Einführung
Die Niereninsuffizienz, auch bekannt als Nierenversagen, ist eine chronische Erkrankung, die in Deutschland etwa 11 % der Bevölkerung betrifft, wobei das Risiko mit zunehmendem Alter steigt. Sie kann erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität und die psychische Gesundheit der Betroffenen haben. Eine häufige Komplikation der Niereninsuffizienz sind neuropathische Schmerzen, die durch Schädigungen des Nervensystems entstehen und sich durch brennende, stechende oder einschießende Schmerzen äußern können. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten neuropathischer Schmerzen im Zusammenhang mit Niereninsuffizienz.
Was ist Niereninsuffizienz?
Eine chronische Nierenerkrankung (CKD) liegt vor, wenn die Nierenfunktion über einen längeren Zeitraum beeinträchtigt ist. Die Nieren sind für die Filterung von Abfallprodukten und überschüssigem Wasser aus dem Blut verantwortlich, die dann über den Urin ausgeschieden werden. Bei einer Niereninsuffizienz können diese Abfallprodukte nicht mehr ausreichend entfernt werden, was zu einer Anreicherung von Giftstoffen im Körper führt. Dies kann verschiedene Organsysteme beeinträchtigen und zu einer Vielzahl von Komplikationen führen, darunter auch neuropathische Schmerzen.
Ursachen von Niereninsuffizienz
Chronische Nierenerkrankungen sind häufig mit sogenannten „Wohlstandskrankheiten“ wie Diabetes mellitus, Adipositas oder kardiovaskulären Erkrankungen wie Hypertonie und Herzinsuffizienz assoziiert. Diabetes mellitus und chronischer Alkoholmissbrauch sind die Hauptauslöser für eine Polyneuropathie. Bis zu einem Drittel (30 Prozent) aller Menschen mit Diabetes Typ-1 und Diabetes Typ-2 entwickeln Schäden an den peripheren Nerven als Folge ihrer Zuckerkrankheit.
Weitere Ursachen für Niereninsuffizienz sind:
- Entzündungen: Borreliose, Lepra
- Leber-, Nieren- und Lungenerkrankungen
- Hämatologische und rheumatologische Erkrankungen
- Tumorerkrankungen
- Bestimmte Medikamente: Chemotherapeutika, Antibiotika, Immun-Checkpoint-Inhibitoren
- Langzeitbehandlung auf einer Intensivstation
- Organtransplantationen
- Vitamin-B12-Mangel: Etwa durch eine einseitige Ernährung - gefährdet sind zum Beispiel Menschen mit veganer Ernährungsweise, die komplett auf tierische Lebensmittel wie Fleisch, Eier und Milchprodukte verzichten.
- Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) oder Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose)
- Infektionen mit Viren und Bakterien: Z. B. Borreliose, Herpes simplex, Pfeiffersches Drüsenfieber
- Autoimmunkrankheiten: Z. B. Guillain-Barré-Syndrom - die Nervenscheiden der peripheren Nerven nehmen Schaden
- Krebserkrankung: Die Neuropathie kann ein erstes Warnsignal sein
- Gifte: Z. B. Lösungsmittel, Schwermetalle
Neuropathische Schmerzen bei Niereninsuffizienz
Neuropathische Schmerzen entstehen durch eine Schädigung des somatosensorischen Nervensystems. Sowohl das periphere als auch das zentrale Nervensystem (im Gehirn und Rückenmark) können betroffen sein. Die Schädigung der Nierenfunktion führt zu einer Schädigung des Stoffwechsels, welche sich wiederum auf die Versorgung Ihres Körpers mit Vitaminen und Mineralstoffen auswirkt. Auch die verminderte Ausscheidung von Giftstoffen wirkt sich auf das Wohlbefinden und wiederum auf Ihren Stoffwechsel aus. Bei einer Urämie kommt es zur Kontamination des Blutes mit harnpflichtigen Substanzen kommt. Die toxischen Auswirkungen der Urämie können alle Organsysteme betreffen und sich in verschiedenen klinischen Syndromen, darunter urämische Perikarditis, Enzephalopathie, Neuropathie und Pruritus, manifestieren.
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Symptome neuropathischer Schmerzen
Neuropathische Schmerzen werden oft als brennend, stechend, elektrisierend oder einschießend beschrieben. Sie treten vorwiegend in Ruhe und nachts auf und können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Weitere Symptome können sein:
- Allodynie: Schmerzen bei Berührungen, die normalerweise nicht schmerzhaft sind
- Hyperalgesie: Erhöhte Schmerzempfindlichkeit
- Parästhesien: Kribbeln, Taubheitsgefühle oder andere ungewöhnliche Empfindungen
Ursachen neuropathischer Schmerzen bei Niereninsuffizienz
Mehrere Faktoren können zur Entstehung neuropathischer Schmerzen bei Niereninsuffizienz beitragen:
- Urämie: Die Anreicherung von Giftstoffen im Blut kann die Nerven schädigen.
- Diabetes: Diabetes ist eine häufige Ursache für Niereninsuffizienz und kann auch zu diabetischer Neuropathie führen.
- Mangelernährung: Ein Mangel an bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen kann die Nervenfunktion beeinträchtigen.
- Entzündungen: Chronische Entzündungen können die Nerven schädigen.
Diagnose neuropathischer Schmerzen
Ziel der Diagnostik ist, die Störung im Nervensystem nachzuweisen und deren Ursache zu ergründen. Dazu steht die gesamte Bandbreite neurologischer Untersuchungsverfahren zur Verfügung. Zur klinischen Erfassung neuropathischer Schmerzanteile stehen validierte Instrumente zur Verfügung, insbesondere der PainDETECT-Fragebogen, der durch gezielte Fragen zu Schmerzcharakteristika wie Brennen, Kribbeln oder einschießenden Schmerzen eine hohe Sensitivität für neuropathische Schmerzkomponenten aufweist.
In der klinischen Untersuchung sind einfache Hilfsmittel ausreichend, um neuropathische Mechanismen zu erkennen:
- Reflexhammer: Zur Überprüfung abgeschwächter Reflexe
- Stimmgabel: Zur Beurteilung der Vibrationsempfindung
- Pinprick-Test und Monofilament: Zur Erfassung von Hyperalgesie oder Allodynie
- Kälte- und Wärmetests: Beispielsweise mit alkoholgetränkten Applikatoren, zur Detektion von Dysästhesien
Behandlung neuropathischer Schmerzen
Die Behandlung neuropathischer Schmerzen bei Niereninsuffizienz erfordert einen multimodalen Ansatz, der sowohl die Grunderkrankung als auch die Schmerzen selbst behandelt.
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Behandlung der Niereninsuffizienz
Die Behandlung der Niereninsuffizienz umfasst in der Regel:
- Medikamentöse Therapie: Zur Kontrolle des Blutdrucks, des Blutzuckers und anderer Risikofaktoren
- Diät: Eine spezielle Diät kann helfen, die Anreicherung von Giftstoffen im Körper zu reduzieren.
- Dialyse: Bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz kann eine Dialyse erforderlich sein, um das Blut von Abfallprodukten zu reinigen.
- Nierentransplantation: In einigen Fällen kann eine Nierentransplantation eine dauerhafte Lösung sein.
Schmerztherapie
Zur Behandlung neuropathischer Schmerzen stehen verschiedene Optionen zur Verfügung:
- Medikamentöse Therapie:
- Antidepressiva: Trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin, Nortriptylin) oder selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) (z. B. Duloxetin)
- Antikonvulsiva: Gabapentin oder Pregabalin
- Opioide: In schweren Fällen können Opioide eingesetzt werden, wobei insbesondere Buprenorphin aufgrund geringerer zentralnervöser Nebenwirkungen und niedriger Sturzgefahr im Alter von Vorteil ist.
- Topische Therapie: Lidocain-Pflaster und hochdosierte Capsaicin-Pflaster (8 %) wirken über eine Natrium- bzw. TRPV1-Kanalblockade und können auch bei initialer Wirkungslosigkeit nach wiederholter Anwendung erfolgreich sein. Auch 20%ige Ambroxol-Cremes zeigen in kleineren Studien analgetische Effekte bei neuropathischen Schmerzen.
- Physikalische Therapie: In der physikalischen Therapie können vor allem sensible und motorische Symptome gelindert werden. Dazu nutzen wir Bäder, Elektrotherapie und Wärmeanwendungen. In der Krankengymnastik, der Sporttherapie und der medizinischen Trainingstherapie (spezielles Krafttraining) lernen Sie spezielle Übungen und stärken Ihre geschwächte Muskulatur.
- Psychologische Therapie: Psychologische Unterstützung in Einzel- oder Gruppentherapie kann helfen, mit den Schmerzen umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.
- Interventionelle Verfahren: Bei unzureichender Wirksamkeit konventioneller Analgetika oder bei intolerablen Nebenwirkungen sollte frühzeitig die Indikation für interventionelle Verfahren geprüft werden. Hierzu zählen insbesondere spinale Katheter- und Pumpensysteme zur intrathekalen Opioidapplikation. In ausgewählten Fällen, insbesondere bei schwersten, therapieresistenten Schmerzen, kann eine Blockade des Ganglion cervicale superius erwogen werden.
Reha-Möglichkeiten
In der Rehabilitation können Patienten mit Niereninsuffizienz und neuropathischen Schmerzen lernen, besser mit ihrer Erkrankung umzugehen und ihre Lebensqualität zu verbessern. Die Reha-Kraichgau-Klinik und die Bosenberg Kliniken bieten spezielle Programme für Patienten mit Polyneuropathie an. Zu den Therapieangeboten gehören:
- Physiotherapie/Krankengymnastik: Verbesserung der Gefühlsstörung, Gleichgewichts- oder Bewegungsfunktionen
- Ergotherapie: Stärkung der Feinmotorik und des Tastvermögens
- Psychologische Therapie: Unterstützung im Umgang mit der Erkrankung
- Patientenschulung und Selbsthilfe: Bewusster Umgang mit der Erkrankung und Annahme eines gesunden Lebensstils
Prävention
Um neuropathischen Schmerzen bei Niereninsuffizienz vorzubeugen, ist es wichtig, die Risikofaktoren zu minimieren:
- Kontrolle des Blutzuckers: Bei Diabetes ist eine gute Blutzuckereinstellung entscheidend.
- Vermeidung von Alkoholmissbrauch: Alkohol kann die Nerven schädigen.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen ist wichtig für die Nervenfunktion.
- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität kann die Durchblutung fördern und die Nervenfunktion verbessern.
- Früherkennung und Behandlung von Nierenerkrankungen: Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von Nierenerkrankungen kann das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und Komplikationen wie neuropathische Schmerzen verhindern.
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