Oligodendrogliome sind seltene Hirntumoren, die von den Oligodendrozyten ausgehen, den Stützzellen des Gehirns. Sie machen etwa 10 % aller Gliome aus und treten hauptsächlich bei Erwachsenen zwischen dem 35. und 50. Lebensjahr auf. Die Tumoren entstehen meist spontan und wachsen langsam, können aber potenziell tödlich sein. Daher ist eine frühzeitige Diagnose und eine individuelle Behandlung entscheidend.
Was ist ein Oligodendrogliom?
Ein Oligodendrogliom ist ein seltener, langsam wachsender Hirntumor, der von den Oligodendrozyten oder deren Vorläuferzellen ausgeht. Oligodendrozyten sind bestimmte Stützzellen im Gehirn. Die Tumorzellen ähneln unter dem Mikroskop den Oligodendrozyten des Gehirns, bilden aber keine Markscheiden mehr. Sie werden von der WHO nach ihrer Histologie und den Mutationsarten, die vorhanden sind, klassifiziert.
Gliome im Überblick
Gliome sind die am häufigsten auftretenden primären Hirntumore. Primär bedeutet, dass sie von der Gehirnsubstanz ausgehen. Gliome treten vor allem im Hirn auf, können aber auch entlang des Rückenmarks oder des Sehnervs entstehen. Sie sind nach der neuesten Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von Tumoren des zentralen Nervensystems (2021) in die Gruppe der Gliome, glioneurale Tumore und neuronale Tumore einzuordnen.
Der Begriff Gliome ist ein Sammelbegriff für Tumoren des Zentralnervensystems, die der sogenannten Glia entstammen. Die Glia ist das Stützgewebe des Nervensystems. Diese Zellen des Stützgewebes können bösartig (maligne) entarten und werden je nach Ursprungszelle z. B. Astrozytom oder als Oligodendrogliome klassifiziert.
Gliome werden in die Grade 1, 2, 3 und 4 (arabische Ziffern) unterteilt. Die Tumore werden mithilfe von molekularen Biomarkern eingestuft. Darüber hinaus gibt es die zwei Suffixe „NOS“ (Not otherwise specified) und „NEC“ (Not elsewhere classified). Dabei gibt NOS an, dass die (molekular) diagnostischen Informationen nicht vorliegen oder nicht untersucht wurden. Man unterscheidet weiterhin diffuse Gliome des Erwachsenenalters von diffusen Gliomen des Kindesalters. Eine solche Unterteilung ist trotz einer histologischen Ähnlichkeit wichtig, da die beiden Gruppen in Bezug auf Tumorbiologie und klinischem Verhalten verschieden sind. In seltenen Fällen treten Gliome des Kindesalters aber auch im Erwachsenenalter (besonders bei jungen Erwachsenen) auf.
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Oligodendrogliom vs. andere Hirntumoren
Es ist wichtig, Oligodendrogliome von anderen Hirntumoren zu unterscheiden, da sich die Behandlung und Prognose unterscheiden können.
- Astrozytome: ZNS-Tumor, der aus Astrozyten entsteht. Glioblastoma multiforme bezeichnet, während Astrozytome vom Grad II als niedriggradige diffuse Astrozytome bezeichnet werden.
- Meningeome: Gutartiger Tumor, der aus den Hirnhäuten des Gehirns oder des Rückenmarks entsteht. Meningeome treten mit Kopfschmerzen, Sehstörungen und möglichen Krampfanfällen auf.
- Hirnmetastasen: Neoplastische Zellen, die sich von Primärtumoren an anderer Stelle im Körper auf das Gehirn ausgebreitet haben. Metastasierte Neoplasien sind die häufigsten Neoplasien im Gehirn.
- Toxoplasma/Toxoplasmose: Toxoplasma gondii im ZNS bei immungeschwächten Patientinnen(z. B. HIV-Patientinnen). Fieber, Kopfschmerzen, fokalen neurologischen Defiziten und/oder Krampfanfällen. Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns diagnostiziert, welches ringverstärkte Läsionen aufzeigt (im Gegensatz zu Oligodendrogliomen).
Ursachen und Risikofaktoren
Die genauen Ursachen für die Entstehung von Oligodendrogliomen sind weitestgehend unbekannt. Allerdings gibt es einige genetische Veränderungen, die mit der Entstehung dieser Tumoren in Verbindung gebracht werden:
- Mutationen in den IDH-Genen (IDH1 oder IDH2)
- 1p/19q-Kodeletion (Verluste des kurzen Arms von Chromosom 1 und des langen Arms von Chromosom 19)
Diese Veränderungen führen zu einem gestörten Zellstoffwechsel und unkontrolliertem Wachstum der Tumorzellen. Patienten, deren Tumoren diese Veränderungen zeigen, haben eine bessere Prognose, vermutlich weil sie besser auf Strahlentherapie und Chemotherapie ansprechen.
Weitere Risikofaktoren:
- Ionisierende Strahlung
Symptome
Oligodendrogliome wachsen langsam und sind vor der Erstdiagnose oft jahrelang asymptomatisch. Die Symptome eines Oligodendroglioms entwickeln sich meist schleichend und hängen von der Lage des Tumors im Gehirn ab.
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Häufige Symptome sind:
- Epileptische Anfälle: Treten bei etwa 70 % der Patienten auf und sind oft das erste Anzeichen.
- Kopfschmerzen: Hartnäckige Kopfschmerzen, besonders morgens.
- Übelkeit und Erbrechen: Durch erhöhten Hirndruck.
- Persönlichkeitsveränderungen
- Sprachstörungen
- Sehstörungen
- Lähmungserscheinungen
Diagnose
Die Diagnose eines Oligodendroglioms erfolgt in mehreren Schritten:
- Magnetresonanztomografie (MRT) des Schädels: Das wichtigste diagnostische Verfahren, um den Tumor und seine Ausdehnung zu zeigen. Charakteristisch sind dabei oft Verkalkungen im Tumorgewebe. Wenn dies nicht möglich ist, kommt die Computertomografie (CT) zum Einsatz.
- Gewebeentnahme (Biopsie): Für eine sichere Diagnose ist eine Gewebeprobe unerlässlich. Diese wird mikroskopisch untersucht und molekulargenetisch analysiert, wobei besonders auf die typischen Veränderungen (IDH-Mutation und 1p/19q-Kodeletion) geachtet wird. Die Diagnose wird durch eine Hirnbiopsie gestellt, die ein klassisches „Spiegeleiartiges“-Erscheinungsbild der Zellen (runde Kerne mit klarem Zytoplasma) zeigt.
Behandlung
Die Behandlung von Oligodendrogliomen wird individuell auf jeden Patienten abgestimmt und umfasst mehrere Therapieansätze. Am WHO-Grad und molekulargenetischem Profil orientieren sich heute die zunehmend individuell ausgerichteten Therapien.
Operation: An erster Stelle steht meist die operative Tumorentfernung. Eine fachgerechte, möglichst vollständige operative Entfernung des Tumors ist wichtig, um die Überlebenschance der Betroffenen zu erhöhen. Einerseits ist es wichtig, die entarteten Zellen möglichst vollständig zu entfernen. Andererseits muss das umliegende gesunde Gewebe geschont werden, um Folgeschäden zu vermeiden. Sogar die von vielen Patienten gefürchtete Totalrasur des Kopfes lässt sich durch minimalinvasive Operationstechniken umgehen.
Hybrid Operationssaal: Im Hybrid OP stehen hochauflösende bildgebende Verfahren zur Verfügung. Das ermöglicht eine noch präzisere Schnittführung. Zusammengefasst kann das für Betroffene ein besseres Operationsergebnis bedeuten. Zudem sind die Eingriffe schonender, da Patienten für diagnostische Zwecke nicht verlegt werden müssen. Für minimalinvasive Eingriffe ist der Hybrid OP besonders geeignet. Dabei verschafft sich der Chirurg über winzige Öffnungen in der Schädeldecke Zugang zum Operationsgebiet. Der große Vorteil für den Patienten: Gesundes Gewebe wird geschont. Dadurch erholen sich Betroffene tendenziell rascher von dem Eingriff.
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OP-Planung und intraoperative Neuronavigation mit modernster Computertechnik: Um Veränderungen im Gewebe zu beurteilen, können Neurochirurginnen und -chirurgen Ultraschall-, CT-, MRT- und PET-Bilder miteinander kombinieren. Wenn sie die Aufnahmen übereinanderlegen, sehen sie, wo der Tumor genau liegt, wie aggressiv er ist, wie schnell oder langsam er wächst und wo Proben genommen werden sollten. Auch bewegungs- und sprachrelevante Areale und Faserbahnen können sich die Ärztinnen und Ärzte in der OP-Planung vorab farbig kennzeichnen. So finden sie immer den kürzesten und sichersten Weg zum Tumor. Während eines Eingriffs blendet das OP-Team dann millimetergenaue Markierungen über dem Operationsfeld ein und kennzeichnet mit dieser Neuronavigation, wo die Schnittlinien verlaufen sollen. Zusätzlich haben wir in Erlangen den Vorteil, dass wir MRT- und Ultraschallaufnahmen unmittelbar während eines Eingriffs erstellen können. Wir erfahren also in Echtzeit, ob es noch Tumorreste gibt, die wir entfernen müssen. Mittels Neuromonitoring überwacht das OP-Team wichtige Nervenfunktionen. Es gibt beispielsweise einen Sauger, mit dem wir den zerkleinerten Tumor herausholen. Das Gerät warnt uns per Audiosignal davor, weiter ins Gewebe vorzudringen, wenn direkt daneben ein Funktionsareal liegt. So schützen wir den Patienten vor Funktionseinschränkungen - etwa vor einem Sprachverlust oder einer Halbseitenlähmung.
5-ALA-Fluoreszenz-Mikroskopie: Eine Methode, die der neue Klinikdirektor in Erlangen eingeführt hat, ist die 5-ALA-Fluoreszenz-Mikroskopie. Ein vor dem Eingriff getrunkenes Medikament reichert sich dabei in Krebszellen an und lässt sie unter dem OP-Mikroskop rot-violett leuchten. So sind sie besser sichtbar und von gesundem Gewebe gut zu unterscheiden.
Strahlentherapie und Chemotherapie: Bei Oligodendrogliomen des WHO-Grades II sind Strahlentherapie und Chemotherapie gleich wirksam, werden aber meist erst eingesetzt, wenn der Tumor nach der Operation weiterwächst. Bei anaplastischen Oligodendrogliomen des WHO-Grades III erfolgt nach der Operation eine Chemotherapie (mit PCV oder Temozolomid) oder eine Strahlentherapie.
Unterstützende Maßnahmen: Die Behandlung wird durch unterstützende Maßnahmen wie Antiepileptika bei Krampfanfällen und psychologische Betreuung ergänzt.
Prognose
Oligodendrogliome haben im Vergleich zu anderen Gliomen eine generell günstigere Prognose. Patienten, deren Tumoren die typischen genetischen Veränderungen (IDH-Mutation und 1p/19q-Kodeletion) aufweisen, haben eine noch bessere Prognose, da sie besser auf Strahlentherapie und Chemotherapie ansprechen. Oligodendrogliome sind infiltrative Tumore, die aufgrund ihres hohen Rezidivrisikos allgemein als unheilbar gelten. Verbliebene Tumorreste bleiben oft jahrelang stabil ohne Wachstumstendenz. Eine Malignisierung ist seltener. Rezidive treten später auf.
Leben mit einem Oligodendrogliom
Die Diagnose eines Hirntumors kann eine große Belastung für die Betroffenen und ihre Angehörigen darstellen. Es ist wichtig, sich umfassend zu informieren und professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Neuroonkologische Zentren bieten eine interdisziplinäre Betreuung und entwickeln individuelle Behandlungspläne.
Nachsorge und Rehabilitation
Für eine Patientin oder einen Patienten mit Hirntumor stehen auch nach Abschluss der Krebstherapie und der medizinischen Rehabilitation weiterhin regelmäßige Untersuchungstermine an. Diese fortlaufende Betreuung wird als Nachsorge oder Verlaufskontrolle bezeichnet. Treten zwischen den Terminen Beschwerden auf, sollte man auf jeden Fall schon früher zum Arzt gehen.
Ziele der Nachsorgeuntersuchungen und Verlaufskontrollen:
- Regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen helfen dabei, einen Rückfall der Krebserkrankung (Rezidiv) frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
- Die Untersuchungen dienen auch zur Tumorkontrolle - sowohl bei Betroffenen ohne als auch mit vorhandenem Resttumor: Wächst der Tumor wieder, müssen Betroffene und die behandelnden Ärzte über eine erneute Krebstherapie entscheiden. Das hängt unter anderem davon ab, wie schnell ein Tumor wächst, wie groß er ist und welche Symptome er macht.
- Beschwerden durch den Hirntumor oder aufgrund der Therapie können frühzeitig erkannt und behandelt werden. Das kann die Lebensqualität einer Patientin oder eines Patienten verbessern und sie bestmöglich erhalten.
- Betroffene können bei einem Nachsorgetermin auch seelische und soziale Probleme ansprechen. Die behandelnden Ärzte vermitteln bei Bedarf Fachleute für eine psychosoziale und psychoonkologische Unterstützung.
So läuft eine Nachsorgeuntersuchung ab: Zunächst fragt die behandelnde Ärztin oder der Arzt nach vorhandenen Beschwerden. Im Anschluss folgt eine körperliche Untersuchung. Dabei prüfen Ärzte unter anderem die Muskelreflexe, die Muskelkraft und die Koordination. Patienten müssen dabei zum Beispiel die Stirn runzeln oder bekommen Licht in ihre Augen geleuchtet. Zur Nachsorge gehören für eine Patientin oder einen Patienten auch regelmäßige Untersuchungen mit der Magnetresonanztomographie (MRT).
Unterstützung und Beratung
- Deutsche Hirntumorhilfe: Eine von Forschenden, Ärzten und Betroffenen gegründete Organisation. Dort erhalten Sie viele Informationen und Selbsthilfeangebote: im Internet, am Telefon und vor Ort.
- Neuroonkologisches Zentrum: An einem Neuroonkologischen Zentrum wie dem Uniklinikum Erlangen gibt es ein interdisziplinäres Team mit viel Erfahrung, das im Tumorboard die beste Entscheidung im Sinne einer Patientin bzw. eines Patienten trifft.
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