Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle können vielfältige Ursachen haben, darunter Veränderungen im Gehirn, häufige epileptische Aktivität, Medikamente oder begleitende Erkrankungen wie Depressionen. Menschen mit Epilepsie berichten häufig von kognitiven Beeinträchtigungen wie Müdigkeit, Konzentrationsmangel, Sprach- und Denkstörungen oder Gedächtnisproblemen. Diese Störungen können während und nach einem Anfall verstärkt auftreten, aber auch dauerhaft bestehen bleiben. Um diese Einschränkungen zu identifizieren und ihre Ursachen zu ermitteln, spielen neuropsychologische Tests eine entscheidende Rolle.
Bedeutung neuropsychologischer Tests in der Epilepsie-Diagnostik und -Behandlung
Ausführliche neuropsychologische Untersuchungen sind ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik, Behandlung und Verlaufskontrolle von Epilepsien. Sie dienen dazu, unterschiedliche kognitive Funktionen wie Gedächtnisleistung, psychische Leistungsfähigkeit und spezielle Sprachfunktionen zu untersuchen. Die neuropsychologische Testung liefert Hinweise auf den Entstehungsort der Epilepsie und assoziierte kognitive und psychische Funktionsstörungen.
Prächirurgische Diagnostik
In der prächirurgischen Diagnostik hilft die neuropsychologische Testung, mögliche Funktionseinbußen durch einen epilepsiechirurgischen Eingriff abzuschätzen. Bei Patienten, bei denen trotz medikamentöser Therapie weiterhin Anfälle auftreten, kann die Möglichkeit einer operativen Entfernung des Anfallsherdes überprüft werden. Ob dieses Therapieverfahren bei einem Patienten infrage kommt, wird im Rahmen einer aufwändigen Diagnostik überprüft. Sofern bei diesen eine fokale Epilepsie vorliegt, sollte versucht werden, dieses Hirnareal (den epileptischen Herd oder Fokus) zu identifizieren. Sollte er günstig gelegen sein kann dem Patienten unter Umständen ein epilepsiechirurgisches Vorgehen mit einer bis zu 90%igen Chance auf Anfallsfreiheit angeboten werden.
Postoperative Verlaufskontrollen
Postoperativ erfolgen Verlaufskontrollen, um den Erfolg der Operation und Veränderungen beispielsweise der Gedächtnisleistung oder Sprachfunktionen zu beurteilen.
Verfahren der neuropsychologischen Testung
Die neuropsychologische Untersuchung umfasst verschiedene standardisierte psychologische Testverfahren und spezielle Neuentwicklungen aus der Neuropsychologie. Untersucht werden vor allem:
Lesen Sie auch: Fliegen und Drohnen im Fokus
- Der generelle kognitive Entwicklungsstand im Vergleich zur Altersnorm
- Verschiedene Funktionsbereiche wie z.B. expressive und rezeptive Sprache
- Visuelles und auditives Gedächtnis
- Aufmerksamkeitsleistung (Konzentration)
- Visuelle Wahrnehmung und visuell-motorische Koordination
- Exekutive Funktionen (Handlungsplanung), die unter Umständen im Zusammenhang mit Läsionen stehen können.
Weitere diagnostische Verfahren in der Epileptologie
Neben den neuropsychologischen Tests werden in der Epilepsiediagnostik weitere Verfahren eingesetzt, um die Anfallsursache zu identifizieren und die bestmögliche Behandlung zu planen.
Video-EEG-Monitoring
Das Video-EEG-Monitoring wird eingesetzt, um Anfallsereignisse aufzeichnen zu können. Das Aussehen und der zeitliche Ablauf der Anfälle sind hierbei genau so wichtig wie das parallel aufgezeichnete EEG. Nicht alle anfallsartig auftretenden Gesundheitsstörungen sind epileptische Anfälle. Es dient als diagnostisches Video-EEG-Monitoring zum einen dazu, epileptische von nicht-epileptischen Anfällen abzugrenzen. Vorteil des Video-EEG-Monitorings gegenüber dem Routine-EEG ist die längere Ableitedauer. Sie kann 24 und mehr Stunden betragen, unter besonderen Fragestellungen wie der prächirurgischen Epilepsiediagnostik ist auch mehr als einwöchiges Monitoring möglich.
Bildgebende Verfahren
Die Bildgebung ist in der Epileptologie eine der zentralen diagnostischen Säulen. Die Kombination struktureller und funktioneller Bildgebungsdatensätze und deren Integration in die neurochirurgische Neuronavigation ist dabei von großer Bedeutung.
- Kernspintomographie (MRT): Die Kernspintomographie hat sich wegen der besseren räumlichen Auflösung und Kontrastdarstellung gegenüber der Computertomographie allgemein als Methode der Wahl zur Untersuchung von Epilepsiepatienten durchgesetzt. Der heutige Goldstandard der Magnetfeldstärke liegt bei 3 Tesla. Ältere Geräte mit 1,5 Tesla werden noch häufig eingesetzt, erlauben aber weniger präzise Darstellungen.
- Funktionelle transkranielle Dopplersonographie (fTCD): Die funktionelle transkranielle Dopplersonographie (fTCD) ist eine gut verträgliche, nicht schmerzhafte Ultraschallmethode, mit Hilfe derer der Blutfluss in Blutgefäßen dargestellt werden kann, die das Gehirn und speziell für die Sprache wichtige Hirnareale mit Blut versorgen.
- Funktionelle MRT (fMRT): Ähnlich wie die fTCD Untersuchung dient auch das funktionelle MRT (fMRT) dazu, die Lokalisation von wichtigen Hirnfunktionen darzustellen.
- SPECT (Single Photon Emission Computed Tomography): Beim SPECT (single photon emission computed tomography) handelt es sich um ein nuklearmedizinisches bildgebendes Verfahren, mit dem nicht der anatomische Aufbau, sondern die Funktion des Gehirns dargestellt wird.
- PET (Positronen-Emissions-Tomographie): Bei der PET (Positronenemissions-Tomographie) wird der Zuckerstoffwechsel des Gehirns untersucht. Hirnregionen, in denen Anfälle entstehen, weisen eine verminderte Zuckeraufnahme auf und können so erkannt werden.
- Magnetoenzephalographie (MEG): Bei der Magnetoenzephalographie werden im abgeschirmten Raum die winzigen Magnetfelder gemessen, die durch die "Hirnströme" entstehen.
Invasives Video-EEG-Monitoring
Bei einigen wenigen Patienten führt dieses Video-EEG-Monitoring noch nicht zu ausreichenden Erkenntnissen. Für diese Patienten besteht die Möglichkeit zum invasiven Video-EEG-Monitoring. Dabei werden EEG-Elektroden operativ unter den Schädelknochen auf die Gehirnoberfläche aufgebracht und Anfälle dann direkt von der Gehirnoberfläche bzw. aus tieferen Hirnstrukturen abgeleitet. Wenn mit den genannten Methoden keine ausreichend enge Eingrenzung der epileptogenen Zone gelingt, oder diese in der Nähe sehr wichtiger funktioneller Hirnareale liegt, ist es manchmal erforderlich, EEG-Elektroden direkt im Schädel (im oder auf dem Gehirn) zu plazieren und über mehrere Tage abzuleiten.
Wada-Test
Eine wesentliche Frage vor epilepsiechirurgischen Eingriffen ist die Frage nach der Lokalisation bzw. Lateralisation von Sprach- und Gedächtnisfunktionen, die mehr oder weniger stark in einer Hirnhälfte (meistens der linken) überwiegen können. Bei geplanten epilepsiechirurgischen Eingriffen in Hirnregionen, die Sprach- oder Gedächtnisfunktionen tragen, kann daher ein Wada-Test notwendig werden, um postoperative Ausfälle abschätzen zu können.
Lesen Sie auch: Alzheimer frühzeitig erkennen
Elektrokortikostimulation
Wenn es erforderlich ist, vor epilepsiechirurgischen oder tumorneurochirurgischen Eingriffen die Lage wichtiger Hirnfunktionen genau zu kartieren, kann dieses über die sogenannte Elektrokortikostimulation erfolgen. Die vorübergehende „Ausschaltung“ eines Teils des Gehirns erlaubt, den Effekt neurochirurgischer Eingriffe einzuschätzen. Meistens wird hierüber überprüft, ob nach einer Operation funktionelle Störungen zu erwarten sind.
Neuropsychologische Besonderheiten bei älteren Menschen mit Epilepsie
Obwohl es bereits sehr viele Studien und Übersichtsarbeiten zu kognitiven Einschränkungen bei Epilepsien im Kindes- und Erwachsenenalter gibt, ist die Anzahl der Studien mit Personen im höheren Lebensalter überschaubar. Dies liegt unter anderem daran, dass die neuropsychologische Untersuchung dieser Patientengruppe eine Herausforderung darstellt. Testverfahren mit aktuellen, altersspezifischen und bildungskorrigierten Normen sind generell selten und für die Altersgruppe 65+ noch rarer. Neben dem Verbalen Lern- und Merkfähigkeitstest (VLMT) und dem Veränderungssensitiven kognitiven Screening zur Beurteilung der Aufmerksamkeit und der Exekutivfunktionen für die Qualitäts- und Ergebniskontrolle der Behandlung von Patienten mit Epilepsie (EpiTrack) gibt es nur wenige epilepsievalidierte neuropsychologische Verfahren. Zudem kommt es mit zunehmendem Lebensalter unabhängig von einer Epilepsie zur Kumulation von Risikofaktoren für die Kognition.
Kognitive Veränderungen im Alter
Sowohl bei Epilepsien, die erst jenseits des 65. Lebensjahres neu begonnen haben, als auch bei chronischen Epilepsien, die schon lange bestehen, finden sich häufig Defizite in den Gedächtnisleistungen, den exekutiven Funktionen und im psychomotorischen Tempo. Inzwischen wird sogar ein bidirektionaler Zusammenhang zwischen Epilepsie im höheren Alter und einem beschleunigten kognitiven Alterungsprozess angenommen. Daher wird seit Kurzem vorgeschlagen, auch bei älteren Menschen mit Epilepsie die Diagnose „mild cognitive impairment“ (MCI) zu vergeben und eine Verlaufsuntersuchung zu fordern.
Zusätzliche Risikofaktoren für Kognition im Alter
Von den bis jetzt genannten Faktoren unabhängig, sind Menschen, die bereits länger - manche ihr Leben lang - an einer Epilepsie erkrankt sind, zusätzlichen Risikofaktoren für die Kognition ausgesetzt, die mit den Jahren kumulieren können: kritische Ereignisse, wie z. B. Kopfverletzungen, Status epilepticus, häufige tonisch klonische Anfälle, psychische Komorbiditäten, Behandlungsfolgen durch epilepsiechirurgische Eingriffe und unerwünschte Wirkungen durch antikonvulsive Medikamente.
Medikamentenwirkungen im Alter
Es ist bekannt, dass antikonvulsive Medikamente insbesondere in Polytherapie unerwünschte Medikamentenwirkungen (UW) auf die Kognition haben können. Diese sind auch im höheren Alter möglich. In der Gruppe der Hochbetagten treffen antikonvulsive Medikamente dabei viel häufiger als bei Jüngeren auf weitere Medikamente. Um UW auf die Kognition zu kontrollieren, sollten auch Ältere bei Neudiagnose einer Epilepsie und bestenfalls schon vor Beginn einer medikamentösen Behandlung einer neuropsychologischen Untersuchung unterzogen werden.
Lesen Sie auch: Alzheimer-Test: Was die Ergebnisse bedeuten
Epilepsiechirurgie im Alter
Bei pharmakoresistenten fokalen Epilepsien ist die resektive Epilepsiechirurgie als alternative Behandlungsmöglichkeit und gute Chance auf dauerhafte Anfallsfreiheit etabliert. Ein operativer Eingriff bei Älteren wird kontrovers diskutiert, unter anderem da postoperative kognitive Defizite mit höherem Lebensalter und längerer Epilepsiedauer verbunden sind. Die aktuelle Studienlage zu kognitiven Konsequenzen nach einem epilepsiechirurgischen Eingriff bei Älteren spiegelt ein heterogenes Bild von neuropsychologischen Ergebnissen wider.
Psychische Belastung im Alter
Für ältere Menschen mit Epilepsie zeigen sich psychopathologische Mechanismen, die sich von den allgemeinen psychopathologischen Erkenntnissen v. a. hinsichtlich der Stärke ihrer Auswirkungen unterscheiden. Gleichzeitig gilt die affektive Belastung als stärkster Prädiktor für die QoL der Betroffenen. Es kann angenommen werden, dass die Epilepsie somit stärkere Auswirkungen auf Psychopathologie, QoL und Stimmung hat, da die Betroffenen bereits besonders vulnerabel sind.
Therapie und postoperative Rehabilitation
Aufgaben & Zielsetzungen im Bereich der Therapie und postoperativen Rehabilitation:
- Training kognitiver Teilleistungsstörungen durch computergestützte neuropsychologische Trainingsprogramme
- Psychoedukation
- Verhaltenstherapeutische Therapieelemente wie soziales Kompetenztraining oder Erlernen von Entspannungsverfahren im Einzel- und Gruppensetting
- Erarbeitung und Vermittlung von Strategien zum Ausgleichen beeinträchtigter Funktionen durch ungestörte andere Funktionen
- Training von Kompensationsmöglichkeiten
Experten-Panel Neuropsychologie
Das Experten-Panel Neuropsychologie befasst sich mit aktuellen Themen der Neuropsychologie in der Epileptologie und unterstützt den kollegialen fachlichen Austausch und die Weiterbildung. Zentrale Elemente der Arbeit des Panels sind jährlich stattfindende zweitägige Arbeitstreffen, ein Arbeitstreffen auf der jährlichen DGfE-Tagung, ad-hoc Treffen zu speziellen und aktuellen Fragestellungen, ein internes Diskussionsforum und neuropsychologische Symposien im Rahmen der DGfE-Jahrestagungen bzw. Dem Experten-Panel Neuropsychologie können alle Interessierten beitreten.
tags: #neuropsychologischer #test #epilepsie