Einführung
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Krampfanfälle gekennzeichnet ist. Obwohl oft organische Ursachen wie Hirnblutungen, Hirnentzündungen oder Tumore zugrunde liegen, können auch Stoffwechselstörungen wie ein niedriger Blutzuckerspiegel (Hypoglykämie) eine Rolle spielen. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen niedrigem Blutzucker und epileptischen Anfällen, untersucht die Ursachen, Diagnosemethoden und Behandlungsansätze.
Hypoglykämie und ihre Ursachen
Unterzuckerungen treten nicht nur bei Menschen mit Diabetes auf. Auch Nicht-Diabetiker können betroffen sein, wenn der Blutzuckerspiegel auf ungewöhnlich niedrige Werte abfällt. Diese Störung, bekannt als funktionelle Hypoglykämie, bleibt häufig unerkannt. Die Symptome sind vielfältig und unspezifisch: von Zittern und Schweißausbrüchen über Angstzustände bis hin zu Bewusstseinsstörungen.
Ursachen der Hypoglykämie bei Nicht-Diabetikern:
- Genetische Veranlagung: Theoretisch kann jeder Mensch betroffen sein, wenn er die genetische Veranlagung hat, zu viel Insulin zu bilden.
- Schlanke Frauen: Der weibliche Körper reagiert besonders empfindlich auf Insulin, was den Zucker schnell aus dem Blut in die Zellen transportiert. Für sehr schlanke Personen kann das zum Problem werden, weil sie weniger Fettgewebe besitzen.
- Sportler*innen: Bei intensiver körperlicher Anstrengung verbrauchen die Muskeln große Mengen Glukose. Wird dieser Verbrauch nicht durch Nahrungsaufnahme ausgeglichen, können die Muskeln eine erhöhte Insulinempfindlichkeit entwickeln, was den Blutzuckerspiegel gefährlich absenkt.
- Alkoholtrinker: Übermäßiger Alkoholkonsum kann die Glukoseproduktion in der Leber hemmen und so zu einer Unterzuckerung führen.
- Magen-Verkleinerungs-Operationen: Nicht selten leiden auch Menschen nach Magen-Verkleinerungs-Operationen unter funktionellen Hypoglykämien.
Epilepsie und ihre Ursachen
Epilepsien sind chronische neurologische Erkrankungen, bei denen Cluster von Nervenzellen (Neuronen) im Gehirn manchmal abnormale Signale aussenden und Anfälle verursachen. Während eines Anfalls feuern (signalisieren) viele Neuronen gleichzeitig - bis zu 500-mal pro Sekunde, viel schneller als normal. Epileptische Anfälle können medikamentös gut gesteuert und gemanaged werden.
Ursachen von Epilepsie:
- Organische Ursachen: Hinter einer Epilepsie verbergen sich häufig organische Ursachen, wie zum Beispiel eine Hirnblutung, eine Hirnentzündung, Sauerstoffmangel, ein Tumor oder eine Hirnverletzung.
- Genetische Prädisposition: Die Epilepsie ist keine typische Erbkrankheit.
- Idiopathische Epilepsien: Verschiedene wissenschaftliche Arbeiten aus der Vergangenheit liefern Hinweise, dass solche idiopathischen Epilepsien gehäuft bei Menschen mit Typ-1-Diabetes auftreten.
- Akut symptomatische Anfälle (ASA): ASA sind epileptische Anfälle, die zeitnah zu einem auslösenden Ereignis auftreten. ASA sind also situations- und zeitgebunden. Die Ursachen der ASA sind mannigfaltig und reichen von vaskulären Ereignissen über Infektionen bis zu metabolisch/toxischen Ursachen.
Der Zusammenhang zwischen Hypoglykämie und Epilepsie
Diabetes - genauer gesagt eine Unterzuckerung - kann auch einen epileptischen Anfall auslösen: Die Wahrscheinlichkeit für Krampfanfälle steigt während Hypoglykämien, dazu muss der Diabetiker noch nicht mal Epileptiker sein. Die genaue Genese einer Epilepsie bei Patienten mit Diabetes ist momentan noch nicht geklärt, wobei ein multimodales Erkrankungsmodell angenommen wird.
Hypoglykämien sind v. a. bei Neugeborenen und Kindern mit ASA verbunden, wobei hier die Gefahr der Entwicklung einer Epilepsie aufgrund von rezidivierenden neonatalen Hypoglykämien im Vordergrund steht. Wichtige Faktoren, die zu bleibenden Hirnschädigungen und im Weiteren zur Entwicklung einer Epilepsie führen, sind die Dauer der Hypoglykämie, die Häufigkeit der ASA und einhergehende hypoxische Hirnschädigungen. Einzelne Fallberichte assoziieren auch das Auftreten von fokal motorischen Anfällen im Rahmen von Hypoglykämien. Ein richtungsweisender Grenzwert der Serumglukose liegt bei < 36 mg/dl.
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Fallbeispiel:
Mehrmals wurde ein 50jähriger Patient mit Verdacht auf einen epileptischen Anfall in die Notfallambulanz eingeliefert. Doch nicht Epilepsie war sein Problem, wie zunächst angenommen, sondern starke Unterzuckerungen, die ausschließlich beim Joggen auftraten.
Wie Hypoglykämie epileptische Anfälle auslösen kann:
- Glukosemangel im Gehirn: Das Gehirn ist auf eine konstante Versorgung mit Glukose angewiesen, um richtig zu funktionieren. Wenn der Blutzuckerspiegel zu stark abfällt, kann dies zu einer Beeinträchtigung der Gehirnfunktion führen, die sich in Form von Bewusstseinsstörungen, Krampfanfällen und anderen neurologischen Symptomen äußern kann.
- Ausschüttung von Adrenalin: Wenn der Körper einen niedrigen Blutzuckerspiegel bemerkt, schüttet er Adrenalin aus, um den Glukosespiegel zu erhöhen. Adrenalin kann jedoch auch die neuronale Aktivität im Gehirn erhöhen und so das Risiko von Anfällen erhöhen.
- Gewöhnung an niedrige Spiegel: Wenn man immer wieder an den unteren Grenzwerten entlang kratzt, gewöhnt sich der Körper an die zu niedrigen Spiegel.
Diagnose von Hypoglykämie und Epilepsie
Die Diagnose einer funktionellen Hypoglykämie erfordert eine genaue Untersuchung der Blutzuckerwerte im Zusammenhang mit den Symptomen. Ein wichtiger erster Schritt ist die Erfassung der Krankengeschichte und der Symptome. Betroffene werden oft gebeten, detailliert zu protokollieren, wann die Symptome auftreten, in welchem Zusammenhang (z.B. nach dem Essen, während des Sports), und wie lange sie anhalten.
Diagnostische Verfahren:
- Blutzuckermessung: Um die Diagnose zu bestätigen, wird der Blutzuckerspiegel gemessen, idealerweise während einer Symptomepisode.
- Oraler Glukosetoleranztest (OGTT): Der oraler Glukosetoleranztest (OGTT) wird häufig eingesetzt, um zu überprüfen, wie der Körper auf eine Glukosezufuhr reagiert. Dabei wird über mehrere Stunden hinweg der Blutzucker- und Insulinspiegel nach Einnahme einer Glukoselösung gemessen.
- Längeres Fasten unter ärztlicher Aufsicht: In seltenen Fällen kann ein längeres Fasten unter ärztlicher Aufsicht notwendig sein, um zu prüfen, ob der Blutzuckerspiegel auch ohne Nahrungsaufnahme auf kritische Werte absinkt.
- Bestimmung des Insulin- und C-Peptid-Spiegels: Die Bestimmung des Insulin- und C-Peptid-Spiegels im Blut kann helfen, die Ursache der Hypoglykämie zu ermitteln.
- EEG (Elektroenzephalogramm): Laut meinem Neurologen war bei der Aufzeichnung der Gehirnwellen „ein Ausschlag wie aus dem Lehrbuch“ zu sehen.
Behandlung von Hypoglykämie und Epilepsie
Die Basis der Therapie bildet eine gezielte Ernährungsumstellung. Betroffene sollten kleine, häufige Mahlzeiten zu sich nehmen, die komplexe Kohlenhydrate, Proteine und Fette enthalten. Moderate und regelmäßige körperliche Aktivität kann helfen, den Blutzuckerspiegel zu stabilisieren. In schwereren Fällen können Medikamente verschrieben werden, welche die Insulinausschüttung regulieren.
Maßnahmen bei einer Unterzuckerung:
- Kohlenhydrate zuführen: Bei den ersten Anzeichen einer Unterzuckerung sollten Sie sofort schnelle Kohlenhydrate zu sich nehmen. Dazu eignen sich Traubenzucker, Fruchtsaft oder eine süße Limonade.
- Ruhe bewahren: Setzen oder legen Sie sich hin, um Stürze oder Unfälle zu vermeiden.
- Blutzucker messen: Wenn möglich, messen Sie Ihren Blutzuckerspiegel, um den Wert zu überprüfen.
Weitere Behandlungsansätze:
- Ernährungsumstellung: Vielen Hypoglykämie-Patient*innen reicht schon eine umfassende Umstellung der eigenen Ernährung. Denn ob der Blutzucker eines Menschen in die Tiefe rauscht, hängt stark davon ab, was von ihm, wann und wie gegessen wird.
- Medikamente: Reicht das nicht, können auch Medikamenten helfen. Der Wirkstoff Diazoxid ist zum Beispiel in der Lage, die Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse nach dem Essen zu bremsen. Ähnlich wirken auch sogenannte Somatostatin-Analoga, die allerdings gespritzt werden.
- Gewichtszunahme: Und wenn all das nicht hilft, gibt es noch eine weitere Methode, sich vor Unterzuckerungen zu schützen: Gewicht zuzulegen. Weil die Muskeln dann durch die Hormone der Fettzellen weniger insulinempfindlich werden.
Behandlung von Epilepsie:
Unsere Ziele der Behandlung von Epilepsie sind die Kontrolle von Anfällen, die Minimierung von Nebenwirkungen und die Ermöglichung der Teilnahme am sozialen Leben. In der Akutbehandlung geht es darum, den epileptischen Anfall so schnell wie möglich zu beenden und die Sicherheit der Patient:innen zu gewährleisten. Dazu setzen unsere Fachkräfte Notfallmedikamente aus der Gruppe der Benzodiazepine ein, die oral (zum Schlucken), intravenös (in eine Vene) oder bukkal (in den Mundraum) verabreicht werden. Diese Medikamente dämpfen die übermäßige elektrische Aktivität im Gehirn.
- Anfallssupprimierende Medikamente: Anfallssupprimierende Medikamente, auch bekannt als Antiepileptika oder Antikonvulsiva, sind die Grundpfeiler der Epilepsiebehandlung. Sie reduzieren die Häufigkeit und Schwere der Anfälle, indem sie die neuronale Aktivität im Gehirn stabilisieren. In Deutschland stehen etwa 20 verschiedene anfallssupprimierende Medikamente zur Verfügung.
- Epilepsiechirurgischer Eingriff: Für Patient:innen, deren Epilepsie medikamentös nicht gut kontrolliert werden kann, gibt es in Deutschland spezialisierte Epilepsiezentren. Diese prüfen, ob gegebenenfalls ein epilepsiechirurgischer Eingriff möglich ist.
- Schulungen und Beratungen: Neben der medikamentösen Behandlung ist es notwendig, dass Patient:innen und ihre Angehörigen über Verhaltensregeln bei Epilepsie informiert werden. Unsere Expert:innen bei Asklepios klären in Schulungen und Beratungen über geeignete Maßnahmen im Alltag auf.
Wichtige Epilepsie Auslöser
- Fehlende Medikamente: Der häufigste Grund für einen Anfall ist das Vergessen der Einnahme der Antiepileptika oder das absichtliche Unterlassen der Einnahme.
- Alkohol: Vermeiden Sie aber auf jeden Fall übermäßiges Trinken, da dies einen Anfall auslösen kann.
- Freizeitdrogen: Viele Freizeitdrogen, darunter auch legale Highs, können die Gehirnchemie beeinflussen und möglicherweise einen Anfall auslösen.
- Schlafmangel/ Müdigkeit: Dies ist einer der größten Auslöser für Anfälle.
- Stress: Dabei gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, Stress zu bekämpfen.
- Dehydrierung: Achten Sie darauf, dass Sie immer ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen.
- Unregelmäßige Mahlzeiten: Regelmäßige Mahlzeiten können dazu beitragen, dass Ihre Anfälle unter Kontrolle bleiben.
- Blinkendes/ flackerndes Licht: Nur etwa 3 % der Menschen mit Epilepsie sind lichtempfindlich.
- Lebensmittel als Auslöser: Führen Sie einige Wochen lang neben Ihrem Anfalls-Tagebuch auch ein Ernährungstagebuch.
Akut symptomatische Anfälle (ASA) durch internistische Erkrankungen
Elektrolytentgleisungen beeinflussen neben anderen Organen und Strukturen auch direkt das Gehirn. Vor allem akut auftretende und schwere Elektrolytentgleisungen können ASA zugrunde liegen.
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- Hyponatriämie: Beghi et al. definierten einen Natriumwert < 115 mg/dl als Grenzwert, ab dem sich das Risiko für ASA deutlich erhöht.
- Hypernatriämie: Auch eine zu rasche Korrektur der Hypernatriämie kann durch ein dadurch entstehendes Hirnödem in bis zu 40 % der Patienten zu ASA führen. Ein Natriumwert > 170 mg/dl wird als schwere Hypernatriämie bezeichnet.
- Hypokalziämie: Die klassischen klinischen Manifestationen der Hypokalziämie sind Bewusstseinsstörungen und epileptische Anfälle.
- Magnesiummangel: Bilateral tonisch klonische Anfälle im Sinne eines ASA können im Rahmen eines ausgeprägten Magnesiummangels entstehen.
- Diabetes mellitus: Hyperglykämien führen immer wieder zu akut symptomatischen Anfällen. Hypoglykämien sind v. a. bei Neugeborenen und Kindern mit ASA verbunden.
- Schilddrüsenerkrankungen: Vor allem im Rahmen von thyreotoxischen Zuständen können in seltenen Fällen ASA auftreten.
- Leberfunktionsstörungen: In fulminanten Fällen können Patienten im Rahmen der hepatischen Enzephalopathie akut symptomatische Anfälle, ein Koma und in schweren Fällen auch ein klinisch relevantes Hirnödem entwickeln.
- Nierenfunktionsstörungen: Ähnlich wie bei den hepatischen Erkrankungen zeigen Fallberichte, dass gerade eine fortgeschrittene chronische Niereninsuffizienz zu einem „posterioren reversiblen Enzephalopathiesyndrom“ (PRES) führen kann oder dessen Entstehung zumindest begünstigt.
- Systemischer Lupus erythematodes (SLE): ASA treten bei systemischen Lupus erythematodes (SLE) meist im Rahmen einer systemischen Exazerbation auf.
- Entzündliche Darmerkrankungen: ASA werden nur selten und auch nur indirekt durch chronisch entzündliche Darmerkrankungen ausgelöst.
- Alkoholintoxikation und -entzug: Sowohl eine akute Alkoholintoxikation als auch der Alkoholentzug führen zu akut symptomatischen Anfällen.
- Drogenmissbrauch: Eine Vielzahl von meist illegalen Drogen können auch in niedrigen Dosen akut symptomatische Anfälle auslösen.
- Medikamentös-toxische Genese: Es sind 1,4-14 % der ASA medikamentös-toxischer Genese. Neuroleptika und antipsychotische Medikamente sind mit einem vermehrten Auftreten von epileptischen Anfällen verknüpft.
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