Kopfschmerzen gehören zu den häufigen Gründen für einen Arztbesuch, insbesondere bei Pädiatern. Die altersbezogene Migräneinzidenz erreicht ihren Höhepunkt in der zweiten Lebensdekade, aber Kopfschmerzen scheinen immer früher zu beginnen und an Häufigkeit zuzunehmen. Etwa ein Drittel aller Kinder hat bereits im Vorschulalter Erfahrungen mit Kopfschmerzen gemacht. Bei Erstklässlern in Turku stieg die Prävalenz von Kopfschmerzen von 14 % im Jahr 1974 auf 63 % im Jahr 2002, und die Häufigkeit von Migräne stieg von 2 % auf 9 %. Mit der Einschulung findet sich ein erster klarer Anstieg der Kopfschmerzprävalenz, ein erneuter, noch deutlicher ausgeprägter Anstieg im Alter von 10-15 Jahren. Im Pubertätsalter liegt die Prävalenz der Migräne bei 10-20 %, diejenige von Kopfschmerzen überhaupt - je nach Studie - bei über 80 %.
Einführung
Eine Migräne muss nicht zwangsläufig mit Kopfschmerzen einhergehen. Bei der okulären Migräne, auch ophthalmische Migräne genannt, stehen visuelle Störungen im Mittelpunkt. Dazu gehören beispielsweise Gesichtsfeldausfälle (Skotome), Flimmern vor den Augen oder Lichtblitze. Für Betroffene sind die Symptome anfangs oft besorgniserregend, entstehen im Normalfall jedoch keine Folgen oder Komplikationen.
Was ist eine okuläre Migräne?
Die okuläre Migräne ist eine besondere Form der Migräne. Oft dauern Anfälle nur wenige Minuten an. Eine okuläre Migräne kann zusätzlich zu den migränetypischen Kopfschmerzen auftreten, aber auch allein. Die Attacken unterscheiden sich dabei nicht nur von Mal zu Mal, sondern auch von Patient zu Patient. Generell beschreiben viele Betroffene Beeinträchtigungen ihrer Gesundheit wie Gesichtsfeldausfälle und Flimmern sowie Lichtblitze vor dem Auge als Symptome. Oft treten diese Anzeichen auch in Kombination auf oder gehen ineinander über. Lichtblitze und Flimmern können sich beispielsweise ergänzen und in eine starke Einschränkung des Gesichtsfelds übergehen.
Den meisten Patienten mit Migräne kommt im Zusammenhang mit Lichtblitzen und Kopfschmerzen vermutlich die Bezeichnung Migräne mit Aura in den Sinn. Eine klar abgrenzbare Unterscheidung zwischen Augenmigräne und Migräne mit Aura ist in der Fachliteratur tatsächlich nicht definiert. Jedoch gibt es einen Unterschied, der eine Trennung der beiden Formen zulässt. Auch wenn eine Migräne mit Aura häufig durch Lichtblitze oder Flimmern im Auge gekennzeichnet ist, steht hier der Kopfschmerz im Vordergrund. Augenmigräne zeichnet sich durch die Präsenz visueller Störungen aus, die normalerweise ein- oder beidseitig auftreten und etwa 10-30 Minuten dauern.
Abgrenzung zu anderen Migräneformen
Es gibt vielfältige Formen von Migräne und nicht immer sind die eigenen Gesundheitsprobleme einfach einzuordnen. Abgesehen von den beschriebenen Symptomen ist das wichtigste Merkmal der Augenmigräne die starke Augenbeteiligung. Daher kann sie auch ganz klar von einer Migräne mit Aura abgegrenzt werden. Zwar können auch hier Sehstörungen auftreten, jedoch gelten diese als Vorzeichen der nahenden Kopfschmerzattacke. Das bedeutet, Sie haben die visuellen Beschwerden vor den eigentlichen Kopfschmerzen.
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Vielleicht haben Sie auch schon einmal von der vestibulären oder der retinalen Migräne gehört - auch hier können Sehstörungen auftreten. Allerdings leiden Betroffene einer vestibulären Migräne unter starken Kopfschmerzen und gleichzeitigem Schwindel. Die zusätzlichen Sehstörungen sind meist durch Gleichgewichtsstörungen bedingt. Eine retinale Migräne tritt dagegen einseitig auf und betrifft vor allem die Netzhaut, während bei einer Augenmigräne in der Regel beide Augen betroffen sind.
Symptome der okulären Migräne
Wenn die Augen Anzeichen einer Migräne zeigen, macht sich dies durch Sehstörungen wie bspw. ein Flimmerskotom bemerkbar. Sie können entweder ein- oder beidseitig auftreten und dauern in der Regel einige Minuten bis eine Stunde.
Häufig beschriebene Wahrnehmungsstörungen sind:
- Lichtblitze
- Flackern
- Flimmern
- Sehen von gezackten Linien
- Einschränkungen des Gesichtsfeldes
Symptome einer Augenmigräne können sein:
- Ein Flackern oder Flimmern im Auge, manchmal auch bei geschlossenen Augen
- Gesichtsfeldausfälle (Skotom, der Wahrnehmungsbereich des Auges ist verkleinert)
- Lichtblitze im Auge mit Gesichtsfeldausfällen (auch als Flimmerskotom bezeichnet)
- Kurzzeitiger Sehverlust auf einem Auge
Flimmerskotome können in verschiedenen Varianten erscheinen. Beispielweise sind neben Lichtblitzen ebenso Zickzacklinien möglich, die sich in Form eines Halbkreises weiter ausbreiten. In der Regel benötigen diese visuellen Erscheinungen 10 bis 30 Minuten von der Entstehung bis hin zum Maximum und weisen eine Frequenz von 8 bis 12 Flimmerbewegungen pro Sekunde auf.
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Nicht als hauptsächliche Symptome, aber als Begleiterscheinung können auch Schmerzen in Form von Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel und Lichtempfindlichkeit auftreten. Bei einem sehr starken Anfall kommen neben den üblichen Begleiterscheinungen ebenso das Sehen von Doppelbildern und Halluzinationen vor. Auch wenn es währenddessen ein geringer Trost ist: Die Beschwerden klingen nach den meist kurzen Migräne-Attacken wieder vollständig ab, es entstehen auch keine bleibenden Schäden für die Gesundheit.
Sonderform: Retinale Migräne
Diese Form der Augenmigräne ist sehr selten. Wie viele Migräne-Patienten diese Erkrankung der Retina (Netzhaut) betrifft, ist jedoch unklar. Hierbei treten die Symptome allerdings nicht beidseitig, sondern nur auf einem Auge auf. Als Ursache vermuten Wissenschaftler eine fehlende Durchblutung der Retina oder des Sehnervs, die zeitweise zu visuellen Störungen während einer retinalen Migräne führt.
Ursachen der okulären Migräne
Die genaue Ursache von Augenmigräne ist nicht vollständig verstanden. Über die Ursachen der Augenmigräne gibt es bis heute keine genauen Daten. Die Augenmigräne ist eine neurologische Erkrankung, das bedeutet, das Nervensystem ist betroffen. Deshalb verschwinden die Symptome selbst bei geschlossenen Augen nicht. Die genauen Ursachen der Augenmigräne sind allerdings bis heute nicht vollständig erforscht.
Ähnlich wie bei der Migräneforschung konnten bisher lediglich Vermutungen und Erklärungsansätze vorgestellt werden. Bei der klassischen Migräne vermuten Forscher beispielsweise Durchblutungsstörungen als Ursache. Sie gehen davon aus, dass die Blutgefäße als Reaktion auf die gestörte Zirkulation Botenstoffe ausschütten, die für die Beschwerden sorgen. Die Augenmigräne wird dementsprechend auf eine Durchblutungsstörung im Bereich der Sehrinde zurückgeführt. Dort befindet sich sozusagen Ihr Verarbeitungszentrum für visuelle Reize. Bei der Verarbeitung der Reize schleichen sich durch die unzureichende Blut- und damit auch Sauerstoffzufuhr Fehler ein, die Sie dann als Sehstörungen wahrnehmen.
Ein anderer Erklärungsansatz stellt die Nerven in den Fokus. Mediziner vermuten, dass bei den Nerven, die mit dem Sehnerv verbunden sind, ein Ungleichgewicht von Hemmung und Erregung besteht. Die Nerven leiten daher die optischen Reize nicht korrekt weiter, was sich durch die für die Augenmigräne typischen Leiden äußert. Oftmals erhöhen Triggerfaktoren die Wahrscheinlichkeit einer solchen Nervenstörung. Ein Trigger ist ein Auslöser, der bestimmte Körperreaktionen hervorruft.
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Mögliche Triggerfaktoren
Auch wenn es mitunter nicht leicht ist, seine individuellen Trigger zu identifizieren: Der Aufwand lohnt sich. Sind die Auslöser für eine Augenmigräne gefunden, lassen sie sich vermeiden, was erneuten Attacken vorbeugen kann. Jedoch geht das nicht immer.
Diagnose der okulären Migräne
Ein Neurologe oder Augenarzt kann die Diagnose anhand der Krankengeschichte und der Beschreibung der Symptome stellen.
Augenflimmern, Lichtblitze oder Sehstörungen können äußerst beängstigend wirken. Auch wenn sich die Symptome nach einiger Zeit wieder gelegt haben, sollten Sie einen Arzt aufsuchen, in der Regel einen Augenarzt. Mithilfe verschiedener Untersuchungsmethoden kann er feststellen, ob die Beschwerden durch Veränderungen im Auge herbeigeführt wurden. Dafür nutzt er unter anderem die Spaltlampe, mit der er den Augenhintergrund begutachtet.
Wird der Facharzt für Augenheilkunde nicht fündig, ist der nächste Ansprechpartner ein Neurologe. Er kann mittels eines Elektroenzephalogramms (EEG) die Gehirnströme messen und bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanztomografie (MRT) nutzen, um das Gehirn auf Besonderheiten zu untersuchen.
Wichtig für Sie: Bevor Sie einen Arzt aufsuchen, überlegen Sie sich genau, welche Symptome Sie hatten und wann diese aufgetreten sind. Denn danach wird der Behandler fragen, genauso wie nach Ihren Medikamenten, Alkohol- oder Zigarettenkonsum oder Vorerkrankungen.
Differenzialdiagnostik
Bei einer Anamnese, die an primären Kopfschmerzen zweifeln lässt, bei auffälligen auxologischen Maßen und bei entsprechenden Auffälligkeiten in der körperlichen Untersuchung sind weitere Untersuchungen, wie eine MRT des Neurokraniums indiziert. Sie sollten jedoch nicht bei jedem Kopfschmerz eingesetzt werden.
Behandlung der okulären Migräne
Die Behandlung kann auf die Linderung der Symptome abzielen. Es ist wichtig, einen Arzt aufzusuchen, um eine genaue Diagnose zu erhalten. Selbstbehandlung sollte nur in Absprache mit einem Facharzt erfolgen.
In der Regel vergehen die Beschwerden wie Flimmerskotome oder Flackern im Auge von allein wieder, sodass die Behandlung einer Augenmigräne ohne Medikamente auskommt. Sollten die Beschwerden jedoch häufig und intensiv sein, halt Rücksprache mit Ihrem Arzt. In manchen Fällen können Sie auf ein Schmerzmittel zurückgreifen. Möglicherweise eignen sich Arzneimittel, die auch bei der Migräne-Therapie zum Einsatz kommen, bei Augenmigräne.
Akutmaßnahmen
Was also tun, wenn sich die Augenmigräne ankündigt?
- Ziehen Sie sich in ein ruhiges und abgedunkeltes Zimmer zurück.
- Legen Sie ein kühles Tuch auf Ihr Gesicht.
- Versuchen Sie, sich zu entspannen. Dafür empfiehlt es sich, ein Entspannungsverfahren wie die Muskelentspannung nach Jacobson zu lernen.
- Dunkelheit und Ruhe können helfen, wenn visuelle Symptome auftreten.
Ist die Schmerzattacke akut da, sind Ruhe und Dunkelheit die besten Helfer. Kühle Tücher auf Stirn und Augen können Linderung verschaffen - und alles, was zur Entspannung beiträgt. Versuchen Sie daher auch, Entspannungstechniken (z.B. zur Muskelentspannung) anzuwenden. Bei weniger starken Anfällen kommen die meisten Patienten ohne Schmerzmittel und ohne einen Gang zum Arzt aus. Wird es schlimmer, versprechen schnell wirksame Schmerzmittel beinahe sofortige Linderung. Nehmen Ihre Migräne-Anfälle dagegen von Mal zu Mal an Intensität zu, sollten Sie das mit Ihrem Arzt besprechen. Gemeinsam können Sie die beste Strategie für den Umgang mit den gesundheitlichen Einschränkungen entwickeln.
Vorbeugende Maßnahmen
Vorbeugen können Sie dann besonders gut, wenn Sie Ihre individuellen Trigger-Faktoren kennen. Versuchen Sie zu beobachten, worauf Sie besonders empfindlich reagieren oder unter welchen Bedingungen ein Anfall einsetzt - so können Sie über die Zeit Strategien zur Vermeidung der Auslöser entwickeln. Die Häufigkeit der Attacke kann sich damit stark reduzieren.
Weitere Empfehlungen richten sich vor allem nach der Therapie der klassischen Migräne, da es hier die meisten Erfahrungswerte gibt. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft empfiehlt in der Leitlinie zur Therapie der Migräne beispielsweise die Einnahme von Magnesium und Vitamin B12, da diese eine vorbeugende Wirkung haben können.
Was Sie im Umgang mit der Augenmigräne darüber hinaus machen können: sich mit anderen Betroffenen austauschen. Auf der Internetsite der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft finden Sie diverse Selbsthilfegruppen. Vielleicht lässt sich dem nächsten Anfall auch durch den Erfahrungsaustausch in der Selbsthilfegruppe vorbeugen - zum Beispiel durch Tipps anderer Menschen, die auch unter Augenmigräne leiden. Grundsätzlich gilt: Alle Techniken und Methoden, die zur Entspannung und inneren Ruhe beitragen, können Ihnen helfen. Stress sollte dagegen so gut wie möglich vermieden oder durch entsprechende Techniken in seiner Wirkung abgemildert werden. Damit tun Sie nicht nur etwas gegen die Augenmigräne, sondern auch für Ihr allgemeines Wohlbefinden.
Ist eine Augenmigräne gefährlich?
Im Normalfall ist Augenmigräne nicht gefährlich und bedarf auch keiner speziellen Behandlung. Nur selten kommt es bei einer Attacke zu schweren Symptomen wie Halluzinationen oder Lähmungserscheinungen. Dann sollten Sie unbedingt zum Arzt. Eine ebenfalls seltene, aber ernste Komplikation der Augenmigräne ist eine Augenmuskellähmung (Ophthalmoplegie). Dadurch sind die Augen in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt, was sich im Sehen von Doppelbildern oder einem hängenden Augenlid bemerkbar machen kann.
InfoIn ganz seltenen Fällen kann es zu einer Komplikation der Augenmigräne kommen: der ophthalmoplegischen Migräne. Dabei tritt eine Lähmung der Nerven auf, die bis zur Augenmuskulatur führen. Besonders häufig sind davon Kinder und Jugendliche betroffen. Da die Beschwerden nicht immer von alleine abklingen, ist ein sofortiger Gang zum Augenarzt notwendig. Dieser kann bei den Betroffenen schon äußerlich eine Fehlstellung der Augen, geweitete Pupillen und hängende Augenlider erkennen.
Differenzialdiagnose: Schlaganfall
Migräne-Patienten, bei denen dem Kopfschmerz eine Aura vorausgeht, haben ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. Dabei können die Symptome einer Migräne mit Aura denen bei einem Schlaganfall ähneln. Betroffene und auch Angehörige sollten bei Attacken besonders aufmerksam sein.
„Bemerken Patienten im Rahmen einer Aura neue neurologische Symptome oder treten Aura-Beschwerden wie Empfindungs-, Seh- oder Sprachstörungen zum gleichen Zeitpunkt wie Kopf- und Gesichtsschmerzen auf, sollte unbedingt auch an einen Schlaganfall gedacht werden“, betont Prof. Gereon Nelles vom Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN).
Aura-Symptome bilden sich in der Regel vollständig - meist innerhalb von einer Stunde - zurück. Am häufigsten handelt es sich um Sehstörungen, die einseitig links oder rechts im Gesichtsfeld auftreten. Etwas seltener treten Auren in Form von Gefühlsstörungen an Armen oder Beinen auf.
„Typisch für einen Schlaganfall sind im Gegensatz zur Migräne-Aura abrupt einsetzende Beschwerden, wie Taubheit, Schwäche oder Lähmungserscheinungen sowie eine plötzliche Sprachstörung und/oder Gleichgewichtsstörungen“, ergänzt der Experte.
Einem Verdacht auf einen Schlaganfall können auch medizinische Laien mit einem einfachen Test nachgehen. Innerhalb kürzester Zeit lassen sich die wichtigsten dieser Anzeichen mit dem sogenannten FAST-Test überprüfen:
- F steht für Face (Gesicht): Man sollte die Person bitten zu lächeln. Wenn das Gesicht einseitig verzogen ist, deutet das auf eine halbseitige Lähmung hin.
- A steht für Arms (Arme): Dabei bittet man die Person, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer Lähmung können nicht beide Arme gehoben werden, sie sinken wieder herunter oder drehen sich.
- S steht für Speech (Sprache): Ist der Betroffene nicht in der Lage, einen einfachen Satz nachzusprechen oder klingt seine Stimme dabei verwaschen, ist das ein Zeichen für Sprachstörungen.
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