Henry Molaison, besser bekannt unter seinen Initialen H.M., war einer der berühmtesten Patienten in der Geschichte der Hirnforschung. Sein Fall lieferte bahnbrechende Erkenntnisse über die Organisation des menschlichen Gedächtnisses und trug maßgeblich zum Verständnis verschiedener Gedächtnissysteme bei.
Frühe Jahre und die Suche nach Linderung
Henry Molaison wurde am 27. September 1926 in Hartford, Connecticut, geboren. Bereits in seiner Kindheit litt er unter schwerer Epilepsie. Möglicherweise war ein Fahrradunfall im Alter von sieben Jahren, bei dem er bewusstlos wurde, die Ursache, aber auch eine genetische Veranlagung wurde in Betracht gezogen, da auch drei seiner Cousins an Epilepsie erkrankt waren. Was auch immer der Grund war, Medikamente brachten keine Linderung, und die Anfälle wurden immer häufiger und heftiger. Schließlich konnte Molaison aufgrund der Anfälle nicht mehr arbeiten.
Die folgenschwere Operation
In der Hoffnung auf ein normales Leben entschied sich der damals 27-jährige Molaison im Jahr 1953 zu einer Gehirnoperation. Der Neurochirurg William Beecher Scoville führte den Eingriff am 1. September 1953 im Hartford Hospital durch. Scoville entfernte beidseitig große Teile des Hippocampus und der Amygdala, zwei Hirnstrukturen im medialen Temporallappen, von denen man damals noch wenig über ihre Funktion wusste.
Die Operation schien zunächst erfolgreich: Molaisons epileptische Anfälle konnten deutlich reduziert werden. Doch der Eingriff hatte verheerende Folgen: Molaison litt fortan unter schwerer anterograde Amnesie. Er war nicht mehr in der Lage, neue langfristige Erinnerungen zu bilden. Er konnte sich an Ereignisse aus seiner Kindheit und Jugend erinnern, aber alles, was nach der Operation geschah, verblasste schnell.
Leben in der permanenten Gegenwart
Für Henry Molaison war jeder Tag ein Neubeginn. Er wusste nicht, warum er im Krankenhaus war oder wie er dorthin gekommen war. Zehn Minuten nach dem Mittagessen konnte er sich nicht mehr daran erinnern, was er gegessen hatte oder dass er überhaupt gegessen hatte. Er lebte in einer permanenten Gegenwart, unfähig, neue Erfahrungen in sein Langzeitgedächtnis zu integrieren.
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Suzanne Corkin, eine Neurowissenschaftlerin am Massachusetts Institute of Technology (MIT), begleitete und untersuchte Molaison über Jahrzehnte hinweg. Sie beschrieb, dass er sich gerne unterhielt, aber innerhalb von 15 Minuten dieselbe Geschichte dreimal erzählte, ohne sich daran zu erinnern, sie bereits erzählt zu haben.
H.M. als Forschungsobjekt
Trotz seiner Amnesie war Molaison ein kooperativer und geduldiger Patient. Er nahm jahrzehntelang an unzähligen Studien teil und trug so maßgeblich zum Verständnis des menschlichen Gedächtnisses bei. Sein Fall widerlegte die damals weit verbreitete Annahme, dass Erinnerungen diffus im Gehirn verteilt seien. Stattdessen zeigte er, dass der Hippocampus eine entscheidende Rolle bei der Bildung neuer langfristiger Erinnerungen spielt.
Unterschiedliche Gedächtnissysteme
Die Forschung mit H.M. offenbarte, dass das Gedächtnis aus verschiedenen Modulen besteht, die an unterschiedlichen Orten im Gehirn abgespeichert werden. Obwohl er keine neuen Fakten oder Ereignisse speichern konnte, war Molaison in der Lage, neue motorische Fähigkeiten zu erlernen. In einem berühmten Experiment brachte ihm Brenda Milner bei, einen Stern im Spiegel nachzuzeichnen. Obwohl er sich nie daran erinnern konnte, die Aufgabe schon einmal geübt zu haben, wurde er von Mal zu Mal besser.
Dieses Ergebnis deutete darauf hin, dass es ein separates motorisches Gedächtnis gibt, das unabhängig vom Hippocampus funktioniert. Auch sein Kurzzeitgedächtnis funktionierte weitgehend normal. Er konnte sich Telefonnummern oder Wortlisten für kurze Zeit merken, vergaß sie aber nach wenigen Minuten wieder.
Der Hippocampus als Nadelöhr
Der Fall H.M. zeigte, dass der Hippocampus eine zentrale Rolle bei der Übertragung von Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis spielt. Alles, was langfristig abrufbar bleiben soll, muss offenbar das "Nadelöhr" des Hippocampus passieren.
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Fragmentarische Erinnerungen
Obwohl Molaison hauptsächlich an anterograder Amnesie litt, gab es auch Hinweise auf retrograde Amnesie, also den Verlust von Erinnerungen vor der Operation. Er hatte eine bruchstückhafte Vorstellung von den Monaten vor dem Eingriff. Dennoch überraschte er die Forscher manchmal mit Erinnerungen an Ereignisse oder Persönlichkeiten, die erst nach seiner Operation bekannt wurden. So konnte er beispielsweise den Initialen JFK den Namen John F. Kennedy zuordnen und wusste, dass er 1963 ermordet wurde. Woher diese Erinnerungen stammten, ist bis heute unklar.
Persönlichkeit und Vermächtnis
Trotz seiner schweren Gedächtnisstörung wurde Molaison von allen, die ihn kannten, als freundlicher, höflicher und kooperativer Mensch beschrieben. Er hatte einen guten Sinn für Humor und war stets bemüht, den Forschern zu helfen. Er schien sich bewusst zu sein, dass seine Teilnahme an den Studien dazu beitrug, das Verständnis des Gedächtnisses zu verbessern, und er war stolz darauf, einen Beitrag leisten zu können.
Suzanne Corkin, die ihn über Jahrzehnte begleitete, betonte, dass Molaison trotz seiner Amnesie eine Persönlichkeit hatte. Er hatte Ziele, Träume, Wünsche und Werte. Er war bescheiden und hatte ein Gewissen.
Tod und die Reise ins Innere seines Gehirns
Henry Molaison starb am 2. Dezember 2008 im Alter von 82 Jahren in einem Pflegeheim in Connecticut. Sein Gehirn wurde dem Brain Observatory in San Diego übergeben, wo es in Tausende von dünnen Scheiben geschnitten, digitalisiert und online für die Forschung zugänglich gemacht wurde. Dieser "digitale H.M." ermöglicht es Forschern auf der ganzen Welt, sein Gehirn detailliert zu untersuchen und neue Erkenntnisse über das Gedächtnis zu gewinnen.
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