Die Diagnose "Hirntumor" ist für die meisten Betroffenen ein Schock. Jedoch ist Hirntumor nicht gleich Hirntumor. Es gibt viele verschiedene Tumorerkrankungen mit unterschiedlichen Ausprägungen im Inneren des Schädels. Während bösartige Tumore sich leider nicht so einfach behandeln lassen, sind gutartige Hirntumore oft gut behandelbar und zum Teil sogar heilbar. Gerade bei bösartigen Hirntumoren geht es nicht nur darum, die Überlebenszeit zu verlängern, sondern auch die Lebensqualität zu erhalten.
Grundlagen von Hirntumoren
Ein Hirntumor ist eine Geschwulst im Kopf, die entsteht, wenn sich Zellen im Gehirn unkontrolliert vermehren. Diese Tumoren können direkt im Gehirn entstehen oder von anderen Körperstellen ins Gehirn streuen. Unter primären Tumoren des Gehirns und Rückenmarks versteht man alle gut- und bösartigen Neubildungen, die im zentralen Nervensystem entstehen, d.h. die von der Gehirn- bzw. Rückenmarksubstanz selbst oder den sie umgebenden Hirnhäuten ausgehen. Die WHO untergliedert die Tumore beispielsweise danach, aus welchem Gewebe sie entstanden sind.
Gutartige vs. Bösartige Hirntumoren
Es gibt wichtige Unterschiede zwischen gutartigen und bösartigen Hirntumoren. Gutartige Tumore sind weniger gefährlich, können aber durch Kompression oder Zerstörung von Nachbarstrukturen Lähmungen, Gefühlsstörungen, Sehstörungen, Sprachstörungen und andere Symptome verursachen. Bösartige Tumore sind aggressiver und wachsen schneller.
Häufigkeit und Risikofaktoren
In Deutschland erkranken rund 8.000 Menschen pro Jahr neu an einem primären Gehirntumor. Mit Ausnahme ganz selten vorkommender familiärer Tumorhäufungen gibt es kaum bekannte Risikofaktoren für Hirntumorerkrankungen. Ein Gehirntumor kann jeden treffen. Warum sich ein primärer Hirntumor bildet, ist bisher noch weitestgehend unbekannt.
Symptome und Diagnose
Ein Hirntumor macht sich in der Regel durch eine Reihe von Symptomen bemerkbar, die sich unbehandelt deutlich verstärken. Es gibt allerdings auch Gehirntumoren, die bei den Patienten und Patientinnen sehr lange keine Symptome hervorrufen. Die Symptome kommen sowohl bei bösartigen als auch bei gutartigen Tumoren vor.
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Die Symptome von Tumoren im Gehirn hängen von der Größe, Art und Lage des Tumors ab. Folgende Symptome können auf einen Tumor im Gehirn hinweisen, aber auch Symptome anderer Erkrankungen sein:
- Starke Kopfschmerzen
- Schwindel
- Erbrechen
- Sprach-, Seh- und Bewegungsstörungen
- Vergesslichkeit
- Konzentrationsschwäche
- Epileptische Anfälle
Heute wird bei Vorliegen dieser Beschwerden in der Regel rasch eine Bildgebung des Gehirns durchgeführt. Zur Abklärung von Raumforderungen im Schädelinnenraum eignen sich die Computertomographie (CT) und in erster Linie die Magnetresonanztomographie (MRT). Um den Hirntumor genau zu bestimmen und zu klassifizieren und so eine passgenaue Behandlung einzuleiten, ist eine feingewebliche Untersuchung unter dem Mikroskop notwendig. Zu diesem Zweck entnimmt der Neurochirurg im Rahmen einer offenen Operation am Gehirn oder einer Biopsie mit Spezialkanülen eine Gewebeprobe des Tumors.
Die Rolle der Neuropathologie
Eine definitive Diagnose ist meist erst durch die neuropathologische Untersuchung des Tumorgewebes nach operativer Entfernung oder einer Gewebeentnahme möglich. Ist ein Tumor bei der feingeweblichen Untersuchung festgestellt, erfolgt in einem nächsten Schritt die sogenannte Gradierung. Dabei stellt der untersuchende Neuropathologe fest, ob der Tumor gutartig oder in verschiedenen Abstufungen bösartig ist. Je bösartiger der primäre Tumor, je schneller er wächst und je mehr er in das Gehirngewebe hineinwächst (infiltriert), umso schlechter die Prognose für eine Heilung.
Behandlungsstrategien bei nicht operablem Hirntumor
Nicht alle Hirntumore müssen behandelt werden. Die Therapie richtet sich nach der diagnostischen Zuordnung, nach der Aggressivität und nach der Lokalisation des Tumors. Die Lage eines Hirntumors beeinflusst die Behandlung maßgeblich. Tumoren in gut erreichbaren Bereichen lassen sich oft operativ entfernen, was die besten Heilungschancen bietet. Befindet sich der Tumor nahe an wichtigen Hirnregionen - etwa für Sprache, Bewegung oder Atmung - kann eine vollständige Entfernung zu riskant sein.
Wann ist eine Operation nicht möglich?
Wenn Hirntumore Areale wie das Sprach- und Bewegungszentrum einbeziehen, ist eine Operation sehr viel komplexer. Es ist dann eine Gratwanderung zwischen Radikalität und Funktionserhalt. Sofern der Tumor aber wichtige Zentren im Gehirn infiltriert hat, wird dieses Tumorgewebe belassen, um durch die Operation diese Zentren nicht zu schädigen. Aber dies bedeutet leider auch: Je mehr Tumorgewebe im Schädelinneren erhalten bleibt, desto schlechter ist die Lebenserwartung der Patientin oder des Patienten.
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Alternative Behandlungsoptionen
Wenn eine Operation nicht möglich ist, gibt es verschiedene alternative Behandlungsoptionen:
- Strahlentherapie: Bei bösartigen, vom Hirngewebe ausgehenden Tumoren folgt einer Operation immer eine kombinierte Radio-Chemotherapie und anschließend eine Mono-Chemotherapie. Auch bei inoperablen Tumoren kann eine Strahlentherapie eingesetzt werden, um das Wachstum zu verlangsamen oder den Tumor zu verkleinern.
- Chemotherapie: Insbesondere nicht heilbaren Hirntumoren sind eine große Belastung. Auch andere bösartige Tumore, wie die seltenen Lymphome, sind heute unter Umständen durch eine Chemotherapie allein heilbar.
- Immuntherapie: Weil Operation, Chemotherapie und Strahlentherapie oft unbefriedigende Ergebnisse bringen, steigt die Nachfrage an Immuntherapien bei Hirntumoren.
- Gezielte Therapie: Ein anderer Ansatz ist eine gezielte Therapie, wenn der Tumor eine bestimmte Änderung im Erbgut aufweist.
- Tumortherapiefelder (TTF): Dabei werden Elektroden auf die rasierte Kopfhaut geklebt und über einen großen Akku, den man in einem Rucksack trägt, mindestens 18 Stunden am Tag ein elektrisches Feld am Tumor angelegt, das die Zellen daran hindert, sich zu teilen.
- Radiochirurgische Verfahren: Zudem kommen bei Hirnmetastasen auch radiochirurgische Verfahren wie das CyberKnife oder GammaKnife in Frage.
Hirnmetastasen behandlung
Die Operation von Hirnmetastasen wird immer individuell abgewogen. Dabei spielen unter anderem die Größe, die Anzahl und die Frage, ob sie Symptome verursachen, eine Rolle. Bei vielen kleinen Metastasen ist eine Operation nicht erforderlich. In diesen Fällen ist je nach Art des Ursprungstumors über eine Chemotherapie und/oder Bestrahlung nachzudenken. Größere Metastasen werden operativ angegangen, hierbei können durchaus auch 2 bis 3 Metastasen an unterschiedlichen Stellen im Gehirn während eines Eingriffs entfernt werden. Wichtig ist zu wissen, dass nach den neuesten Erkenntnissen Hirnmetastasen selten die Überlebenszeit begrenzen. Entscheidend ist hier vielmehr die Kontrolle des zugrunde liegenden Krebsleidens.
Spezifische Tumorarten und ihre Behandlung
- Glioblastom: Das Glioblastom ist der häufigste aggressive primäre Hirntumor bei Erwachsenen. Die derzeitige Standardtherapie umfasst eine maximal sichere chirurgische Entfernung des Tumors, gefolgt von einer kombinierten Therapie nach dem Stupp-Schema, bestehend aus Bestrahlung und einer begleitenden Chemotherapie mit Temozolomid.
- Lymphome: Lymphome treten vermehrt bei älteren Personen auf, meist im Zusammenhang mit einer Immunschwäche.
- Meningeome: Mengiome sind meist gutartige Tumoren der Hirnhaut.
- Mischgliome: Mischgliome entstehen aus einer Mischung von Tumorzellen und wachsen auch unterschiedlich schnell.
- Hypophysentumor: Ein Hypophysentumor ist selten und meist gutartig.
- Ependymom: Das Ependymom ist ein Gehirntumor, der aus bestimmten Zellen entsteht.
- Astrozytäre Gliome: Astrozytäre Gliome sind die häufigsten Hirntumore.
Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
An einem Neuroonkologischen Zentrum gibt es ein interdisziplinäres Team mit viel Erfahrung, das im Tumorboard die beste Entscheidung im Sinne einer Patientin bzw. eines Patienten trifft. Die ideale Plattform zur Erstellung dieser Therapiekonzepte ist das interdisziplinäre Tumorboard, dem Kollegen des Zentrums für Neurochirurgie und der Kliniken für Strahlentherapie, Neurologie, Onkologie, Kinderonkologie und Neuropathologie angehören.
Lebensqualität und unterstützende Maßnahmen
Gerade bei bösartigen Hirntumoren geht es nicht nur darum, die Überlebenszeit zu verlängern, sondern auch die Lebensqualität zu erhalten.
Umgang mit Symptomen und Nebenwirkungen
Neben der Bekämpfung des Tumors können epileptische Anfälle mit Medikamenten verhindert werden, die Hirnschwellung wird häufig mit Kortison behandelt. Häufige generelle Folgen sind eine vorübergehende, etwa 6 Wochen anhaltende Erschöpfung, verminderte Leistungsfähigkeit und Konzentrationsschwächen.
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Palliativversorgung
Für Menschen mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen und begrenzter Lebenserwartung, die eine besonders aufwändige Versorgung benötigen, bieten die gesetzlichen Krankenkassen eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung an, bei der Mediziner und Medizinerinnen sowie Pflegeteams eng zusammenarbeiten, um die Symptome und Schmerzen optimal zu behandeln sowie eine Betreuung in der vertrauten Umgebung des häuslichen oder familiären Bereichs zu ermöglichen.
Rehabilitation
Es gibt auch Reha-Kliniken, die von ihren Leistungen her beide Ansätze in sich vereinen und eine neuro-onkologische Reha einschließlich Physiotherapie und Ergotherapie sowie Logopädie, Neuro-Psychologie und physikalischer Therapie anbieten. Die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Patienten und Patientinnen stehen bei allen Rehamaßnahmen im Mittelpunkt.
Selbsthilfegruppen
In Selbsthilfegruppen können sich Betroffene austauschen, auch für Angehörige gibt es spezielle Gesprächskreise.
Forschung und zukünftige Entwicklungen
Die Prognose für Betroffene ist trotz vieler neuer Entwicklungen in der Krebsbehandlung weiterhin schlecht. Aber: Seit den 90er Jahren hat sich die Überlebenszeit nach der Diagnose ‚bösartiger Hirntumor‘ bereits mehr als verdoppelt. Es wäre natürlich wünschenswert, dass wir hier noch befriedigendere Ergebnisse erzielen. Ein Meilenstein wäre sicher das gezielte Durchbrechen der Blut-Hirnschranke. Diese verhindert nämlich bisher, dass Medikamente in höherer Dosierung das Gehirn erreichen.
Da die Prognose der Patienten mit Gliomen limitiert ist, sehen wir es als unsere Aufgabe an, weitere wissenschaftliche Erkenntnisse zu neuen Therapien zu gewinnen. Aus diesem Grund sind wir bemüht, unseren Patienten den Einschluss in klinische Studien anzubieten. Bei diesen Studien wird in der Regel die Standardtherapie durch neue, möglicherweise sehr effiziente Verfahren ergänzt.