Notfallknopf bei Epilepsie: Was im Ernstfall zu beachten ist

Ein epileptischer Anfall kann für Außenstehende beängstigend wirken. Umso wichtiger ist es, zu verstehen, was bei einem solchen Anfall passiert, welche Gefahren drohen und wie man als Angehöriger oder Zeuge richtig reagiert. Dieser Artikel gibt einen umfassenden Überblick über das Thema Notfallknopf bei Epilepsie, von der Ersten Hilfe bis hin zu technischen Hilfsmitteln, die Betroffenen mehr Sicherheit im Alltag bieten können.

Epileptische Anfälle verstehen

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, unkontrollierte Entladungen von Nervenzellen im Gehirn. Es gibt verschiedene Arten von epileptischen Anfällen, die sich in ihrer Erscheinungsform und Intensität unterscheiden.

Arten von epileptischen Anfällen

Es gibt verschiedene Arten von epileptischen Anfällen, die sich in ihrer Erscheinungsform und Intensität unterscheiden:

  • Fokale Anfälle (früher: partielle Anfälle): Diese Anfälle beginnen in einem bestimmten Bereich des Gehirns. Die Symptome können je nach betroffenem Bereich variieren und reichen von Zuckungen einzelner Muskelgruppen bis hin zu komplexen Verhaltensänderungen.
  • Generalisierte Anfälle: Diese Anfälle betreffen das gesamte Gehirn. Zu den generalisierten Anfällen gehören Absence-Anfälle und tonisch-klonische Anfälle.
  • Absence-Anfälle: Diese Anfälle sind durch kurze Bewusstseinsverluste gekennzeichnet, die oft nur wenige Sekunden dauern. Betroffene wirken während des Anfalls abwesend und reagieren nicht auf Ansprache.
  • Tonisch-klonische Anfälle (Grand Mal): Dies sind die bekanntesten und dramatischsten Anfallsformen. Sie beginnen mit einer plötzlichen Versteifung des Körpers (tonische Phase), gefolgt von rhythmischen Zuckungen (klonische Phase). Während eines tonisch-klonischen Anfalls verlieren Betroffene das Bewusstsein und können sich verletzen.

Ursachen und Auslöser

Epilepsie kann verschiedene Ursachen haben, darunter genetische Faktoren, Hirnschäden durch Verletzungen oder Infektionen sowie Stoffwechselstörungen. In vielen Fällen bleibt die Ursache jedoch unbekannt.

Bestimmte Faktoren können epileptische Anfälle auslösen oder begünstigen. Dazu gehören:

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  • Schlafentzug
  • Stress
  • Fieber
  • Alkohol- oder Drogenkonsum
  • Flackerndes Licht
  • Hormonelle Veränderungen (z. B. während der Menstruation)

Risiken und Gefahren im häuslichen Umfeld

Im häuslichen Umfeld können epileptische Anfälle besondere Gefahren bergen. Stürze, Verbrennungen oder Verletzungen durch Gegenstände in der Umgebung sind mögliche Risiken. Es ist wichtig, das häusliche Umfeld so sicher wie möglich zu gestalten, um Verletzungen während eines Anfalls vorzubeugen.

Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall

Ein epileptischer Anfall kann für Außenstehende beunruhigend sein, ist aber in den meisten Fällen harmlos und klingt nach kurzer Zeit von selbst wieder ab. Es ist wichtig, ruhig zu bleiben und die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, um die betroffene Person vor Verletzungen zu schützen.

Grundregeln der Ersten Hilfe

  • Ruhig bleiben: Ein epileptischer Anfall sieht für jeden Menschen beunruhigend aus, ist aber meist harmlos und nach wenigen Sekunden, aber meist nach höchstens zwei Minuten wieder vorbei. Es drohen dabei keine langfristigen Hirnschäden und es sterben keine Nervenzellen ab. Nur dann, wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert, müssen Sie aktiv werden, eventuell ein Notfellmedikament verabreichen (meist über den Mund oder als Zäpfchen) und einen Notarzt rufen.
  • Auf die Uhr schauen: Beginn und Ende des Anfalls notieren.
  • Verletzungen verhindern: Vor allem den Kopf schützen. Es kann sein, dass die Patientinnen und Patienten Ihren Unmut äußern oder Ihre Hilfsversuche abwehren.
  • Gefahrenzone verlassen: Patient*in aus einer möglichen Gefahrenzone entfernen (z. B. von Treppen, Straßen oder aus dem Wasser).
  • Nichts in den Mund schieben: Niemals etwas zwischen die Zähne schieben, um das Beißen auf die Zunge zu verhindern.
  • Beobachten und dokumentieren: Beobachten und möglichst Notizen oder ein Handyvideo machen, denn sorgfältige Angaben über das Bild und die Dauer des Anfalls sind später für Ärztinnen und Ärzte von großer Wichtigkeit. Falls starke Speichelabsonderung auftritt, sollte man den Kopf auf eine Seite drehen, damit sich der/die Patient*in nicht verschluckt. Gelegentlich kommt es während eines Anfalls oder unmittelbar danach zum Erbrechen.
  • Nach dem Anfall: Betroffene nicht allein lassen, bis die Verwirrtheit nachgelassen hat und sie sich wieder orientieren können. Auch Sprachstörungen sind ganz normale Nebenwirkungen. Bleiben die Patientinnen und Patienten auch nach dem Anfall zunächst bewusstlos, dann Atemwege auf Erbrochenes und Speichel prüfen und davon befreien und Person spätestens jetzt in die stabile Seitenlage bringen. Nach dem Anfall ist der/die Patient*in meist schlaff und längere Zeit nicht oder nur mit Mühe ansprechbar. Manchmal fallen Betroffene auch in einen tiefen Schlaf. Manchmal besteht nach dem Anfall ein Unruhezustand. Diesen sollte man ebenfalls geduldig abklingen lassen. Verwirrtheit und Sprachstörungen nach dem Anfall sind völlig normale Nebenwirkungen.

Wann den Notarzt rufen?

In den meisten Fällen ist ein epileptischer Anfall nicht lebensgefährlich und erfordert keine ärztliche Intervention. Es gibt jedoch Situationen, in denen ein Notarzt gerufen werden sollte:

  • Anfall dauert länger als 5 Minuten (Status epilepticus): In diesem Fall müssen besondere Maßnahmen zur Unterbrechung des Anfallsgeschehens ergriffen und der Notruf gewählt werden.
  • Wiederholte Anfälle ohne Bewusstseinswiederherstellung: Wenn auf den ersten Anfall direkt ein zweiter Anfall folgt, ohne dass der/die Patient*in zwischendurch wieder zu Bewusstsein gelangt ist.
  • Verletzungen durch den Anfall: Wenn es durch den Anfall zu Verletzungen gekommen ist, z. B. durch einen Sturz.
  • Erster epileptischer Anfall: Wenn es sich um den ersten epileptischen Anfall des/der Betroffenen handelt.

Notfallmedikation

Möglicherweise hat der/die Arzt/Ärztin für einen akuten Anfall ein krampflösendes Mittel verordnet, das auch von einem Laien angewendet werden kann. Es handelt sich hierbei um Diazepam Rectiolen, die in den After eingeführt werden oder um bukkales Midazolam, das mit Hilfe einer vorbefüllten Spritze ohne Nadel zwischen Wange und Zahnfleisch gespritzt wird. In vielen Fällen wird diese Notfallmedikation nur von Notärztinnen und Notärzte oder Rettungsassistentinnen verabreicht. In Rücksprache mit dem/der Arzt/Ärztin erhalten aber auch Eltern von epilepsiekranken Kindern oder die Partnerinnen von Epilepsie-Patientinnen und Patienten entsprechende Benzodiazepine zur Verabreichung im Notfall. Für die Erstversorgung im Notfall durch Angehörige, Lehrer und Pflegepersonal werden andere Darreichungsformen angeboten. Clevere Lösungen sind hier wichtig, weil viele Epilepsie-Patientinnen und Patienten während eines Anfalls nicht einfach eine Tablette schlucken können: Für Kinder und Jugendliche wird häufig Midazolam in flüssiger Form eingesetzt, da es während eines Anfalls einfach mit vorgefüllten Applikationsspritzen in die Wangentasche gegeben werden kann. Der Wirkstoff wird dann über die Wangenschleimhaut aufgenommen, ohne dass der/die Betroffene diesen schlucken muss. Für Kinder und auch Erwachsene ist Diazepam in sogenannten Rektaltuben erhältlich und wird über den After angewendet, um gefährliche Anfälle schnell zu unterbrechen.

Notfallausweis

Menschen mit Epilepsie wird zudem geraten, ständig einen Notfallausweis mit sich zu führen, auf dem Kontaktpersonen, eventuell einzunehmende Notfallmedikamente und weitere Informationen hinterlegt sind.

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Technische Hilfsmittel für mehr Sicherheit

Neben der Ersten Hilfe und der Notfallmedikation gibt es verschiedene technische Hilfsmittel, die Menschen mit Epilepsie mehr Sicherheit im Alltag bieten können. Dazu gehören Notfallarmbänder und Hausnotrufsysteme.

Notfallarmbänder mit Sturzerkennung

Notfallarmbänder mit Sturzerkennung stellen eine revolutionäre Entwicklung dar, die speziell darauf abzielt, die individuelle Sicherheit und Autonomie zu verbessern. Diese Geräte sind nicht nur ein Symbol für technologischen Fortschritt, sondern auch für das zunehmende Bewusstsein und die Fürsorge für Menschen mit besonderen Bedürfnissen, wie Epilepsie.

Funktionsweise

Die automatische Sturzerkennung nutzt Sensoren, um einen Sturz zu erkennen und löst dann basierend auf dieser Erkennung einen Alarm aus. Diese Technologie misst Veränderungen in der Bewegung und Orientierung, um zwischen alltäglichen Bewegungen und einem potenziellen Sturz zu unterscheiden. Im Falle einer Notsituation kann der Träger des Notfallarmbands den integrierten Notfallknopf drücken, um sofort Hilfe zu rufen. Das Armband ist mit einem Notrufsystem verbunden, das entweder direkt mit einem vorher festgelegten Notdienst oder mit hinterlegten Kontaktnummern kommuniziert.

Funktionen von Notfallarmbändern für Epilepsie

  • Automatische Anfallserkennung und Alarmierung: Moderne Notfallarmbänder für Epilepsie sind mit Sensoren ausgestattet, die Anzeichen eines epileptischen Anfalls erkennen und automatisch einen Alarm auslösen können. Epi-Care free wurde entwickelt, um tonisch-klonische Anfälle zu registrieren und Alarm auszulösen. Die eingebaute Elektronik des Armbands erkennt die charakteristischen Zuckungen, die bei Krampfanfällen auftreten.Epi-Care free reagiert nicht auf alltägliche Bewegungen, beispielsweise beim Essen, Lesen oder Schlafen.Klinische Test haben gezeigt, dass Epi-Care 91% aller tonisch-klonischen Epilepsieanfälle erkennt.
  • GPS-Ortung für schnelle Lokalisierung: Zusätzlich bieten viele dieser Armbänder GPS-Funktionen, mit denen die genaue Position des Trägers im Notfall schnell lokalisiert werden kann.
  • Individualisierbare Notfallkontakte: Die Möglichkeit, individuelle Notfallkontakte im Armband zu hinterlegen, gewährleistet, dass im Falle eines Anfalls nicht nur professionelle Helfer, sondern auch Familienmitglieder oder Freunde sofort benachrichtigt werden.
  • Telefonfunktion: Ja, viele moderne Notfallarmbänder bieten eine Telefonfunktion an. Diese ermöglicht es dem Träger, direkt über das Armband ausgehende Anrufe zu tätigen oder anzunehmen.
  • Lange Akkulaufzeit: Die Akkulaufzeit eines Notfallarmbands kann je nach Modell und Nutzung variieren. Viele Geräte bieten eine lange Akkulaufzeit von mehreren Tagen bis zu mehreren Wochen, um sicherzustellen, dass das Armband auch mobil und ohne tägliches Aufladen zuverlässig funktioniert.
  • Hohe Genauigkeit der GPS-Ortung: Die Genauigkeit der GPS Ortung in Notfallarmbändern hängt von verschiedenen Faktoren ab, einschließlich der Qualität der verbauten GPS Technologie und der Verfügbarkeit von GPS Signalen in der Umgebung. Moderne Geräte bieten eine hohe Genauigkeit, die es ermöglicht, den Standort des Trägers schnell und präzise zu bestimmen.

Vorteile

Ein Notfallarmband für Epilepsie kann Betroffenen ein größeres Maß an Unabhängigkeit und Freiheit im täglichen Leben ermöglichen. Es bietet Schutz durch automatische Anfallserkennung, GPS-Ortung und Notruffunktionen und fördert die Unabhängigkeit der Nutzer im Alltag.

Hausnotrufsysteme

Hausnotrufsysteme geben pflegebedürftigen oder älteren oder allein lebenden Personen die Möglichkeit, sich in Notlagen bemerkbar zu machen. Ein Hausnotruf kann dazu beitragen, die eigene Selbstständigkeit zu bewahren.

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Funktionsweise

Ein Hausnotrufsystem ist ein elektronisches Meldesystem, das mit einer Notrufzentrale verbunden ist, die im Bedarfsfall Hilfe organisieren kann. Das Auslösen des Notrufs erfolgt über einen in der Regel wasserdichten Funksender, den der Nutzer um den Hals oder als Armband trägt. Die Verbindung zur Notrufzentrale stellt ein Notrufgerät mit Freisprechanlage her, das an die Telefondose und ans Stromnetz angeschlossen wird. Ein Mitarbeitender der rund um die Uhr besetzten Notrufzentrale nimmt bei Alarm Kontakt mit der Hilfe suchenden Person auf.

In der Notrufzentrale sind folgende persönlichen Daten des Kunden hinterlegt:

  • Adresse und Zugang zur Wohnung
  • Gesundheitszustand und Vorerkrankungen
  • Kontaktdaten von Angehörigen und / oder Bezugspersonen
  • Verordnete Medikamente
  • Sofortmaßnahmen und individuell vereinbarte Hilfepläne

Je nach Situation werden Angehörige, Rettungsdienst oder Notarzt verständigt.

Zusatzleistungen

Viele Anbieter halten Zusatzpakete vor, die man hinzubuchen kann. Dazu kann zum Beispiel gehören:

  • Sichere Schlüsselaufbewahrung in einem Tresor
  • Notwendige Module für Personen ohne Festnetzanschluss
  • Zusätzliche Funkfinger
  • Verbindung zu Rauch-, Temperatur- oder Wassermeldern
  • Falldetektoren (die automatisch einen Notruf absetzen, wenn sie einen Sturz registrieren)
  • Zweitgeräte (ggfs. erforderlich zur Sicherung über mehrere Etagen)

Spezielle Hausnotrufsysteme für Epileptiker

Spezielle Hausnotrufsysteme für Epileptiker gehen über die Funktionen herkömmlicher Notrufsysteme hinaus. Sie sind darauf ausgelegt, epileptische Anfälle zu erkennen und automatisch Hilfe zu rufen. Diese Systeme gibt es in verschiedenen Ausführungen, von tragbaren Geräten bis hin zu stationären Lösungen für zu Hause.

Anfallserkennung durch Sensortechnologie

Moderne Epilepsie-Notrufsysteme nutzen verschiedene Sensoren, um Anfälle zu erkennen. Dazu gehören:

  • Bewegungssensoren, die ungewöhnliche Bewegungsmuster erkennen
  • Beschleunigungssensoren, die plötzliche Stürze registrieren
  • Biosensoren, die Veränderungen in Herzfrequenz oder Hautleitfähigkeit messen

Diese Sensoren arbeiten zusammen, um möglichst genau zwischen normalen Aktivitäten und einem epileptischen Anfall zu unterscheiden.

Alarmierung und Kommunikation im Notfall

Wird ein Anfall erkannt, löst das System automatisch einen Alarm aus.

Kosten und Kostenübernahme

Die Kosten für Epilepsie-Notrufsysteme können stark variieren:

  • Tragbare Geräte: 200-1000 € Anschaffungskosten
  • Stationäre Systeme: 500-2000 € Anschaffungskosten
  • Monatliche Gebühren: 20-50 € für Notrufzentralen-Service

Zusätzlich können Kosten für Installation, Wartung und eventuelle Reparaturen anfallen.

Gute Nachrichten: In vielen Fällen beteiligen sich Krankenkassen an den Kosten für Epilepsie-Notrufsysteme. Die Voraussetzungen und der Umfang der Kostenübernahme können variieren. Typischerweise wird ein ärztliches Attest benötigt, das die Notwendigkeit des Systems bestätigt. Einige Kassen übernehmen die kompletten Anschaffungskosten, andere beteiligen sich an den monatlichen Gebühren. Die Pflegekasse zahlt für Notruflösungen als technische Pflegehilfsmittel einen monatlichen Betrag von bis zu 25,50 Euro. Zusatzleistungen bezahlt die Pflegekasse in der Regel nicht. Stellen Sie am besten gemeinsam mit dem Anbieter Ihres favorisierten Systems einen Antrag.

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