auch als Wasserkopf bekannt, ist eine neurologische Erkrankung, die durch eine übermäßige Ansammlung von Hirnwasser (Liquor cerebrospinalis) in den Hirnkammern (Ventrikeln) gekennzeichnet ist. Diese Ansammlung führt zu einer Erweiterung der Ventrikel und einem erhöhten Druck auf das umliegende Hirngewebe, was zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führen kann. Die Diagnose eines Hydrocephalus ist entscheidend, um eine angemessene Behandlung einzuleiten und mögliche Komplikationen zu vermeiden. Neben bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanztomografie (MRT) und Computertomografie (CT) spielen neuropsychologische Tests eine wichtige Rolle bei der Beurteilung des Ausmaßes der kognitiven Beeinträchtigungen, die mit dem erhöhten Hirndruck einhergehen können.

Was ist Hydrocephalus?

Hydrocephalus ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der es zu einer übermäßigen Ansammlung von Hirnwasser (Liquor) in den Hirnkammern kommt. Normalerweise produziert der Plexus choroideus, eine Struktur in den Ventrikeln, täglich etwa 500 ml Liquor. Dieser zirkuliert durch die Hirnkammern und den Subarachnoidalraum, der das Gehirn und das Rückenmark umgibt. Bei Hydrocephalus ist dieser normale Fluss und die Aufnahme des Hirnwassers gestört, was zu einer Ansammlung von Liquor führt. Dies kann die Hirnkammern erweitern und den Druck innerhalb des Schädels erhöhen. Die Folge können Schädigungen des Gehirngewebes und die damit verbundenen Symptomen sein.

Ursachen und Formen des Hydrocephalus

Ein Hydrocephalus kann angeboren oder erworben sein. Angeborene Formen können durch Entwicklungsstörungen im Mutterleib verursacht werden, wie z. B. Spina bifida, Chiari-Malformation oder Dandy-Walker-Syndrom. Erworbene Formen können durch Hirnblutungen, Entzündungen, Tumoren oder Zysten entstehen, die den Liquorfluss blockieren oder die Liquorresorption beeinträchtigen.

Man unterscheidet verschiedene Arten von Hydrocephalus:

  • Hydrocephalus occlusus (Verschlusshydrozephalus): Hierbei ist der Liquorfluss durch eine Verlegung der Liquorwege blockiert, beispielsweise durch einen Tumor oder eine Zyste.
  • Hydrocephalus communicans: Bei dieser Form liegt keine Verlegung der Liquorwege vor, sondern eine Störung der Liquorresorption.
  • Normaldruckhydrocephalus (NPH): Diese spezielle Form tritt häufig bei älteren Menschen auf und ist durch eine Erweiterung der Hirnkammern bei normalem oder nur leicht erhöhtem Hirndruck gekennzeichnet. Typische Symptome sind Gangstörungen, Demenz und Inkontinenz (Hakim-Trias).

Symptome des Hydrocephalus

Die Symptome eines Hydrocephalus können je nach Alter, Form des Hydrocephalus und individuellen Faktoren variieren.

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Bei Säuglingen können folgende Symptome auftreten:

  • Unruhe
  • Verändertes Trinkverhalten
  • Ausdauernd schrilles Schreien
  • Gespannte Fontanellen (weiche Stellen am Kopf)
  • Vergrößerung des Kopfumfangs

Bei Kindern und Erwachsenen können folgende Symptome auftreten:

  • Kopfschmerzen (anfangs meist morgens)
  • Nackenschmerzen
  • Übelkeit, Erbrechen (anfangs morgendliches Nüchternerbrechen)
  • Sehstörungen (z. B. Stauungspapillen, Doppelbilder)
  • Müdigkeit
  • Bewusstseinsstörungen
  • Krämpfe
  • Gangunsicherheiten
  • Demenz und Wesensveränderungen (Vergesslichkeit, Verlangsamung, verstärkte Reizbarkeit)
  • Blasen- und Stuhlinkontinenz
  • Parkinsonsymptomatik
  • Augenmotilitätsstörungen (Schielen, Sonnenuntergangsphänomen, Gesichtsfeldausfälle)
  • Sehschärfenminderung bis zur Erblindung
  • Probleme der Auge-Hand-Koordination mit Feinmotorikstörungen
  • Schwindel
  • Leistungsknick
  • Konzentrationsstörungen
  • Entwicklung von Lernschwäche bei Kindern
  • Änderungen der Persönlichkeit, Verhaltensauffälligkeiten (Unruhe, Unlust, Ungeduld)
  • Lärmüberempfindlichkeit
  • Atmungs-, Sprach- und Schluckbeschwerden
  • Endokrinologische (Stoffwechsel-) Störungen, frühzeitige Pubertät

Neuropsychologische Tests zur Beurteilung von Hirnleistungsstörungen

Neuropsychologische Tests sind standardisierte Verfahren, die dazu dienen, verschiedene kognitive Funktionen zu untersuchen und zu quantifizieren. Sie werden eingesetzt, um das Ausmaß von Hirnleistungsstörungen zu beurteilen, die durch neurologische Erkrankungen wie Hydrocephalus verursacht werden können. Die Ergebnisse dieser Tests liefern wichtige Informationen für die Diagnose, Therapieplanung und Verlaufskontrolle.

Welche kognitiven Funktionen werden getestet?

Neuropsychologische Tests können eine Vielzahl von kognitiven Funktionen erfassen, darunter:

  • Aufmerksamkeit und Konzentration: Tests zur Messung der Fähigkeit, sich auf eine bestimmte Aufgabe zu konzentrieren und Ablenkungen zu widerstehen.
  • Gedächtnis: Tests zur Überprüfung des Kurzzeit-, Langzeit- und Arbeitsgedächtnisses.
  • Sprache: Tests zur Beurteilung des Sprachverständnisses, der Sprachproduktion, der Wortfindung und der Fähigkeit zu lesen und zu schreiben.
  • Exekutive Funktionen: Tests zur Messung der Fähigkeit, Handlungen zu planen, zu organisieren, zu überwachen und flexibel an veränderte Bedingungen anzupassen.
  • Visuell-räumliche Funktionen: Tests zur Beurteilung der Fähigkeit, räumliche Beziehungen zu erkennen, Objekte zu lokalisieren und visuell-räumliche Aufgaben zu lösen.
  • Intelligenz: Tests zur Erfassung des allgemeinen intellektuellen Leistungsniveaus.
  • Psychomotorische Geschwindigkeit: Tests zur Messung der Geschwindigkeit, mit der motorische Handlungen ausgeführt werden können.

Beispiele für neuropsychologische Tests

Es gibt eine Vielzahl von neuropsychologischen Tests, die je nach Fragestellung undPatientenprofil eingesetzt werden können. Einige Beispiele sind:

  • Mini-Mental-State Examination (MMSE): Ein Screening-Test zur Erfassung globaler kognitiverDefizite, der häufig bei Verdacht auf Demenz eingesetzt wird.
  • Montreal Cognitive Assessment (MoCA): Ein umfassenderer Screening-Test als der MMSE, derauch subtile kognitive Beeinträchtigungen erfassen kann.
  • CERAD (Consortium to Establish a Registry for Alzheimer's Disease): Eine Testbatterie zurdiagnostischen Abklärung von Demenz, die verschiedene kognitive Bereiche abdeckt.
  • Wechsler Adult Intelligence Scale (WAIS): Ein Intelligenztest für Erwachsene, der sowohlverbale als auch nonverbale Fähigkeiten misst.
  • Trail Making Test (TMT): Ein Test zur Messung der exekutiven Funktionen, insbesondere derAufmerksamkeit, Flexibilität und psychomotorischen Geschwindigkeit.
  • Rey Auditory Verbal Learning Test (RAVLT): Ein Test zur Überprüfung des verbalenGedächtnisses.
  • Wisconsin Card Sorting Test (WCST): Ein Test zur Messung der exekutiven Funktionen,insbesondere der Fähigkeit zur Regelbildung und zum Perspektivenwechsel.

Bedeutung neuropsychologischer Tests bei Hydrocephalus

Bei Patienten mit Hydrocephalus können neuropsychologische Tests wertvolle Informationen liefern, um:

  • Das Ausmaß der kognitiven Beeinträchtigungen zu bestimmen: Hydrocephalus kann zu einer Vielzahl von kognitiven Defiziten führen, die sich in unterschiedlichen Bereichen manifestieren können. Neuropsychologische Tests helfen, diese Defizite zu identifizieren und zu quantifizieren.
  • Die Diagnose zu unterstützen: In einigen Fällen können neuropsychologische Tests dazu beitragen, die Diagnose eines Hydrocephalus zu bestätigen, insbesondere bei Patienten mit Normaldruckhydrocephalus (NPH), bei denen die Symptome oft unspezifisch sind.
  • Die Therapieplanung zu unterstützen: Die Ergebnisse der neuropsychologischen Tests können dazu beitragen, einen individuellen Therapieplan zu erstellen, der auf die spezifischen kognitiven Defizite des Patienten zugeschnitten ist.
  • Den Therapieerfolg zu überwachen: Neuropsychologische Tests können eingesetzt werden, um den Therapieerfolg zu überwachen und festzustellen, ob sich die kognitiven Funktionen des Patienten im Laufe der Behandlung verbessern.
  • Differentialdiagnostik: Etablierte orientierende Testungen für die Erfassung von geistigen Leistungen helfen bei der Differenzialdiagnose von neurologischen Krankheitsbildern.

Weitere diagnostische Verfahren bei Hydrocephalus

Neben neuropsychologischen Tests werden bei der Diagnose von Hydrocephalus auch andere diagnostische Verfahren eingesetzt, darunter:

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  • Anamnese und körperliche Untersuchung: Ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten und eine gründliche körperliche Untersuchung sind wichtige Schritte bei der Diagnose von Hydrocephalus.
  • Bildgebende Verfahren: MRT und CT sind die wichtigsten bildgebenden Verfahren zur Diagnose von Hydrocephalus. Mit ihnen können die Größe der Hirnkammern beurteilt und mögliche Ursachen des Hydrocephalus identifiziert werden. Ultraschall kann bei Kindern durch die Fontanellen oder dünnen Schädelknochen gut zu bewerkstelligen, günstig, da keine Belastung mit Röntgenstrahlen, Aussagen zur Ventrikelweite und Verlaufskontrollen sehr gut möglich, Ursachen des Hydrocephalus können dargestellt werden.
  • Lumbalpunktion: Bei Verdacht auf Normaldruckhydrocephalus kann eine Lumbalpunktion durchgeführt werden, bei der Hirnwasser aus dem Rückenmarkskanal entnommen wird.
  • Hirndruckmessung: In einigen Fällen kann eine Hirndruckmessung erforderlich sein, um den Druck im Schädelinneren direkt zu messen.
  • Evozierte Potentiale: Die evozierten Potentiale sind Verfahren zur Messung von Leitung und Antwort auf verschiedene Reize in Nervenbahnen und Gehirn. Mit Hilfe der Ableitung und Aufzeichnung der evozierten Potentiale können Störungen erfasst werden, welche das Gehirn und die Nerven betreffen.
  • Doppler- und Duplexsonographie: Hierbei werden die Arterien am Hals und im Schädel, die das Gehirn versorgen, mit gepulstem Ultraschall untersucht. Die Untersuchung ist völlig ungefährlich und erlaubt Aussagen über die Strömung in den Blutgefäßen zum Gehirn bzw.
  • EEG (ElektroEncephaloGraphie): Mit einer EEG können die Hirnströme auf mit der Kopfhaut aufgesetzten kleinen Plastik-Feucht-Elektroden gemessen werden. Das EEG kann Auskunft über eine normale regelmäßige Hirnstromtätigkeit oder über eine gestörte Hirnfunktion geben.
  • EMG (ElektroMyoGraphie): Bei dieser Methode wird mit einer speziellen Einmal-Nadel in den Muskel gestochen und die Muskelaktivität elektronisch gemessen. Damit können z.B.
  • ENG (ElektroNeuroGraphie): Bei der Neurographie werden Nerven elektrisch gereizt und die Antwort von Nerven und Muskeln elektronisch gemessen. Die Reize können leicht unangenehm sein, sind aber harmlos.
  • EP (Evozierte Potentiale): Nerven an Handgelenk oder Sprunggelenk können elektrisch gereizt und die Antwort an der Kopfoberfläche elektronisch gemessen werden. Die Reize sind in der Regel nicht unangenehm und vollkomen harmlos. Die EP-Messung prüft die Leitfähigkeit von Nerven, Rückenmark und Gehirn und hilft deren Erkrankungsorte besser zu erkennen.

Behandlung von Hydrocephalus

Die Behandlung von Hydrocephalus zielt darauf ab, den Fluss des Hirnwassers zu normalisieren und den Druck im Schädelinneren zu reduzieren. Die Wahl der Behandlungsmethode hängt von verschiedenen Faktoren ab, einschließlich der Ursache des Hydrocephalus, dem Alter des Patienten und dem Vorliegen anderer medizinischer Bedingungen.

Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten der operativen Therapie:

  • Endoskopische Ventrikulostomie (ETV): Hierbei wird der Boden des III. Ventrikels mit Hilfe eines Endoskopes und eines Katheters eröffnet, um einen Umgehungskreislauf für den Liquor innerhalb des Ventrikelsystems zu schaffen.
  • Implantation eines Shunt-Systems: Ein Shunt besteht aus einem Katheter (Schlauch), der ins Hirnkammersystem eingeführt wird. Verbunden ist dieser Katheter mit einem Ventil, das den Liquorabfluss reguliert. Es folgt dann ein weiterer Katheter, der im Bauchraum unter dem Peritoneum (Bauchfell) oder im rechten Herzvorhof endet und das Hirnwasser ableitet.

Vorbeugende Maßnahmen

Hydrocephalus lässt sich in einigen Fällen nicht verhindern, insbesondere wenn es sich um angeborene oder genetische Ursachen handelt. Dennoch gibt es präventive Maßnahmen, mit denen Sie das Risiko für die Entwicklung eines erworbenen Hydrocephalus reduzieren und bei bestehender Erkrankung Ihre Lebensqualität verbessern können.

  • Tragen Sie einen Helm: Beim Fahrradfahren, Skaten oder bei anderen risikoreichen Aktivitäten sollten Sie immer einen Helm tragen.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren ist, kann die Gehirngesundheit fördern.
  • Alkoholkonsum: Angesichts der verschiedenen Schäden, die Alkohol im Körper verursachen kann, sollte man ihn entweder ganz meiden oder den Konsum stark einschränken.
  • Drogen: Vermeiden Sie den Konsum von Drogen.

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